{"id":6709,"date":"2017-06-20T14:25:11","date_gmt":"2017-06-20T14:25:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6709"},"modified":"2017-07-09T12:07:44","modified_gmt":"2017-07-09T12:07:44","slug":"requiem-fuer-eine-buchhandlung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6709","title":{"rendered":"Requiem f\u00fcr eine Buchhandlung"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6709&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6709&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Malota &#8211; Stern\u2019s Nachfolger seit 1906<\/em><\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe ist die \u00e4lteste Verbindungslinie aus der Stadt hinaus in den S\u00fcden. Und zwar immer schon. Zumindest seit den R\u00f6mern. Ihre Verl\u00e4ngerung, die Triester Stra\u00dfe, f\u00fchrt auf direktestem Weg ans Meer, eben nach Triest und Venedig, einstmals \u00f6sterreichisch. Sie hat derzeit 3 Kirchen, 4 Apotheken, 9 Hotels und Pensionen, 4 Tiefgaragen, 3 Spar-M\u00e4rkte, einen Drums-Bioladen, 8 Drogerie-M\u00e4rkte, 3 Eissalons, 3 \u00c4nderungsschneidereien, 2 Schuhmacher, 7 Friseurl\u00e4den, 2 Nagelstudios, einen Libro, 5 Blumenhandlungen und 3 Tankstellen, nicht gez\u00e4hlt sind die Gesch\u00e4fte, Arztpraxen und Cafes.<br \/>\nDas Wortner ist als einziges Kaffeehaus \u00fcbriggeblieben.<br \/>\nEin echtes, altes Wiener Beisl kann man hier nicht mehr finden; einige aufgeh\u00fcbschte Kopien, wie die Wiener Wirtschaft, die Steirer Stuben oder Rudis Beisl versuchen etwas vom alten Flair zu retten, aber Asien ist eindeutig im Vormarsch. K\u00fcrzlich \u00f6ffneten gleichzeitig und nebeneinander eine Konditorei f\u00fcr Allergiker und ein Restaurant f\u00fcr Veganer. Gut besucht, also, wir liegen im Trend.<\/p>\n<p>Das alles ist noch nichts Besonderes, aber meine Stra\u00dfe hat ein Alleinstellungsmerkmal: Sie ist ges\u00e4umt von der l\u00e4ngsten Lindenallee der Stadt. Und die wird man nicht so leicht ausrotten k\u00f6nnen, hoffe ich, auch wenn die Autofahrer tagt\u00e4glich daran arbeiten. Die Kastanien im Prater m\u00f6gen ber\u00fchmter sein und pr\u00e4chtiger bl\u00fchen, sich spektakul\u00e4r rote, wei\u00dfe und rosa Kerzen aufsetzen, aber leider, Leute, sie riechen nicht! Sie sind nur ein Augenwunder und daher doch ein bisserl was von falsch. Drei Wochen von Ende Mai an \u2013 je nach Wetter \u2013 leben die Wiedner an ihrer Hauptstra\u00dfe in einer s\u00fc\u00dfen, bet\u00f6renden Duftwolke, die sich in dieser viel zu kurzen Zeit sogar gegen den Autoverkehrsdampf durchsetzt. Sogar zu mir in den Hof dringt sie herein und f\u00fcllt die Zimmer. Das macht ihnen keine Hauptstra\u00dfe nach, au\u00dfer vielleicht die in Dr\u00f6sing im Weinviertel. Aber das ist etwas anderes. Das Dorf ist so klein, dass man sogar die Rosen in den G\u00e4rten riechen kann.<\/p>\n<p>Wegen der N\u00e4he zum Ring haben sich in der Wiedner Vorstadt besonders viele K\u00fcnstler niedergelassen, derer auf vielen Tafeln mit Goldbuchstaben gedacht wird. Das Gluck-Haus, das von Dvorak und Sibelius und vieler anderer weniger Bekannten. Vergessenen, Enteigneten, Arisierten, Ermordeten. Tina Walzer und Stefan Templ f\u00fchren in ihrem Buch \u201eUnser Wien &#8211; Arisierung auf \u00d6sterreichisch\u201c viele Adressen dieser Verbrechen in Wieden auf. Die Familien Gr\u00fcnbaum, Steiner, Spitzer, Rieger, Heger, K\u00fcnstler, \u00c4rzte, Architekten, alle Kunstsammler und F\u00f6rderer. Soweit ich wei\u00df, wurde nicht ein einziges Haus, keine einzige Kunstsammlung restituiert. Die gr\u00f6\u00dfte von Fritz und Lilly Gr\u00fcnbaum, 800 Werke, unter ihnen 150 Schiele-Bilder, sind im Leopold-Museum als Staatsbesitz jetzt unser aller Besitz. Fritz wurde in Dachau ermordet, Lilly, eine Nichte von Theodor Herzl, in Maly Trostinec zusammen mit ihrer Freundin Karoline Klauber, die sie ein Jahr lang in Wien versteckt hatte.<\/p>\n<p>Die Wiehau hat vieles, aber keine einzige Buchhandlung mehr. Vor f\u00fcnf Jahren schloss der Reichmann und wurde zu einer Apotheke. Gut, kann man sagen, Medikamente und medizinische Hilfe braucht jeder. Die Apotheke ist jetzt einer von den vielen modernen, gesichtslosen Gesundheitstempeln, wo einem die Pharmakonzerne das Geld aus der Tasche ziehen. Die Reichmann\u2019sche Buchhandlung z\u00e4hlte wahrscheinlich zu den sch\u00f6nsten der Welt. Sie war gro\u00df und dunkel wie Hoggart\u2019s Castle, die B\u00fccher standen nicht auf Regalbrettern, sondern in sechs Meter hohen Holzschr\u00e4nken, wahrscheinlich aus Eiche, \u00fcber die Jahrzehnte bis ins Schwarze gedunkelt. Die B\u00fccherreihen wirkten nicht einfach aufgestellt und eingereiht, sondern wie ein Schatz, geborgen in ihren Geh\u00e4usen. Die reichen geschnitzten und gedrechselten Verzierungen an den Vorderseiten zeugten von der Ehrfurcht und der Liebe zu den B\u00fcchern als Pretiosen.<br \/>\nHerr Reichmann und seine Angestellten erklommen auf Holzleitern schwindelnde H\u00f6hen, um ein Buch zu suchen, oder sie verschwanden in unermesslichen Hinterr\u00e4umen, sie wussten es immer genau und zielsicher zu finden. Hatten sie alle diese B\u00fccher gelesen und dann in den Schr\u00e4nken unvergesslich verstaut? Sie wussten auch immer \u00fcber alles Bescheid, Neuigkeiten und Wiederentdeckungen, Rarit\u00e4ten und Sensationen, gute Tipps und anregende Gespr\u00e4che. Allein schon deshalb musste man diesen Ort und seine Bewohner lieben. Nicht nur der letzte Herr Reichmann, sondern auch seine jungen Adepten sahen aus, als w\u00fcrden sie dort wohnen und im D\u00e4mmerlicht ihren B\u00fcchern entsteigen: gr\u00e4ulich und blass im Gesicht. Das kann aber eine Sinnest\u00e4uschung gewesen sein, denn das helle Tageslicht drang nie in diese R\u00e4ume. In den letzten Tagen vor der Schlie\u00dfung erz\u00e4hlte mir Herr Reichmann, dass die Schr\u00e4nke gerettet wurden, verkauft an einen Schlossbesitzer. Zumindest wurden sie nicht vernichtet, vielleicht zieren sie schon irgendwo ein Ritterrestaurant.<\/p>\n<p>Zwei H\u00e4user weiter, wo 108 Jahre die Stern\u2019sche Buchhandlung &amp; Nachfolger zu Hause war, hat vor Kurzem ein \u201eHannibal\u201c aufgemacht. Hannibal, fragen Sie, wer ist das? Der mit den Elefanten \u00fcber die Alpen? Ich wusste es auch nicht, bis mir als einer Anrainerin ein Er\u00f6ffnungsgutschein ins Haus flatterte, zehn Euro Rabatt, wenn ich f\u00fcnfzig Euro ausgebe. Eine Kette f\u00fcr Interior-Design. Anstatt B\u00fccher nun also Kerzen, Servietten, Kissen und Teetassen. Der Besucherandrang ist so gro\u00df, dass es fast kein Durchkommen gibt. Diese Menschenmassen h\u00e4tte ich dem letzten P\u00e4chter der Buchhandlung, Herrn Martin Greiner, gew\u00fcnscht. Er musste sich dem Druck von Thalia, Amazon, Kindle und Konsorten beugen.<\/p>\n<p>Seit fast 44 Jahren wohne ich in diesem Bezirk, auf der Wieden, und der Malota geh\u00f6rte zum Leben so selbstverst\u00e4ndlich dazu wie die gegen\u00fcberliegende Paulaner Kirche mit ihren weithin hallenden Glocken oder der Habig \u2013 Hof auf Nummer 15-17. Den ber\u00fchmten Herrenausstatter darin gibt es schon lange nicht mehr. Er bleibt verewigt in der ersten Szene des Romans \u201eRadetzkymarsch\u201c von Joseph Roth, wo der alte Trotta seinen Sohn, den frisch gebackenen Leutnant, standesgem\u00e4\u00df einkleiden l\u00e4sst. In diesem Milieu ging man selbstverst\u00e4ndlich zum Habig auf der Wieden, wie schon der Vater und der Gro\u00dfvater, der Held von Solferino. Das ehemalige Gesch\u00e4ftslokal, eine reich ausgestattete tempelartige S\u00e4ulenhalle mit Goldstuck an der Decke und Wandmalereien bis zum Marmorboden, ist zum Gl\u00fcck erhalten geblieben, leidet aber an st\u00e4ndig wechselnden Benutzern, derzeit eine Computer-Firma. Der Vorteil, sie hat die historischen Fenster ausgetauscht gegen eine gro\u00dfe, transparente Glasfront. Architektonisch ein Verbrechen, aber die Passanten bekommen erstmals Einblicke in die Tiefen des Habig-Hofes. Ein paar H\u00e4user weiter das ehemalige Paulaner-Kloster mit drei H\u00f6fen an der Ecke Floragasse, es ist schon lange ein Wohnhaus, so wie ich gleich nebenan im ehemaligen Ursulinenkloster wohne.<\/p>\n<p>Ich habe mich in vier Jahrzehnten bem\u00fcht, ALLE B\u00fccher beim Malota oder beim Reichmann zu kaufen, dort zu bestellen, wenn etwas nicht lagernd war, auch wenn es die B\u00fccher in der Innenstadt sicher gegeben h\u00e4tte, nie zu einer Gro\u00dfkette zu gehen und absolut NIE zu einem Internet-Riesen, ich schw\u00f6re das unter Eid! Trotzdem konnte ich die beiden Buchhandlungen nicht retten. Jedes Mal, wenn ich mich vor dem Hannibal durch die Menschentrauben am Gehsteig k\u00e4mpfe, \u00fcberlege ich, ob ich daran schuld bin, dass es keine Buchhandlung auf der Wiehau mehr gibt. Was ist daran so schlimm? Die Fleischhauer in Wieden sind schon viel fr\u00fcher ausgestorben.<\/p>\n<p>Ich habe mein Gewissen erforscht und festgestellt: Es w\u00e4re \u00fcber meine M\u00f6glichkeiten gegangen, allein den Malota zu retten, so viele B\u00fccher h\u00e4tte ich nicht kaufen k\u00f6nnen, ich h\u00e4tte die ganze Buchhandlung kaufen m\u00fcssen. Mein letzter Versuch, etwas gegen das B\u00fcchersterben zu tun, bestand darin, meinen literarischen Salon aus meinem Wohnzimmer in das Hinterzimmer der Buchhandlung zu verlegen. Vier Autorenlesungen habe ich veranstaltet, die letzte am 9. April 2014 mit meinem eigenen Buch. Ich brachte bis zu drei\u00dfig Besucher in die Buchhandlung, die gerne einem lebenden Schriftsteller zuh\u00f6rten, mit ihm diskutierten und einen Blick in seine Werkstatt warfen. Auch das von mir nachher servierte Buffet war recht beliebt, und der Chef musste uns regelm\u00e4\u00dfig vor die T\u00fcr jagen. Der Malota war ein eher unauff\u00e4lliges Lokal, n\u00fcchterne, etwas angestaubte Eleganz, es barg aber ein paar Geheimnisse. Wenn man den Verkaufsraum mit einfachen B\u00fccherregalen und Schautischen durchquerte, \u00f6ffnete sich nach einem engen Korridor ein gro\u00dfer Saal, ausgestattet mit Mobiliar, das sich in jedem englischen Herrenclub gut ausgemacht h\u00e4tte. Ausladende Fauteuils, heimelige Stehlampen, Beistelltischchen f\u00fcr Pfeifen und Whiskeyglas, in der Mitte ein gro\u00dfer, massiver Tisch mit antiquarischen Prachtausgaben und Kunstb\u00e4nden. Besser einladen zum Bleiben und Schm\u00f6kern kann man nicht, das hat der letzte Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Martin Greiner gut erkannt.<\/p>\n<p>Da ich offenbar bei ihm nicht schlecht angeschrieben war, \u00f6ffnete er mir in einem hinteren Winkel ein T\u00fcrchen und f\u00fchrte mich in den Keller, das B\u00fccherlager. \u00dcber eine enge Wendeltreppe gelangte man in ein Labyrinth von G\u00e4ngen und R\u00e4umen, die S\u00e4le hatten Tonnengew\u00f6lbe aus Ziegel, die aussahen, als h\u00e4tten sich hier die Wiedner schon zur Zeit der T\u00fcrkenbelagerung zur\u00fcckgezogen. Kann aber nicht sein, denn das Haus war nachweislich erst in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts erbaut worden, wusste der Kunsthistoriker Greiner. Schade, denn die Vorstellung, dass sich die Wiener hier an den B\u00fcchern vergn\u00fcgt h\u00e4tten, w\u00e4hrend drau\u00dfen die Armeen von Jan Sobieski und des Gro\u00dfwesirs Kara Mustafa Pascha aufeinanderprallten, ist allzu verf\u00fchrerisch. Verteidiger der Stadt war Graf Ernst R\u00fcdiger von Starhemberg, der nicht weit von dort seinen Gassennamen hat.<br \/>\nDer \u201egoldene Apfel\u201c, wie die Osmanen Wien nannten, war zum Greifen nahe, bis die Wiener Unterst\u00fctzung aus Polen, Venedig und dem Kirchenstaat bekamen. Als die Belagerten nach zwei Monaten am 21. September 1683 aus ihren Kellern wieder nach oben kamen, hatte das osmanische Heer schon Rei\u00dfaus genommen und wurde von Sobieskis Truppen bis nach Belgrad verfolgt. Und alles hatten die Wiedner mit Hilfe der B\u00fccher gut \u00fcberstanden. Der Historiker hat einen n\u00fcchterneren Blick und zeigt mir die Ziegel im Tonnengew\u00f6lbe, die eindeutig die Jahreszahl 1898 und den Doppeladler der Wienerberger Kaiserziegel tragen. Ob der \u201eHannibal\u201c dieses Refugium benutzt und wie, konnte ich bis heute nicht herausfinden.<\/p>\n<p>Irgendetwas h\u00e4lt mich davon ab, einzutreten und dort Teelichter statt B\u00fccher zu kaufen.<br \/>\nJetzt am Ende gebe ich freiwillig zu, dass ich etwas geschummelt habe. Es gibt doch noch zwei Buchhandlungen, eine versteckt hinter der Eule an der Technik und eine Reise- Buchhandlung, in denen ich noch nie war und die ich wahrscheinlich auch nie betreten werde, so unbuchh\u00e4ndlerisch uneinladend wirken sie. In etwa so einem Abstand wie das Espresso Hawaii in Simmering entfernt ist von einem Ringstra\u00dfencafe.<br \/>\nNach dem Verlust von Reichmann und Malota bin ich tr\u00e4nenden Auges um eine Ecke weiter gezogen zur Buchhandlung Anna Jeller auf der Margarethenstra\u00dfe und wurde getr\u00f6stet.<br \/>\nBei allem Schmerz \u2013 hier habe ich wieder eine Buchheimat gefunden.<\/p>\n<p>8.6.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 17133<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Malota &#8211; Stern\u2019s Nachfolger seit 1906 Die Stra\u00dfe ist die \u00e4lteste Verbindungslinie aus der Stadt hinaus in den S\u00fcden. 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