{"id":6533,"date":"2017-05-20T12:46:40","date_gmt":"2017-05-20T12:46:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6533"},"modified":"2017-05-21T08:17:57","modified_gmt":"2017-05-21T08:17:57","slug":"bericht-aus-der-anstalt-oder-die-verstollenen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6533","title":{"rendered":"Bericht aus der Anstalt oder die Verstollenen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6533&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6533&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Empfang war freundlich und pers\u00f6nlich wie in einem Hotel. Die Rezeptionistin \u00fcberreichte mir den elektronischen Zimmerschl\u00fcssel und den vorl\u00e4ufigen Therapieplan; dabei bemerkte sie, dass sie die gleichen Schuhe habe wie ich \u2013 bequem, gell!<br \/>\nDann rief sie den Hausarbeiter, der sich als ein Zoran aus Banja Luka herausstellte. W\u00e4hrend er mein Gep\u00e4ck schleppte, versetzte ich ihn wahrscheinlich in Angst und Schrecken, indem ich mit ihm auf Serbokroatisch plauderte. Gro\u00dfe Disziplin bei dieser Attacke, dass er nicht sofort einsackte, meine Koffer fallenlie\u00df und floh. Schon wieder der Geheimdienst, h\u00f6rt das denn nie auf? Als ich seine flackernden Augen bemerkte, lie\u00df ich die vorbereitete 2-Euro-M\u00fcnze in meiner Manteltasche und suchte schuldbewusst einen F\u00fcnfer heraus.<br \/>\nEr nahm ihn nat\u00fcrlich an und murmelte etwas Undeutliches zwischen Danke und Chvala, dass ich mich noch bem\u00fc\u00dfigt f\u00fchlte zu sagen: Banja Luka ist eine sch\u00f6ne Stadt, do rata, bis zum Krieg. Diese Anbiederung, als w\u00fcrden wir Urlaubserinnerungen austauschen: Ah, Sie waren auch auf Hawaii, sch\u00f6n, phantastisch! Welcher Teufel hat mich geritten, diesen armen Kerl so zu erschrecken? Und dabei so unb\u00e4ndig zu l\u00fcgen? Ich habe Banja Luka bei meinen zahlreichen Besuchen nie als sch\u00f6n empfunden, es war Krieg, die Stadt von den Serben erobert, und ich befand mich als \u00d6sterreicherin in \u201eFeindesland\u201c in st\u00e4ndiger Gefahr.<\/p>\n<p>Ich begegnete Zoran in den n\u00e4chsten drei Wochen noch \u00f6fter, meist schwer besch\u00e4ftigt, etwas im Haus reparierend oder Koffer schleppend, wobei er immer den Kopf tief nach unten und zur Seite wandte, um mich nicht wiedererkennen oder gr\u00fc\u00dfen zu m\u00fcssen, oder in den Parks rund um das Sanatorium, aber er verdr\u00fcckte sich schnell oder machte einen weiten Bogen um mich.<br \/>\nIm Gegensatz zu Zoran war Gordana aus der ausschlie\u00dflich ex-jugoslawischen Putzfrauenbrigade \u2013 sie kam fast t\u00e4glich in mein Zimmer \u2013 erfreut \u00fcber meine sp\u00e4rlichen Worte in ihrer Muttersprache, mit denen ich sie lobte, ihr das Trinkgeld \u00fcbergab, ein sch\u00f6nes Wochenende w\u00fcnschte und den fortschreitenden Fr\u00fchling vor der Loggia bewunderte; ihre leichte, mit erhobenem Lappen unterstrichene R\u00fcge daf\u00fcr, dass ich selbst Aschenbecher und Papierkorb ausleerte, brachte sie in bestem Gastarbeiter-Deutsch vor: Sie kuren, ich putzen, nix selber machen!<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Einzelzimmer mit n\u00fcchterner und praktischer Eleganz schien mir nach dem ersten \u00dcberblick geeignet, es hier drei Wochen aushalten zu k\u00f6nnen. Vor allem die ger\u00e4umige Loggia vor der Glaswand mit dem Blick von Osten nach S\u00fcden bis Halbwest machte mich sicher, dass ich die Anstalt einigerma\u00dfen gut \u00fcberleben w\u00fcrde. Das Bad wurde gepr\u00fcft. Die Gondeln der Stubenbergbahn kreuzten sich im Auf- und Abw\u00e4rts genau alle zwanzig Sekunden hinter drei Tannen und zwei noch kahlen Birken. Die zu einem H\u00fcgel ansteigende Wiesenmulde f\u00fcllte sich im Laufe dieser drei Wochen immer mehr mit gr\u00fcnendem Gras, L\u00f6wenzahn und Himmelschl\u00fcsseln. Am Zaun begannen an den Haselstr\u00e4uchern die Palmkatzerl zu bl\u00fchen, darunter entdeckte ich im Zoom der Kamera Buschwindr\u00f6schen und Leberbl\u00fcmchen. Ab und zu tauchte vor meinem Loggia-Platz eine dicke Katze auf, stillsitzend wie eine in schwarz-wei\u00dfen Marmor gemei\u00dfelte Statue, den Blick gebannt auf den Boden gerichtet, wahrscheinlich auf M\u00e4usejagd. Ich vermisste jetzt schon meine Katze in Wien, die ich einer nicht vertrauten, aber im ersten Eindruck liebevollen und verl\u00e4sslichen Katzensitterin \u00fcberlassen hatte.<\/p>\n<p>Schnell war ich in den Strudel der Kur eingetaucht, der Hausordnung, dem Therapie- und Essplan und den M\u00f6glichkeiten der Freizeitgestaltung.<br \/>\nIch \u00fcberlie\u00df mich ab sieben Uhr fr\u00fch den hei\u00dfen Radon-Wannenb\u00e4dern, der Massage, den Fango-Behandlungen, den Radon-Inhalationen und dem Wechselstrom, sp\u00e4ter der Gymnastik am Boden und im Wasser, den Unterwassermassagen, den Radlerpartien am Standger\u00e4t und dem Nordic Walking. Zu insgesamt acht verschiedenen Therapien war man eingeteilt, meistens f\u00fcnf bis sechs davon \u00fcber den Tag verteilt &#8211; f\u00fcnfundsechzig sollten es werden in diesen drei Wochen. Dazu konnte man noch rund drei\u00dfig verschiedene Behandlungen privat buchen.<\/p>\n<p>Im Speisesaal hatte ich den Tisch Nummer vier zugewiesen bekommen, zusammen mit mir noch die Flie\u00dfbandarbeiterin Petra, ihr Lebenspartner Kurt, ein Gabelstaplerfahrer aus Bad Hall, und der ewig l\u00e4chelnde, mit schief gehaltenem Kopf, Buschauffeur Mirko, ein Ex-Jugoslawe, der aber so wenig sprach, dass ich bis zuletzt nichts \u00fcber seine Herkunft herausfinden konnte. Aber nach meinen gemischten Erfahrungen mit Zoran und Gordana versuchte ich auch keine weitere St\u00fcmmelkonversation auf Serbokroatisch mehr.<\/p>\n<p>Unter den elf Tischen im Speisesaal fiel mir einer auf, besetzt mit f\u00fcnf Personen, drei Frauen und zwei M\u00e4nnern. Nicht nur, weil er der n\u00e4chste Tisch zu meinem war, so nahe, dass ich einiges von den Gespr\u00e4chen mitbekommen konnte. Anfangs die Namen, mit denen sie sich von der Fr\u00fch an laut begr\u00fc\u00dften: Sabine, Silvia, Walter, Hermann und die Deutsche Maren.<br \/>\nSabine war eine Altenpflegerin in den Vierzigern aus Graz-Umgebung, die schon zum Fr\u00fchst\u00fcck um dreiviertel sieben gepflegt, gestylt, mit Schmuck behangen, herausgeputzt wie f\u00fcr einen Clubabend immer als Erste erschien. Sie war knusprig braun, und als ich einmal eine bewundernde Frage stellte, bekam ich die Auskunft, dass sie \u00fcber Weihnachten in Sri Lanka gewesen sei. Sie wechselte nicht nur wie wir alle, je nach vorgeschriebener Therapie, die Kleidung, sondern auch zum Mittag- und Abendessen ihre Outfits, wobei sie es noch geheimnisvollerweise schaffte, sich zum Abendtrunk an der Bar des hauseigenen \u201eKaffee Ofenrohr\u201c in Partyschale zu werfen. Was ich wirklich bewunderte, waren ihre Fingern\u00e4gel aus dem Nagelstudio, lang, bunt bemalt mit Tupfen, Flecken oder Bildchen mit einem wei\u00dfen Rand an den Enden, Krallen, mit denen sie ihre Pfleglinge sicher so beeindruckte, dass sie schnell das Zeitliche segneten. Sie hatte ein Handy, das mit einer rosaroten H\u00fclle umgeben ist und ein baumelndes Silberkettchen wie es Zehnj\u00e4hrige schon als No-Go ablehnen.<\/p>\n<p>Silvia war eine pummelige Hausfrau mit zwei studierenden Kindern und einer dementen Schwiegermutter zu Hause. Sie hatte offenbar keine \u00e4hnlichen Ambitionen wie Sabine, sie trug Tag f\u00fcr Tag den gleichen Pullover und eine fettzeichnende Hose, in verschiedenen Farben, sehr praktisch: verheiratet, ein Mann, zwei Kinder, seine Mutter, ein Haus, eine sichere Position. Drei\u00dfig Kilo weniger und sie w\u00e4re die H\u00fcbscheste von allen gewesen. Sicher war sie aber die lauteste Lacherin, eine richtige Kuderin, Kaskaden perlten geradezu aus ihrer zur\u00fcckgeworfenen Kehle und wieder herunter \u00fcber Doppelkinn \u00fcber die einheitlichen Rundungen von Busen und Bauch. Ich fand nie heraus, was an diesem Tisch immer so lustig war. Vielleicht war es allein die dreiw\u00f6chige Befreiung von dem beruflichen und heimischen Pflegealltag. Sabine hatte am langen Osterwochenende frei und flog nach Mallorca, Silvia musste bei der Mutter bleiben, freute sich aber auf den Besuch ihrer Kinder. Ihr Mann Hermann war ein durchtrainierter Nebenerwerbsbauer, der jeden Nachmittag mit seinem Mountainbike oder den Nordic-Walking-St\u00f6cken in die Landschaft ausr\u00fcckte. Von Walter bekam ich au\u00dfer seinem Dauerreden und -Lachen nicht mehr mit, als dass er wie G\u00fcnter an meinem Tisch am selben Tag den 58. Geburtstag feierte, am Samstag vor Palmsonntag. Er bekam eine Flasche Zirbenschnaps und ein gesungenes St\u00e4ndchen mit dem unsterblichen Unsinnlied \u201eWalter, ach Walter\u201c.<\/p>\n<p>Dieser Tisch war auch der einzige, der manchmal nach dem Abendessen eine Flasche Wein bestellte, was mir auffiel, weil in der Anstalt eigentlich Alkoholverbot bestand. Walter war der gr\u00f6\u00dfte Witzemacher und Unterhalter, der sicher an jedem Stammtisch der Star war. Wegen seines k\u00e4rntnerischen Dialekts konnte ich mir vorstellen, dass er im Nebenberuf vielleicht ein Karnevalsprofi aus dem nicht weit entfernten Villach sein k\u00f6nnte. Aber er war ein Naturtalent, erfuhr ich aus einem zuf\u00e4llig mitgeh\u00f6rten Gespr\u00e4ch in der Nachbarkabine des Wannenbades. Ob das seinem Beruf \u2013 als Gemeindeangestellter von Mallnitz-Obervellach war er f\u00fcr Begr\u00e4bnisse und den Friedhof zust\u00e4ndig \u2013 geschuldet war oder umgekehrt, konnte ich nicht herausbringen. Es gab auch an anderen Tischen laute Lacherinnen, auf Tisch Nummer sieben zum Beispiel eine pensionierte Lehrerin aus Tirol, die an jeden ihrer S\u00e4tze eine Lachtirade von oben nach unten und wieder hinauf h\u00e4ngte.<\/p>\n<p>Wer einmal einen Almabtrieb erlebt hat, wird an eine solche urige Glockensymphonie erinnert. Oder an die aneinander schlagende Milchkannen, wenn sie leer wieder ausgeladen werden. Wahrscheinlich hatte sie in ihrer Berufszeit zu wenig gelacht. Ich war mir sicher, dass es Sabine, Silvia und Gitti waren, die gar nicht mehr zu lachen, kichern, sich zerkugeln aufh\u00f6ren konnten, als ich der bulgarischen Gymnastiktrainerin Bogumila verbot, mich zu ber\u00fchren. Anfangs entzog ich mich ihr unwillig, als sie mich zum Vorzeigen einer \u00dcbung ben\u00fctzen wollte. Als sie es noch einmal versuchte und meine Knie mit beiden H\u00e4nden umfing und demonstrierte, wie die \u00dcbung auszuf\u00fchren sei, zu deren korrekter Beschreibung ihr Deutsch nicht ausreichte, stie\u00df ich sie von mir und lie\u00df laut vernehmlich f\u00fcr alle f\u00fcnfzehn Leute im Trainingssaal h\u00f6ren:<br \/>\n&#8211; Bitte, lassen Sie das, ich will das nicht!<br \/>\nEinem hilflos am Boden, am R\u00fccken ausgestreckten Menschen so etwas anzutun, war f\u00fcr mein Gef\u00fchl ein \u00dcberfall, zumindest ein \u00dcbergriff. In der hinteren Ecke begannen drei Frauen hellauf zu lachen, von denen sich zwei bald einkriegten, die dritte aber fast bis zum Ende der halben Stunde Gymnastik immer wieder von Neuem zu gigeln und zu kichern anfing, als w\u00fcrde sie gekitzelt. Ganze Tonleitern auf und ab perlten aus ihr heraus. Ich setzte mich kurz auf und \u00fcberzeugte mich, dass es Gitti war, neben ihr lagen, schon verstummt, Sabine und Silvia. Tagelang qu\u00e4lte ich mein Hirn auf der Suche nach einer passenden Antwort, die sie blo\u00dfstellen und zugleich als ein Gegenangriff empfunden werden sollte. Ich unterlie\u00df es aber letztlich und beruhigte mich, als ich den Vergleich mit einem unpassend lachenden Kinopublikum fand, das manchmal aus Angst und Verlegenheit scheinbar grundlos lachte. Angstabwehr nennt man das in der Psychologie. Aber in dieser Schicht hatte ich nat\u00fcrlich meinen Ruf weg. Dass ich die einzige Wienerin war, einen Doppelnamen und akademischen Grad hatte, half auch nicht gerade, mich bei den Alpenl\u00e4ndlern beliebt zu machen. Von der Rezeptionistin \u00fcber die \u00c4rzte bis zum letzten Therapeuten weideten sie sich an meinen Abnormit\u00e4ten, wenn die meinen Namen mit Titel und in voller L\u00e4nge von vier Teilen aufriefen.<\/p>\n<p>Aber den tieferen Grund f\u00fcr das allgemeine Dauerlachen vieler Kurg\u00e4ste sah ich doch in der fortschreitenden Regression und Infantilisierung durch den Kuralltag: Diese erwachsenen und zum Gro\u00dfteil \u00e4lteren Menschen werden von fr\u00fch bis sp\u00e4t versorgt: in die Wanne mit hei\u00dfem Radonwasser gelegt, in T\u00fccher gewickelt, massiert, in hei\u00dfe Fangoerde eingepackt, mit Schl\u00e4uchen bespritzt und bei drei Mahlzeiten gef\u00fcttert. Die V\u00f6gelchen im Nest mussten nur die Schn\u00e4bel aufsperren.<br \/>\nIn meinem Fall hat mir jemand sogar das Verdauen und Ausscheiden abgenommen, also war wahrscheinlich auch meine Verstopfung Resultat der allgemeinen Regression.<br \/>\nKeiner muss den ganzen Tag lang einen Finger r\u00fchren, das Leben wird einem abgenommen und auf ein perfekt organisiertes Flie\u00dfband gelegt, von dem man nach drei Wochen wieder ausgespuckt wird. Einen Brief \u2013 das Therapieprofil \u2013 in den H\u00e4nden, ich habe meinen bis heute nicht aufgemacht und gelesen.<\/p>\n<p>Diesem vegetativen Zustand verfiel auch ich sehr schnell, wunderte mich anfangs \u00fcber meinen R\u00fcckfall ins Fr\u00fchkindliche und begann ihn allm\u00e4hlich in vollen Z\u00fcgen zu genie\u00dfen. Meine selbstverschuldeten, mehr als zwei Wochen anhaltenden Verdauungsprobleme warfen mich noch mehr auf das Baby-Dasein zur\u00fcck. Um den toten Hund in den Ged\u00e4rmen loszuwerden, stopfte ich Magerjoghurt, D\u00f6rrpflaumen und Sauerkraut in mich hinein. Hektoliter von Verdauungstees und schwarzem Kaffee flossen durch mich ohne die erhoffte Wirkung. Noch nie hatte ich ein solches Problem gehabt. Als diese althergebrachten Hausmittel nichts n\u00fctzten, griff ich leicht verzweifelt zu den Nordic-Walking-St\u00f6cken und marschierte jeden Tag eine Runde \u00fcber die Elisabeth-Promenade und klammerte mich mit den Augen an die herabst\u00fcrzenden Wasserf\u00e4lle und die vom Schmelzwasser angeschwollene Gasteiner Ache, damit sie auf meinen Verdauungsapparat Eindruck machen sollten. Ich benutzte prinzipiell keinen Lift zwischen den Stockwerken und den Chalets auf den verschiedenen Niveaus und sprang \u00fcber die Stufen, um den toten Hund loszuwerden. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass er mir schon zum Hals herausstand &#8211; und bald sicht- und riechbar w\u00fcrde. Mir war dauer\u00fcbel.<\/p>\n<p>Die Einzigen, die von meinem Problem profitierten, waren meine essfreudigen Tischnachbarn, denen ich viel hin\u00fcberschob und die Kuranstalt, bei der ich immer mehr Mahlzeiten abbestellte. Letztlich entschloss ich zu einem Canossa-Gang zur Alten Hofapotheke und kaufte Spezialtees, Tropfen und Z\u00e4pfchen im Gro\u00dfhandelsma\u00dfstab. Am Ende der zweiten Woche war ich nahe daran, von der Loggia auf die Wiese zu springen. Lange stand ich an der Br\u00fcstung und schaute hinunter auf die L\u00f6wenzahnwiese. Das w\u00fcrde ich \u00fcberstehen, aber in der Kur war man im Krankenstand und durfte sich keiner au\u00dfertourlichen Belastung aussetzen, wie etwa Schifahren, Mountainbiking, Extremklettern und wahrscheinlich auch Loggia-St\u00fcrzen nicht.<br \/>\nViele meiner Mitkurer missdeuteten mein st\u00e4ndiges Laufen durch die G\u00e4nge und mein Springen \u00fcber die Stufen rauf und runter. Na, hammas wieder eilig, sp\u00e4t dran, gell, so viele Stufen, kommentierten sie mitleidig und mitwissend, wenn ich vorbeihastete oder drei Stufen auf einmal nahm. 120 hatte ich gez\u00e4hlt innerhalb und zwischen den H\u00e4usern, Au\u00dfentreppen nicht eingerechnet. Die vielen Menschen mit sichtbaren Leiden konnten nicht ahnen, wobei mir das Laufen und Springen helfen sollten. Mein nerv\u00f6ses Verhalten brachte mir den Spitznamen \u201edas Reh\u201c ein; von den Frauen an Nebentisch h\u00f6rte ich allerdings etwas von Goa\u00df und ein meckerndes Lachen dazu.<\/p>\n<p>Die deutsche Maren aus Reutte in Tirol blieb mir bis zum Schluss ein R\u00e4tsel. Mit zweiundsiebzig Jahren war sie die \u00c4lteste in dieser Runde, an den zweiundzwanzig Tagen der Kur jeden Tag zu jedem Auftritt war sie unterschiedlich angezogen, immer elegant im Stil einer Boutiquen-Verk\u00e4uferin mit den passenden Schuhen, Ledertaschen, Schals, T\u00fcchern, Ponchos und viel Echtgold und Silberklunkern. Obwohl ein bisschen tattrig, vergesslich, leicht verwirrt und gesundheitlich angeschlagen \u2013 sie konnte bei vielen Therapien nicht mitmachen \u2013 war sie am Tisch laut und dauergespr\u00e4chig, dabei kam ihre Stimme aber so schnattrig her\u00fcber, dass ich wie aus einer Horde mit G\u00e4nsen ihre einzelnen Geschichten und Witze nicht verstehen konnte. Sie sprach dabei so ausgepr\u00e4gt norddeutsch, reichsdeutsch oder piefkinesisch h\u00e4tte man fr\u00fcher in diesen Gegenden gesagt, ohne vom geringsten Einschlag ins \u00d6sterreichische angekr\u00e4nkelt zu sein, wie sie es schaffte, in dieser Runde so angenommen zu werden. Geschweige denn wie sie zu einer \u00f6sterreichischen Krankenkassenkur kam. Vielleicht konnte sie mit ihrem Aussehen und Auftreten wie f\u00fcr einen Abend in Monte Carlo den Eindruck erwecken, dass sie immens reich und wichtig sei. Alle ihre S\u00e4tze begannen mit <em>ich<\/em> und im Weiteren h\u00f6rte man noch <em>meine Tochter<\/em>, <em>meine Enkel, die Firma<\/em> heraus. Ich sah sie nie etwas anderes essen als Suppe, Magerjoghurt und Sauerkraut. Daf\u00fcr rauchte sie wie ein verstopfter Kamin und hatte eine Stimme wie der Star vom Moulin Rouge, im Rauchersalettl vor dem Haupteingang war sie immer Mittelpunkt.<\/p>\n<p>Sie hatte viele Krankheiten, Knochensch\u00e4den, zu hohe Schilddr\u00fcsenwerte, Atembeschwerden und war untergewichtig mit der Figur einer Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen. Ihr feines, zu jeder Tageszeit perfekt zurechtgemachtes Gesicht hatte die Farbe von vergilbtem Seidenpapier, zerknittert und durchsichtig, manchmal in Silbrige scheinend. Immer, wenn ich sie ansah, erschrak ich; nicht, weil sie unh\u00fcbsch gewesen w\u00e4re, durchaus nicht, wenn sie gr\u00f6\u00dfer gewesen w\u00e4re, k\u00f6nnte sie auch einmal gemodelt haben oder heute noch f\u00fcr Silberr\u00fcckenmode posieren. Aber ich meinte immer, es m\u00fcsste knistern oder leise rieseln wie Kalk im Geb\u00e4lk oder kleine W\u00f6lkchen von Rauch oder Asche um sie aufsteigen. Konnte man das Rieseln des Sandes im Uhrglas h\u00f6ren? Es war nichts zu h\u00f6ren und zu sehen, so wie man es bei ihrem Anblick erwartete. Dass nicht eintraf, was man erwartete, das machte den Schrecken aus. Das erinnerte mich an die grauenvollen Tage mit einem Scirocco in Sizilien, der einen fast um den Verstand brachte, weil er trotz allen Tosens des Meeres, Rasens durch die Dorfstra\u00dfen, Klapperns aller Gartenm\u00f6bel, des Fensterl\u00e4denr\u00fcttelns und Heulens um die H\u00e4user und die niedergedr\u00fcckten B\u00e4ume keine Erfrischung und Abk\u00fchlung brachte, wie wir es sonst von Winden gewohnt sind, sondern im Gegenteil noch mehr Hitze und Schw\u00fcle aus der Sahara.<\/p>\n<p>Wirklich zu bewundern war Marens Organisationstalent; mehrmals pro Woche schaffte sie es, einen Friseur aufzusuchen \u2013 im Hotel Excelsior, De Luxe, Grand? &#8211; und mehrmals Stil und L\u00e4nge \u00e4ndern zu lassen, so deutlich, dass beim Abendessen im Speisesaal anfangs von nichts anderem die Rede war, manchmal ausgesprochen und laut, manchmal wie ein Raunen. Diese ober\u00f6sterreichischen, salzburgerischen und k\u00e4rntnerischen Ko-Gebietskrankenkassenkurempf\u00e4nger gingen mit Marens pronounciertem Piefketum humorvoll und locker um. Mehrmals habe ich sie Mariedl oder Mitzi, Madl, kum her do, rufen geh\u00f6rt. Maren war auch an anderen Tischen begehrt, sie wechselte oft kreuz und quer \u00fcber die G\u00e4nge hinweg oder stand in der Mitte und machte Konversation nach jeder Seite.<\/p>\n<p>An meinem Tisch dagegen ging es fast so ruhig zu wie in einem Trappistenkloster; Nikola l\u00e4chelte ewig aus seinem schief geneigten Kopf und schwieg wie ein Fisch, Petra und Kurt waren damit besch\u00e4ftigt, das Essen zu genie\u00dfen, and\u00e4chtig und langsam, sie schoben einander unauff\u00e4llig die Leckerbissen zu, sie zelebrierten die gemeinsamen Mahlzeiten. Beide sind Zwei-Schichtarbeiter und haben einander h\u00f6chstens an Wochenenden. Mir gefiel besonders, dass sie sich vor dem Zulangen immer an die H\u00e4nde fassten, kurz in die Augen schauten, auf den Mund k\u00fcssten und \u201ean guatn\u201c w\u00fcnschten. Das kenne ich von ober\u00f6sterreichischen Katholiken. Petra hat auf ihrem Handy nicht nur ihre Kinder und Enkelkinder vorzuzeigen, sondern auch die kleine Hauskirche auf ihrem Grundst\u00fcck, die seit 1856 im Besitz ihrer Familie ist. Erst vor Kurzem wurde der Glockenturm erneuert; ihr 78-j\u00e4hriger Vater kletterte auf das Dach und h\u00e4ngte eigenh\u00e4ndig die von ihm renovierte Glocke auf. Fenster und Mauern brauchen noch etwas Arbeit \u2013 alles zu sehen auf den am Handy vorgezeigten Fotos. Die Freizeit verbrachten sie jeden Tag in der Felsentherme, abends gingen sie manchmal tanzen. In den Bergen oder auf meinen Ortsstreifz\u00fcgen durch Hofgastein traf ich sie nie.<\/p>\n<p>Maren, die Deutsche, war vom Aussehen und Auftreten her die auff\u00e4lligste Person in unserer Kurschicht. Ich wunderte mich: Sie musste, um dorthin zu gelangen, eine \u00f6sterreichische Krankenkasse, also eine \u00f6sterreichische Arbeitsgeschichte haben. Bei der Ankunft habe ich mitbekommen, dass sie ihre Tochter aus Reutte in Tirol hierher gefahren hat, mit dem Auto, meine Tochter bleibt eine Nacht, ihre zwei Kinder sind in Betreuung, im Raucher-Pavillon sehe ich kurz die Tochter, die nie mit ihrer Mutter spricht, sondern nur an zwei Handys mit ihrer Firma, ja, ich bin morgen Mittag wieder da.<br \/>\nIch kam mit der Bahn an und bekam ein Taxi-Shuttle zum Kurhotel. Ihre Tochter lud drei Riesenkoffer mit dicken, silber umfassten Zippverschl\u00fcssen und Schnallen, und zwei lederne Reisetaschen aus dem Auto, daneben noch zwei kompakte Sch\u00f6nheitskoffer, Marke Samsonite, kenne ich, hatte sie fr\u00fcher auch.<\/p>\n<p>Den Raucher-Pavillon besuchte ich nie wieder, ich hatte ja mein Einzelzimmer mit der sonnigen Loggia, mit pr\u00e4chtigem Ausblick auf die tief verschneiten Tauern, den Graukogel, den Kreuzkogel und den Stubenberg, und ein kleines St\u00fcck nach links auch noch hinunter ins Tal von Hofgastein. Vor mir lag die Eisenbahn mit dem Bahnhof. Der Blick auf das Bahnhofsgeb\u00e4ude selbst war verdeckt von der gl\u00e4sernen Br\u00fccke \u00fcber die Gleise und die Stra\u00dfe, aber ich konnte die aus dem Tauerntunnel einfahrenden Z\u00fcge sehen. Vor allem aber h\u00f6ren. Trotz der meterhohen Schallmauern war ihr L\u00e4rm enorm, oder sie verst\u00e4rkten ihn noch mit ihrer Trichterform, vor allem die langen, schwer beladenen Lastz\u00fcge, die Tag und Nacht \u00fcber den Tauernpass und durch die Schlucht von Bad Gastein donnerten. Donnern war das eine, das andere war ein langgezogenes und durchdringendes Quietschen, eben die Bremsen. Das Gef\u00e4lle vom B\u00f6ckstein-Tunnel her war gro\u00df, die Strecke gewunden, und die Z\u00fcge mussten bremsen. Tonnenschwere Waggons mit Baumst\u00e4mmen, Containern, Lastwagen \u2013 die rollende Landstra\u00dfe. Immerzu musste ich an verzogene Containert\u00fcrme, an verrutschte Baumst\u00e4mme und schiefliegende Lkw denken.<\/p>\n<p>Am ersten Abend f\u00fcrchtete ich, ich w\u00fcrde kein Auge zudr\u00fccken k\u00f6nnen. In welche L\u00e4rmh\u00f6lle hatte mich die Krankenkasse geschickt? Ich, die immer schon in einem ruhigen Wiener Hinterhof ohne lautere Ger\u00e4usche als das Amselfl\u00f6ten wohne! Aber ein Wunder geschah. Ich schlief am ersten Abend schon um acht Uhr ein und mit nur einer Unterbrechung acht Stunden lang! Wundersam, ohne Albtr\u00e4ume! Ohne jedes Hilfsmittel! Ich integrierte die Ger\u00e4usche erstaunlich schnell in die Tage und N\u00e4chte und \u00fcberlie\u00df mich fast wohlig dem Mahlstrom des Kuralltags.<br \/>\nZug-, Flucht- und Tunneltr\u00e4ume, von Reisen in Kutschen mit wild gewordenen Pferden, von entgleisenden Hochschaubahnen und umst\u00fcrzenden Einb\u00e4umen habe ich immer schon gehabt, so lange ich mich erinnere. In meinem vegetativen Baby-Zustand blieben die Nachtmahrfilme aber vollst\u00e4ndig aus.<\/p>\n<p>Die Anstalts\u00e4rztin Dr. Anna Maria Stampfl, eine kluge und praktische Frau, der ich von diesem Wunder erz\u00e4hlte, erkl\u00e4rte es mit der H\u00f6henlage Bad Gasteins von 1066 Metern und damit, dass wir eben Menschen seien und nicht Automaten, da ist alles m\u00f6glich. Vollends nahm sie mich f\u00fcr sich ein, als sie am Ende ihres Einf\u00fchrungsvortrages die Frage an das Publikum stellte, welche au\u00dfermedizinischen Faktoren denn zur Gesundung beitragen w\u00fcrden? Die Kurg\u00e4ste, die nicht an das Frage-Antwortspiel gewohnt waren, schwiegen, bis ich in die Stille hinein sagte: positiv denken. Frau Dr. Stampfl strahlte \u00fcber den ganzen K\u00f6rper und verdeutlichte es noch: jeden Tag dankbar sein und am Abend daran denken, was alles gut war. Da musste ich mich nicht umgew\u00f6hnen und war heftig an meine Gro\u00dfmutter erinnert, die auch nach diesem Wahlspruch gelebt hatte. Ich traf die Frau Doktor dann nur noch einmal, bei der Palmprozession vom Hauptplatz in die katholische Kirche St. Primus und Felizian, bewehrt mit einem gro\u00dfen, bunt geschm\u00fcckten Palmbuschen.<\/p>\n<p>Der \u00e4rztliche Leiter des Sanatoriums, das sich nicht so nannte, sondern nach dem Begr\u00fcnder Wetzlgut, war Dr. Simeon Marteanu, ein geb\u00fcrtiger Rum\u00e4ne. Anamnese und Erstuntersuchung f\u00fchrte er so, wie ich mir eine Armeeeinberufung vorstelle. Ausziehen bis auf die Unterhose, Arme zur Seite, nach vorne, nach hinten, Fingerspitzen, wenn m\u00f6glich, bis auf den Boden, Rumpf beugen, drehen links, rechts, auf die Waage und Blutdruckmessen. Bei den M\u00e4nnern w\u00e4re noch der unverzichtbare Griff unter die Hoden dazugekommen, auf dem Pferdemarkt noch der Blick ins Gebiss. Mein Vertrauen verlor er aber trotzdem, weil er mir auf die Schilderung meiner Verdauungsprobleme riet, Bananen als Di\u00e4t zu essen, von K\u00e4se zu lassen und Zigaretten zu meiden. Das widersprach so sehr allem Wissen und meinen Gewohnheiten wie wahrscheinlich die Null-Di\u00e4t in rum\u00e4nischen Waisenheimen zum Aufbau der sozialistischen Gesellschaft beigetragen hat.<\/p>\n<p>Auch ohne den Herrn Doktor muss ich etwas l\u00e4nger beim Essen verweilen, weil es sehr schnell zum Hauptthema dieses Kuraufenthaltes wurde. Nicht nur, weil der Tag haupts\u00e4chlich nach den drei Mahlzeiten gegliedert war \u2013 Fr\u00fchst\u00fcck von dreiviertel sieben an bis neun Uhr, Mittagessen um Punkt zw\u00f6lf Uhr, Abendessen um halb sechs. Gleich nach dem ersten Tag bestellte ich prinzipiell die Suppe vor dem Mittagessen ab, das Dessert bekamen Gabi und G\u00fcnter, und stornierte das Abendessen. Ich legte mir im Zimmerk\u00fchlschrank ein kleines Vorratslager an: eine Packung Pumpernickel, einen Block Magerk\u00e4se, Nescafe-Briefchen, Kr\u00e4utertees, K\u00e4sechips und hartgekochte Ostereier. Vom Fr\u00fchst\u00fccksbuffet schmuggelte ich Sch\u00fcsselchen mit Obstsalat und Gem\u00fcse ins Zimmer, damit ich versorgt war, sollte abends Hunger aufkommen. Obwohl ich praktisch f\u00fcr jeden Tag das vegetarische Men\u00fc angekreuzt hatte, d\u00fcrfte ich doch anfangs zu viel Fleisch und Wurst zu mir genommen haben, was ich von zu Hause nicht gewohnt war. Wahrscheinlich lag das Problem aber bei den Fetten, mit denen in der Kurk\u00fcche gekocht wurde, die meine Ged\u00e4rme nicht vertrugen. Sie begannen zu streiken und gaben fast nichts mehr von sich. Als ich das erkannte und die Notbremse zog, war es zu sp\u00e4t. Links, im absteigenden Dickdarm lag der tote Hund und wollte mich nicht mehr verlassen.<\/p>\n<p>Die Schmerzen, wegen der ich die Kur angetreten hatte, wurde ich ziemlich schnell los, zuerst die auf der linken Seite der Lendenwirbels\u00e4ule, in der zweiten Woche auch die bis ins Knie ausstrahlenden Beschwerden auf der rechten. Also war der Kurzweck erf\u00fcllt, und ich freute mich schon auf die vermehrten schmerzfreien Spazierg\u00e4nge. Da machte mir aber der Dickdarm einen Strich durch die Rechnung. Seit sich die Schmerzen in der Lendenwirbels\u00e4ule verfl\u00fcchtigt hatten, begann der tote Hund so zu schmerzen, dass ich manchmal nicht aufstehen und gehen konnte. Ich hatte den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben. Ich hatte mir f\u00fcr die Ischias-Schmerzen einen Morbus Crohn eingehandelt.<br \/>\nDen Stabsarzt konsultierte ich nicht mehr, sondern traktierte mich weiter mit den Hausmitteln, den bitteren Kr\u00e4utertees, dem Joghurt, D\u00f6rrpflaumen, Sauerkraut und Schwarzbrot. Das mit Radon versetzte Heilwasser trank ich schon eimerweise, obwohl es in der Empfehlung hie\u00df, man solle, je nach K\u00f6rperbau, nicht mehr als einen halben bis einen Liter pro Tag zu sich nehmen. Meine Mahlzeiten schob ich immer h\u00e4ufiger zur G\u00e4nze meinen Tischnachbarn zu, Petra war \u00fcberschlank und vertrug die doppelte Menge, der ohnedies rundliche Kurt a\u00df alles gerne und ohne schlechtes Gewissen, und Petra lie\u00df ihm sein Vergn\u00fcgen und w\u00fcnschte ihm immer lachend \u201ean guadn\u201c &#8211; eine tolerantere Ehefrau habe ich noch nie erlebt.<\/p>\n<p>In der dritten Woche kam f\u00fcr mich von unerwarteter Seite die Erl\u00f6sung. Ich hatte privat eine Lymphdrainage gebucht \u2013 eigentlich eine Sch\u00f6nheitsma\u00dfnahme \u2013 und erz\u00e4hlte der Therapeutin von meinem Leidensweg. Sie verabreichte mir eine Darmmassage und ertastete tats\u00e4chlich den ausgebeulten Dickdarm, den sie dann nicht mehr in Ruhe lie\u00df. Nach einer zweiten und dritten Behandlung in den folgenden Tagen begann sich etwas zu bewegen, zu glucksen und zu rutschen, und dann verbrachte ich den Rest des Tages und die Nacht in meinem Badezimmer mit befreienden Sitzungen.<br \/>\nDie Kur, ein doppelter Erfolg! Nicht nur hatte ich die mitgebrachten Schmerzen besiegt, sondern auch das in der Anstalt eingefangene Leiden.<\/p>\n<p>In der Freude und dem \u00dcbermut \u00fcber die Genesung machte ich mich am vorletzten Tag zu einer Wanderung nach Alt-B\u00f6ckstein auf, um den Heilstollen zu besichtigen. Ich wollte mich dort nicht behandeln lassen, sondern hatte nur eine touristische Schnuppertour gebucht. Als sich die Besucher vor dem offenen B\u00e4hnlein sammelten, sah ich unter den Wartenden auch den gesamten Nachbartisch mit Sabine, Silvia, Walter, Hermann und Maren samt der Lach- Gitti. Kurzes Begr\u00fc\u00dfen, und wir verteilten uns in den Waggons.<br \/>\nDas Angebot sah auch ein Glas Sekt vor und ein \u00dcberraschungsgeschenk \u2013 es war in ein Fl\u00e4schchen Zirbenschnaps und ein Gesteinsbrocken in einem h\u00fcbschen Leinens\u00e4ckchen mit aufgestickten Zirbenbockerln. Die Besucherbahn lief auf schmalen Schienen wie ein Ariadnefaden in den Berg hinein und drehte ihre Runden durch die verschiedenen Verzweigungen des Heilstollens, vorbei an den auf Liegen ruhenden Patienten, die sich und ihre Leiden den Radon-Strahlen aussetzten. Am Scheitelpunkt hie\u00df es aussteigen, und es wurde eine kurze Informationsveranstaltung mit Film angeboten. Mir war gar nicht wohl, entweder war es die Schw\u00fcle und Feuchtigkeit im Stollen, die mir Herzrasen bereiteten, oder ich war schon zu sehr mit meinem eigenen Radon angereichert, oder es war meine lebenslange Abneigung gegen Tunnels, H\u00f6hlen und dergleichen unterirdische R\u00e4ume. Immer war mir bewusst, dass dies nicht mein ureigenstes Element war, eher die Erdoberfl\u00e4che, das Wasser und von mir aus auch noch die Luft. In einem anderen Leben w\u00fcrde ich sicher eher Vulkan- als H\u00f6hlenforscherin werden. Ich entfernte mich von der Gruppe und bestieg schnell den n\u00e4chsten zur R\u00fcckfahrt wartenden Zug. Fast im Laufschritt st\u00fcrzte ich den Wanderweg aus dem Anlauftal hinaus, rastete mehrmals am Ufer der jungen Gasteiner Ache, f\u00fchlte nach meinem rasenden Puls und nahm den Postbus bis zum Sanatorium. Ich kam erst zum Stillstand, als ich mich in Nummer 662 auf das Bett fallen lie\u00df.<\/p>\n<p>Ich musste eingeschlafen sein, weil ich noch mit dem Horrorgef\u00fchl aus dem Stollen aufwachte. Wie immer hatte ich mich vom Abendessen abgemeldet, aber es klopfte an der T\u00fcr, was noch nie geschehen war, au\u00dfer am Morgen, wenn die Putzfrau wissen wollte, ob sie das Zimmer betreten d\u00fcrfe. Es war mehr ein Pochen, Trommeln oder ans Tor Schlagen. Aber es war nicht meine sanfte Gordana, sondern die Rezeptionistin und hinter ihm der Anstaltsdirektor, Herr Kurt Primsacker pers\u00f6nlich, etwas aufgel\u00f6st, wie mir schien, er, der immer nur korrekt und in alpiner Edel-Haute Couture gestylt auftauchte, mit fliehender Stimme, zerw\u00fchlten Haaren und verrutschtem enzianverzierten Leinent\u00fcchlein im Hemdausschnitt.<br \/>\n&#8211; Frau Magister, sind Sie da? Wo sind die anderen?<br \/>\n&#8211; Warum nicht da? Ich bin da. Welche anderen? Ich war sicher noch zu traumverloren oder radonvergiftet und verstand nichts.<br \/>\n&#8211; Bitte, kommen Sie herein.<br \/>\nDie Rezeptionistin zog sich zur\u00fcck, und der Direktor betrat mein Zimmer, das ich zum Gl\u00fcck aufgrund meiner notorischen Ordentlichkeit wie immer im Zustand der Unbewohntheit hinterlassen hatte.<br \/>\nSie tuan kuren, ich putzen, Sie nix aufr\u00e4umen tuan, fiel mir die stets mahnende Gordana ein.<br \/>\n&#8211; Sie sind nicht zur\u00fcckgekommen, haben Sie sie gesehen?<\/p>\n<p>Ich setzte mich auf und versuchte mich zu sammeln. Ein Gro\u00dfteil der zweiten Schicht, die nach uns die Mahlzeiten einnahm, waren Privatpatienten, die sich im Stollen einer Behandlung unterzogen. Ich sah sie jeden Morgen sich vor dem Haupteingang versammeln, wenn sie mit dem Bustaxi abgeholt wurden. Einige von ihnen hatte ich auf meiner Schnupperfahrt durch die Stollen erkannt, obwohl sie dort in Badebekleidung oder unter Handt\u00fcchern auf den Betten lagen. Manche hatten dem Besucherzug zugewinkt und dann wieder ihre wunden K\u00f6rper hoffnungsvoll der heilsamen Strahlung aus dem Fels zugedreht.<br \/>\n&#8211; Haben sie das Taxi vers\u00e4umt oder ist das Taxi nicht gekommen? Direktor Primsacker sch\u00fcttelte den Kopf und fuhr sich mit beiden H\u00e4nden durch die ohnedies schon zerw\u00fchlten Haare. Die gepflegte silberne M\u00e4hne, fast so lang und voll wie die seines h\u00fcbschen, blond gelockten Sohnes, der manchmal an der Rezeption praktizierte, stand ihm vom Kopf, und er wischte sich mit einem aus dem Grobleinensakko gezogenen Taschentuch die schwei\u00df- gl\u00e4nzende Stirn. Er war in gr\u00f6\u00dfter Aufruhr, und ich musste mich erst sammeln und die Stollenbilder vertreiben.<br \/>\n&#8211; Frau Magister, bitte, was haben Sie gesehen?<br \/>\nErst langsam wurde klar, dass die Gruppe vom Siebener-Tisch plus Tiroler-Gitti nicht in die Anstalt zur\u00fcckgekommen war.<\/p>\n<p>Der Direktor schlug vor, er bat mich \u00fcberschw\u00e4nglich darum und flehte geradezu, dass wir zur Rezeption gehen sollten, dort h\u00e4tte er alle Telefone und vielleicht auch andere Augenzeugen zur Verf\u00fcgung. Da erst bemerkte ich, dass ich die Bergschuhe zu meinem Schlummer nicht ausgezogen hatte. Der Empfangssaal neben der Rezeption glich einem Bienenstock, die erste Schicht des Abendessens war versammelt, dazu noch die Hausarbeiter und einige Taxifahrer. Alle sprachen durcheinander, der L\u00e4rmpegel war erheblich. Ich suchte mir einen Platz in der Ecke, wo ich meine Zeitungen zu lesen pflegte. Unwillig rutschten die Leute zur Seite und schauten auf den Boden. Ich sp\u00fcrte es k\u00f6rperlich, dass sie mich f\u00fcr irgendetwas schuldig hielten, eine Energie der Aggression. Der Direktor baute sich auf den Stufen auf, verschaffte sich mit H\u00e4ndeklatschen Geh\u00f6r und stellte die momentane Situation klar:<br \/>\n&#8211; Sechs Kurg\u00e4ste sind bis jetzt aus dem Stollen nicht zur\u00fcckgekommen, wer etwas dazu wei\u00df, soll es sagen, bitte. Das ist noch nie vorgekommen. Aber es wird sich alles erkl\u00e4ren lassen und l\u00f6sen, meine Damen und Herren! Bitte, Ruhe bewahren.<br \/>\nDer Direktor selbst zeigte aber ein gegenteiliges Bild, er zupfte abwechselnd an seinem Halstuch und an seiner Haarm\u00e4hne herum, die Bartstoppeln an seinem Kinn schienen in doppelter Geschwindigkeit zu wachsen.<\/p>\n<p>Es fing ein Taxifahrer an, der die Leute in einem Kleinbus um zwei Uhr hingefahren hatte und um vier Uhr drei\u00dfig wieder abholen sollte, so wie es bestellt war. Aber sie kamen nicht. Er wartete und rief die Rezeption an, ob sich etwas ge\u00e4ndert h\u00e4tte. Nein.<br \/>\nDer Mann erinnerte sich, dass sie etwas sp\u00e4ter vom Wetzlgut abgefahren seien, weil eine \u00e4ltere Dame etwas vergessen habe und noch einmal auf ihr Zimmer zur\u00fcckgelaufen sei, aber sp\u00e4ter als vierzehn Uhr zehn sei es nicht gewesen, als sie losfuhren, das hat er auf der Zeitanzeige gesehen neben dem Lenkrad. Zwanzig Minuten Autofahrt bis zum Stollen, mehr nicht. Sie sind am Parkplatz ausgestiegen, sie haben noch geraucht, dann sind alle gemeinsam rein. Mehr wei\u00df er nicht, er hat umgedreht und ist zur\u00fcck auf seinen Standplatz vor dem Bahnhof. Die R\u00fcckfahrt hat ein Kollege \u00fcbernommen. Der ist gerade nicht da, weil er eine Tour hat, er kann keine auslassen, muss verdienen, er hat vier Kinder. Da polterte es in den Eingangst\u00fcren, Polizei- und Bergwachtpersonal, Feuerwehrleute und die \u00fcblichen Flugretter betraten die Stube, martialisch die einen wie die anderen, wenn auch unterschiedlich kost\u00fcmiert.<br \/>\nLange ging es hin und her mit den Befragungen, auch ich kam dran, aber ich konnte nicht mehr aussagen, als dass sie mit mir reingefahren waren, ich sie aus den Augen verloren hatte und dann wieder raus bin. Wir waren ja auch nicht gemeinsam als Gruppe hingekommen. Die Polizei nahm meine Aussage auf und lie\u00df mich weiter in Ruhe. Ein alter Tiroler neben mir murmelte:<br \/>\n&#8211; Der Berkh hots gholt und gibt sie nimma her. So sans, die Berkg.<br \/>\nEr muss einmal Volkskundler gewesen sein.<\/p>\n<p>Eine Asthmatikerin, die schon seit vielen Jahren in den Stollen f\u00e4hrt, wollte wissen, dass der Berg sich selbst versiegelt, er verschlie\u00dft seinen Bauch.<br \/>\nUnd die sichtbar an schrecklicher Psoriasis leidende Nachbarin unterst\u00fctzte sie:<br \/>\n&#8211; Ja, er rutscht jedes Jahr in sich zusammen, um ein bis zwei Zentimeter, so viel wie Fingern\u00e4gel wachsen. In vierzig Jahren hat sich der Stollen selbst verschlossen.<br \/>\nAndere unterhielten sich \u00fcber die M\u00f6glichkeit, ob sie vielleicht von Grubenhunten verschleppt worden seien.<br \/>\nDer weit fortgeschrittene Morbus Bechterev machte es der Schweizerin mir gegen\u00fcber unm\u00f6glich, ihren Blick gegen Himmel zu richten, aber zumindest ihre verkr\u00fcppelten Arme konnte sie noch leicht in die H\u00f6he strecken:<br \/>\n&#8211; Ein Wunder ist geschehen, sie haben die Grenze \u00fcberwunden und sind im Paradies.<br \/>\nSie schien eine \u00fcberirdische Vision zu haben, vielleicht die Erl\u00f6sung von ihrer Krankheit.<br \/>\nMit Ekstase in der Stimme setzte sie noch eine apokalyptische Drohung hinzu:<br \/>\n&#8211; Verflucht sei, wer mir nicht glaubt.<br \/>\nN\u00fcchterner dagegen lie\u00df sich der alte Volkskundler noch einmal vernehmen:<br \/>\n&#8211; D\u00f6s sein sicha die totn Berkhleit vom Goldstollen gwen, hiazt tuan sa si r\u00e4chan, denan entkommt niemand.<br \/>\nDas waren freilich Aussagen, mit denen die Polizei nicht viel anfangen konnte, geh\u00f6rten sie doch in den Bereich des vergriffenen Buches \u201eSagen und M\u00e4rchen aus dem Gasteinertal\u201c.<br \/>\nDer Fall wurde nach Wochen als ungel\u00f6st abgeschlossen im Archiv abgelegt. Nach anf\u00e4nglich regem Interesse verga\u00dfen ihn auch die Medien bald.<\/p>\n<p>Nur eines war auff\u00e4llig, aber niemand verfolgte das weiter oder brachte es in Zusammenhang mit den sechs Verschollenen. Im Telefonh\u00e4uschen vor dem Polizeiposten von Mallnitz-Obervellach, wo der Tauerntunnel nach K\u00e4rnten m\u00fcndet, klingelte es einige Male. Wenn der Kommandant abnahm, war nur ein Hauchen zu h\u00f6ren, ein Keuchen und Kratzen wie von Raucherhusten, verst\u00fcmmelt, zerbrochen und abgerissen. Lausbuam, verflixte, murmelte er und sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>\nAls im n\u00e4chsten Fr\u00fchjahr rund um das Telefonh\u00fctterl sechs junge Zirben aus dem Boden sprossen, dachte schon lange niemand mehr an das Geheimnis des Stollens.<\/p>\n<p><em>Strange events permit themselves the luxury of occuring.<br \/>\nCharly Chan<\/em><\/p>\n<p>31. 4.\/1.5.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 17123<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Empfang war freundlich und pers\u00f6nlich wie in einem Hotel. 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