{"id":6519,"date":"2017-05-18T16:28:55","date_gmt":"2017-05-18T16:28:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6519"},"modified":"2017-05-25T16:09:03","modified_gmt":"2017-05-25T16:09:03","slug":"provokation","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6519","title":{"rendered":"Provokation"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6519&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6519&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>1<\/p>\n<p>Am Anfang war es ein Streit, nicht einmal ein Kampf, geschweige denn ein Krieg. Begonnen hatte die Sache, die sich zwischen Anna und Martin zu einem vernichtenden Krieg auswachsen sollte, als beide dreiundzwanzig Jahre alt waren.<br \/>\nSie hatten einander vier Jahre zuvor kennengelernt, auf einem Fest auf dem Campus der Universit\u00e4t, an der sie studierten. Anna hatte damals gerade ihr Psychologiestudium begonnen, Martin mit Betriebswirtschaft. Es war eines dieser Feste, die sich dadurch auszeichneten, dass die Lampions tief hingen und die Gl\u00e4ser in die H\u00f6he gehoben wurden. Dieses spezielle Fest fand in einer Vollmondnacht statt. Die Gl\u00e4ser reichten zwar nicht ganz bis an die Lampions heran, doch der Mond und die allgemeine Berauschung hatten zur Folge, dass nur die Allerh\u00e4sslichsten alleine nach Hause gehen mussten.<\/p>\n<p>Martin hatte Anna angesprochen und sie keck gefragt, ob sie am n\u00e4chsten Morgen alleine aufwachen wollte.<br \/>\nSie hatte nur wenige Sekunden um zu entscheiden, welche von zwei M\u00f6glichkeiten sie w\u00e4hlen sollte: eine Ohrfeige oder ein Tanz, verbunden mit einem Kuss und einer gemeinsam verbrachten Nacht.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen f\u00fchrten sie ein langes Gespr\u00e4ch \u00fcber ihre beruflichen und privaten Ziele und kamen \u00fcberein, es miteinander zu versuchen.<\/p>\n<p>Vier Jahre lang ging das gut, sie kamen auf der Universit\u00e4t gut voran, und auch privat schien alles nach Plan zu laufen. Sie nahmen einander als gegeben, als selbstverst\u00e4ndlich wahr.<br \/>\nEines Tages jedoch brach das Eis, welches das Schweigen \u00fcber kleine Unzul\u00e4nglichkeiten des Partners gewesen war, explosionsartig auf. Eine achtlos in die Ecke des Schlafzimmers geworfene Socke Martins war der Z\u00fcndfunke.<br \/>\nAnna nahm die Socke zum Anlass, ihn mit harschen Worten auf seine s\u00e4mtlichen Vers\u00e4umnisse im Haushalt aufmerksam zu machen, derer er sich ihrer Ansicht nach schuldig gemacht hatte.<br \/>\nMartin war erst verdutzt, dann gekr\u00e4nkt, und schlie\u00dflich ver\u00e4rgert. Er wies sie in ebenso scharfen Worten auf ihre Unzul\u00e4nglichkeiten hin und auch daf\u00fcr zurecht.<br \/>\nZwei Tage lang sprachen sie blo\u00df das N\u00f6tigste miteinander, dann setzten sie sich zusammen und sprachen sich aus.<br \/>\nFriede war wieder eingekehrt, doch in jedem von ihnen blieb etwas von diesem Zerw\u00fcrfnis zur\u00fcck. In Anna war es der unterschwellig weiterbohrende \u00c4rger \u00fcber seine Unordentlichkeit, und in Martin blieb der Stachel der Verletzung zur\u00fcck, so pl\u00f6tzlich und seiner Meinung nach grundlos angeherrscht worden zu sein.<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>Claudia, die Tochter von Anna und Martin, war f\u00fcnf Jahre alt, als sie sich an der Klinge eines K\u00fcchenmessers in den Daumen schnitt. Ihr Vater war an diesem Abend f\u00fcr sie verantwortlich, denn Anna war mit Freundinnen ausgegangen, um auf ihren zwei Wochen zur\u00fcckliegenden dreiunddrei\u00dfigsten Geburtstag anzusto\u00dfen.<br \/>\nEr desinfizierte die Wunde und wickelte Gaze um sie, sodass sie zuverl\u00e4ssig vor Schmutz gesch\u00fctzt war.<br \/>\nGegen zweiundzwanzig Uhr kam Anna in angeheitertem Zustand nach Hause. Sie schlich ins Kinderzimmer, um ihrer Tochter einen Kuss zu geben. Ungl\u00fccklicherweise stie\u00df sie mit dem Fu\u00df an einen Sessel und Claudia erwachte. Stolz zeigte sie ihrer Mutter den eingebundenen Daumen. Anna fragte wie das geschehen w\u00e4re, und Claudia teilte ihr mit, dass Martin sie mit dem Messer hatte hantieren lassen.<br \/>\nDie Ohrfeige, die Martin aus dem Schlaf riss, war erst der Anfang.<\/p>\n<p>Anna schlug auf ihn ein und warf ihm vor, das Leben ihrer Tochter vors\u00e4tzlich zu gef\u00e4hrden. Martin wehrte sich nicht mit K\u00f6rperkraft, und nachdem seine Frau aufgeh\u00f6rt hatte, ihn zu schlagen, fuhr er sie an. Was sie sich denn einbildete, ihm so etwas zu unterstellen, br\u00fcllte er. Kinder w\u00fcrden sich nun einmal von Zeit zu Zeit verletzen, das geh\u00f6rte zum Aufwachsen.<br \/>\nDer Streit zog sich \u00fcber eine volle Woche hin, erst dann konnten Anna und Martin wieder eine vern\u00fcnftige Gespr\u00e4chsbasis finden.<br \/>\nIhr Eheleben jedoch hatte erheblichen Schaden genommen.<\/p>\n<p>Martin war vom Gewaltausbruch seiner Frau derma\u00dfen eingesch\u00fcchtert, dass er sich ihr kaum k\u00f6rperlich zu n\u00e4hern wagte. Anna wollte dies auch gar nicht. Sie blockte seine Ann\u00e4herungsversuche ab und machte es sich zur Angewohnheit, im Wohnzimmer auf dem Sofa zu schlafen. Jedes Mal, wenn Martin sie flehentlich bat, die Dinge doch wieder so werden zu lassen wie sie einst gewesen waren, l\u00e4chelte sie blo\u00df milde und sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>\nEines Abends sprach Martin das Thema Trennung an, da rastete Anna erneut aus. Niemals w\u00fcrde sie sich von ihm trennen, rief sie. Er w\u00e4re ein Teil ihres Lebens, einmal gebrauchte sie sogar das Wort Besitz, und sie w\u00fcrde ihn eher t\u00f6ten, als ihn ziehen zu lassen.<br \/>\nMartin war schockiert. Er fragte sie, ob sie das ernst meinte, und als sie bejahte, hatte er zum ersten Mal wirklich Angst vor ihr.<br \/>\nClaudias Wunde verheilte so gut, dass nach zwei Wochen keine Narbe mehr zu sehen war.<\/p>\n<p>3<\/p>\n<p>Im Alter von achtzehn Jahren schloss Claudia das Gymnasium mit ausgezeichnetem Erfolg ab. Anna und Martin lebten danach alleine in ihrer Wohnung, denn ihre Tochter hatte sich f\u00fcr ein Studium in Amerika entschieden. Am Tag nach Claudias Abreise begannen die Dinge aus dem Ruder zu laufen.<br \/>\nWaren Anna und Martin durch die Anwesenheit ihres Kindes noch gezwungen gewesen, wenigstens ein wenig Anstand im Umgang miteinander zu wahren, so konnten sie nun, da sie zu zweit waren, ihren aufgestauten Gef\u00fchlen freien Lauf lassen.<br \/>\nBei jeder sich bietenden Gelegenheit stichelte sie gegen ihn. Diese Sticheleien waren oft durchsetzt von Suggestivfragen und versteckten Anspielungen &#8211; als Psychologin kamen ihr diese leicht \u00fcber die Lippen.<\/p>\n<p>Martin fand keinen probaten Weg, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Als Betriebswirt war er es gew\u00f6hnt, die Dinge n\u00fcchtern zu analysieren und sachlich zu diskutieren. Jedes Mal, wenn er ansetzte, genau dies zu tun, h\u00f6rte sie ihm mit einer Miene zu, in der aufgesetzte Geduld lag. Dadurch vermittelte sie ihm das Gef\u00fchl, ein l\u00e4stiger Patient in einer Therapiestunde zu sein, ein hoffnungsloser Fall, den sie blo\u00df aufgrund ihres Langmutes anh\u00f6rte &#8211; oder weil sie gerade nichts Besseres zu tun hatte.<br \/>\nEr kam sich so vor, wie sie ihn behandelte &#8211; wie ein T\u00f6lpel. Tatsachen, welche erwachsene, intelligente Menschen in wenigen Minuten besprochen gehabt h\u00e4tten, breitete sie wortreich vor ihm aus, wie vor einem uneinsichtigen Kind, und stets endeten ihre Ausf\u00fchrungen mit der Phrase, dass er das eben Geh\u00f6rte doch verstehen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Damit versuchte sie ihn zur Wei\u00dfglut zu treiben, und Martin wusste das. Er fragte sich oft, was ihre Beweggr\u00fcnde daf\u00fcr sein mochten, doch er konnte sich keinen Reim darauf machen.<br \/>\nEr fragte auch Anna einige Male, was sie mit ihren Provokationen bezweckte, doch antwortete sie stets mit triumphierenden Blicken, Worte kamen nicht aus ihrem Mund. Eines Tages, nachdem sie ihm wieder einmal gesagt hatte, dass er ihre Sichtweise doch verstehen m\u00fcsste und er blo\u00df stumm dagesessen und sie angestarrt hatte, schlug sie ihm ins Gesicht. Er nahm die Ohrfeige stoisch zur Kenntnis, wie er es immer machte, doch etwas in ihrem Blick irritierte ihn. Hatte sie bislang bei solchen Gelegenheiten w\u00fctend dreingeblickt, so tat sie dies nun auffordernd, als w\u00fcrde sie seine Reaktion erwarten. Martin indes reagierte nicht.<\/p>\n<p>4<\/p>\n<p>Acht Jahre sp\u00e4ter sollte sich das \u00e4ndern.<br \/>\nSie hatten ihre Wohnung in Zonen aufgeteilt und diese mit Klebeband kenntlich gemacht. Die Sanit\u00e4rr\u00e4ume und die K\u00fcche waren, ebenso wie die Diele, beiden erlaubtes Gebiet, das Wohnzimmer hingegen war streng aufgeteilt. Dies hatte ganze drei Tage Bestand.<br \/>\nClaudia hatte sich \u00fcberraschend angesagt, ihr Ehemann und ihr Baby kamen auch mit.<br \/>\nAnna und Martin entfernten die Klebeb\u00e4nder und mussten, als sie sich dabei in die Augen sahen, unwillk\u00fcrlich lachen.<br \/>\nClaudia blieb eine Woche und danach ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Anna und Martin arbeiteten am Tage, und an den Abenden stritten sie.<br \/>\nAnna schlug Martin noch einige Male ins Gesicht, und eines Tages kam er der Aufforderung in ihrem Blick nach. Er schlug zur\u00fcck. Es war keine allzu feste Ohrfeige, die er ihr verabreichte, doch reichte sie aus, um Anna zu der mit Zufriedenheit ge\u00e4u\u00dferten Feststellung zu bewegen, dass er nach so vielen Jahren endlich aus sich herausgegangen w\u00e4re.<br \/>\nDoch es waren zu viele Jahre gewesen. Martin konnte an diesem Abend nicht mehr aufh\u00f6ren, sie zu schlagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #333333;\"><a style=\"color: #333333;\" title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a><\/span> |Inventarnummer: 17117<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Am Anfang war es ein Streit, nicht einmal ein Kampf, geschweige denn ein Krieg. Begonnen hatte die Sache, die sich zwischen Anna und Martin zu einem vernichtenden Krieg auswachsen sollte, als beide dreiundzwanzig Jahre alt waren. 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