{"id":6400,"date":"2017-04-12T06:54:10","date_gmt":"2017-04-12T06:54:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6400"},"modified":"2017-05-18T08:36:16","modified_gmt":"2017-05-18T08:36:16","slug":"wandern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6400","title":{"rendered":"Wandern"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6400&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6400&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Samstagmorgen. Ich konnte nicht weiterschlafen. Gudrun hatte das Bett, in dem wir die letzten f\u00fcnf N\u00e4chte verbracht hatten, fr\u00fch verlassen. Ich stieg aus dem warmen weichen Bett, welches an W\u00e4rme und Weichheit gewinnt, wenn sie ebenfalls darin liegt, ging in die K\u00fcche, k\u00fcsste sie, br\u00fchte mir einen Kaffee, rauchte eine Zigarette mit ihr auf dem Balkon, verrichtete dann meine Notdurft und stellte mich unter die Dusche.<\/p>\n<p>Gudrun fragte mich, ob ich Lust h\u00e4tte, mit ihr zum Haus ihres Vaters zu fahren, es w\u00fcrden Fotos angefertigt werden von den Mitgliedern der Familie zum Zweck der Beh\u00fcbschung der Einladungen f\u00fcr das bevorstehende Gartenfest. Ich bejahte, fuhr mit ihr (um pr\u00e4zise zu sein, fuhr sie mit mir &#8211; ich befinde mich nicht in Besitz einer Fahrerlaubnis), ihrem Bruder Clemens und dessen Freundin Kathi zum Haus ihres Vaters, vermied, allzu hingebungsvoll, was gro\u00dffl\u00e4chig miteinschlie\u00dft, von Lara, dem Familienhund, abgeleckt zu werden (das freundliche Wesen eines Hundes ist f\u00fcr Menschen \u00fcberaus angenehm &#8211; Allergiker weinen in diesem Fall aus vor Freude strahlenden Augen) und durfte mit auf ein Foto, nat\u00fcrlich gemeinsam mit der Tochter des Hauses.<\/p>\n<p>Nach dem Verzehr von Gr\u00fcnzeug (auf Gudruns Seite) und Fischsuppe (auf meiner) auf in den S\u00fcden. Die Fahrt ereignislos, die Musik eher die dunkle &#8211; was hei\u00dft unerwiderte oder verlorene &#8211; Liebe be-, aus- und fallweise das Lebenslicht zu Ende leuchtend; das undefinierbare Gef\u00fchl, das einen beschleicht, wenn man Lieder h\u00f6rt, die einen Ausweg be- und ausleuchten, den man selbst unz\u00e4hlige Male in Betracht gezogen hat.<br \/>\nEinige kleine Ortschaften, sogenannten \u2018Kaffs\u2019 nicht un\u00e4hnlich, sogar noch schlimmer als das Kaff, das mich hervorgebracht hat, Werbebanner auf den \u00fcbermannshohen Umfriedungen aus Maschendraht f\u00fcr die \u00f6rtlichen Sportpl\u00e4tze (meist handelt es sich bei diesen um Fu\u00dfballpl\u00e4tze, die sich durch eine Rasenqualit\u00e4t auszeichnen, die der von \u00dcbungsgolfpl\u00e4tzen nicht un\u00e4hnlich ist, auf welchen blutige Anf\u00e4nger Abschl\u00e4ge \u00fcben. Es ist nun nicht so, dass der Rasen an den in einem Gehege f\u00fcr Erdm\u00e4nnchen gemahnt. Gott bewahre! &#8211; Aber beinahe&#8230;).<\/p>\n<p>Die Werbebanner machen, logisch, Werbung. Nicht f\u00fcr Rolex, Apple oder Mercedes Benz, vielmehr f\u00fcr \u00f6rtliche Gewerbebetriebe. \u2018Fris\u00f6r Sabine\u2019 ist beispielsweise in ruraler Gegend oft zu lesen. (Ich kenne durchaus Frauen, die Sabine hei\u00dfen, doch keine von ihnen geht dem Beruf der Fris\u00f6rin nach. Offenkundig verh\u00e4lt es sich in l\u00e4ndlicher Gegend &#8211; und Gesellschaft &#8211; vulgo Provinz &#8211; so, dass der Berufsstand in den Augenblicken festgelegt wird, in welchen die Taufkerze entz\u00fcndet und dem S\u00e4ugling geweihtes Wasser \u00fcber den Kopf gegossen wird. Ein weiblicher S\u00e4ugling, der den Namen Sabine erh\u00e4lt, ist, so sieht es aus, auf den Beruf Fris\u00f6rin abonniert, w\u00e4hrend ein m\u00e4nnlicher, der Manfred getauft wird, sein Leben allem Anschein nach entweder auf einem Rohbau, um diesen fertigzustellen oder in diesem zu wohnen und zu trinken, oder, wenn er motorisiert ist, auf einem Gabelstapler zuzubringen hat. &#8211; Ich pers\u00f6nlich w\u00fcrde diese Berufsbestimmung vermittels Vornamen als \u2018Das Gesetz der Provinz\u2019 bezeichnen.)<\/p>\n<p>Gleinst\u00e4tten &#8211; ein erster H\u00f6hepunkt! Die durch den Ort f\u00fchrende Stra\u00dfe ist zweifarbig. Zum einen ist sie in der als gew\u00f6hnlich &#8211; also normal &#8211; zu bezeichnenden Farbe von Asphalt gehalten. Zum anderen ist sie &#8211; und das ist das Au\u00dfergew\u00f6hnliche &#8211; in Teilen von ockergelber Farbe. Noch heute frage ich mich, was es mit dieser Zweifarbigkeit auf sich hat. Die Antwort, die mir als erste durch den Kopf schoss (es handelt sich um eine Art \u2018Rauschparcours\u2019 f\u00fcr die bekannterma\u00dfen notorisch dem Alkohol zusprechende Landbev\u00f6lkerung: Auf dem Weg vom Gasthaus in das traute Eigenheim gilt es &#8211; selbstverst\u00e4ndlich ohne zu mogeln! -, sich an folgende Vorgabe zu halten: Die dunklen Stellen der Stra\u00dfe durch den Ort d\u00fcrfen auf allen Vieren zur\u00fcckgelegt werden, w\u00e4hrend der trinkende &#8211; oder getrunken habende &#8211; Gleinst\u00e4ttener die hellen Stellen aufrechten Gangs hinter sich zu bringen hat), halte ich nach reiflicher \u00dcberlegung f\u00fcr unbefriedigend. Auch andere Antworten bringen mich nicht weiter bei der Frage nach dem Sinn der Zweifarbigkeit dieses Stra\u00dfenabschnitts.<br \/>\nVielleicht hat der Gleinst\u00e4ttener B\u00fcrgermeister auch einfach eine Wette verloren, oder der wohl gr\u00f6\u00dfte ortsans\u00e4ssige Betrieb plant, s\u00e4mtliche Stra\u00dfen nach und nach in eine Art (vielfarbiges?) Schachbrett zu verwandeln, um auf diese Art und Weise den durch den Ort fahrenden staunenden Nicht-Gleinst\u00e4ttenern die Vielfalt an Farben darzulegen, in der seine Dachziegel zu fertigen er in der Lage ist.<\/p>\n<p>Gleinst\u00e4tten &#8211; ein zweiter H\u00f6hepunkt! Gleinst\u00e4tten verf\u00fcgt \u00fcber einen See! Nun ist dieser nicht so gro\u00df wie andere Binnengew\u00e4sser, aber dennoch gro\u00df genug, um an dessen Ufer (gesch\u00e4tzte Ufer-Gesamtl\u00e4nge: 150 &#8211; 200 Meter!) ein sogenanntes \u2018Uferfest\u2019 auszurichten. (Ich pers\u00f6nlich f\u00fchlte mich beim Anblick dieses Gew\u00e4ssers an eine von Dachsen ausgehobene Grube erinnert. &#8211; Nicht an einen Dachsbau, in welchem diese Tiere zu schlafen und ihren Nachwuchs auf die Freuden und F\u00e4hrnisse seines zuk\u00fcnftigen Lebens als Dachse vorzubereiten pflegen. &#8211; Der Gleinst\u00e4ttener \u2018See\u2019 erinnerte mich vielmehr an die Grube, die die reinlichen Dachse ein wenig abseits ihres Baus ausheben.) Jedenfalls, es wird am Ufer ein Uferfest zelebriert.<\/p>\n<p>Die beiden Tretboote, die auf diesem Gew\u00e4sser bequem, also ohne zu kollidieren, ihre Kreissegmente ziehen k\u00f6nnen, werden, so nehme ich an, anl\u00e4sslich dieses Gro\u00dfereignisses mit Werbebannern beklebt werden. (Eines mit dem Schriftzug des \u00f6rtlichen Ziegelwerks und vielleicht mit dem Logo des \u00f6rtlichen Dachdeckers &#8211; \u2019Meister Hannes deckt am besten!\u2019 -, das andere anzunehmenderweise mit Werbung f\u00fcr Bier &#8211; \u2019Murauer Bier w\u00fcnscht Gleinst\u00e4tten &#8211; einen Abend, einen netten!\u2019) Ich werde nicht die Gelegenheit haben, diesem Uferfest beizuwohnen, und insgeheim bedaure ich diesen Umstand. Ich w\u00fcrde gerne Fris\u00f6rin Sabine beobachten, wie sie Staplerfahrer\/Hauserbauer und -besetzer\/Trinker Manfred die neuesten Frisurentrends aus Paris n\u00e4herbringt, auch w\u00fcrde ich gerne Manfreds Blick sehen, ob er Sabine enerviert in die Augen oder freudig erregt auf ihr Dekollete blickt. Auch Meister Hannes w\u00fcrde mich interessieren, wie er der K\u00f6chin und Haush\u00e4lterin &#8211; in Personalunion! &#8211; des \u00f6rtlichen Pfarrers seine Erfahrung und Leidenschaft bez\u00fcglich des Deckens schmackhaft macht.<\/p>\n<p>St. Ulrich im Greith &#8211; die(!) \u2018Museumsstadt\u2019! Eine Ausstellung, Dali bis Picasso, die, nun ja, ganz nett ist. Eine Vielzahl an \u2018Hauptwerken\u2019 dieser K\u00fcnstler ist zu bestaunen und auch zu bewundern. Eine in offensichtlich m\u00fchevoller kunsthistorischer Kleinarbeit zusammengetragene Sammlung von Drucken (h\u00e4tte der Sammler Konzertfl\u00fcgel oder Streich- oder andere Saiteninstrumente hergestellt, anstatt Saiten zu produzieren &#8211; wie w\u00fcrde sich die Sammlung dann wohl pr\u00e4sentieren? Und wo?). Auch ein Giacometti ist dabei. (Auf Papier, was offenbar haltbarer als Bronze ist.) Ebenso wie einige unaufgeregte Werke von Warhol, die gut in jedes Schlafzimmer passen w\u00fcrden (Junge Frau, Sie haben Schwierigkeiten einzuschlafen? Kein Problem! Besuchen Sie mein Schlafzimmer, sehen Sie sich meine Bilder von Warhol an und ich verspreche Ihnen &#8230;).<br \/>\nDa ich nicht die Zeit hatte, mich auf die in der Ausstellung gezeigten Werke, hinsichtlich ihrer Bedeutung und Bestimmung in kunsthistorischem Sinn, vorzubereiten, musste ich Gudrun, was mir gr\u00e4sslich unangenehm und sogar peinlich war, gestehen, dass ich ihr die Werke nicht erkl\u00e4ren konnte.<\/p>\n<p>Danach begaben wir uns auf Wanderschaft. Zw\u00f6lf Kilometer sollte uns die Wanderroute \u00fcber Ast und Stein, H\u00fcgel hinauf und wieder hinab f\u00fchren. Sie in Wanderschuhen, die ohne Weiteres auch zum Bergsteigen geeignet sind, ich in den Feldschuhen der franz\u00f6sischen Fremdenlegion (Ehrensache).<br \/>\nDer Waldweg, der vom ersten Teich (es handelt sich bei s\u00e4mtlichen Teichen entlang des Wanderwegs, der \u2018roten Route\u2019, um solche, die der Aufzucht von Fischen verschiedener Art dienen &#8211; selbstverst\u00e4ndlich zur sp\u00e4teren Verwendung in der K\u00fcche oder auf dem Grillrost im Garten) wegf\u00fchrt, war auf seiner linken Seite bestanden von einer geringen, doch f\u00fcr zwei Personen beinahe ausreichenden Anzahl Eierschwammerl, die ich sogleich an mich nehmen musste (der alte Pilzesammler in mir wurde in dem Augenblick des Erkennens, was da am Wegesrand wuchs, zu neuem Leben erweckt).<br \/>\nMangels eines Beh\u00e4ltnisses, wie Korb, Plastik- oder Stoffsack, entledigte ich mich meines T-Shirts, das ich unter meinem (gr\u00fcn-wei\u00df karierten &#8211; ich bin Steirer!) Hemd trug, verknotete dessen \u00c4rmel und den Rundkragen (Gudruns Expertise, was die Einsatzm\u00f6glichkeiten eines gew\u00f6hnlichen Haargummis anlangt, ist nicht hoch genug einzusch\u00e4tzen) und legte die kleinen gelben Waldgew\u00e4chse in den improvisierten Stoffsack. Wir hielten es in weiterer Folge so, dass sie auf dem Waldweg wanderte, w\u00e4hrend ich mich einige Meter von ihr entfernt auf einem steilen Waldhang nach Pilzen suchend vorw\u00e4rts bewegte. Ich fand an diesem Tag keine weiteren Pilze.<\/p>\n<p>Stets den Blick auf den Boden (Pilze!) gerichtet, folgten wir dem roten Pfeil, der uns zum n\u00e4chsten f\u00fchrte, dieser wiederum f\u00fchrte uns zum \u00fcbern\u00e4chsten usw. Gest\u00e4rkt von Gr\u00fcnzeug und Fischsuppe und beg\u00fcnstigt vom Wetter (obgleich ein Tag in der Mitte des Sommers, war die Temperatur nicht zu hoch, auch wurde die Sonne von Wolken, die wie Regenwolken aussahen, ihr Nass aber f\u00fcr sich behielten, daran gehindert, die bisweilen unerbittliche Intensit\u00e4t ihrer dehydrierenden Strahlen auf unsere K\u00f6rper loszulassen), wanderten wir weiter.<\/p>\n<p>Die Landschaft war (und ist!) wundersch\u00f6n. Mir schien, als w\u00fcrden sich zwei, drei Familien je einen H\u00fcgel samt darunterliegendem Tal teilen, denn allzu viele H\u00e4user gibt es dort nicht. Die zahlreichen Teiche f\u00fcr die Fischzucht, an den R\u00e4ndern der W\u00e4ldchen oder in der Mitte von Wiesen gelegen, f\u00fcgten sich harmonisch in das Gesamterscheinungsbild der Landschaft (ich bin, obgleich ich nicht zur Schw\u00e4rmerei neige, versucht zu sagen: in die Idylle). (Ich vermute, dass ich dieses Bild der Idylle dem Eindruck der Harmonie zu verdanken habe, den das satte Gr\u00fcn der Nadel- und Laubb\u00e4ume, das der Wiesen und das gr\u00fcne Wasser der Fischteiche in mir hervorriefen. Oder, dies vermutlich in gr\u00f6\u00dferem Ausma\u00df, weil ich, oft Hand in Hand mit meiner Freundin, diese Landschaft durchwanderte. &#8211; Ich glaube, dass dies der Hauptgrund ist.)<\/p>\n<p>Die Menschen, die in dieser Gegend wohnen (ich denke, dass das Ergebnis aus der Anzahl der Menschen zum Quadrat in etwa die Anzahl der dort lebenden Katzen ergibt &#8211; dies nur am Rande, ich mag Katzen nicht besonders, doch akzeptiere ich sie), sind nett. Sie gr\u00fc\u00dfen freundlich und l\u00e4cheln dabei (ob diese Freundlichkeit in ihrer nat\u00fcrlichen Veranlagung begr\u00fcndet liegt, oder ob sie blo\u00df hintanhalten wollen, von ihren Nachbarn beim Nichtgr\u00fc\u00dfen oder gar Unfreundlich-Dreinblicken beobachtet zu werden &#8211; um hernach von diesen \u2018ausgerichtet\u2019 zu werden, also eine schlechte Nachrede \u2018angeh\u00e4ngt\u2019 zu bekommen -, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch als stets positiv denkender Mensch gehe ich davon aus, dass diese H\u00fcgel- und Talbewohner von Natur aus friedlich und in gewissem Ma\u00dfe auch zutraulich sind).<\/p>\n<p>Ich muss festhalten, dass auch Gudrun und ich stets entgegenkommend gegr\u00fc\u00dft haben (wenn man in ein fremdes Habitat eindringt ist es besser, sich so zu verhalten) und uns zutraulich gaben &#8211; die Hunde haben es uns gedankt und sich ebenso friedfertig gegeben (bis auf einen &#8211; der hat uns verbellt! Ich denke jedoch, dass ich dies dem Hund nicht ver\u00fcbeln darf. &#8211; Je n\u00e4her ein Hund n\u00e4mlich, hinsichtlich K\u00f6rperbau und\/oder \u00e4u\u00dferem Erscheinungsbild, einer Ratte steht, desto ausgepr\u00e4gter ist sein Hang zum Kl\u00e4ffen).<\/p>\n<p>In einem der Teiche schwamm eine gro\u00dfe Zahl an Goldfischen. Ich erkannte sogleich (jedoch bin ich mir heute nicht mehr so sicher, dass meine Theorie richtig ist), dass es sich bei diesen Goldfischen, die ja mit Karpfen verwandt sind und somit eigentlich genie\u00dfbar sein sollten, um die Hauptingredienz des \u2018Luxustellers\u2019 handeln musste, der, so nehme ich an, auf dem Gleinst\u00e4ttener Uferfest den zahlungskr\u00e4ftigen Gleinst\u00e4ttener Gro\u00dfb\u00fcrgern serviert werden w\u00fcrde. (Sabine und Manfred d\u00fcrften sich mit gew\u00f6hnlichen Karpfen begn\u00fcgen, also solchen ohne Epidermis aus Gold; daf\u00fcr erhalten sie nach dem Verzehr des gew\u00f6hnlichen Karpfens eine kostenlose innerliche Schlammpackung. &#8211; Auch nicht schlecht!)<\/p>\n<p>Gudrun und ich sprachen viel miteinander, wir redeten \u00fcber vieles, k\u00fcssten uns oft, wobei (aus meiner Sicht) dem K\u00fcssen eines verschwitzten Gesichts und Halses, noch dazu wenn man die durchaus anstrengende und schwei\u00dftreibende T\u00e4tigkeit des Wanderns \u00fcber Ast und Stein gemeinsam ausf\u00fchrt, der eine somit, zu einem gewissen Grad zumindest, mitverantwortlich f\u00fcr das Schwitzen des anderen ist, eine hocherotische Komponente innewohnt.<\/p>\n<p>Aus ornithologischer (ich war, und bin, immer gut bei V\u00f6geln) Sicht war die Wanderung unergiebig. Ich konnte Gudrun einen vorbeifliegenden Terzel der Gattung Turmfalke zeigen, doch da diese kleinen Greifv\u00f6gel die Tendenz haben, sich in schnellem Flug fortzubewegen, wenn sie nicht im sogenannten \u2018R\u00fcttelflug\u2019 in der Luft \u2018stehen\u2019, um nach Beutetieren Ausschau zu halten, war dieses Vergn\u00fcgen verst\u00e4ndlicherweise von kurzer Dauer. Sie, die um meine Liebe zu Greifv\u00f6geln wei\u00df, freute sich f\u00fcr mich, dass ich wenigstens einen Greifvogel zu Gesicht bekam, was wiederum mich sehr freute und auch r\u00fchrte.<\/p>\n<p>Einen Augenblick lang sah ich die Silhouette eines M\u00e4usebussards, ich h\u00f6rte auch die Rufe des Vogels, ebenso die seiner Partnerin oder seines Partners, doch war er verschwunden (wahrscheinlich hatte er sich auf einem Ast eines Baumes in dem Waldst\u00fcck, \u00fcber dem er gekreist war, niedergelassen), bevor ich ihn meiner Freundin hatte zeigen k\u00f6nnen. Einen Fasan erkannte ich an seinem Ruf, doch wir konnten ihn nicht sehen.<br \/>\nEin Reh bekamen wir daf\u00fcr zu Gesicht, doch als es mich sah (vor Gudrun hatte es mit Sicherheit keine Furcht gehabt &#8211; sie ist Veganerin), wurde ihm offenkundig bewusst, dass es von einem Karnivoren be\u00e4ugt wurde, der gro\u00dfe St\u00fccke auf die Leber von Rehen h\u00e4lt, und es fl\u00fcchtete.<\/p>\n<p>Wir gingen und vergingen uns, wir kamen zu einem Bauernhof, vor dem nicht ganz billige Autos aus verschiedenen Teilen des Landes geparkt waren (dieser Umstand lie\u00df mich vermuten, dass es nicht blo\u00df ein Bauernhof, sondern auch eine Pension war und ist), eine Musikgruppe bot gar gr\u00e4ssliche volkst\u00fcmliche Schlagermusik dar, und aus dem Stall des Bauernhofs drang das Geschrei von Schweinen. Dieses Geschrei wirkte auf uns wie Laut\u00e4u\u00dferungen, die von Tieren ausgesto\u00dfen wurden, die den eigenen Tod vor Augen hatten (beispielsweise wenn ein Schwein sieht, wie seinem Mitschwein ein Messer an die Kehle gesetzt wird, schlicht um es zu schlachten).<br \/>\nGudrun isst kein Fleisch, ich schon, somit war ihr dieses Geschrei unheimlich, dies konnte ich dem Blick entnehmen, den sie mir zuwarf, selbst mir war nicht allzu wohl bei dem Gedanken, was in diesem Stall vor sich gehen mochte. Ich habe \u00fcberhaupt kein Problem, den Tod von Tieren in Kauf zu nehmen, damit Menschen (also auch ich) Fleisch auf dem Teller haben, doch unmittelbarer Ohrenzeuge muss ich nun wirklich nicht sein.<\/p>\n<p>Wir gingen mit schnellen Schritten weiter und &#8211; vergingen uns. Wir gingen eine, man kann es beinahe so nennen, Ellipse und kamen (nur dieses Mal &#8211; logisch &#8211; von der anderen Seite) wieder zu dem Bauernhof mit dem Schweinegeschrei. Dieses hatte sich in der Zwischenzeit gelegt, es war in eine Art zufriedenes Grunzen \u00fcbergegangen, was uns vermuten lie\u00df, dass die Schweine keine Angst vor dem Tod gehabt, sondern dass sie es vielmehr nicht mehr hatten erwarten k\u00f6nnen (zum Futter f\u00fcr die Menschen w\u00fcrden sie zu einem anderen, sp\u00e4teren Zeitpunkt werden), gef\u00fcttert zu werden.<\/p>\n<p>Die volkst\u00fcmlichen Musikanten gaben ein weiteres Lied zum Besten (Der Edeltraud, der hat noch nie vorm Zipf gegraut &#8211; oder so was in der Art), wir fragten nach dem Weg, erkannten, dass wir einen roten Pfeil schlicht \u00fcbersehen hatten (dieser Pfeil ist aber auch wirklich unprofessionell platziert! Folgendes an den Setzer dieses Pfeils: Nicht gen\u00fcgend, setzen!) und waren wieder auf dem richtigen Weg.<br \/>\nAm Ufer des Teichs, der in der N\u00e4he des Schweinegeschreihofs ausgehoben war, standen zwei Sessel, die nirgendwo sonst auf dieser Welt noch h\u00e4tten Verwendung finden k\u00f6nnen, sie waren alt, ihr metallenes Gest\u00e4nge rostig an den Stellen, an welchen die sch\u00fctzende Lackschicht abgebl\u00e4ttert war, doch waren sie uns zwei willkommene Sitzgelegenheiten; wir lie\u00dfen uns nieder, tranken aus unseren mit auf die Wanderung genommenen Flaschen, rauchten und k\u00fcssten uns.<\/p>\n<p>Wir setzten unsere Wanderung entlang der roten Route fort. Auf einer vor Kurzem gem\u00e4hten Wiese sahen wir in einiger Entfernung einen sich offensichtlich auf der Suche nach Nahrung befindenden Steinmarder, ein an sich schon kleines (und durch die Entfernung noch kleiner erscheinendes) Raubtier, und ich fragte mich, nat\u00fcrlich ohne Gudrun meine \u00dcberlegung mitzuteilen &#8211; ich wollte sie nicht schockieren oder nachdenklich (oder gar traurig) machen -, wie es denn mit den Kragen der Winterm\u00e4ntel der dort wohnenden Damen aussieht (ob das wirklich alles Kunstpelz ist?).<\/p>\n<p>Nach einer weiteren Verirrung (an den Setzer der roten Pfeile: ein weiteres Mal: Nicht gen\u00fcgend, setzen!) kamen wir zum Ausgangspunkt unserer Wanderung \u00fcber zw\u00f6lf Kilometer, rauchten, tranken (Gudrun f\u00e4llt das Rauchen schwer, wenn sie keine Fl\u00fcssigkeit aufnimmt), k\u00fcssten uns, verstauten die Eierschwammerl im Kofferraum ihres Wagens und machen uns auf den R\u00fcckweg aus der Hochprovinz nach Graz.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #000000;\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a><\/span> | Inventarnummer: 17096<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstagmorgen. 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