{"id":6540,"date":"2017-05-20T13:03:45","date_gmt":"2017-05-20T13:03:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6540"},"modified":"2024-06-26T07:28:40","modified_gmt":"2024-06-26T07:28:40","slug":"mach-es-so-dass-jeder-auf-dich-stolz-sein-kann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6540","title":{"rendered":"Mach es so, dass jeder auf dich stolz sein kann"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6540&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6540&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es ist gef\u00e4hrlich, in der Provinz Logar im \u00f6stlichen Afghanistan zu leben. Seit Jahrzehnten kennen die Menschen dort keine Normalit\u00e4t. Die russischen und amerikanischen Besatzungstruppen sind gekommen und gegangen. Sie haben Hoffnungen geweckt, Entt\u00e4uschungen beschert und unaufhaltsam gr\u00f6\u00dfere Not \u00fcber die Bev\u00f6lkerung gebracht. An Arbeit und Schule ist seit Langem nicht mehr zu denken. Alle sind mit der Sorge um den t\u00e4glichen Lebensunterhalt besch\u00e4ftigt. Jeder hat Angeh\u00f6rige zu betrauern, die einem Attentat, einem Bombenangriff oder einem willk\u00fcrlichen Schusswechsel zum Opfer gefallen sind. Ein Menschenleben verliert in solchen Zeiten an Wert. Pl\u00e4ne f\u00fcr die Zukunft kann man nicht machen. Dennoch heiraten auch in Afghanistan junge Paare und bekommen Kinder. Dennoch wachsen auch in so einem Land junge Leute heran, die von einem Leben in Frieden und Freiheit tr\u00e4umen. Wie kann man es ihnen verdenken?<\/p>\n<p>Im Jahr 2015 h\u00f6ren die Bewohner von der M\u00f6glichkeit wegzugehen. Aber wohin soll man gehen? Es ist ein gro\u00dfes Risiko, die letzte Sicherheit, die Familie oder den kl\u00e4glichen Rest davon zu verlassen. Was soll mit den Zur\u00fcckgelassenen in der Heimat geschehen? Welche Gefahren lauern im Ausland, in der unbekannten gro\u00dfen Welt? Die Not und Verzweiflung muss unertr\u00e4glich gro\u00df sein, dass man diese Gefahren auf sich nimmt.<\/p>\n<p>Keramat Akachel erz\u00e4hlt mir im Februar 2017 davon, wie seine Mutter f\u00fcr ihn, ihren j\u00fcngsten Sohn, die Entscheidung gef\u00e4llt hat, dass es keine Alternative zur Flucht gibt. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden kommen die Taliban in die Stadt, um K\u00e4mpfer zu rekrutieren. Keramat steht auf ihrer Liste. Der \u00e4ltere Bruder hat bereits die Familie verlassen und ist untergetaucht. Niemand wei\u00df, ob er noch lebt oder wo er sich versteckt. Jedes Lebenszeichen ist lebensgef\u00e4hrlich f\u00fcr ihn und f\u00fcr seine Angeh\u00f6rigen. Der Vater ist schon vor Jahren ermordet worden, weil er seine Familie nicht im Stich lassen wollte und sich geweigert hatte, sich den Taliban anzuschlie\u00dfen.<br \/>\nDie allgegenw\u00e4rtige Not hat Keramats Mutter gelehrt, diplomatisch zu verhandeln. Sie bat um Aufschub. Schlie\u00dflich gibt man den j\u00fcngsten Sohn nicht einfach so weg. Sie war sich dessen bewusst, dass ein Menschenleben in ihrer Heimat schon lange nicht mehr viel wiegt. Und so bereitete sie unbemerkt nebenher die Flucht ihres j\u00fcngsten Sohnes vor. Die einzige Chance f\u00fcr einen jungen Menschen besteht darin, irgendwie ins sichere Ausland zu gelangen. Die Gefahren m\u00fcssen gewagt werden. Es gibt keine Alternative. Sie besprach sich mit dem Schwiegersohn und kam zu dem Entschluss, ein St\u00fcck Land zu verkaufen, um das n\u00f6tige Geld zu bekommen.<\/p>\n<p>Alles geschah hinter dem R\u00fccken Keramats. Vielleicht wollte ihn seine Mutter die letzten Tage zu Hause noch m\u00f6glichst unbeschwert verbringen lassen. Vielleicht wollte sie ihm auch die Qual des Abschiednehmens erleichtern.<br \/>\nSchlie\u00dflich dr\u00e4ngte die Zeit. Die Taliban w\u00fcrden bald zur\u00fcckkommen, und bis dahin musste der Junge weg sein, unauffindbar. Wenige Tage vor dem Aufbruch in die ungewisse Zukunft wurde Keramat in die Pl\u00e4ne der Mutter, die sie zusammen mit seinem Schwager gefasst hatte, eingeweiht. Alle waren der Meinung, dass Deutschland ein gutes Ziel sei, obgleich sie so gut wie nichts \u00fcber dieses Land im Westen wussten. Die Kunde von Frieden und Freiheit war bis nach Logar gedrungen, und so machte sich Keramat auf, dorthin zu gehen.<br \/>\nSeine Mutter sagte beim Abschied: \u201eSei ein guter Sohn aus Logar! Geh weg und mach es so, dass jeder auf dich stolz sein kann!\u201c<\/p>\n<p>Er nahm die \u00fcberlegte und weise Entscheidung seiner Mutter ohne Widerspruch an. Wusste er doch, dass das Weggehen die einzige M\u00f6glichkeit auf ein ann\u00e4hernd normales Leben war, das sich nicht nur er, sondern seine Mutter f\u00fcr ihn ertr\u00e4umte. Vielleicht w\u00fcrde er ja auch eines Tages vom Ausland aus seiner Familie hilfreich beistehen k\u00f6nnen. Alle Hoffnungen lagen nun auf ihm und er wollte sich daf\u00fcr w\u00fcrdig und stark erweisen, auch wenn er Angst hatte.<br \/>\nSo packte er seine Sporttasche mit dem N\u00f6tigsten. Einen Bildband \u00fcber die Geschichte Afghanistans und einen sch\u00f6nen Spiegel legte er als kostbare Sch\u00e4tze, die ihn an zu Hause erinnern sollten, mit hinein. Dachte er doch, im fernen Deutschland bald studieren zu k\u00f6nnen. Gerne klammerte er sich an den Gedanken. Hatte er doch geh\u00f6rt, dass dort alle den Beruf erlernen konnten, den sie gern aus\u00fcben m\u00f6chten. Er w\u00fcrde in Deutschland arbeiten und Geld verdienen. Er w\u00fcrde es schaffen.<\/p>\n<p>So brachte ihn der Mann seiner Schwester, der als Taxifahrer arbeitete, mit dem Auto zum verabredeten Treffpunkt, wo er mit f\u00fcnfzehn weiteren Fl\u00fcchtlingen einen Bus bestieg, der ihn \u00fcber die Grenze in den Iran brachte. Ihm war klar, dass es \u00fcberaus gef\u00e4hrlich war, dieses Land unbehelligt zu durchqueren. Wenn die Polizei Fl\u00fcchtlinge aufgreift, werden sie geschlagen und zur\u00fcckgeschickt.<br \/>\nDie Polizeikontrollen mussten geschickt umgangen werden. Die Angst aller war gro\u00df, die Schlepper handelten r\u00fccksichtslos. F\u00fcr sie ist es ein Gesch\u00e4ft, und noch dazu ein lukratives, die Fl\u00fcchtlinge au\u00dfer Landes zu schaffen. Gleichwohl laufen auch sie st\u00e4ndig Gefahr, geschnappt und wom\u00f6glich inhaftiert zu werden. Auf Mitleid und Hilfe durfte man nicht hoffen. Dessen war sich Keramat gewiss. Es kann auch verh\u00e4ngnisvoll sein, Vertrauen zu schenken.<br \/>\nJeder will es schaffen und jeder muss auf sich selber aufpassen. So sp\u00fcrte Keramat w\u00e4hrend dieser zwei Wochen, die er in der Obhut Fremder, denen er ausgeliefert und auf deren Hilfe er dennoch angewiesen war, wie alleingelassen er mit seinem jungen Leben war.<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlte mir, dass er im Kofferraum eines Autos stundenlang von Checkpoint zu Checkpoint transportiert worden war, immer in Angst, doch kontrolliert, herausgezerrt, geschlagen und zur\u00fcckgeschickt zu werden. Er erlebte die eigene Ohnmacht und wurde teilnahmslos. Kein Laut durfte nach au\u00dfen dringen, und seine Gliedma\u00dfen schmerzten in der bewegungslosen Enge. Ihm war in diesem Moment v\u00f6llig gleichg\u00fcltig, was mit ihm geschehen w\u00fcrde. Er f\u00fchlte sich dem Tod sehr nahe.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich nahm diese h\u00f6llische Fahrt doch ein Ende, und er wurde mit seinen Leidensgenossen aus dem Kofferraum befreit. Es dauerte, bis er wieder so weit zu sich kam, dass er sich bewegen konnte und die Kraft aufbrachte, sich auf den weiteren Fluchtweg einzulassen. Da stellte er fest, dass aus seiner Tasche das Buch \u00fcber seine Heimat und der Spiegel verschwunden waren. Man darf eben niemandem vertrauen. So war ihm wieder ein St\u00fcck Zuhause genommen worden. Ihm wurde klar, dass er sich an nichts klammern durfte. Er wird mit wenig zurechtkommen m\u00fcssen. Die Erinnerungen bleiben, aber es muss viel Platz f\u00fcr all das Neue sein, das auf ihn zukommt. Wehmut und der Blick zur\u00fcck k\u00f6nnen t\u00f6dlich sein. Und Keramat sp\u00fcrte, dass er leben will und zwar in Frieden und Freiheit. So r\u00fcstete er sich f\u00fcr die n\u00e4chsten Etappen seiner Flucht.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei erreichte er in der Nacht. In den Bergen war es trotz des Sommers eiskalt. Er erfuhr, dass drei Leute aus seiner Gruppe inzwischen aufgegriffen und zur\u00fcckgeschickt worden waren. Au\u00dferdem h\u00f6rte er die Sch\u00fcsse der Grenzposten. Sie mussten sich trennen, um m\u00f6glichst unauff\u00e4llig das unwegsame Gel\u00e4nde passieren zu k\u00f6nnen. Er hielt sich an den Gr\u00f6\u00dften, der vorgab, den Weg zu kennen, und hatte Gl\u00fcck. Jetzt sei das Schlimmste geschafft, dachten alle und sch\u00f6pften neuen Mut. Irgendwo wartete ein Bus, der sie nach Istanbul brachte. Die gro\u00dfen H\u00e4user und Schiffe lie\u00dfen ihn staunen. Niemals zuvor hatte er Derartiges gesehen. Doch es war keine Zeit, um zu verweilen. Schlie\u00dflich war das Ziel noch gut tausend Kilometer entfernt, die m\u00f6glichst rasch zur\u00fcckgelegt werden mussten.<\/p>\n<p>Ein Auto brachte seine Gruppe an die bulgarische Grenze. Von dort aus ging es zu Fu\u00df durch einen gro\u00dfen Wald weiter. Man konnte sich darin leicht verirren.<br \/>\nSie gingen w\u00e4hrend der Nacht und kauerten untertags an B\u00e4ume gelehnt. Nach vierundzwanzig Stunden trafen sie todm\u00fcde auf einen LKW, der sie nach Serbien brachte. Die Aufregung unter den Fl\u00fcchtlingen wurde st\u00e4ndig gro\u00dfer.<br \/>\nJeder behauptete etwas anderes, und keiner wusste wirklich Bescheid. Sie hatten l\u00e4ngst die Orientierung und den letzten Rest von Sicherheit verloren. Sie mussten sich selber Mut machen und darauf hoffen, dass nun diese beschwerliche Reise bald ein Ende nehmen m\u00f6ge, bevor sie noch alle die Kraftreserven verlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck hatte einer ein Handy mit GPS, das sie mit verl\u00e4sslicher Richtungsangabe zu Fu\u00df durch drei oder vier D\u00f6rfer geleitete. Sie hatte Angst davor, nach Rum\u00e4nien zu gelangen. Ger\u00fcchte von den feindseligen Polizisten dort machten die Runde. Schlie\u00dflich blieb es Keramat und seinen Fluchtkollegen erspart, Erfahrungen mit diesem Land zu machen. Mit dem Bus gelangten sie nach Belgrad, mit dem Zug weiter Richtung Ungarn.<br \/>\nZwischendurch gingen sie zu Fu\u00df entlang der Gleise, bis sie wieder ein Kleinbus ein St\u00fcck mitnahm. Sie n\u00e4herten sich \u00d6sterreich. Es konnte nicht mehr weit sein. Gef\u00e4hrlich war es noch, die stark befahrene Autobahn zu \u00fcberqueren.<br \/>\nImmer durfte nur einer gehen. Aber auch das schaffte jeder in Keramats Gruppe.<\/p>\n<p>Am 15. Juli 2015 kam Keramat in Passau an. Dieses Datum hat sich ihm eingebrannt. \u00c4hnlich seinem Geburtstag wird er diesen Tag sein Leben lang besonders feiern.<\/p>\n<p>Wenn er sich heute daran erinnert, sagt er, dass er damals erleichtert dachte, dass nun alles okay sei. Als er aber die Autos in Passau sah und auf den Nummernschildern ein D las, war er sehr verwirrt. Hatte er doch immer nach Germany gewollt. Was hatte nun dieses D zu bedeuten. So lernte er erst an diesem Tag das Wort Deutschland kennen.<\/p>\n<p><em>Ich lernte Keramat im September 2015 kennen. Mit zwei Freunden und seinen Betreuern kam er in die 10. Klasse des Burkhart Gymnasiums und erz\u00e4hlte bereits mit einigen deutschen W\u00f6rtern von seinen Eindr\u00fccken und Pl\u00e4nen. Der Kontakt ist geblieben, und inzwischen ist er einigerma\u00dfen heimisch geworden.<br \/>\nEr lernt flei\u00dfig Deutsch und will Elektriker werden. Ich freue mich, mich inzwischen mit ihm schon gut unterhalten zu k\u00f6nnen. Manchmal erz\u00e4hlt er mir auch von Afghanistan. Das werde ich dann auch f\u00fcr ihn aufschreiben. \u2013 Seine Mutter kann auf ihren Sohn stolz sein.<\/em><\/p>\n<p align=\"right\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p align=\"right\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 17124<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist gef\u00e4hrlich, in der Provinz Logar im \u00f6stlichen Afghanistan zu leben. Seit Jahrzehnten kennen die Menschen dort keine Normalit\u00e4t. Die russischen und amerikanischen Besatzungstruppen sind gekommen und gegangen. Sie haben Hoffnungen geweckt, Entt\u00e4uschungen beschert und unaufhaltsam gr\u00f6\u00dfere Not \u00fcber die Bev\u00f6lkerung gebracht. An Arbeit und Schule ist seit Langem nicht mehr zu denken. 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