{"id":6527,"date":"2017-05-18T16:42:55","date_gmt":"2017-05-18T16:42:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6527"},"modified":"2017-05-21T08:16:01","modified_gmt":"2017-05-21T08:16:01","slug":"live","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6527","title":{"rendered":"Live"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6527&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6527&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Eine verschissene Minute hat Egon Zeit, um diese Aufgabe zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Sie lautet folgenderma\u00dfen:<br \/>\n\u201eEin Vater verdient im Monat 40 % mehr als sein Sohn. Die Mutter verdient die H\u00e4lfte von dem, was der Sohn verdient. Die Tochter verdient 2\/3 dessen, was die Mutter verdient. Das Gesamteinkommen der Familie betr\u00e4gt 9.700 Euro. Wie viel Lehrlingsentsch\u00e4digung erh\u00e4lt die Tochter?\u201c<\/p>\n<p>Egon darf keine Notizen machen. Ja, es ist nicht so eine superknifflige Rechnung wie 2817, aber es geht auch nicht um eine Million Euro, sondern nur um 50.000. Er ist auch nicht in der Show eines anerkannten Fernsehsenders, sondern in der eines aufstrebenden YouTube-Kanals. Daf\u00fcr ist es live. Die Show hei\u00dft: \u201eDu schaffst es!\u201c Sie ist stark an die \u201eMillionenshow\u201c angelehnt, allerdings sind die Fragen und Aufgaben und das Ambiente der Show, die Musik, das Publikum, f\u00fcr j\u00fcngere Leute ausgelegt. Sie ist jeden Samstag. Finanziert wird die Show \u00fcber Werbung im Netz. Die Klickzahl ist hoch.<\/p>\n<p>Egon h\u00e4tte sich auch mit 25.000 Euro begn\u00fcgen und aussteigen k\u00f6nnen. Die 50.000 sind der Hauptgewinn. Versagt er bei dieser letzten Aufgabe, f\u00e4llt er auf 2.000 Euro zur\u00fcck, die sind ihm sicher.<\/p>\n<p>Egon ist ein junger Mann von einundzwanzig Jahren. Er ist ein kluger Kopf, aber er hat weder die Matura, noch eine Ausbildung beendet. Per se ist er damit Hilfsarbeiter. Seine Freundin Martha sitzt im Publikum zwischen jungen, bunten Leuten. Sie ist zwanzig. Sie hat Friseurin gelernt, aber auch nicht fertig. Die beiden leben zusammen in einer Ein-Zimmer-Wohnung auf zweiunddrei\u00dfig Quadratmetern. Sie haben praktisch nie Geld. Sie sparen, wo es irgend m\u00f6glich ist, zum Beispiel im Winter beim Heizen \u2013 sie ziehen sich mehrere Pullover \u00fcber. Sie sind wirklich abgefuckt. Zudem ist Martha ist einer speziellen Verfassung \u2013 sie ist schwanger, in der siebenten Woche, da ist noch alles m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Sie wird immer wieder ins Bild ger\u00fcckt. Wahrscheinlich erwartet man von ihr, dass ihr bange und sie gespannt ist, und jubelt, wenn Egon eine Frage richtig beantwortet hat. Dagegen wirkt Martha wie geistesabwesend, nicht bei der Sache, ruhig sitzt sie auf ihrem Platz, sie erf\u00fcllt nicht das Klischee der mitfiebernden Partnerin. Obwohl nat\u00fcrlich dieser Eindruck t\u00e4uscht, sie ist zu hundert Prozent mit dabei, es ist nur Selbstschutz, sich geistig vom Geschehen zu entfernen, um nicht \u00fcberzuschnappen geradezu, es geht ja schlie\u00dflich um viel \u2013 oder sehr wenig.<\/p>\n<p>Das Publikum sitzt rund um den Moderator und Egon, wie in einem griechischen Theater, die erste Reihe ist am Boden, danach wachsen die Reihen in die H\u00f6he. Martha sitzt in der ersten Reihe. Traut sie Egon die richtige L\u00f6sung der Aufgabe zu? Sie wei\u00df es selbst nicht recht, prinzipiell schon \u2013 Egon ist ein guter Mathematiker und schneller Kopfrechner \u2013, dagegen spricht, dass er sichtbar nerv\u00f6s ist, zwanzig Sekunden bereits vergangen sind \u2013 der Countdown wird auf einem gro\u00dfen Display zwischen dem Moderator und Egon in gr\u00fcnen Ziffern angezeigt \u2013, und dass manche Leute im Publikum St\u00f6rger\u00e4usche machen, zzzzz und brrr und aaaa und oooo. Diese Leute sind doch sicherlich von den Machern der Show bezahlt, \u00e4rgert sich Martha, die Macher der Show, ja, Martha hat sie kennengelernt, drei junge Leute mit stets entspannten Gesichtsz\u00fcgen und ohne Geldsorgen \u2013 geht die Show schief, liegen sie halt wieder ihren Eltern auf der Tasche. Aber klar, das ist Kapitalismus, die drei zahlen lieber 2.000 Euro aus als 50.000.<\/p>\n<p>Martha bem\u00fcht sich, Egon nicht anzusehen, da, falls er zur\u00fcck zu ihr blicken sollte, ihn das aus seiner Konzentration rei\u00dfen w\u00fcrde. Die an der Decke befestigten Scheinwerfer scheinen gerade auf den Boden. Nachdem eine Frage beantwortet wird, schwenken sie in die Mitte zu Moderator und Egon. Das soll einen dramatischen Effekt erzeugen \u2013 auch das ist von der \u201eMillionenshow\u201c abgekupfert. Egon ist kribbelig, sein R\u00fccken ist gerundet, er beugt sich nach vor, gleichzeitig ist er absolut fokussiert.<\/p>\n<p>Er hat die Rechnung im Kopf aufgestellt. Er schreibt auf die Innenseite seiner Stirn wie auf ein Blatt Papier. Er hat noch f\u00fcnfunddrei\u00dfig Sekunden. Da es vier Personen sind, braucht man vier Gleichungen. Die Rechnung funktioniert wie folgt:<\/p>\n<p>Einkommen des Sohnes = x<br \/>\nEinkommen des Vaters = x + 40\/100 x = 5\/5 x 2\/5 x = 7\/5 x<br \/>\nEinkommen der Mutter = 1\/2 x<br \/>\nEinkommen der Tochter = 2\/6 x = 1\/3 x<br \/>\nx + 7\/5 x + 1\/2 x + 1\/3 x = 9700 Euro<\/p>\n<p>Egon h\u00e4lt den Kopf gesenkt. Kurz blickt er zum Moderator, der ihn feixend ansieht. Was will er damit? Ihm helfen sicherlich nicht, wenn, dann will er Egon aus dem Konzept bringen, eventuell m\u00f6chte er auch das Publikum beziehungsweise die Zuseher im Internet unterhalten, witzig wirken halt. Noch drei\u00dfig Sekunden. Egon rechnet weiter:<\/p>\n<p>Die Bruchzahlen auf einen gemeinsamen Nenner (30) bringen.<br \/>\n30\/30 x + 42\/30 x + 15\/30 x + 10\/30 x = 9700 Euro<br \/>\nDann wird addiert.<br \/>\n97\/30 x = 9700 Euro<\/p>\n<p>Noch zwanzig Sekunden. Egon liegt im Plan. Die Rechnung erscheint ihm logisch. Er ist sich sicher, dass sie richtig ist. Wenn das mit dem Gewinn der 50.000 Euro hinhaut, ist die n\u00e4here Zukunft geritzt. Martha und er ziehen in eine komfortable Mietwohnung, in der es niemals kalt sein wird. Sie werden beide den B-F\u00fchrerschein machen. Dann kaufen sie ein ger\u00e4umiges Auto. Martha wird Mutter werden, er wird Vater werden. Und n\u00e4chstes Jahr fahren sie im Sommer nach Ibiza, Party, Party \u2013 das muss sein. So ist das Ganze gedacht. Das Abschweifen hat f\u00fcnf Sekunden gekostet, trotzdem ist noch genug Zeit. Egon f\u00fchrt die Rechnung fort:<\/p>\n<p>Beide Seiten der Gleichung durch 97 teilen.<br \/>\n1\/30 x = 100 Euro<br \/>\nBeide Seiten der Gleichung mit 30 multiplizieren.<br \/>\nx = 3000 Euro = Einkommen des Sohnes<\/p>\n<p>Noch zehn Sekunden, in gr\u00fcnen Ziffern deutlich sichtbar auf dem gro\u00dfen Display. Egons Nervosit\u00e4t hat sich ziemlich gelegt. Im Stadium der Aktivit\u00e4t, des Rechnens, ist einfach kein Platz daf\u00fcr. Martha leidet auf ihrem Platz. Sie kann nichts tun, kann Egon nicht helfen. Sie sieht auf ihren Bauch, es ist noch nichts zu sehen. Die St\u00f6rger\u00e4usche, sie sind jetzt lauter geworden, sie zischen in Marthas Ohren. Und jetzt nimmt sie auch Egon wahr. Zzzzz und brrr und aaaa und oooo. Egon schlie\u00dft die Rechnung ab, die St\u00f6rger\u00e4usche perlen an ihm ab wie Regen an einer Regenjacke:<\/p>\n<p>Einkommen des Vaters = 3000 Euro + 1200 Euro = 4200 Euro<br \/>\nEinkommen der Mutter = 3000 Euro : 2 = 1500 Euro<br \/>\nEinkommen der Tochter = 3000 Euro : 3 = 1000 Euro<\/p>\n<p>Noch f\u00fcnf Sekunden. \u201eHerr Binder, jetzt kommt es darauf an, sind Sie fertig? Wie lautet die L\u00f6sung?\u201c, fragt der Moderator. Martha schaut starr auf das Metallgestell zwischen Egon und dem Moderator, es ist die Mitte. Die St\u00f6rger\u00e4usche sind noch lauter geworden. Hunderttausend Hornissen brummen. Egon nickt, noch vier Sekunden, er denkt nach, noch drei Sekunden. \u201eWie hoch ist das Einkommen der Mutter?\u201c, das ist die Frage.<\/p>\n<p>\u201e1.500 Euro\u201c, sagt er. Die Scheinwerfer schwenken zur Mitte. Der Moderator hebt die Arme in die H\u00f6he, fast wie ein Priester. \u201e1.500 Euro, sagen Sie, erh\u00e4lt die Tochter an Lehrlingsentsch\u00e4digung?\u201c \u201eNein\u201c, widerspricht Egon, \u201edas ist das Einkommen der Mutter.\u201c \u201eEs wurde nach der H\u00f6he der Lehrlingsentsch\u00e4digung der Tochter gefragt\u201c, f\u00fchrt der Moderator fort. \u201eWarten wir auf die Antwort.\u201c \u201e1.000 Euro\u201c, scheint als Antwort auf einer Anzeige auf.<\/p>\n<p>Egon wei\u00df sie. Er hat eine Verwechslung begangen. Doch eine Verwechslung ist auch ein Fehler. Martha hat den Mund offen und starrt den Moderator an, der demonstrativ und selbstgef\u00e4llig Egon betrauert. Egon steigt mit 2.000 Euro aus dem Spiel aus. Das m\u00fcsste f\u00fcr die Abtreibung reichen. Wahrscheinlich bleibt sogar ein bisschen was \u00fcbrig.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> | Inventarnummer: 17121<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine verschissene Minute hat Egon Zeit, um diese Aufgabe zu l\u00f6sen. Sie lautet folgenderma\u00dfen: \u201eEin Vater verdient im Monat 40 % mehr als sein Sohn. Die Mutter verdient die H\u00e4lfte von dem, was der Sohn verdient. Die Tochter verdient 2\/3 dessen, was die Mutter verdient. Das Gesamteinkommen der Familie betr\u00e4gt 9.700 Euro. 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