{"id":6546,"date":"2017-05-20T13:14:13","date_gmt":"2017-05-20T13:14:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6546"},"modified":"2019-11-17T10:00:25","modified_gmt":"2019-11-17T10:00:25","slug":"elazar-benyoetz-zum-80-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6546","title":{"rendered":"Elazar Benyo\u00ebtz zum 80. Geburtstag"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6546&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6546&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong>1\u00a0 <\/strong><strong><em>Erz\u00e4hlen hei\u00dft immer auf Biegen, oft auch auf Brechen.<br \/>\nMan kommt sich auf diesem Weg abhanden oder gef\u00e4hrlich nah.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich brauchen Dichter keine Denkm\u00e4ler. Niemand schreibt, um in Stein gemetzt zu erstarren. Ein Wortmetz ist der Dichter von sich aus. In seinen Werken liegt der Widerhall bereit, wenn andere sie lesen. Trotzdem werden Stra\u00dfen, Bibliotheken, Pl\u00e4tze und H\u00e4user nach Dichtern benannt, die manchmal auch mit Statuen, Halbreliefs und B\u00fcsten ausgestattet sind. Das ist unumg\u00e4nglich und erwidert den Nachruhm. Es werden Reden gehalten und Seminare veranstaltet, Festreden und W\u00fcrdigungen geschrieben. Das ist n\u00fctzlich und verst\u00e4rkt den Nachhall. Bei Elazar Benyo\u00ebtz ist es ein Vorhall.<br \/>\nIch bin Elazar Benyo\u00ebtz pers\u00f6nlich nie begegnet und seinen B\u00fcchern erst vor vier Jahren. Da kannte ich gerade zweieinhalb B\u00fccher von ihm. Sp\u00e4t, sehr sp\u00e4t, wenn ich bedenke, dass ich schon seit rund 60 Jahren lesen kann und mich immer mit B\u00fcchern und Sprachen besch\u00e4ftigt habe. Der Trost: Solange man lebt, ist es nie zu sp\u00e4t f\u00fcr das Gl\u00fcck neuer Begegnungen.<br \/>\nEiner der ersten Aphorismen von Elazar Benyo\u00ebtz, den ich las, war der am Anfang zitierte. Ich w\u00e4hlte ihn als Motto zu meinem Buch \u201eForellenschlachten\u201c, mein Buch zum Erinnern und Erz\u00e4hlen \u00fcber die jugoslawischen Zerfallskriege der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts. Wo haben sich da die Wege gekreuzt? Ein israelischer, deutsch schreibender Aphorismen-Dichter und eine \u00f6sterreichische Ex-Journalistin? Die Kreuzung liegt in einer Person, Riccarda Tourou, die lange Jahre als Lektorin mit Benyo\u00ebtz gearbeitet hat und dann durch Gl\u00fcck? Zufall? Gottesweisung? meine Lektorin wurde. Wem soll ich heute danken, wenn man an keine der drei Ursachen glaubt?<br \/>\nIch danke einfach.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<blockquote><p><em>Das Vergebliche reicht am Weitesten<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Mit dem Gl\u00fcck komme ich noch am besten zurecht. Nicht im Sinne von luck, sondern fortune, dem Geschenk, der Bereicherung. Wo das \u201eMasl\u201c dazwischen geh\u00f6rt, wei\u00df ich nicht.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong><em>In Zweifel gezogen, dehnt sich der Glaube aus<\/em><\/strong><br \/>\nAber seither geht mir die Frage nicht mehr aus dem Kopf, wie mein Leben ausgesehen h\u00e4tte, w\u00e4re ich fr\u00fcher auf Elazar Benyo\u00ebtz gesto\u00dfen? W\u00e4re ich ein anderer Mensch geworden?<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<blockquote><p><em>Den Menschen ver\u00e4ndern:<br \/>\nihn glauben machen,<br \/>\nes k\u00f6nnte ihn noch geben<\/em><strong><em><br \/>\n<\/em><\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>W\u00e4re ich ein besserer, gl\u00fccklicherer, fr\u00f6hlicherer, ernsthafterer, liebenderer und verzeihenderer Mensch geworden? H\u00e4tte er auf meine Entscheidungen Einfluss genommen?<br \/>\nKein Wissen, nur Vermutung.<br \/>\nEs ist tr\u00f6stlich, wenn eine ma\u00dfgebliche Stimme auf alle meine Fragen eine Antwort hat:<em>\u201e<\/em>Es ist eine humanisierende Kraft, die uns da vermittelt wird: Die F\u00e4higkeit, zuzuh\u00f6ren. Der eigentliche Leser seiner B\u00fccher liest und schreibt anders als zuvor, er blickt auch umsichtiger auf seine eigenen Illusionen, auf seinen Gott, auf seine F\u00e4higkeit zur Wahrheit \u2026\u201c, stellt der Braunschweiger Professor f\u00fcr Neuere deutsche Literatur, J\u00fcrgen Stenzel, fest.<br \/>\nIn dieser Aufz\u00e4hlung ist beieinander, was das Lesen von Elazar Benyo\u00ebtz bewirken kann. Und noch viel mehr, das H\u00f6chste, was einem Menschen zu Lebzeiten zuteilwerden kann: Es leuchtet das Licht der Erl\u00f6sung, nicht ihrer Vollendung, sondern das Versprechen auf eine m\u00f6gliche Befreiung. Nicht L\u00f6sungen, nichts Praktisches f\u00fcr den Alltag, sondern ein Eingest\u00e4ndnis, dass es die Aufl\u00f6sung der R\u00e4tsel nicht gibt. Sicher nicht aller meiner R\u00e4tsel. Ob Elazar Benyo\u00ebtz sie hat, kann ich nicht sagen, denn dazu habe ich seine Werke noch immer zu wenig gelesen und verstanden. Er er\u00f6ffnet Aussichten, er erfrischt, tr\u00f6stet und l\u00e4sst hoffen. Die Erfrischung ist der Sturm im Kopf, den seine Aphorismen ausl\u00f6sen \u2013 ein Sturmwind. Da nimmt jemand die deutsche Sprache unter die Lupe, zerbr\u00f6selt sie in die allerfeinsten Teilchen, spie\u00dft sie auf wie ein Schmetterlingssammler und nimmt sie beim Wort.<\/p>\n<p><strong><em>Humor \u2013<br \/>\nLeichtsinn<br \/>\nder Schwermut<\/em><\/strong><br \/>\nBei mir kommen Kindheitsbilder auf: Wie die Mutter endlos den Strudelteig geknetet, gewalkt und in die Luft geworfen hat und ihn auf seine Belastbarkeit gepr\u00fcft hat. Oder: Wie lange k\u00f6nnen wir noch in einen Luftballon blasen, bis er platzt, oder in den Milchschaum, knapp bevor er \u00fcbergeht?<br \/>\nWie weit kann man die Sprache treiben? Dieses Prickeln knapp vor dem \u00dcberdehnen, das ist seine Methode und macht seinen Humor aus. Wer diesen Humor und diesen Witz im Sinne von Weisheit einmal entdeckt hat, wird ihn \u00fcberall finden wollen und danach s\u00fcchtig werden. Es stellt sich tats\u00e4chlich ein Gef\u00fchl der Vertrautheit ein, eine Zuneigung geradezu, die allm\u00e4hlich vor und neben die Bewunderung tritt.\u00a0 <strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sich entschlie\u00dfen \u2013 sich \u00f6ffnen<\/strong><br \/>\nWer zum ersten Mal eine Aphorismen-Sammlung von Elazar Benyo\u00ebtz aufschl\u00e4gt, dem wird sofort eine Besonderheit auffallen: die Beschr\u00e4nkung auf einzelne, isolierte und \u2013 in grammatischer Hinsicht \u2013 einfache S\u00e4tze, h\u00e4ufig mit semantischer Pointierung und in witzigen, weisen, \u00fcberraschenden Kombinationen. Seit Jahren enden seine \u201eEins\u00e4tze\u201c, wie er seine Aphorismen zu nennen pflegt, ohne Satzzeichen.<\/p>\n<blockquote><p><em>Was willst du zwischen den Zeilen finden,<br \/>\nich stehe doch hinter meinem Wort,<br \/>\nkann man dir endlich folgen<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Meine Sprache macht mit mir, was ich will<br \/>\nDer Klang ist des Wortes K\u00f6rper, der Sinn sein Schatten<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>L\u00e4sst du dich gehen<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Kritik der Sprache ist ein Bei-Spiel des Gedichts<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em>\u00a0<\/em><strong>2 <\/strong><strong><em>Meine deutsche Dichtung platzt aus allen N\u00f6ten.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das Besondere, Einmalige an diesem Dichterleben: ein mit zwei Jahren aus dem Land und der Sprache Versto\u00dfener, der ohne die eigentlich vorgesehene deutsche Muttersprache aufwuchs und dem Hebr\u00e4isch zur Muttersprache wurde. Ein israelischer, zuerst hebr\u00e4isch schreibender Dichter, der als 25-J\u00e4hriger \u201ezur\u00fcck in die deutsche Sprache einwanderte\u201c, wie er selbst es nannte<strong>.<\/strong><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>In seinem Buch <em>Die Eselin Bileams und Kohelets Hund <\/em>bringt er diese Ambivalenz immer wieder \u201ezur Sprache\u201c.<br \/>\nAndere Dichter wie Thomas Mann oder Bert Brecht brachten ihre Muttersprache ins Exil mit und hielten an ihr fest. Elias Canetti eignete sich die deutsche Sprache erst in Wien an (<em>Die gerettete Zunge<\/em>), nahm sie ins englische Exil mit und blieb in ihr.<br \/>\nElazar Benyo\u00ebtz hat die deutsche Sprache in dem Land, das ihm nicht Exil war, sondern Heimat wurde, neu erlernt und sich nie wieder von ihr getrennt. Er schreibt in seiner \u2013 auch literarischen \u2013 Zweitsprache und geh\u00f6rt damit nicht einmal zur Exilliteratur. Seine literarische Sozialisierung fand im Iwrith statt.<br \/>\nNachdem er seit 1956 f\u00fcnf Gedichte und zwei Prosab\u00e4nde in Hebr\u00e4isch herausgebracht hatte, legte er 1959 das Rabbiner-Examen ab. Er \u00fcbte das Amt nie aus. Dieser Abschluss gab ihm, wie er sagte, in seinem Lebenslauf \u201eHalt, nicht Richtung\u201c.<br \/>\n1962 ging er nach Wien, niemand hatte ihn gerufen, niemand ihn eingeladen. Mit seinem bis dahin rudiment\u00e4ren Deutsch war er zu einem Gespr\u00e4ch kaum f\u00e4hig. Aber h\u00f6rte er etwas Besonderes in der Sprache der \u00d6sterreicher? Tonf\u00e4lle? Kl\u00e4nge? Man kann es nur vermuten. Soll es etwas mit der seltsamen Musikalit\u00e4t zu tun haben, die in Wien zusammenflie\u00dft, mit dem Vielv\u00f6lkerstaat? Dass Haydn, Mozart, Salieri, Beethoven und Schubert hier waren und nicht in der Schweiz oder Berlin?<\/p>\n<p><strong><em>Juden lehnen gern an Wortst\u00e4mmen und sind um die Wortwurzeln <\/em><em>bek\u00fcmmert<\/em><\/strong><br \/>\nWie tief diese Wurzeln reichen, erfuhr er an sich selbst, als es ihn mit unwiderstehlicher Kraft in die deutsche Sprache zog. Woher diese Kraft und dieser Sog kamen \u2013 niemand kann es genau sagen. Elazar Benyo\u00ebtz hat viele Worte und Bilder dazu, aber nichts Eindeutiges, eher Umschreibungen.<\/p>\n<p><strong>\u201eIch kann nicht vergessen, woran ich mich nicht erinnern kann.\u201c<\/strong> (Michael Turek)<br \/>\nIch wage es und stelle vermessen eine einfache Rechnung auf.<br \/>\nAls Paul Koppel wurde Elazar Benyo\u00ebtz am 24. M\u00e4rz 1937 in Wiener Neustadt geboren.<br \/>\nEr h\u00f6rte eine Schwangerschaft lang die Muttersprache, h\u00f6rte und sprach acht Jahre Deutsch, bis sein Vater starb und die Mutter ihn und seine Schwester Ruth auf Iwrith umpolte. Es ist damit nicht mehr so r\u00e4tselhaft, dass ihm die deutsche Sprache zuflog, jenseits von allem Geistigen, Religi\u00f6sen, Politischen und Gesellschaftlichen.<br \/>\nDer zweite Teil meiner These ist noch gewagter und weit entfernt von jeder Wissenschaft, es sei denn, es gibt eine Wissenschaft vom Herzen.<br \/>\nElazar Benyo\u00ebtz hat neun Jahre Deutsch als Sprache der Liebe erlebt, die Liebe der Eltern und seine Liebe zu den Eltern und zur Schwester, alles fand sieben Jahre auf Deutsch statt. Als er viele Jahre sp\u00e4ter unter deutsch sprechende Menschen kam, tauchte er in die Sprache der Liebe ein wie in ein warmes Bad. Denn viel mehr als das Land oder eine Stadt ist die Sprache die Heimat, nach der man sich immer sehnen wird, wie versch\u00fcttet sie im Magma des Erinnerns auch liegen mag. Hitler konnte ihm den gr\u00f6\u00dften Schatz, die Sprache der Liebe, nur vorl\u00e4ufig rauben, Elazar Benyo\u00ebtz hat sie wiedergewonnen und sich und dem T\u00e4tervolk zum Geschenk gemacht.<br \/>\n\u201eIch kann nicht vergessen, woran ich mich nicht erinnern kann.\u201c Diesen Satz las ich Anfang Dezember in einem Zeitungsbericht \u00fcber den Besuch von Emigranten der zweiten Generation in Wien. Ein gewisser Michael Turek wird mit diesen Worten zitiert. Er ist Sohn einer Wiener J\u00fcdin, die 1939 mit dem letzten Kindertransport nach New York kam. Er ist 1949 in den USA geboren und kam jetzt zum ersten Mal nach \u00d6sterreich. Diesen Satz hat Michael Turek in bestem \u00f6sterreichischen Deutsch zu Bundeskanzler Kern gesagt, als dieser die G\u00e4ste des Jewish Welcome Service empfing.<\/p>\n<p>Nach Berlin wurde Elazar Benyo\u00ebtz 1963 eingeladen und bis 1969 aufgenommen. Um nicht zu vergessen, woran man sich nicht erinnern wollte, begann er, seine, ihn immer begleitende Vision zu verwirklichen, die deutschen j\u00fcdischen Schriftsteller nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Er nahm zahlreiche Kontakte mit noch lebenden deutschen Schriftstellern auf und erforschte Nachl\u00e4sse deutscher j\u00fcdischer Schriftsteller. Daraus entstand das von Renate Heuer an der Johann Wolfgang Goethe Universit\u00e4t in Frankfurt gef\u00fchrte Archiv Bibliographia Judaica, um den j\u00fcdischen Beitrag zur deutschen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kulturgeschichte\">Kulturgeschichte<\/a> von 1750 bis zur Gegenwart zu erfassen, das 21 B\u00e4nde umfasst. Mit seinen zahlreichen Zitaten verschiedenster Schriftsteller in seinen B\u00fcchern bleibt er der Erf\u00fcllung dieser Vision weiterhin treu.<\/p>\n<p><strong><em>Zwischen meinen Sprachen bin ich selbst die Scheidewand<\/em><\/strong><br \/>\n1969 ver\u00f6ffentlichte er seinen ersten, teilweise noch aus hebr\u00e4ischen Tagebuchnotizen ins Deutsche \u00fcbersetzten, Aphorismen-Band <em>Sahaduta<\/em>. Seither schreibt und publiziert er fast ausschlie\u00dflich in Deutsch hochgradig sprachreflexive Minimalprosa und -lyrik und seit 1990 Collagen aus Aphorismen, Gedichten, Briefen und kontextbildenden Zitaten nach der Benyo\u00ebtz-Methode: rhythmisch, musikalisch, grafisch, zitierend und wortsch\u00f6pferisch.<\/p>\n<blockquote><p><em>Meine Not bleibt gr\u00f6\u00dfer als<br \/>\ndie Tugend, die ich aus ihr mache;<br \/>\nsie schl\u00e4gt zu Buche<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Jeder kann sich der deutschen Sprache bedienen,<br \/>\nJuden k\u00f6nnen sich ihrer erbarmen<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die deutsche Sprache, die Benyo\u00ebtz nicht \u201eben\u00fctzt\u201c, sondern sich ihrer \u201eerbarmt\u201c, ist die Sprache von Moses Mendelssohn, Franz Kafka, Karl Kraus, Nelly Sachs, Rose Ausl\u00e4nder und Else Lasker-Sch\u00fcler.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<blockquote><p><em>Ein Jude, der heute deutsch schreibt, schreibt nicht mehr (auch)<\/em><em> f\u00fcr Juden.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>An die Deutschen: Sammelt unsere Tr\u00e4nen, nicht unsere Witze<\/em><\/p>\n<p><em>Meine gro\u00dfe Liebe war die hebr\u00e4ische Sprache, meine Geliebte ist die deutsche geworden; die Liebe erwies sich als teilbar. <\/em>[\u2026]\n<em>Die deutsche Sprache passte sich mir an, doch ich habe nicht das Gef\u00fchl, ich habe sie judaisiert. <\/em>[\u2026]<em> Mir ist, als w\u00fcrde die eine H\u00e4lfte meiner Person f\u00fcr die andere H\u00e4lfte schreiben, ein Leben lang, das halbe Leben, das halbe der einen H\u00e4lfte eines Halben, halbh\u00e4lft, h\u00e4lfthalb<\/em><em>.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Egon Schwarz, aus Wien emigrierter US-amerikanischer Literaturwissenschaftler, schreibt \u00fcber Elazar Benyo\u00ebtz und sein Verh\u00e4ltnis zur deutschen Sprache:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201e\u2026 Mit unheimlicher Verschlagenheit entrei\u00dft er der deutschen Sprache ihre Geheimnisse \u2013 er, der hebr\u00e4ische Dichter. Der Leser sieht seine m\u00fcde Alltagssprache in das Bad dieser Aphoristik steigen und gereinigt, erfrischt daraus hervortauchen. Und er sieht eine alte Trauer in neuer Beleuchtung. Dank Elazar Benyo\u00ebtz k\u00f6nnte die deutsch-j\u00fcdische Literatur, Mark Twain paraphrasierend, sagen: Die Nachricht von meinem Ableben ist \u00fcbertrieben.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Sprache wird gegen den Strich geb\u00fcrstet, um sie wieder fremd zu machen, wieder aufzumachen, um so einen neuen Blick auf sie zu gewinnen. Elazar Benyo\u00ebtz schaut auf die W\u00f6rter, blickt ihnen in die Seele, steigt zu ihnen bis zum Grund hinab, belauscht sie, dreht sie um wie einen Handschuh, stellt sie ins grelle Licht von tausend Sonnen, l\u00e4sst sie durch Fegefeuer und H\u00f6lle gehen, schlie\u00dflich holt er sie herauf und erl\u00f6st sie. Er schaut die W\u00f6rter in jeder Richtung an, sie schauen zur\u00fcck. Die W\u00f6rter sind stumm, aber paradoxerweise antworten sie ihm.<\/p>\n<blockquote><p><em>Credo: Alle Siege werden davongetragen<\/em><\/p>\n<p><em>Du bist im Recht; nun sieh zu, wie du<br \/>\nda wieder rauskommst<\/em><\/p>\n<p><em>Vertrauen nicht schenken: wie Verdacht-sch\u00f6pfen<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Es kommt nicht<br \/>\nwie gedacht,<br \/>\nes kommt wie gerufen<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Wortspiele verscheuchen die Todesangst vor der Sprache<br \/>\n<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Der Dichter und Theologe Albrecht Goes sagt \u00fcber Elazar Benyo\u00ebtz: <em>\u201e<\/em>Ich bin, wenn ich seine S\u00e4tze lese, ganz still vor Bewunderung \u00fcber diese Gabe, in zehn oder weniger als zehn Worten etwas ganz G\u00fcltiges und Grundgescheites oder Grundgutes (oder alle drei!) zu sagen \u2013 es ist darin wirklich eine ganz einzigartige Begabung.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBenyo\u00ebtz nimmt das Wort beim Wort und bringt es zur Besinnung. Seine Sprachsch\u00f6pfungen sind wie ein Echolot, das er in den altneuen Sinn der Worte hinunterl\u00e4sst. So nah kann man einer Sprache vielleicht nur in der Ferne sein \u2026\u201c, vermutet Verena Lenzen, Professorin f\u00fcr Judaistik und Theologie\/Christlich-J\u00fcdisches Gespr\u00e4ch an der Universit\u00e4t in Luzern.<br \/>\nDie heitere und gleichzeitig strenge, aber nie dogmatische Weisheit macht Elazar Benyo\u00ebtz so besonders anziehend, eine Weisheit, die aus dem Judentum kommt, die, so wie er selbst sagt, \u201egebibelt\u201c ist.<\/p>\n<blockquote><p><em>Mein Weg ins Deutsche \u2013<br \/>\nwar er gewagt?<br \/>\nwar er verh\u00e4ngt?<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Warum musste aus einem hebr\u00e4ischen Lyriker<br \/>\nein deutscher Aphoristiker werden.<br \/>\nSolang ich noch schreiben kann,<br \/>\nbleibe ich mir die Antwort darauf schuldig<br \/>\nDie gro\u00dfen Fragen<br \/>\nsind nur ohne Antwort gro\u00df<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Ich lausche<br \/>\ndem Wort<br \/>\nsein Meer ab<br \/>\nehe es vermuschelt<br \/>\n<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Fr\u00fches und starkes Vorbild f\u00fcr Elazar Benyo\u00ebtz ist die Bibel, und zwar in der Gestalt der deutschen Luther-Bibel. Das Buch Kohelet, das in der Luther-Tradition Prediger Salomo hei\u00dft, ist das seltsamste Buch des Alten Testaments, ein Reflexionsbuch aus kurzen Urteilss\u00e4tzen.<\/p>\n<blockquote><p><em>Ein Erzjude<br \/>\ndicht am Herzklopfen Luthers,<br \/>\nin der deutschen Sprache,<br \/>\nwie in einer Kirche<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Ich habe<br \/>\nmeinen B\u00fcchern<br \/>\nbeigebracht,<br \/>\nkl\u00fcger zu sein<br \/>\nals ihr Verfasser<br \/>\n<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Spiellust f\u00fchrt oft zu Wortneubildungen in Anlehnung an bestehende Komposita, wof\u00fcr sich die deutsche Sprache besonders eignet: <em>Identit\u00e4uschung, Filigranit, toleranzig, glaubheftig, Scheinhellig, verkleinm\u00fcnzen, lebensb\u00e4nglich.<\/em><br \/>\nRobert Menasse entwickelt in seiner Laudatio zur Verleihung des Ehrenkreuzes der Republik \u00d6sterreich an Elazar Benyo\u00ebtz ein wunderbares Bild: <em>\u201e\u2026 dass Gottvater zur Rechten von Elazar sitzt und ihm, zu unserer Erinnerung, S\u00e4tze diktiert wie: \u201eAm Anfang war nicht der Anfang, sondern das Wort.\u201c<\/em> Ich selbst habe mich gefragt: Was kommt vor diesem Bild? Der Eingang in das Reich Gottes, der ist das Wort.<\/p>\n<blockquote><p>\u201e<em>Ich lege\u201c, sagt Gott, \u201emeinen sch\u00f6nsten Stern in deine Hand, zerdr\u00fccke ihn nicht.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>3\u00a0 <\/strong><strong><em>\u201e<\/em><\/strong><strong>Zw\u00f6lf Gr\u00fcnde, Elazar Benyo\u00ebtz zu lesen<\/strong><br \/>\n<em>(Friedemann Spicker)<\/em><\/p>\n<p>Weil\u00a0\u00a0\u00a0 er den Aphorismus als Bruch schreibt:<br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0<\/span> Es z\u00e4hlt das Wort, aber das Schweigen<br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0<\/span> ist der Nenner.<br \/>\nWeil\u00a0 \u00a0 er dich durch K\u00fcrze erlangt; aber<br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0<\/span> nicht durch Pointe besticht.<br \/>\nWeil\u00a0\u00a0\u00a0 er Bilder trifft, wo er Gedanken verfolgt.<br \/>\nWeil\u00a0\u00a0\u00a0 man die Welt im Auge beh\u00e4lt, wenn man<br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0<\/span> den Blick auf seine Inschriften senkt.<br \/>\nWeil\u00a0\u00a0\u00a0 er das Paradoxon zur Logik erhebt<br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0<\/span> und erst dadurch im Grunde bleibt.<br \/>\nWeil\u00a0\u00a0\u00a0 er Mittel gegen den Gegenwarts-Schmerz wei\u00df:<br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0<\/span> Kleinartigkeit und Schweigen\u00e4he.<br \/>\nWeil\u00a0\u00a0\u00a0 bei ihm Sinn anklingt, wenn er sich<br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0<\/span> auf Klang besinnt.<br \/>\nWeil\u00a0\u00a0\u00a0 er sich zu Feststellungen erweichen l\u00e4sst.<br \/>\nWeil\u00a0\u00a0\u00a0 er taghell worttr\u00e4umt<br \/>\nWeil\u00a0\u00a0\u00a0 er in Beirrungen f\u00fchrt.<br \/>\nWeil\u00a0\u00a0\u00a0 er mit Aphorismen erneut, bildet.<br \/>\nWeil\u00a0\u00a0\u00a0 er im Anspruch auf Weisheit anspricht.\u201c<\/p>\n<p><strong>4\u00a0 <\/strong><strong><em>Ich erinnere mich, viel vergessen zu haben. Es steht in den Sternen, ist <\/em><\/strong><strong><em>hier nicht nachzuschlagen. Das Best\u00e4ndige f\u00e4llt mit dem Leben zusammen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wie in meinem Buch setze ich diesen Aphorismus von Elazar Benyo<em>\u00ebtz <\/em>auch hier als Schlussmotto.\u00a0 Und ich halte mit ihm fest:<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<blockquote><p><em>Die Freunde der Dichter machen die Lesbarkeit ihrer Werke aus.<\/em><\/p>\n<p><em>Engel oder Angeln<br \/>\nquietschen in den verrosteten Toren,<br \/>\nniemand wird dir sagen,<br \/>\nwovon sie singen wollten,<br \/>\nw\u00e4ren sie S\u00e4ngerinnen<br \/>\ngewesen,<br \/>\nnicht verbl\u00fchte Sterne<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Ich w\u00fcnsche diesem Dichter viele Leser und den Lesern, in ihrem Leben das Gl\u00fcck gehabt zu haben, Elazar Benyo\u00ebtz begegnet zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Ver\u00f6ffentlicht i<\/em><em>n:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.erika-mitterer.org\/dokumente\/ZK_2017-1\/seyr_benyoetz_2017-1.pdf\" target=\"_blank\">Der literarische Zaunk\u00f6nig &#8211; die Zeitschrift der Erika Mitterer Gesellschaft,<br \/>\nAusgabe 1\/2017<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 17125<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Redaktionelle Anmerkung und Erg\u00e4nzung im November 2019:<\/strong><\/p>\n<p>Der mit diesem Text von Veronika Seyr Gefeierte hat sich auf unnachahmliche Art bei der Autorin bedankt. Sie k\u00f6nnen diese besondere <a href=\"http:\/\/www.erika-mitterer.org\/dokumente\/ZK_2019-3\/benyoetz_fuerVeronika%20Seyr_2019-3.pdf\" target=\"_blank\">Widmung<\/a> nachlesen.<\/p>\n<p>Wir bedanken uns herzlich beim Literarischen Zaunk\u00f6nig und der Erika Mitterer Gesellschaft f\u00fcr die Erlaubnis zur Ver\u00f6ffentlichung, \u00fcber die wir uns sehr freuen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: right;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1\u00a0 Erz\u00e4hlen hei\u00dft immer auf Biegen, oft auch auf Brechen. Man kommt sich auf diesem Weg abhanden oder gef\u00e4hrlich nah. Eigentlich brauchen Dichter keine Denkm\u00e4ler. Niemand schreibt, um in Stein gemetzt zu erstarren. Ein Wortmetz ist der Dichter von sich aus. In seinen Werken liegt der Widerhall bereit, wenn andere sie lesen. Trotzdem werden Stra\u00dfen, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[109],"tags":[124],"class_list":["post-6546","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-seyr-veronika","tag-about"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6546","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6546"}],"version-history":[{"count":19,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6546\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10485,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6546\/revisions\/10485"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6546"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6546"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6546"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}