{"id":6523,"date":"2017-05-18T16:34:23","date_gmt":"2017-05-18T16:34:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6523"},"modified":"2017-06-11T17:25:47","modified_gmt":"2017-06-11T17:25:47","slug":"ich-bin-peinlich-rein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6523","title":{"rendered":"Ich bin peinlich rein"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6523&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6523&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich bin achtundvierzig Jahre alt und Semiakademiker, was impliziert, dass ich mein Studium der Ausbreitungswissenschaften an der Staatlichen Schwarzrussischen Universit\u00e4t nicht zur G\u00e4nze, vielmehr zur H\u00e4lfte abgeschlossen habe, um pr\u00e4zise zu sein, ich lege n\u00e4mlich Wert auf Pr\u00e4zision, studierte ich die Ausbreitung der Schwarzrussischen Blaufelleber, eine, wie ich f\u00fcrwahr sagen darf, gr\u00e4ssliche, weil \u00fcberaus gef\u00e4hrliche Spezies, sowohl f\u00fcr Menschen als auch f\u00fcr Tiere, deren Gebiet, also das der Ausbreitung dieser gr\u00e4sslichen Bestien, sich stetig erweitert; w\u00e4hrend ich diese Zeilen zu Papier bringe, kann es gut sein, und ich bin mir beinahe sicher, dass es sich bez\u00fcglich der Ausbreitung so verh\u00e4lt, dass es gr\u00f6\u00dfer wird.<br \/>\nAus diesem Grund darf ich mich blo\u00df D. Sascha Smirnovskaya nennen, und nicht Dr. Sascha Smirnovskaya, aber dies sei blo\u00df nebenbei erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Der Schwarzrussische Blaufelleber sieht aus wie ein gew\u00f6hnliches Wildschwein mit hellblauen Borsten, doch ist er weitaus gef\u00e4hrlicher, denn die ihm innewohnende naturgegebene, also prinzipielle, Angriffslust l\u00e4sst das Tier in Harnisch geraten, sobald es anderer Lebewesen, also auch Menschen ansichtig wird (es gibt Erz\u00e4hlungen, allerdings stammen diese von in ruralen Gegenden domizilierten Menschen &#8211; aus diesem Grund halte ich sie f\u00fcr frei erfunden -, dass diese Tiere selbst beim Anblick von Blumen und jungen B\u00e4umen in Harnisch geraten). Dann geb\u00e4rdet sich der Schwarzrussische Blaufelleber in der Tat gr\u00e4sslich, dann meint er es ernst, todernst.<\/p>\n<p>In achtzig Prozent der dokumentierten F\u00e4lle mit menschlichen Verlusten, also in welchen Menschen zu Tode kamen, konnte die Identit\u00e4t der Menschen lediglich vermittels DNA-Abgleich ermittelt werden, denn Schwarzrussische Blaufelleber pflegen ihre Opfer, aus der Sicht der Tiere d\u00fcrfte es sich um Beute handeln, zur G\u00e4nze aufzufressen (bis auf das Gelenk des linken Fu\u00dfes, welches ihnen, aus welchem Grund auch immer, geschmacklich nicht zusagen d\u00fcrfte &#8211; aus diesem Grund ist ein DNA-Abgleich m\u00f6glich. \u00dcblicherweise wird bei get\u00f6teten Haus- oder Nutztieren auf einen DNA-Abgleich verzichtet.).<\/p>\n<p>Wie gesagt studierte ich die Ausbreitung der Schwarzrussischen Blaufelleber hinsichtlich der M\u00f6glichkeiten der Verringerung der Gefahren f\u00fcr Menschen, Haus- und Nutztiere, jedoch sah ich mich gezwungen, mein Studium als Semistudium weiterzuf\u00fchren und als solches zu Ende zu bringen, denn ich brachte es nicht fertig, die f\u00fcr die Erlangung der Doktorw\u00fcrde unbedingt erforderlichen Beobachtungen und Versuche im Habitat der Schwarzrussischen Blaufelleber, also in der freien Natur zu machen und durchzuf\u00fchren, denn jedes Mal, wenn ich eines solchen Tieres ansichtig wurde, geriet ICH in Harnisch. Mich ekelte und ekelt noch immer vor der Unreinheit der hellblauen Borsten dieser Bestien.<br \/>\nIch bin n\u00e4mlich peinlich rein!<\/p>\n<p>Der Hang, oder besser Drang, oder noch besser, weil pr\u00e4zise, Zwang zur Reinheit ist mir immanent. Meine Gro\u00dfmutter hatte sich verschiedene Arten von Haustieren gehalten, die als klein gelten konnten. Kaninchen, H\u00fchner, Tauben und Meerbachen (eine dem Meerschweinchen nah verwandte Art, welche sich in schwarzrussischen Kocht\u00f6pfen h\u00f6chster Beliebtheit erfreut) &#8211; zur Verwendung in der K\u00fcche. Ich fand &#8211; und finde immer noch &#8211; diese Tiere gr\u00e4sslich, da sie mir als nicht rein erschienen und erscheinen. In ihren K\u00e4figen lagen ihre Haare und Federn neben ihren Exkrementen auf dem Boden herum, und die Tiere mittendrin.<br \/>\nIch nehme an, dass sich mein Zwang zur Reinheit beim Anblick dieser Tiere in ihren K\u00e4figen ausgebildet hat. Ich wollte ja die von meiner Gro\u00dfmutter aus dem Fleisch dieser Tiere zubereiteten Speisen, die, das muss ich zugeben, k\u00f6stlich ausgesehen und herrlich geduftet hatten, verzehren &#8211; allein, ich konnte es nicht. Der Gedanke an die K\u00e4fige lie\u00df mich die Nahrungsaufnahme verweigern.<\/p>\n<p>Fisch a\u00df und esse ich immer gerne. Die wei\u00dfe Farbe des Fleisches des Schwarzrussischen Wespensalmlers, nachdem dieser von seiner schwarz-gelb gestreiften und mit giftigen Stacheln bewehrten Haut befreit wurde, vermittelt mir das Gef\u00fchl, etwas Reines zu mir zu nehmen. Ich liebe das Fleisch dieses Fisches, jedoch ungew\u00fcrzt und blo\u00df in Wasser gekocht. Es ist nicht so, dass ich nicht versucht h\u00e4tte, ihm mit Pfeffer und anderen Gew\u00fcrzen zu ein wenig mehr Geschmack zu verhelfen, doch war das Fleisch des Fisches danach nicht mehr reinwei\u00df. Die Pfefferst\u00fcckchen nahmen sich wie winzige Verunreinigungen aus, die Teilchen der \u00fcbrigen Gew\u00fcrze ebenfalls. Ich musste den Fisch wegwerfen.<\/p>\n<p>Es ist nicht so, dass ich mich blo\u00df vom Fleisch des Schwarzrussischen Wespensalmlers ern\u00e4hre. Ich habe nichts gegen Fleisch einzuwenden. Ich esse gerne ein saftiges Steak, welches ich scharf anbrate, jedoch nicht in \u00d6l, sondern in einer geringen Menge Wasser. \u00d6l w\u00fcrde unter Umst\u00e4nden R\u00fcckst\u00e4nde auf dem Fleisch belassen, die farblich unm\u00f6glich zu seinem Grundton passen k\u00f6nnen, also brate ich meine Steaks stets in Wasser an.<br \/>\nWasser halte ich ohnehin f\u00fcr das wertvollste, weil die Reinheit am wenigsten beeintr\u00e4chtigende Element in der K\u00fcche. Ich koche, gare, frittiere und brate stets mit Wasser, jedoch blo\u00df eine Zutat auf einmal, um die Reinheit nicht zu gef\u00e4hrden.<br \/>\nVerlangt mich beispielsweise nach Steak mit gekochten Fisolen, so brate ich das Fleisch in Wasser an, verzehre es &#8211; nat\u00fcrlich ungew\u00fcrzt -, hernach koche und verzehre ich die Fisolen; dies, um die Reinheit auf dem Teller nicht zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte nun nicht den Eindruck erwecken, ich w\u00e4re verr\u00fcckt, gemeingef\u00e4hrlich oder gar pedantisch. Das bin ich n\u00e4mlich \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 nicht!<br \/>\nEs ist nicht so, dass ich stets bl\u00fctenreinwei\u00df gewandet durch die Gegend laufe. Ich besitze Kleidung in verschiedenen Farben wie Wei\u00df, Reinwei\u00df, Bl\u00fctenwei\u00df, aber auch Schwarz, Dunkel- und Hellblau sowie &#8211; hierbei handelt es sich um ein Geschenk meines Verwandten Wladimir Suffkopp; er ist Vizesekret\u00e4r des schwarzrussischen Vizeministers f\u00fcr Fragen der Schwarzrussischen Kleiderordnung &#8211; Rosarot.<br \/>\nWie Sie sich sicherlich vorstellen k\u00f6nnen (oder denken werden), stehe ich bez\u00fcglich Kleidungsst\u00fccken in der jeweiligen angef\u00fchrten Farbe in Vollausstattung, von der Badehose bis zum Skianzug. Ich trage stets Kleidungsst\u00fccke von derselben Farbe, denn ich m\u00f6chte die Reinheit meines Erscheinungsbildes hinsichtlich Farbe nicht durch die Hereinnahme eines anderen Farbtons tr\u00fcben oder gar vernichten. Besonders gr\u00e4sslich ist es, also besonders gro\u00dfen Graus bereitet es mir, wenn ich, beim Essen beispielsweise, kleckere oder gar fremdbekleckert werde.<\/p>\n<p>\u00dcber diese besondere Gr\u00e4sslichkeit habe ich vor etwa zwei Jahren mit meinem Gro\u00dfvetter Dr. Igor Kushkurow, er ist das Genie in meiner Familie, gesprochen. Gro\u00dfvetter Igor forscht zurzeit an der Staatlichen Schwarzrussischen Universit\u00e4t zur Frage (der Studienauftrag ist in diesem Fall als Frage formuliert) \u201cSinn oder Unsinn? &#8211; Die Balzrituale m\u00e4nnlicher Schwarzrussischer Zwergkopflemminge und ihre Intention, die ohnehin stets zur geschlechtlichen Vereinigung freudig bereiten weiblichen Genossen dieser Art zur geschlechtlichen Vereinigung zu bewegen.\u201d Gro\u00dfvetter Igor erkl\u00e4rte mir, dass die Anzahl der weiblichen Schwarzrussischen Zwergkopflemminge, die im Laufe ihres Lebens unumkehrbare geschlechtliche Neigungen zu den weiblichen (sic!) Genossen ihrer Art entwickeln, bei mittlerweile neunundachtzig Prozent liegt. Er hat mir das Ergebnis seiner Forschungst\u00e4tigkeit mitgeteilt, obwohl diese Studio offiziell erst in drei Jahren abgeschlossen sein wird (dem gem\u00e4chlich tr\u00f6pfelnden Geldhahn des schwarzrussischen Ministeriums f\u00fcr milit\u00e4rische, polizeiliche und universit\u00e4re Angelegenheiten w\u00fcrde Dank geb\u00fchren, meinte Dr. Kushkurow bitter): ie weiblichen Schwarzrussischen Zwergkopflemminge entwickeln gleichgeschlechtliche Tendenzen, da sich die m\u00e4nnlichen Genossen ihrer Art f\u00fcr gew\u00f6hnlich den Gro\u00dfteil ihrer Lebenszeit (f\u00fcnfundneunzig Prozent der Zeit!) auf der Balz befinden und somit naturgem\u00e4\u00df bei Weitem zu wenig Energie haben, sich im dem Fall, dass sie zum Zug kommen, auf eine Art und Weise zu gerieren, die m\u00e4nnlichen Genossen ihrer Art nun einmal gut anst\u00fcnde (Gro\u00dfvetter Igor sprach von \u2018libidin\u00f6s-phallischer Dysfunktion\u2019 &#8211; ich wei\u00df nicht, was er damit meinte).<\/p>\n<p>Ich sprach also vor gut zwei Jahren mit Gro\u00dfvetter Igor \u00fcber die Gr\u00e4sslichkeit eigen- oder &#8211; noch schlimmer, da aufgezwungen! &#8211; fremdbekleckerter Kleidung. Da mein Gro\u00dfvetter mich gut kennt, wusste er, wie wichtig mir eine L\u00f6sung dieses schwerwiegenden Problems war (die erste Variante zur L\u00f6sung, die er mir vorschlug, n\u00e4mlich das bekleckerte Kleidungsst\u00fcck in die Waschmaschine zu legen und diese in Gang zu setzen, war selbstverst\u00e4ndlich von mir abgelehnt worden. Was, wenn an der Stelle des Flecks eine ausgewaschen erscheinende Textilstelle sichtbar w\u00fcrde, also von Rosarot zu ausgewaschenem Hellrosarot zum Beispiel? &#8211; Nein! Ein noch viel gr\u00f6\u00dferer Graus!), nahm er sich gerne zwei Wochen Zeit, um sich einen \u00dcberblick \u00fcber die Gesamtsituation zu verschaffen. Danke, Igor! Und Nastrovje!<br \/>\nEr teilte mir mit, dass in meinem Fall (er sprach von supranasal und auch irgendwas von Subillumination &#8211; ich wei\u00df nicht, was er meinte) wohl der Einsatz der sogenannten \u2018Fleckenschere\u2019 die beste L\u00f6sung w\u00e4re. Seit diesem Tag trage ich eine Fleckenschere mit mir; mit ihr schneide ich Flecken einfach aus meiner Kleidung heraus. So bleibt mein farbliches Erscheinungsbild stets rein.<\/p>\n<p>Sie werden jetzt denken, dass ich mit L\u00f6chern in meiner Kleidung, die meine nackte Haut, die naturgem\u00e4\u00df weder rosafarben noch schwarz ist, zum Vorschein bringen, durch die Stra\u00dfen laufe &#8211; weit gefehlt! Es ist vielmehr so, dass ich stets mehrere Schichten an Kleidung \u00fcbereinander trage. Wird beispielsweise meine Hose bekleckert und schneide ich den Fleck dann aus ihr heraus, so ist keine Ver\u00e4nderung in meinem farblichen Erscheinungsbild feststellbar, denn unter meiner Hose trage ich stets eine lange Unterhose. Durch das Tragen mehrerer Schichten \u00fcbereinander bin ich also stets auf der sicheren Seite.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a> |Inventarnummer: 17119<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin achtundvierzig Jahre alt und Semiakademiker, was impliziert, dass ich mein Studium der Ausbreitungswissenschaften an der Staatlichen Schwarzrussischen Universit\u00e4t nicht zur G\u00e4nze, vielmehr zur H\u00e4lfte abgeschlossen habe, um pr\u00e4zise zu sein, ich lege n\u00e4mlich Wert auf Pr\u00e4zision, studierte ich die Ausbreitung der Schwarzrussischen Blaufelleber, eine, wie ich f\u00fcrwahr sagen darf, gr\u00e4ssliche, weil \u00fcberaus gef\u00e4hrliche [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[112],"tags":[23],"class_list":["post-6523","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-timoschek-michael","tag-schraeg-abgedreht"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6523","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6523"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6523\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6524,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6523\/revisions\/6524"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6523"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}