{"id":6525,"date":"2017-05-18T16:36:13","date_gmt":"2017-05-18T16:36:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6525"},"modified":"2017-07-09T12:06:10","modified_gmt":"2017-07-09T12:06:10","slug":"der-gammlicher-achter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6525","title":{"rendered":"Der Gammlicher Achter"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6525&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6525&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Mein Name ist Dr. Igor Kushkurow und ich bin J\u00e4ger. Pr\u00e4zise gesagt bin ich der Schwarzrussische Staatsgro\u00dfmeister f\u00fcr die Bejagung von Kreaturen des Bodens und der Luft. Ich kann von dieser Arbeit zwar nicht leben, wenigstens nicht gut, doch ist meine Familie reich. Dieser Umstand, der es mir, nebenbei erw\u00e4hnt, erlaubt, meinen Passionen nachzugehen und meinen Gedanken nachzuh\u00e4ngen, r\u00fchrt daher, dass mein Vater der Besitzer der gr\u00f6\u00dften Waffenfabrik meines Mutterlandes ist.<\/p>\n<p>Der Hang zur Jagd ist meiner Familie immanent. Mein Gro\u00dfvater, Milorad Kushkurow, war der vermutlich gr\u00f6\u00dfte J\u00e4ger, der die schwarzrussischen B\u00f6den und L\u00fcfte von diese bev\u00f6lkernden Kreaturen befreit hat. Er hatte die sogenannte G\u00e4nsefeder erfunden, einen langen Stab aus Bohrstahl, an dessen Spitze eine bruchfeste scharfe Feder aus Blecheisen befestigt war. Die G\u00e4nsefeder ist ein \u00fcberaus geeignetes Instrument, um Wasserv\u00f6gel zur Strecke zu bringen. Man pirscht sich an diese V\u00f6gel, wie beispielsweise Schwarzrussische Wasserfischsichler oder Schwarzrussische Karpfenschn\u00e4bler, an, idealiter lautlos, und erlegt sie vermittels eines kr\u00e4ftigen und hoffentlich gezielten Vorw\u00e4rtssto\u00dfes.<br \/>\nDer Erfolg dieser Erfindung meines Ahnen war \u00fcberw\u00e4ltigend. Die bis zu diesem Zeitpunkt gebr\u00e4uchliche Finkenfeder geriet alsbald in Vergessenheit.<\/p>\n<p>Nun, mein Gro\u00dfvater war derma\u00dfen \u00fcberzeugt von seiner Waffe, dass er den Fehler beging, der der erste sein sollte, den er je begangen hatte. Ich muss hinzuf\u00fcgen, dass dieser Fehler gleichzeitig sein letzter war. Gro\u00dfvater Milorad hatte n\u00e4mlich versucht, ein adultes Exemplar des Schwarzrussischen Krausbartb\u00e4ren mit seiner G\u00e4nsefeder zu erlegen. Der Krausbartb\u00e4r sieht vielleicht ungef\u00e4hrlich, beinahe kann er als komisch kreiert bezeichnet werden, aus, doch t\u00e4uscht dieser Eindruck. Dieses, in beschneiten Regionen hausende, und auch marodierende, auf zwei Beinen schreitende Wesen meint es n\u00e4mlich ernst. Seine drei Meter langen Arme sind mit sichelf\u00f6rmigen gezahnten Krallen bewehrt, und die Tatsache, dass mein Gro\u00dfvater eine blo\u00df zwei Meter lange G\u00e4nsefeder auf den Brustkorb der Kreatur richtete, darf wohl als Hauptgrund f\u00fcr sein Ableben vor der Zeit angesehen werden. Mein Ahn hatte, wie man bei uns in Schwarzrussland zu sagen pflegt, das Ungl\u00fcck des langsamen Ausweichens gehabt.<\/p>\n<p>Mein Vater, auch er hei\u00dft Milorad, litt so gr\u00e4sslich unter diesem Verlust, dass er s\u00e4mtliche G\u00e4nsefedern, die sein Vater hinterlassen hatte, zum Staatlichen Altmetallplatz brachte und eine Fabrik f\u00fcr Schusswaffen gr\u00fcndete. Da sein Bruder Dmitri, also mein Onkel erster Ordnung, zu dieser Zeit das verantwortungsvolle Amt des Ministers f\u00fcr die Geldliche Gebarung Schwarzrusslands bekleidete, stellte die Finanzierung kein Problem dar. Vater Milorad gab seinen Produkten, also den Waffen, den Markennamen Gammlicher. Er hatte sich f\u00fcr diesen hochgermanischen Namen entschieden, denn seine Waffen sind in der Tat von allererster G\u00fcte, was ihre Verarbeitung und somit ihre Haltbarkeit betrifft, dar\u00fcber hinaus entstammt meine Mutter dem sehr alten, aber leider verarmten, hochgermanischen Geschlecht der Gammler.<\/p>\n<p>Das Spitzenprodukt der Waffenschmiede meines Vaters ist der sogenannte Gro\u00dfe Gammlicher Achter. Hierbei handelt es sich um ein Gewehr mit, wie der Name vermuten l\u00e4sst, acht L\u00e4ufen. Ich darf sagen, dass ich f\u00fcr die Jagd ausschlie\u00dflich einen Achter verwende. Die drei unteren nebeneinander liegenden L\u00e4ufe sind f\u00fcr Schrotpatronen vorgesehen, die auf ihnen liegenden drei f\u00fcr Projektilpatronen, und die beiden obersten, ein Lauf ist auf dem linken Kugellauf platziert, der andere auf dem rechten, somit bleibt die Mitte des oberen Drittels frei, k\u00f6nnen je nach Belieben mit Steinen, Glasmurmeln oder auch Schreibger\u00e4ten beladen werden.<br \/>\nDer Gro\u00dfe Gammlicher Achter hat jedoch den Nachteil, \u00fcberaus gewichtsintensiv zu sein. Dieser Umstand macht einen Assistenten unerl\u00e4sslich, in meinem Fall handelt es sich um Pavel Lickshit, er ist Gro\u00dfexperte f\u00fcr das Dasein im Rudel allgemein, welcher \u00fcblicherweise vor dem Sch\u00fctzen kniet, sein R\u00fcckgrat somit als Auflagefl\u00e4che zur Verf\u00fcgung stellt. Diese Haltung wird im \u00dcbrigen als Gammlicher Kauto bezeichnet. F\u00fcr gew\u00f6hnlich nimmt das R\u00fcckgrat des Assistenten dabei keinen Schaden. Mit dieser Waffe ist es mir m\u00f6glich, s\u00e4mtliche schwarzrussische Kreaturen zu erlegen.<\/p>\n<p>Nun, der Vizeminister f\u00fcr die Gesundheit der Schwarzrussischen Bev\u00f6lkerung kontaktierte mich ebenso telefonisch wie in Harnisch. Er erregte sich \u00fcber in letzter Zeit geh\u00e4uft auftretende jagdliche Unf\u00e4lle mit letalem Ausgang. Die schwarzrussischen J\u00e4ger, so meinte er, w\u00e4ren n\u00e4mlich nicht mehr in der Lage, die geeigneten Waffen gegen bestimmte Kreaturen einzusetzen, sodass diese Wesen die J\u00e4ger einfach t\u00f6ten w\u00fcrden. Jedenfalls bat er mich, mich dieses Problems anzunehmen und den J\u00e4gern zu erl\u00e4utern, welche Waffe, oder Waffen, f\u00fcr welche gef\u00e4hrliche Kreatur geeignet sei. Bereitwillig versprach ich, mich um diese Angelegenheit zu k\u00fcmmern.<br \/>\nIch dachte mir, dass ein Lokalaugenschein bei den J\u00e4gern nur hilfreich sein k\u00f6nnte, also fuhr ich einfach in den n\u00e4chstgelegenen Wald und beobachtete die dort agierenden J\u00e4ger. Was ich sehen musste, ich kann es nicht anders formulieren, war hoch gr\u00e4sslich.<\/p>\n<p>Ein J\u00e4ger, der Mann war etwa vierzig Jahre alt, versuchte, einen Schwarzrussischen B\u00e4reneber zu erlegen. Als ich erkannte, womit er dies bewerkstelligen wollte, gefror mir das Blut in den Adern: mit einer G\u00e4nsefeder. Ich rief dem Mann zu, dass er dies besser unterlassen sollte, doch wollte er wohl nicht auf mich h\u00f6ren. Die Sache ging so aus, dass der B\u00e4reneber den J\u00e4ger auf eine Art und Weise zu Tode brachte, die blo\u00df als infam bezeichnet werden kann. Da mein Assistent Pavel Lickshit zu diesem Zeitpunkt noch in seinem Rudel t\u00e4tig war, konnte ich meinen Gro\u00dfen Gammlicher Achter nicht in Anschlag bringen, um der Kreatur die eben begangene Meuchelei heimzuzahlen.<\/p>\n<p>Etwa einen Kilometer entfernt durfte ich miterleben, wie ein offensichtlich erfahrener J\u00e4ger, die Schn\u00e4bel und Z\u00e4hne, die er auf einer schweren Kette um den Hals trug, bewiesen das, versuchte, eine Schwarzrussische Branddrossel zu erlegen. Er feuerte ununterbrochen auf den winzigen Vogel, und das aus einer gro\u00dfkalibrigen B\u00fcchse. Da ich keine unmittelbare Gefahr f\u00fcr Leib und Leben dieses J\u00e4gers erkennen konnte, unterlie\u00df ich es, ihn anzusprechen. Vielmehr lie\u00df ich mich auf dem Boden nieder und beobachtete h\u00f6chst am\u00fcsiert diese Szene. Der Mann verfeuerte alle Patronen, die er bei sich hatte, und warf danach seine Flinte wutentbrannt in die Richtung des Vogels, der, beinahe wie zum Hohn, unabl\u00e4ssig zwitschernd \u00fcber dem Haupt des J\u00e4gers kreiste. Das Gewehr verfehlte den Vogel, daf\u00fcr landete es auf des J\u00e4gers Fu\u00df, was dieser mit unz\u00e4hligen unfl\u00e4tigen Fl\u00fcchen quittierte. Die Branddrossel def\u00e4kierte noch auf den Kopf dieses Mannes, bevor sie davonflog. Schallend lachend lief ich zu meinem Gel\u00e4ndewagen und stattete dem Vizeminister einen unangemeldeten Besuch ab.<\/p>\n<p>Er empfing mich sogleich, und ich berichtete ihm von den Eindr\u00fccken, die ich gewonnen hatte. Wir sprachen \u00fcber verschiedene M\u00f6glichkeiten, dieses Problems Herr zu werden, kamen jedoch zu keiner befriedigenden L\u00f6sung. Ich rief meinen Vater Milorad an und bat ihn, zu uns zu sto\u00dfen. Eine halbe Stunde sp\u00e4ter sa\u00df er bei uns am Konferenztisch und wurde von uns in die Problematik eingef\u00fchrt.<br \/>\nVater Milorad lauschte interessiert unseren Ausf\u00fchrungen und fand prompt eine L\u00f6sung. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Der Vizeminister bestellte den ihm nachgeordneten Minister f\u00fcr Jagdliches Verhalten in Schwarzrussland ein und befahl ihm, innerhalb der n\u00e4chsten zwei Stunden die Weisung zu erteilen, dass J\u00e4ger k\u00fcnftig zu zweit ihrer Passion nachzugehen h\u00e4tten, jedoch blo\u00df eine einzige Schusswaffe mit sich f\u00fchren d\u00fcrften, n\u00e4mlich einen Gro\u00dfen Gammlicher Achter. Der Minister lief aus dem B\u00fcro des Vizeministers, um diese Weisung so zeitnah wie m\u00f6glich zu erteilen.<br \/>\nMein Vater nahm seine goldene Armbanduhr ab, gab sie dem Vizeminister, der sie sogleich mit zufriedener Miene anlegte, dann k\u00fcsste er mich auf die Wange, sagte, ich h\u00e4tte das Richtige gemacht, n\u00e4mlich ihn anzurufen, und verlie\u00df das B\u00fcro.<\/p>\n<p>Mir wurde die verantwortungsvolle Aufgabe \u00fcbertragen, s\u00e4mtliche schwarzrussische J\u00e4ger in der ordnungsgem\u00e4\u00dfen Handhabung des Gro\u00dfen Gammlicher Achters zu unterweisen. Mit diesem Gewehr, das kann ich versichern, sitzt jeder Schuss.<br \/>\nDas Problem, welches ich als letztes zu l\u00f6sen hatte, war die Frage, welcher von zwei J\u00e4gern, die gemeinsam auf die Pirsch gehen, nun derjenige zu sein h\u00e4tte, der vor dem anderen niederknien m\u00fcsste. Ich beschloss, dass es stets den J\u00fcngeren treffen sollte, den Gammlicher Kauto zu vollziehen, und das so lange, bis er selbst einen j\u00fcngeren Jagdkameraden finden w\u00fcrde, denn es kann einfach nicht sein, dass ein \u00e4lterer Mensch vor einem j\u00fcngeren kniet. Ich finde so etwas schlicht un\u00e4sthetisch.<br \/>\nSomit habe ich ganz nebenbei eine neue, aber durchaus sch\u00f6ne schwarzrussische Tradition erschaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a> |Inventarnummer: 17120<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Name ist Dr. Igor Kushkurow und ich bin J\u00e4ger. Pr\u00e4zise gesagt bin ich der Schwarzrussische Staatsgro\u00dfmeister f\u00fcr die Bejagung von Kreaturen des Bodens und der Luft. 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