{"id":6681,"date":"2017-06-28T18:14:12","date_gmt":"2017-06-28T18:14:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6681"},"modified":"2017-07-02T07:17:58","modified_gmt":"2017-07-02T07:17:58","slug":"der-raub-der-sappho","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6681","title":{"rendered":"Der Raub der Sappho"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6681&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6681&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Trauerspiel in vier Aufz\u00fcgen<\/em><\/p>\n<p>1.<br \/>\nWann kann das gewesen sein? Wie alt war ich damals, als ich diese Trag\u00f6die erlebte? Erlitt, und ich leide bis heute daran.<br \/>\nIm Josefst\u00e4dter Theater war es, da bin ich mir sicher, und dass ich ein Kleid anhatte, das mir meine Schwester Agnes aus Amerika geschickt hatte. Nat\u00fcrlich kein Care-Paket aus dem Marschall-Plan \u00a0mehr, das war fr\u00fcher. Und da waren keine Kinderkleider dabei, sondern Konserven, Milch- und Kakaopulver, Lebertran, Bl\u00f6cke von K\u00e4se und Schokolade. F\u00fcr uns sieben hungrige M\u00e4uler immer Weihnachten, Ostern und Geburtstag gemeinsam. Der lila Samt war dem roten der Br\u00fcstung auf dem 2. Rang \u00e4hnlich, sie rieben sich famili\u00e4r aneinander. Oben am Hals ein wei\u00dfer, runder Spitzenkragen. Nicht gro\u00df, nicht ausladend, in zwei Fl\u00fcgel geteilt wie bei den Tauben.<br \/>\nSie war Austauschsch\u00fclerin von AFS \u2013 das Traumsigel meiner Jugend \u2013 American Field Service, lebte bei einer amerikanischen Familie in Fort-Worth-Texas und besuchte die letzte Klasse einer High School.<br \/>\nSie kam aus der 6. Klasse unseres Gymnasiums in die letzte der High School, also war ich bei dem konstanten Altersunterschied von f\u00fcnf Jahren zwischen elf und zw\u00f6lf Jahre. Sagen wir zw\u00f6lf, damals im Josefst\u00e4dter Theater. Die zwei unterschiedlichen Samte stie\u00dfen gegeneinander wie die anschwellenden Br\u00fcste, an der Br\u00fcstung.<\/p>\n<p>Sappho hatten wir an der Schule noch nicht durchgenommen. Aber ich zeigte von klein auf eine Begeisterung f\u00fcr das Theater. Ob das der Dramatik meiner Geburt geschuldet ist, der DNA oder dem Aufwachsen zwischen sechs Geschwistern, dar\u00fcber streitet bis heute die Familienwissenschaft. Anzunehmen, eine Kombination. Jedenfalls lie\u00dfen mich meine Eltern schon fr\u00fch allein nach Wien fahren. Tulln \u2013 Franz-Josefs-Bahn \u2013 mit dem 5-er in die Josefstadt und wieder zur\u00fcck. Auch der D-Wagen war g\u00fcnstig, um ins Burgtheater und zu den Konzerts\u00e4len zu kommen. Sp\u00e4ter organisierte der Musiklehrer F\u00f6rstl Autobusfahrten in die Konzerte der Jeunesse musicale.<\/p>\n<p>2.<br \/>\nIn der Sappho sehe ich mich aber allein am 2. Rang sitzen, Mitte links mit freiem Blick auf die B\u00fchne, leicht von oben wirkte sie klein und fast immer leer. Ich glaube, ich suchte die St\u00fccke damals nach meinen Lieblingsschauspielern aus. Ihre Konzentration in der Sappho wird wahrscheinlich zu diesem Besuch gef\u00fchrt haben, weniger der Inhalt des St\u00fccks, obwohl ich ihn sicher vorher im Reclam-Heft gelesen hatte. Ich erinnere mich noch an die B\u00fchnenanweisung in II\/6: <em>Sappho ab in die H\u00f6hle<\/em>, bei der ich lachen musste.<br \/>\nMit Blumen umrankte antike Ruinen, Tempel, Klippen, eine H\u00f6hle, Laube, Rasenbank, bei allem immer der Ausblick auf ein sonniges, tiefblaues Meer. Schlie\u00dflich ist Lesbos eine Insel. Dass die Szenerie ganz offensichtlich aus Pappe, das Meer auf Stoff gemalt und die Blumen aus Plastik waren, st\u00f6rte mich nicht im Geringsten. Auch nicht die Schauspieler, gekleidet in wei\u00dfe Laken mit Faltenwurf, auf den Lockenm\u00e4hnen einen Goldreif, das Volk in Wickelsandalen, alle halten st\u00e4ndig Oliven- und Lorbeerzweige in den H\u00e4nden, mit denen sie der geliebten Dichterin zujubeln. Der einzige Farbfleck ist Sapphos wallender Purpurmantel, den sie immer wieder schwungvoll um sich wickelt oder zu Boden schleudert. Eine fr\u00fche Art von bekiffter Hippie-Kommune, wenn ich eine solche im Jahr 1960 schon gekannt h\u00e4tte. Sappho war eindeutig die Chefin dieses lesbischen M\u00e4dchenpensionats und gab mir wenig Identifikationspunkte.<\/p>\n<p>Ihr K\u00fcnstlerdrama verstand ich wahrscheinlich noch gar nicht, auch nicht die ungl\u00fccklich liebende, alternde Frau im Zwiespalt zwischen Kunst und Leben. Vielmehr war es das Liebes- und Eifersuchtsdrama in diesem Dreieck, das mich vollst\u00e4ndig hineinzog. Dass ihr die junge, unbedarfte Sklavin vorgezogen wird, hielt ich f\u00fcr die nat\u00fcrlichste Sache der Welt. Was f\u00fcr ein Paar, dieser strahlende Phaon und die sch\u00f6ne, junge Melitta.<br \/>\nUnd wie sich dieser testosteronstrotzende Wagenlenker an die Unschuld vom Land, Waise, eine Sklavin, eine Fremde, heranmacht, das hatte fast etwas von Porno. Das war mehr als Schneewittchen und Rotk\u00e4ppchen. Sicher nicht nur mein mangelndes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Sapphos Situation lie\u00df mich vollst\u00e4ndig auf die Seite der Jugend schlagen. Ja, ich fand Sappho sogar ziemlich unsympathisch, da konnte sie noch so lorbeerbekr\u00e4nzt und bejubelt sein. Was hatte sie sich da einzumischen, wenn zwei miteinander das Gl\u00fcck gefunden haben.<br \/>\nGut, sie war ihre Sklavin, und sie hat Phaon zuerst erobert und an Land gezogen, aber was galt schon das Erstlingsrecht, wenn es um reine, sch\u00f6ne Liebe ging. Sie so zu bestrafen, auf eine Insel zu verbannen. Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig und ungerecht. Ich brannte am ganzen K\u00f6rper vor Emp\u00f6rung. Der Kampf um Melitta am Meer im Hintergrund der vorletzten Szene erfasste mich so voll und ganz, dass ich fast von der Br\u00fcstung gest\u00fcrzt w\u00e4re, als ich mich in der selbstvergessenen Anspannung zu weit vorbeugte. Das war echtes Theater, echt wie das Leben selbst, zumindest so wie ich es mir mit zw\u00f6lf vorstellte und erhoffte.<\/p>\n<p>3.<br \/>\nAber dann passierte es, in der letzten Szene. Die Wirklichkeit dr\u00e4ngte sich in ihrer ordin\u00e4rsten Form machtvoll herein. Sappho sitzt auf einem Felsen, hinter ihr die steile Klippe und das Meer. Sie hat den Purpurmantel um sich gewickelt und st\u00fctzt ihren Kopf in die Hand.<\/p>\n<p><em>\u201eDen Menschen Liebe und den G\u00f6ttern Ehrfurcht!<br \/>\nGenie\u00dfet, was euch bl\u00fcht, und denket mein!<br \/>\nSo zahle ich die letzte Schuld des Lebens!<br \/>\nIhr G\u00f6tter, segnet sie und nehmt mich auf! <\/em><\/p>\n<p>Da steht sie auf und segnet das junge Paar \u2013 sie hat ihnen vergeben. Sie hat sich zum Verzicht durchgerungen. Welche Erleichterung! Aber wie um alles in der Welt, kommt die Irral drauf, sich noch an die Stirn zu schlagen, die Verzweiflung hat sie doch \u00fcberwunden, sie ist gel\u00e4utert und hat eine L\u00f6sung f\u00fcr sich gefunden.<br \/>\nDieser Schlag mit der inneren Handfl\u00e4che auf die Stirn war so entsetzlich banal wie ein Klatschen auf den nackten Popo, nichts Tragisches, nur eine Ohrfeige, ein Klaps, ein schmatzender Knall. Er hallte fort und fort, und das Publikum verstand alles im selben Augenblick, indem es herzlich zu lachen anfing. Es pflanzte sich in Wellen fort durch den ganzen Raum, von unten nach oben und wieder zur\u00fcck. Dacapo, rief es, Wiederholung, bravo! Als w\u00e4ren wir bei den Pradler Ritterspielen.<br \/>\nDie Irral bewahrte zwar Haltung und folgte nicht dem Wunsch des Publikums, sondern kippte lautlos nach hinten ins Blaue, st\u00fcrzte nicht, sondern verschwand einfach wie eine Kasperlfigur.<\/p>\n<p>Der Zauber war gebrochen, zur\u00fcck blieben verstaubte Pappmach\u00e9-Kulissen, das aufgemalte Meer, der Plastik-Lorbeer und ein paar Menschen in Leint\u00fcchern. Die L\u00e4cherlichkeit war fast unertr\u00e4glich, ich sp\u00fcrte den Schmerz wie Herzstechen. Mir war schlecht, es w\u00fcrgte mich in der Kehle, ganz hei\u00df vor Scham und Wut.<br \/>\nVielleicht war ich die Einzige, die nicht lachte. Ich weinte, weil diese Sappho mir das Theater zerst\u00f6rt hatte, geraubt, mutwillig, wie mir schien. Sie h\u00e4tte sich doch einfach, so wie es in der Regieanweisung stand \u2026 <em>St\u00fcrzt sich vom Felsen ins Meer <\/em>\u2026 Das war aber kein Sturz gewesen, nicht einmal ein Fall! Man h\u00f6rte nichts, kein St\u00fcrzen, kein Fallen, kein Poltern oder Aufprallen auf dem Wasser, nur dieser nackte Stirnklatscher wollte nicht aufh\u00f6ren. Bis heute nicht. Nichts als Spott und Hohn war da drin, ein gro\u00dfes \u00c4tsch, eine lange Nase. Es war zum Verzweifeln. Eben ein Trauerspiel.<\/p>\n<p>4.<br \/>\nF\u00fcr Grillparzer begann nach der Urauff\u00fchrung am 21. April 1818 eine Trag\u00f6die, wie er in seiner Selbstbiographie schreibt. Auf dem Theaterzettel stand nicht einmal sein Name, eine geplante Widmungsschrift an den Burgtheaterdirektor Schreyvogel wurde gestrichen. Beim Publikum kam die Sappho gut an, vor allem wegen des recht attraktiven first couple Korn als Phaon und Melitta. Die Presse aber goss Hohn und Spott \u00fcber dem Autor aus. Ein Mord mit H\u00e4me auf offener B\u00fchne. Wie oft waren die Zuschauer reifer als die Schreiber. Hier begann Grillparzers Entschluss zu reifen, weiter schreiben zu wollen, aber nichts mehr zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Auch die anderen Schauspieler spielen tapfer ihre Rollen weiter, Phaon und Melitta rufen noch <em>Oh Sappho! Halt! Hilfe! Rettung! Tot! Weh mir!<\/em><br \/>\nNur der treue Sklave Rhamnes kriegt noch einen ganzen Vers voll un\u00fcbertrefflichem Zynismus \u00fcber die Lippen:<\/p>\n<p><em>Verwelkt der Lorbeer und das Saitenspiel verklungen!<br \/>\nEs war auf Erden ihre Heimat nicht &#8211;<br \/>\nSie ist zur\u00fcck gekehret zu den Ihren!<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Ringt die H\u00e4nde.<br \/>\nDer Vorhang f\u00e4llt.<br \/>\nEnde.<\/p>\n<p>Das war eine Initiation. Seither sp\u00fcre ich in jedem Theater jene Angst, entzaubert zu werden und ganz bl\u00f6d dazustehen, wenn ich mich wieder verf\u00fchren habe lassen.<\/p>\n<p>31. Mai 17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2563\">kunst amoi schau&#8217;n<\/a> | Inventarnummer: 17131<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trauerspiel in vier Aufz\u00fcgen 1. Wann kann das gewesen sein? Wie alt war ich damals, als ich diese Trag\u00f6die erlebte? Erlitt, und ich leide bis heute daran. Im Josefst\u00e4dter Theater war es, da bin ich mir sicher, und dass ich ein Kleid anhatte, das mir meine Schwester Agnes aus Amerika geschickt hatte. 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