{"id":6402,"date":"2017-04-12T06:56:34","date_gmt":"2017-04-12T06:56:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6402"},"modified":"2017-05-18T08:37:00","modified_gmt":"2017-05-18T08:37:00","slug":"renoviert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6402","title":{"rendered":"Renoviert"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6402&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6402&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich lebe und arbeite in Wien. Um pr\u00e4zise zu sein in der Innenstadt, also im ersten Bezirk.<br \/>\nIch lebe und arbeite dort in einer ger\u00e4umigen Wohnung, der eine Dachterrasse angeschlossen ist. Das Haus, in dem sich meine Wohnung befindet, ist alt, was die Bausubstanz anlangt, doch wurde es vor einigen Jahren aufwendig renoviert, sodass es durchaus als wieder sch\u00f6n bezeichnet werden kann. Die Wohnung steht in meinem Eigentum. Ich habe sie von meinem Vater geerbt, er war Manager in der Waffenindustrie und dementsprechend verm\u00f6gend.<\/p>\n<p>Man kann sagen, dass ich kein Problem mit Geld habe, denn mein Vater hat mir, nachdem er sich suizidiert hatte, eine Masse Geld hinterlassen.<br \/>\nIch habe auch kein Problem mit Geschmack. In meiner modern eingerichteten Wohnung h\u00e4ngen Werke von Kippenberger, B\u00fcttner und Kiefer, um nur eine geringe Anzahl der K\u00fcnstler zu nennen, deren Werke ich liebe und besitze.<br \/>\nIch habe auch kein Problem mit der Politik, mit Frauen, M\u00e4nnern oder gar mir selbst. Eigentlich habe ich gar kein, nicht ein einziges, Problem.<\/p>\n<p>Ich bin sehr gerne zuhause. Meine Ehefrau, sie ist im selben Alter wie ich, also dreiundf\u00fcnfzig Jahre alt, hat ihre Karriere als Cellistin beendet und h\u00e4lt sich, so wie ich, die meiste Zeit in der Wohnung auf. An warmen sonnigen Tagen ist sie oft einge\u00f6lt auf der Dachterrasse anzutreffen.<br \/>\nUnsere beiden gemeinsamen Kinder, wir haben einen Sohn, er studiert Architektur und ist homosexuell, sowie eine Tochter, sie studiert Medizin und befindet sich seit ihrem f\u00fcnfzehnten Lebensjahr im Status der Mutterschaft, leben nicht mehr in Wien.<\/p>\n<p>Von der Dachterrasse, welche meine Ehefrau gerne sardinenhaft einge\u00f6lt zu beliegen pflegt, habe ich klarerweise einen guten \u00dcberblick. Ich sehe, was sich in dieser Stadt ver\u00e4ndert, welche Geb\u00e4ude errichtet, welche abgerissen oder renoviert, und welche ausgebaut werden, also in die H\u00f6he wachsen.<br \/>\nIn der Stra\u00dfe, in der mein Wohnhaus gen Himmel ragt, wurde erst k\u00fcrzlich ein Haus renoviert. Es wurde versch\u00f6nert, was seine Fassade angeht, und um gleich drei Etagen aufgestockt. Die beiden ersten Etagen, vom Niveau der Stra\u00dfe ausgehend, werden von italienischen und franz\u00f6sischen Modeh\u00e4usern belegt, die sich dort Boutiquen eingerichtet haben. Die dar\u00fcberliegenden Stockwerke werden als B\u00fcror\u00e4ume genutzt, ein Buchverlag und eine Agentur f\u00fcr angebliche Models haben sich dort eingemietet. In den drei hinzugef\u00fcgten, also den obersten Etagen befinden sich exklusive Wohnungen.<\/p>\n<p>Die oberste Etage ist klarerweise die mit den exklusivsten, sprich teuersten Wohnungen. Dort wohnen sehr reiche Menschen. Die Renovierung und Aufstockung dieses Hauses hat, wie mir schnell bewusst wurde, eine Ver\u00e4nderung nach sich gezogen, und zwar eine offensichtlich ebenso andauernde wie irreversible.<br \/>\nDie Stra\u00dfe, in der mein Wohnhaus liegt, hat sich ver\u00e4ndert, das Leben in der n\u00e4chsten Umgebung meines Wohnhauses ist anders geworden, nur leider nicht besser. Ich bin geneigt festzustellen, dass der sprichw\u00f6rtliche Charme dieser Stra\u00dfe verlorengegangen ist. Sie ist beinahe klinisch rein geworden.<br \/>\nIch m\u00f6chte ein Beispiel anf\u00fchren: Vormals war es so, dass ein bestimmter Clochard stets vor dem k\u00fcrzlich renovierten Haus gesessen, und oftmals auch gelegen hatte. Der Wechsel aus der sitzenden in die liegende Position d\u00fcrfte urs\u00e4chlich mit der Flasche Schnaps, die der Clochard niemals aus der Hand legte, in Zusammenhang gestanden haben. Ich habe ihm etliche Flaschen besten Vodkas geschenkt.<\/p>\n<p>Ich trinke selbst nicht, keinen Tropfen, doch kann ich verstehen, wenn ein Mensch trinkt. Ich wollte, dass der arme Mann den besten Vodka trinkt, da ich stets und bei allem gro\u00dfen Wert auf Qualit\u00e4t lege.<br \/>\nDer Sandler hatte niemanden gest\u00f6rt &#8211; dort wo sich nun die Boutiquen befinden, hatten sich zuvor blo\u00df ungenutzte R\u00e4ume befunden. Um pr\u00e4zise zu sein, muss ich erw\u00e4hnen, dass er doch einen Menschen gest\u00f6rt hatte. Ich wurde Zeuge, wie er eines Vormittages von einem Mitglied des Kameradschaftsbundes als Faulpelz und gr\u00e4ssliches Element bezeichnet wurde. Dass der Mann ein Mitglied des Kameradschaftsbundes war, konnte ich blo\u00df an dem Abzeichen erkennen, welches er an seiner Trachtenjacke befestigt hatte, denn der Mann hatte keine Fahne vor sich. Ich denke, dass der Grund hierf\u00fcr die Fr\u00fche des Tages war. Dem Obdachlosen waren diese Anw\u00fcrfe \u00fcbrigens gleichg\u00fcltig.<\/p>\n<p>Nun sehe ich junge Frauen vor den Schaufenstern stehen und posieren. Sie stehen vor den Auslagen, tragen Taschen, die den in den Boutiquen feilgebotenen zum Verwechseln \u00e4hnlich sehen, und lassen sich von ihren Freundinnen mit Mobiltelefonen ablichten, wie sie stolz grinsend, als w\u00e4ren sie Stammkundinnen dieser Gesch\u00e4fte, vor dem teuren Tand in den Auslagen posieren. Deren Scheiben sind stets blitzblank abgezogen, gleich ob eine Fliege sich auf ihnen verewigt oder eine Hummel vor ihnen posiert. Die Stra\u00dfe hat sich wahrlich ver\u00e4ndert, das kann man schon so sagen.<\/p>\n<p>An der Fassade des Hauses, das dem k\u00fcrzlich renovierten gegen\u00fcbersteht, lehnen oft junge M\u00e4nner in abgewetzten Jacken und nicht ma\u00dfgefertigten Schuhen. Sie tragen ihr Haupthaar bevorzugt halblang und ihre B\u00e4rte, so ihnen welche wachsen, haben die merkw\u00fcrdigsten Formen. Es handelt sich offenkundig um junge, vielleicht sogar aufstrebende Literaten. Das ersehe ich aus der Tatsache, dass sie entweder lesend, rauchend oder in Notizheften oder auf losen Bl\u00e4ttern Papier schreibend dort lehnen. Sie warten darauf, so scheint es, vom Leiter des Verlags in dessen R\u00e4umlichkeiten gebeten zu werden, um dort ihre gro\u00dfen schriftstellerischen Karrieren beginnen zu lassen.<br \/>\nSind sie nicht in Papier vertieft, geben sie sich der Prokrastination, zugegeben einer schwachen Form derselben, hin, indem sie die jungen Frauen beim Posieren beobachten. Die Mienen der Autoren machen offenkundig, dass sie die jungen Frauen f\u00fcr durchaus interessant halten.<br \/>\nIch, so sagt meine Ehefrau, setze stets dieselbe Miene auf, wenn ich eine Herde auf der Weide beobachte.<\/p>\n<p>Ab und zu betreten Gruppen von jungen attraktiven Frauen das Haus. Bei diesen Frauen, meist osteurop\u00e4ischer Provenienz, wie den vielen Worten, die sie wechseln, unschwer zu entnehmen ist, handelt es sich um die bereits erw\u00e4hnten angeblichen Models. Das Wort angeblich verwende ich aus Gr\u00fcnden der Diskretion, denn einmal hatte eine dieser Frauen ihre Handtasche fallen lassen und deren Inhalt lag verstreut auf dem Gehsteig vor dem k\u00fcrzlich renovierten Haus. Ich eilte zu ihr, um ihr beim Einsammeln ihrer Habseligkeiten zu helfen und musste feststellen, dass ich die Kontrollkarte einer Dirne in H\u00e4nden hielt. Ich habe es diskreterweise unterlassen, die junge Frau auf ihre T\u00e4tigkeit anzusprechen und nehme an, dass ihr mein Schweigen recht war.<\/p>\n<p>In den neu hinzugebauten obersten drei Etagen, die sehr teuren Wohnungen Raum bieten, leben Menschen, die \u00fcber sehr viel Geld verf\u00fcgen. Das erkenne ich an den s\u00fcndhaft teuren Automobilen, welchen diese Menschen entsteigen, um in das Haus zu gehen.<br \/>\nSie haben es nicht mehr n\u00f6tig, sich in Designeranz\u00fcge zu zw\u00e4ngen. Sie lieben vielmehr Sportanz\u00fcge aus Deutschland, deren obligatorische Streifen perfekt zu oligarchischem Goldkettenbehang passen. Diese Herren haben die Angewohnheit, ihre T\u00f6chter, manchmal auch ihre Enkelt\u00f6chter, stets an der Hand zu f\u00fchren. Allerdings m\u00f6chte ich erw\u00e4hnen, dass diese jungen Frauen stets tipptopp gekleidet sind. Ich vermute, dass sie eifrige Kundinnen der Boutiquen sind, die unter den Wohnungen ihrer Gro\u00dfv\u00e4ter und V\u00e4ter gelegen sind.<br \/>\nWenn die teuren Autos dieser Herren vorfahren und ihre Besitzer aus ihnen steigen, r\u00e4umen die vor den Schaufenstern posierenden jungen Frauen schnell den Gehsteig. Ich vermute, dass sie den reichen Herren, ihren T\u00f6chtern und Enkelt\u00f6chtern, sowie den diese stets begleitenden Gep\u00e4cktr\u00e4gern mit massigem K\u00f6rperbau, kurz geschorenem Haupthaar, grimmigem Blick und ausgebeulten Sakkos Platz machen m\u00f6chten, schlicht aus Freundlichkeit.<\/p>\n<p>Die angehenden Autoren lassen sich nicht von den reichen Herren und deren Anhang beeindrucken, sie gehen weiter ihrer jeweiligen Besch\u00e4ftigung nach.<br \/>\nIch habe den Clochard gesehen. Er sitzt nun drei Stra\u00dfen weiter vor einem ungenutzten Erdgeschoss. Ich habe ihm bereits eine neue Flasche besten Vodkas geschenkt. Ich habe erfahren, dass in der Stra\u00dfe, in der der Pennbruder nun sitzt oder liegt, eine Dachgeschosswohnung mit angeschlossener Dachterrasse frei wird. Ich muss mit meiner Ehefrau dar\u00fcber sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> |Inventarnummer: 17097<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich lebe und arbeite in Wien. Um pr\u00e4zise zu sein in der Innenstadt, also im ersten Bezirk. Ich lebe und arbeite dort in einer ger\u00e4umigen Wohnung, der eine Dachterrasse angeschlossen ist. 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