{"id":6521,"date":"2017-05-18T16:31:17","date_gmt":"2017-05-18T16:31:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6521"},"modified":"2017-06-04T08:05:40","modified_gmt":"2017-06-04T08:05:40","slug":"wohnzimmer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6521","title":{"rendered":"Wohnzimmer"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6521&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6521&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Heute Morgen erwachte ich auf der Bank in meinem Wohnzimmer.<br \/>\nSie ist mit braunem Leder \u00fcberzogen und bietet einigen Menschen Platz. Eigentlich bietet sie recht vielen Menschen Platz.<\/p>\n<p>Ich verf\u00fcge \u00fcber drei Tische vor meiner Bank. Zwei von ihnen sind rund, einer rechteckig und alle haben sie steinerne Tischplatten. Die beiden runden sind so dimensioniert, dass man bequem an ihnen essen kann, selbst mehrere Personen finden ausreichend Platz daf\u00fcr.<br \/>\nDer rechteckige Tisch ist als Esstisch f\u00fcr eine Person gut geeignet, zwei dagegen finden nur unter Aufbietung bester Tischmanieren und gro\u00dfer Toleranz den anderen gegen\u00fcber in ihm einen geeigneten Esstisch.<br \/>\nDen beiden runden Tischen ist jeweils ein h\u00f6lzerner Stuhl ohne Armauflagen vorangestellt, dem rechteckigen deren zwei. Auf jedem Tisch befindet sich ein Aschenbecher ohne Aufdruck, beispielsweise eines Firmennamens, und \u00fcber jedem Tisch h\u00e4ngt eine runde Lampe alten Stils, die von einer F\u00fcnfzehn-Watt-Birne illuminiert wird.<\/p>\n<p>Die Lampen sind mit schwenkbaren Auslegern an der Wand befestigt. Das Wohnzimmer verf\u00fcgt \u00fcber f\u00fcnf Fenster. Diese sind vertikal zu \u00f6ffnen, also Schiebefenster. Zu beiden Seiten jedes Fensters befindet sich ein zylinderf\u00f6rmiges Gewicht, das erlaubt, die Fenster millimetergenau so weit zu \u00f6ffnen, wie es gerade erforderlich ist. Die Fensterrahmen bestehen aus Mahagoni, so wie der Rahmen einer der drei T\u00fcren des Wohnzimmers. Die beiden anderen T\u00fcren sind aus Glas gefertigt.<\/p>\n<p>Der Boden aus Stein ist von unten beheizbar, die W\u00e4nde und ein Teil der Decke sind leicht ockergelb. Der andere Teil der Decke ist von dunkel weinroter Farbe. Drei der vier W\u00e4nde tragen Spiegel mit runden Lampen, welche in die oberen Leisten der h\u00f6lzernen Spiegelrahmen eingelassen sind. In einer Ecke des Raumes ist ein Fernsehger\u00e4t angebracht, und zwei Stumme Diener befinden sich ebenfalls im Wohnzimmer.<\/p>\n<p>In der Mitte, also im Zentrum des Wohnzimmers, steht eine Bar. Die Form dieser Bar greift die der Kolonnaden des Petersdoms in Rom auf, nat\u00fcrlich ma\u00dfst\u00e4blich verkleinert.<br \/>\nDie H\u00f6he der Bar ist so bemessen, dass bequem an ihr gestanden, gesessen, sowie auf ihr gegessen und geschlafen werden kann. Sie verf\u00fcgt \u00fcber einen Umlauf aus Messing, der sowohl im Sitzen als auch im Stehen eine angenehme Auflage f\u00fcr einen Fu\u00df oder beide F\u00fc\u00dfe bietet, sowie \u00fcber vier Barst\u00fchle. Die Bar wird von einer zu tief h\u00e4ngenden roten Lampe erleuchtet, die auch in ein Boudoir\u00a0 passen w\u00fcrde. Die Bar ist mit Flaschen sowie Gl\u00e4sern verschiedener Art ber\u00e4umt, eine Kaffeemaschine und eine Zapfanlage f\u00fcr Bier und Sodawasser fehlen ebenso wenig wie eine Musikanlage und ein Gl\u00e4sersp\u00fclger\u00e4t.<\/p>\n<p>Ich habe mich f\u00fcr ein Wohnzimmer mit Bar entschieden, da ich so stets mit Getr\u00e4nken versorgt bin. Ich pflege n\u00e4mlich meiner Arbeit im Wohnzimmer nachzugehen.<br \/>\nIn diesem erwachte ich heute und war eingesperrt, denn die T\u00fcre nach drau\u00dfen war verschlossen und ich ohne Schl\u00fcssel. Ich sah aus den Fenstern und etliche Menschen auf der Stra\u00dfe. Ich f\u00fchlte mich nicht weggesperrt, eher frei. Und gl\u00fccklich, sehr gl\u00fccklich sogar.<br \/>\nIch nahm eine kleine Flasche Weichselsaft aus einer der K\u00fchlladen der Bar, z\u00fcndete mir eine Zigarette an und schaltete das Fernsehger\u00e4t ein, um zu erfahren, was sich im Laufe der Nacht auf der Welt zugetragen hatte. Abgesehen von gew\u00f6hnlichen Vorg\u00e4ngen wie Morden, Vergewaltigungen und Kriegen hatte sich nichts ereignet. Ich selbst hatte keine mich pers\u00f6nlich betreffenden Neuigkeiten zu gew\u00e4rtigen, hatte keine Kurznachrichten erhalten und auch keine Anrufe nicht beantwortet.<\/p>\n<p>Ich schlenderte im Wohnzimmer umher, rauchte und beobachtete einen Pennbruder, der die Stra\u00dfe nach M\u00fcnzen abzusuchen schien. Anzunehmenderweise um diese leichter zu entdecken, bewegte er sich auf allen Vieren. Ich br\u00fchte mir einen Kaffee und verrichtete meine Notdurft. Nachdem ich vom Abort zur\u00fcckgekehrt war, lehnte ich an der Bar in meinem Wohnzimmer und beobachtete Stra\u00dfenszenen durch die Fenster.<br \/>\nAlte Frauen schleppten schwer an ihren Einkaufstaschen, ein Polizist drohte einem Afrikaner mit erhobener Hand offensichtlich Maulschellen an und ein junger Mann verfolgte eine ebenso junge Frau. Nachdem er sie eingeholt hatte, packte er sie am Oberarm und verabreichte ihr zwei offenkundig kraftvolle Ohrfeigen. Die junge Frau flehte ihn erkennbar an, kein weiteres Mal zuzuschlagen, doch ihr Begleiter hatte, wie ich bemerkte, keine gro\u00dfe Lust, ihrer Bitte nachzukommen. Kein guter Start f\u00fcr die junge Frau in einen Julitag, der sonnig zu werden versprach.<\/p>\n<p>Ich g\u00e4hnte und \u00fcberlegte, mich wieder auf die Bank im Wohnzimmer zu legen und noch einige Minuten zu d\u00f6sen, als dessen T\u00fcre aufgesperrt und ge\u00f6ffnet wurde. Eine Frau mittleren Alters betrat das Wohnzimmer und forderte mich nonverbal, daf\u00fcr mit b\u00f6sem Blick auf, dieses auf der Stelle zu verlassen. Ihrer Kleidung konnte ich ansehen, dass sie mein Wohnzimmer zu reinigen gedachte. Widerwillig kam ich ihrer Aufforderung nach und wankte auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=1490\">s\u00fcffig<\/a> |Inventarnummer: 17118<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute Morgen erwachte ich auf der Bank in meinem Wohnzimmer. Sie ist mit braunem Leder \u00fcberzogen und bietet einigen Menschen Platz. Eigentlich bietet sie recht vielen Menschen Platz. Ich verf\u00fcge \u00fcber drei Tische vor meiner Bank. Zwei von ihnen sind rund, einer rechteckig und alle haben sie steinerne Tischplatten. 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