{"id":6363,"date":"2017-03-29T17:23:29","date_gmt":"2017-03-29T17:23:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6363"},"modified":"2017-04-25T11:42:36","modified_gmt":"2017-04-25T11:42:36","slug":"wenn-die-moka-singt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6363","title":{"rendered":"Wenn die Moka singt"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6363&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6363&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Mag man irgendwo in Italien in einem noch so unterpreisigen, lausigen Bed &amp; Breakfast abgestiegen sein, am Rande einer Vorstadt nahe\u00a0der Tangente, wo einem der hitze\u00fcberladene Augustwind unaufh\u00f6rlich den Stra\u00dfenl\u00e4rm durch die Ritzen der herabgelassenen Rolll\u00e4den sp\u00fclt, und beim Rundgang durch die speckige K\u00fcche\u00a0ein Brotmesser vorfinden, das nicht einmal die Butter zu schneiden imstande ist, die man auf besagtes Brot zu streichen beabsichtigt; oder einen Korkenzieher, der angesichts der Flasche Wein, die man beim Grei\u00dfler unten ums Eck auf seinen wahren Wert heruntergehandelt hat, in seine Bestandteile zerf\u00e4llt \u2013<\/p>\n<p>Sie\u00a0aber fehlt nie, die Moka, oder Espressokanne, wie man sie hierzulande etwas sperrig zu nennen pflegt; prominent, nahezu stolz behauptet sie ihren Platz, meist in der linken oberen Ecke einer etwas windschief geratenen Kredenz. Und sei es nur als kleinste Schwester der gesamten Serie, das minimalistische Modell, das gerade einmal zwei Fingerhut Espresso zuzubereiten erlaubt, abgeschabt und angeschw\u00e4rzt, des Aluminiumglanzes l\u00e4ngst verlustig gegangen, braun im Schlund von tausend und einem durchgelassenen Kaffee \u2013 aber da steht sie, in einladender Handgriffn\u00e4he, bereit zu einem weiteren\u00a0Einsatz, in all ihrer Unbeirrbarkeit und Unzerst\u00f6rbarkeit.<\/p>\n<p>Denn gen\u00fcgsam ist sie, verlangt nicht nach\u00a0Strom, nicht nach Batterien oder Induktion, altmodisch erf\u00fcllt sie ihren Dienst auch\u00a0in freier Wildbahn, selbst im Dunkeln. Nur nach etwas Wasser gel\u00fcstet ihr, und selbstverst\u00e4ndlich nach frisch gemahlenem Kaffee, und schlie\u00dflich nach etwas, das ihr eine geh\u00f6rige Hitze unter dem Hintern bereitet. Und keine sechs, sieben Minuten sp\u00e4ter beginnt sie ihr Lied zu singen \u2013 nicht das nervt\u00f6tend sirenenhafte Geheul eines ungezogenen Teekessels; ihr entspringen die T\u00f6ne aus den Tiefen ihrer Eingeweide, gleich dem Jazz-Bass einer Tuba, rotzig im Fauchen und Blubbern.<\/p>\n<p>Dann aber verlangt sie nach ungeteilter Aufmerksamkeit, ungeduldig von der Feuerstelle will sie genommen werden, mit beleidigter Bitterkeit ihres Inhalts droht sie uns ansonsten. Andererseits, gew\u00e4hren wir ihr diese Gunst, umso dankbarer verstr\u00f6mt sie im Vorab das verf\u00fchrerische Aroma dessen, was wir alsbald zu uns nehmen werden, diese Schale braunen Goldes, mit der wir es uns wieder einmal erlauben, dem Herrgott einige wertvolle Momente seiner unendlichen Zeit stehlen \u2026<\/p>\n<p>Und m\u00f6gen wir auch in dem unbewussten Glauben verhaftet sein, dass die\u00a0<em>Moka<\/em> bereits seit ewigen Zeiten unsere Feuerstellen geziert hat,\u00a0sie sich schon bei den alten Etruskern als\u00a0Grabbeigabe allgemeiner Beliebtheit erfreut hat, soll hier nachgetragen werden: Ein Kind des letzten Jahrhunderts ist sie, um genau zu sein, aus dem Jahre 1933 (ein Jahr, das auch in anderer Hinsicht schicksalhaft f\u00fcr die Menschheit sein sollte). Wie auch immer, ans Licht der Welt brachte sie ein gewisser\u00a0Alfonso Bialetti\u00a0aus dem Piemont, Inhaber einer Fabrik f\u00fcr Aluminiumteile. Und ihren wahren Siegeszug trat die\u00a0Moka nach dem Krieg an, als der Sohn\u00a0Renato Bialetti\u00a0die Firma \u00fcbernahm und mit einer geschickten Werbekampagne f\u00fcr ihre Verbreitung sorgte.<\/p>\n<p>Und dass ihm dieses Unterfangen gelang, zeigt eine Umfrage dieser Tage, wonach in 98% der italienischen Haushalte (zumindest!) eine\u00a0Moka\u00a0steht \u2013 das ist mehr als die Italiener einen Fernseher besitzen oder den legend\u00e4ren\u00a0Fiat 500. Und selbst die neueste, ebenso der Verg\u00e4nglichkeit verschriebene Mode, Kaffee so aufzukochen, wie das Grinsen eines George Clooney es einem vorgaukelt (ein Grinsen, das wohl mehr \u00fcber die H\u00f6he seiner Werbegage aussagt), wird kaum etwas an dieser beeindruckenden Prozentzahl \u00e4ndern \u2013 die mehr als achtzig Jahre \u00dcberlebensdauer dieser unverw\u00fcstlichen achteckigen Kanne dienen als Beweis:<\/p>\n<p>Es gibt keine beeindruckendere billigere Methode, einen so beeindruckend guten Kaffee zuzubereiten als mit der\u00a0<em>Moka \u2026<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 17094<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mag man irgendwo in Italien in einem noch so unterpreisigen, lausigen Bed &amp; Breakfast abgestiegen sein, am Rande einer Vorstadt nahe\u00a0der Tangente, wo einem der hitze\u00fcberladene Augustwind unaufh\u00f6rlich den Stra\u00dfenl\u00e4rm durch die Ritzen der herabgelassenen Rolll\u00e4den sp\u00fclt, und beim Rundgang durch die speckige K\u00fcche\u00a0ein Brotmesser vorfinden, das nicht einmal die Butter zu schneiden imstande ist, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[99],"tags":[10],"class_list":["post-6363","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schoder-harald","tag-hin-weg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6363","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6363"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6363\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6386,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6363\/revisions\/6386"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6363"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6363"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6363"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}