{"id":6572,"date":"2017-05-23T07:43:44","date_gmt":"2017-05-23T07:43:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6572"},"modified":"2017-05-26T07:02:43","modified_gmt":"2017-05-26T07:02:43","slug":"xx-11","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6572","title":{"rendered":"Rezension &#8211; Dorothea N\u00fcrnberg, Unter Wasser"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6572&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6572&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Eine Rezension von Martin Stankowski<\/em><\/p>\n<p>Dorothea N\u00fcrnberg<br \/>\nUnter Wasser, Roman, <em>Wien Ibera 2015, 259 Seiten<br \/>\nISBN 978-3-85052-346-2<\/em><\/p>\n<p>Es war eines der Paradebeispiele f\u00fcr gro\u00dffl\u00e4chige Umweltzerst\u00f6rungen mit weltweiten Auswirkungen: der Bau des Staudamms Belo Monte am Rio Xing\u00fa im Amazonien Brasiliens[1]. Gegen ihn schreibt \u2013 literarisch \u2013 Dorothea N\u00fcrnberg an. Und auf ihn bezieht sich der Titel, sowie, nicht sogleich evident, auf das Ph\u00e4nomen starken Regens, Sintflut und Regeneration zugleich. Neben der Stadt Altamira als Dreh- und Angelpunkt des Projekts r\u00fcckt noch Mexiko-Stadt, Hauptort der iberischen Eroberung, in das Geschehen: \u00abLateinamerika\u00bb bedeutet folglich nicht nur Aktualit\u00e4t, sondern \u00fcberdies das Eintauchen in die niemals ganz verschwundene, nunmehr markant, ja fordernd wiederauftretende indigene Kultur, sei es der Indios im Regenwald, sei es der Azteken (die durch die den Kapiteln vorangestellten Denkspr\u00fcche gro\u00dfe Wirksamkeit erzielen). Aufgrund einiger Protagonisten kommen dann noch Wien und die Steiermark vor, prim\u00e4r als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr die dort beheimateten Beteiligten.<\/p>\n<p>Dadurch ergibt sich ein vielteiliges \u00abMosaik\u00bb, allerdings in gro\u00dfen Formaten, wenngleich mit feiner Binnenzeichnung. Gef\u00fchrt werden die Lesenden durch die Vornamen \u00fcber den 22 Kapiteln. Bei allen Personen geht es, stufenweise, sehr stark um Verantwortung: f\u00fcr die Fakten und die Einstellung zu ihnen, f\u00fcr die Selbstachtung und die zwischenmenschliche Ber\u00fchrung. Diese Schuldigkeit schlie\u00dft viele Verwicklungen ein: zwischen den Handelnden im unmittelbaren Austausch, als Selbstzweifel oder gar Selbstentfremdung bis zum drohenden Selbstverlust, als Zusammenbruch und Neuanfang, als Besinnung auf die eigenen Wurzeln. Das Spannende, genauer: das Eindringliche liegt in den unterschiedlichen Blickwinkeln zu den gleichen oder vergleichbaren \u00e4u\u00dferen und inneren Fragestellungen, wobei diese Perspektiven differente Zugehensweisen generieren, \u00abman\u00bb in der Antwort also ebenso annehmen wie ablehnen kann.<\/p>\n<p>Die Autorin geht wie bei einem textilen Werk nicht linear vor, indem die verschiedenen F\u00e4den zum einen sich zum Muster verdichten, zum anderen von dort aus zu weiteren Verbindungen ansetzen und mittels \u00abR\u00fcckblenden\u00bb neue Motive gewinnen. Da ist zun\u00e4chst <em>Peter<\/em> <em>Grabner<\/em> (nomen est omen), Manager eines am Damm beteiligten Unternehmens, der, den Freuden nicht abhold, sich auf einen l\u00e4ngeren Seitensprung mit der Umweltaktivistin <em>Chantal<\/em> einl\u00e4sst. Die anfangs meint, ihn dabei zu bekehren (was am Buchbeginn zu dessen bald abgebrochener Reise nach Altamira f\u00fchrt), dann aber in einer tiefen Sinnkrise in die wohltuenden H\u00e4nde einer Heilerin gelangt (und als <em>Chanatl<\/em> das den Bogen schlagende Schlusswort erh\u00e4lt).<\/p>\n<p>In dieses Geflecht eingelagert sind weitere Figuren: Ehefrau <em>Anna<\/em>, die, nach Kenntnis der Verfehlungen des Gatten, zu einem selbstbestimmten Leben zur\u00fcckfindet; <em>Paulo<\/em>, aus S\u00e3o Paulo stammender Ingenieur im Staudammcamp, der \u2013 nach dem Kontakt mit <em>Iracema<\/em>, die als indigene Vork\u00e4mpferin nach wie vor mit dem Urwald in enger innerlicher Verbindung steht \u2013 grundlegend am Projekt zu zweifeln beginnt und sogar, als unmittelbare Auswirkung, die gro\u00dfe Wassernot in der Heimatstadt miterlebt; sowie <em>Diego<\/em>, der als Fotograf die Konsequenzen zieht und die dem Untergang geweihte Welt in Bild und Ton aufnimmt.<\/p>\n<p>Mit diesen Haupttr\u00e4gern des Romans treten weitere Menschen in Kontakt: namentlich <em>Jandir<\/em>, Vater <em>Iracema<\/em>s und Schamane der <em>Kayap\u00f3<\/em>, und <em>Maria Jolanta in Mexiko, die ungeachtet bescheidener Verh\u00e4ltnisse die heilkr\u00e4ftige Verbindung zwischen indianischen und christlichen Werten herzustellen vermag. Wie bei einem Teppich bleiben aus (Leser-)Distanz die Beobachtungen nicht einfach in sich \u00abstehen\u00bb, sondern Dorothea N\u00fcrnberg verflicht darin weitere Beziehungen, wodurch etwa auch Parallelentwicklungen entstehen.<\/em><\/p>\n<p>Das Ende bleibt offen, weil nicht abgeschlossen. Dennoch: Der Staudamm wird weitergebaut, die Umsiedlung des im Fokus stehenden indigenen Stamms stattfinden, die weitfl\u00e4chige Zerst\u00f6rung der Natur fortschreiten. Immerhin gelingt (im Buch) eine umfangreiche Dokumentation in Bild und Ton, die Selbstorganisation verfolgt die Indiobev\u00f6lkerung weiter. Zum anderen legt die Auseinandersetzung mit Sachlage und Vergangenheit in den Personen menschliche Grundlagen offen, deren Entfaltung \u00ababsehbar\u00bb sind, weil der beschworene Geist weiterwirken wird \u2013 und der Titel somit an C.G. Jungs Wasser als Symbol f\u00fcr die Auseinandersetzung mit den Schatten erinnert.<\/p>\n<p>Das Buch bezeichnet sich als Roman. Es ist einer, verfolgt man die Erz\u00e4hlung von den im Handeln und in der Spiegelung der Fakten sich entwickelnden Personen. Der sprachliche Duktus geht meist von einer situativen Beschreibung aus, gewinnt da und dort sogar poetisches Niveau, insbesondere in der \u00abSymphonie\u00bb des Waldes (82 ff). Und ist es doch nicht, denn es handelt sich ebenso um einen Bericht: durch vielfache Informationen zur gravierenden Umweltproblematik, durch ethnologische Hinweise, namentlich zum Schamanismus, zu den indigenen Lebensumst\u00e4nden und der Welt der Konquistadoren. In diesen Passagen wechselt die Sprachform, in welcher inhaltliche Aspekte wie in einer Fallstudie statt in Dichte in Breite auftreten, was die H\u00e4ufigkeit von Hilfsverben erlaubt oder Detailerkl\u00e4rungen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich erweist sich das Coverfoto als \u00fcberzeugend wegweisend: Der gro\u00dfe Solit\u00e4rbaum spiegelt sich im Wasser, wobei die Pr\u00e4gnanz seiner Krone hier, im Schattenbereich, deutlicher zu Tage tritt. Das ausgezeichnete Bild vermittelt dar\u00fcber hinaus die zweifellos ebenso hohe Bef\u00e4higung der Autorin zur (Kunst-)Fotografin \u2026<\/p>\n<p>Zum Schluss noch dies: In einem zehn Jahre \u00e4lteren Roman \u00abTochter der Sonne\u00bb entwickelte die Autorin bereits dieselbe Problematik, hier als Schilderung von Reisen, die in der Auseinandersetzung mit dem Unbekannten neue Perspektiven auch f\u00fcr die abendl\u00e4ndische Welt er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\"><em>[1] <\/em><em>Er ging 2016 in Betrieb, mit einer geplanten Endbaustufe 2019.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Stankowski<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.stankowski.info\" target=\"_blank\">www.stankowski.info<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 17126<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Rezension von Martin Stankowski Dorothea N\u00fcrnberg Unter Wasser, Roman, Wien Ibera 2015, 259 Seiten ISBN 978-3-85052-346-2 Es war eines der Paradebeispiele f\u00fcr gro\u00dffl\u00e4chige Umweltzerst\u00f6rungen mit weltweiten Auswirkungen: der Bau des Staudamms Belo Monte am Rio Xing\u00fa im Amazonien Brasiliens[1]. 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