{"id":6658,"date":"2017-06-13T11:56:50","date_gmt":"2017-06-13T11:56:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6658"},"modified":"2017-06-17T16:09:09","modified_gmt":"2017-06-17T16:09:09","slug":"mit-klarem-blick-und-spitzer-feder-jane-austen-1775-1817-zum-200-todestag-am-18-juli","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6658","title":{"rendered":"Mit klarem Blick und spitzer Feder. Jane Austen (1775-1817) zum 200. Todestag am 18. Juli"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6658&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6658&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Obschon man nur sehr wenig \u00fcber Jane Austen wei\u00df, meint man sie gut zu kennen.<\/p>\n<p>Es gibt zahlreiche Informationsm\u00f6glichkeiten \u00fcber sie, darunter neuere B\u00fccher, die angestrengt versuchen, alles ann\u00e4hernd sicher Qualifizierbare und nur irgendwie Erhaschbare aufzuf\u00fchren: Weil streng nachvollziehbare Unterlagen und Abbildungen fast vollst\u00e4ndig fehlen, behilft man sich mit ihrer h\u00e4uslichen Umgebung, den Kenntnissen des Englands im fr\u00fchen 19. Jahrhundert und namentlich mit dessen Sozialstruktur. Denn diese spielt zweifellos zum Verst\u00e4ndnis eine enorme Rolle. Erschwerend kommt hinzu, dass \u00abEnglands Lieblingsautorin\u00bb (NZZ 1.4.2017) bereits kurz nach ihrem Ableben von der Familie vereinnahmt wurde, beginnend mit den Erinnerungen ihres Bruders Thomas und einer zunehmenden Mystifizierung \u00abder lieben Tante Jane\u00bb.<\/p>\n<p>Und es gibt jede Menge von Verfilmungen, 1938 beginnend und nicht endend bis in die letzte Zeit, namentlich 14 Mal ihres bekanntesten Romans (<em>Stolz und Vorurteil<\/em>), gleich in mehreren Varianten: als moderne Version mit der M\u00f6glichkeit, dank einer Schiebt\u00fcr zwischen dem heutigen London und der buchst\u00e4blich vergangenen Welt zu wechseln, oder umgekehrt ganz als Eintauchen in die Atmosph\u00e4re von 1810 auf dem englischen Land.<br \/>\nDie Bildsprache unterst\u00fctzt, nimmt man sich die Geschichte anschlie\u00dfend (noch einmal) vor, den Eindruck, Jane Austen schreibe \u00abHistorische Romane\u00bb, die aus viel Angelesenem und Studiertem einen m\u00f6glichst spannenden, m\u00f6glichst echt wirkenden Plot generiert. Das ist heute h\u00f6chst modern, gab es aber ausgerechnet bereits in ihrer Epoche: Zeit seines \u2013 und ihres! \u2013 Lebens ber\u00fchmt etwa der Autor Walter Scott, der das neue Genre zu einem einflussreichen literarischen Zweig entwickelte \u2026 und der gleichwohl Jane Austens literarische Sicht der Welt sehr bewunderte.<\/p>\n<p>Der Eindruck eines gleichsam heraufgef\u00f6rderten Inhalts tr\u00fcgt nat\u00fcrlich, noch dazu in allerh\u00f6chstem Ma\u00df: Jane Austen ist schlichtweg authentisch, nein, mehr als das: absolut echt. Sie springt zwar auf den Zug des au\u00dferordentlich popul\u00e4ren Sittenromans auf, krempelt ihn jedoch geh\u00f6rig um. Trotz der nach wie vor beibehaltenen Position der auktorialen Erz\u00e4hlerin identifiziert sie sich mit einer weiblichen Hauptperson. Diese bestimmt damit letztlich die Perspektive, mit ihr tauchen wir als Lesende vollkommen in ihr \u00abUniversum\u00bb ein. Das hei\u00dft ebenso: Jane Austen rekonstruiert nicht, sie erkl\u00e4rt nicht. Sie schildert aus zutiefst eigener Erfahrung und sch\u00f6pft aus kontinuierlich sprudelnder Quelle.<\/p>\n<p>Praktisch alle Romanhandlungen spielen in der \u00abGentry\u00bb, jener sich selbst als eigene soziale Gruppierung verstehende Schicht aus niederem Adel und Landbesitzern, der sie selber angeh\u00f6rte. Gerade deshalb beeindruckt es, dass sie niemals berichtet. Sie erz\u00e4hlt aus dem inneren Zirkel heraus, innerhalb der (selbst in den \u00dcbersetzungen nachvollziehbaren) Grenzen eines gesellschaftlichen Habitus. Die Enge sprengt sie mit spr\u00fchender Gestaltungskraft, mit einem scharf kl\u00e4renden Blick hinter die Kulissen des Scheins ebenso wie mit der notwendigen dichterischen Freiheit, nicht zuletzt ebendarum zugleich voller Bez\u00fcge und Charakterisierungen. Das beginnt bei der Landschaft Mittelenglands mit ihren weitl\u00e4ufigen H\u00fcgeln, Forsten und Buschwerk und freien Fl\u00e4chen mit Ausblicken.<br \/>\nDas geht weiter \u00fcber die intensive Schilderung der Wohnorte, oft schlossartige Anwesen. Eine gewisse Rolle als Bezugspunkt wird der Stadt Bath verliehen (die damals einen enormen Entwicklungsschub erlebte), aber eben nicht als urbanes Gebilde, sondern rein als gesellschaftlicher Treffpunkt. Das reicht bis zur Formung des Alltags mit steten Wanderungen querfeldein (die den Geist ausl\u00fcften lassen), mit der best\u00e4ndigen Sorge um eine \u00abgute\u00bb Verheiratung (bei M\u00fcttern und T\u00f6chtern), mit dem nie aufh\u00f6renden Schreiben von Handzetteln und nat\u00fcrlich Briefen (auf deren Gebiet Jane Austen eine vielge\u00fcbte Meisterin war), mit der steten Suche nach H\u00f6hepunkten (namentlich in gesellschaftlichen Anl\u00e4ssen wie B\u00e4llen und Reisen).<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick mag solche Wiederholung etwas langatmig, vielleicht sogar langweilig wirken. Doch der Schein t\u00e4uscht: Das Gleiche ist bei Jane Austen niemals dasselbe. Somit ging ihr erstens der Stoff nie aus. In ihrer kurzen, f\u00fcr die Zeitumst\u00e4nde allerdings nicht ungew\u00f6hnlich kurzen, Lebenszeit erschienen in dichter Folge f\u00fcnf gro\u00df angelegte Romane. Zu ihnen treten zahlreiche weitere Arbeiten, die allerdings nicht den gleichen nachhaltigen Bekanntheitsgrad gewinnen konnten. Zweitens beschreibt sie in der Qualifizierung und F\u00fchrung ihrer Figuren das Wirken des \u00c4u\u00dferen in den inneren menschlichen Schichten.<br \/>\nAus dieser h\u00f6chst subtilen literarischen Leistung resultiert ein farbiges, genauer: farblich changierendes Tableau menschlicher Zust\u00e4nde, eine Psychologie (ante definitionem sozusagen) eines nur scheinbar, weil durch strenge soziale Regeln, in sich geschlossenen Personenkreises.<br \/>\nUnd, was die Feministinnen unter den Lesenden freuen wird, jeweils zutiefst aus der Sicht einer sich jedem Tag neu stellenden, stets gr\u00fcndlichen \u00dcberlegungen \u00fcber die eigenen Erfahrungen offenen jungen Frau.<\/p>\n<p>Diese Ausgangslage er\u00f6ffnet die Chance zum ehrlichen Reflektieren all der gro\u00dfen und der kleinen Dinge des Alltags (<em>Allow me to feel no more than I profess<\/em>), weckt ein sensibel-einf\u00fchlsames Verhalten und gibt Anlass zu ironisch-geistvoller Kommentierung. Dazu zwei Beispiele: In \u00abStolz und Vorurteil\u00bb erreicht nach einigen Wirren die Heldin Elizabeth ausgerechnet durch ihre bis zur Kompromisslosigkeit reichende Verwurzelung im eigenen Selbst eine kaum f\u00fcr m\u00f6glich erachtete soziale Karriere. In Jane Austens letztem, dreib\u00e4ndigen Werk schildert sie schlie\u00dflich mit \u00abEmma\u00bb (Woodhouse) eine bis zur Verweigerung der Heirat bestrickend selbst\u00e4ndige Pers\u00f6nlichkeit und beginnt, zu neuen Ufern aufzubrechen. Sie war sich dessen voll bewusst, wenn sie schrieb<em>: <\/em><em>Ich werde eine Heldin schaffen, die keiner au\u00dfer mir besonders m\u00f6gen wird<\/em>. Die andere Seite ist das Zur\u00fccktreten hinter ihre Werke; sie publiziert anonym \u00abby a lady\u00bb, wird jedoch trotzdem zunehmend als Autorin bekannt \u2013 und \u00f6ffnet damit eine Gasse, etwa f\u00fcr die Bront\u00eb-Schwestern der nachfolgenden Schriftstellerinnengeneration.<\/p>\n<p>Man meint sie gut zu kennen: Aber man lese! Man lese nicht zwingend die kaum noch \u00fcberblickbare Sekund\u00e4rliteratur \u00fcber sie, sondern vielmehr und unbedingt \u2013 mit stets wartenden Neuentdeckungen \u2013 ihre eigenen Werke.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Stankowski<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.stankowski.info\" target=\"_blank\">www.stankowski.info<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 17130<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obschon man nur sehr wenig \u00fcber Jane Austen wei\u00df, meint man sie gut zu kennen. 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