{"id":6339,"date":"2017-03-27T10:56:28","date_gmt":"2017-03-27T10:56:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6339"},"modified":"2017-04-02T08:23:58","modified_gmt":"2017-04-02T08:23:58","slug":"plugged","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6339","title":{"rendered":"plugged"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6339&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6339&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die funkferngesteuerte Hybrid-Spray-Fogger-Nebelmaschine qualmt wie wahnsinnig vor sich hin. Was es nicht heutzutage alles gibt! Man sieht die eigene Hand nicht vor den Augen. Nur so zur Probe. Es riecht stark nach \u00d6l. Die B\u00fchne, die zw\u00f6lf mal vier Meter misst und aus d\u00fcsteren, schwarz lackierten Spanplatten zusammengebaut ist, wird mit allerlei Ger\u00e4t best\u00fcckt. Die Beleuchtung ist auf Schlafmodus gestellt, man sieht schon wegen des Nebels kaum, und doch gerade noch das Notwendigste. In der hinteren linken Ecke steht ein Keyboard, ein altes Yamaha aus den Siebzigern, das schon einmal bessere Zeiten gesehen hat. In der Mitte der B\u00fchne, nach hinten ger\u00fcckt, ein noch \u00e4lteres \u201eLudwig\u201c-Schlagzeug. Auch in Schwarz, aus den sechziger Jahren, links und rechts von Messingbecken, deren Glanz schon l\u00e4ngst irgendwo verloren gegangen war, auf wackeligen St\u00e4ndern flankiert.<\/p>\n<p>Die nicht mehr sooo ganz jungen Musiker in ihrer nostalgischen Sixty-B\u00fchnenkleidung, mit Glockenhosen und T-Shirts, in sinnigen Spr\u00fcchen allerlei auf Brust und R\u00fccken dokumentiert, mit Peace-Zeichen und allem was dazugeh\u00f6rt, eine Amateurband also, versuchen m\u00fchsam, ihr Equipment einigerma\u00dfen professionell aufzubauen. An die r\u00fcckw\u00e4rtige B\u00fchnenwand ist ein m\u00e4chtiges Che-Guevara-Portr\u00e4t etwas schief angenagelt. Sch\u00f6n, dass er hergefunden hat.<br \/>\nDen Hobbyk\u00fcnstlern zur Seite gestellt, ist ein trauriges H\u00e4uflein t\u00e4towierter Junkies und Ex-Motorrad-Freaks, von denen keiner unter f\u00fcnfzig ist und die von der Stadtgemeinde f\u00fcr diese Arbeiten engagiert worden sind, Besch\u00e4ftigungstherapie, damit sie nicht n u r auf dumme Gedanken kommen. Die sind die Profis, wie sie unschwer zu vermitteln wissen. Allesamt schwere Jungs mit ausgepr\u00e4gter H\u00e4fen- (sprich Gef\u00e4ngnis)-Erfahrung, wird gemunkelt. Jeder f\u00fcr sich ein Unikat.<\/p>\n<p>Damals noch \u2013 ja, damals waren sie Mitglieder so manch einer wilden Gang. Hatten nur Unsinn im Kopf, wie man einen langen Tag erfolglos hinter sich bringt. Zugedr\u00f6hnt bis zum Geht-nicht-mehr. Man war ganz vorn. Vor der B\u00fchne. Bei allen Events. Von den Stones bis zu den Who. B\u00fchnenarbeiter &#8211; ganz nah bei ihren Idolen. Sie sind mit ihnen in W\u00fcrde gealtert. Aber die hier, die Band, die z\u00e4hlt noch zu den Lebenden, beinahe zumindest. Blo\u00df kennt sie keiner. Das ist eben Schicksal. Einer von denen hatte vor zig Jahren tats\u00e4chlich selbst einen Hit gelandet, einen einzigen. Das lie\u00df ihn gewisserma\u00dfen irgendwie zum Profi werden. Und genau das haben die B\u00fchnenhackler (Hackler = Arbeiter, Wienerisch) irgendwie mitbekommen. Aber es fehlt ihnen anscheinend am n\u00f6tigen Respekt, denn sie gehen sehr r\u00fcde mit dem Alt-Star um. Als der Hitlander sein Bierglas auf einer der Lautsprecherboxen vergisst, kippt das Glas samt Inhalt auf einen der Hackler, als der die Box soeben mit dem Handstapler wegheben will. Du bist a Profi!, meint der Hackler emotionslos ironisch, von oben bis unten nass, den Kopf schief haltend und ihn von oben bis unten musternd, um sich anschlie\u00dfend, ein angewidertes Ausspucken andeutend, kopfsch\u00fcttelnd vom Hitlander abzuwenden. Womit das Kapitel des Profis neu geschrieben werden muss.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen vor den Toren warten, chromblitzend in der Sonne funkelnd, die Bikes der B\u00fchnencrew, wie zur\u00fcckgelassene Hunde, angekettet, geduldig auf ihre Besitzer. Unschwer zu erkennen, wer zu welchem \u201eOfen\u201c geh\u00f6rt. Der Dickste von denen zur fettesten Harley. Rot-m\u00e9tallis\u00e9, mit Windschirm und Seitenboxen. Fat Boy. Der Fahrer ist auch so einer. Sie sehen sich \u00e4hnlich.<br \/>\nDer Schmalspurrocker mit dem ausgemergelten Gesicht passt eher zur mageren Variante, zu der mit dem hohen Lenker, Variante Easy Rider. Man ist t\u00e4towiert.<br \/>\nNoch muskul\u00f6se Arme schimmern gr\u00fcnlich im diffusen Rampenlicht, ragen aus verwaschenen \u00e4rmellosen Jeansjacken, deren R\u00fcckenteile das Emblem ihres Motoradclubs zeigen. Von den Hosentaschen baumeln verchromte Ketten an deren Enden Geldb\u00f6rsen vermutet werden. Es k\u00f6nnte auch das eine oder andere Messer darunter sein. Der B\u00fchnenraum ist eigentlich ein finsteres Loch, gelinde gesagt. Es riecht stark nach Zigarettenrauch und Bier. Und die Typen dazu? Mit denen w\u00e4re nicht gut Kirschen essen, sagt man. Gegen die Ledernen nehmen sich die Bandmitglieder wie Priesterseminaristen aus.<\/p>\n<p>Wo ist denn das Licht?, fragt einer der Musiker. Was f\u00fcr ein Licht?, antwortet einer der Rocker geistesabwesend. Er steht auf einer Leiter und schraubt eben eine Gl\u00fchbirne in die leere Fassung. Sein Gesicht ist tief zerfurcht, sein K\u00f6rper ausgezehrt. Die Haut scheint vertrocknet wie bei einem Klippfisch. Die Haare h\u00e4ngen lang und fett in Str\u00e4hnen bis an die Schultern und ber\u00fchren die Lederjacke. Ein Zigarettenstummel glimmt emsig wie ein Gl\u00fchw\u00fcrmchen in seinem Mundwinkel. Sein Oberarm zeigt die T\u00e4towierung eines Totenkopfes, dem sein Tr\u00e4ger irgendwie ziemlich \u00e4hnlich sieht. Die Hose des Klippfisches schlottert um die d\u00fcnnen Beine. Der Musikus bemerkt dessen grimmige Miene und bel\u00e4sst es bei der Frage. Niemand wagt, weitere Fragen zu stellen.<\/p>\n<p>Irgendwann wird es hell, die Scheinwerfer sind an, blenden, werden gedreht und neu justiert. Mikrofonprobe. Sing du f\u00fcr mich, sagt einer der Musiker zum anderen. Alle lachen. Aber es ist doch dein Mikro! Wurscht. Sind eben nicht alle f\u00fcr die B\u00fchne geschaffen. Heute fehlt irgendwie die Motivation. Man f\u00fchlt sich beobachtet. Von Profis. Wie viele Mikrofone?, fragt einer der H\u00f6llenengel. F\u00fcnf, lautet die Antwort. Samma a G\u00b4sangsverein?, brummt der. (Ein Gesangsverein ist keine Rockband, versus \u201eDienst ist kein B\u00e4renfell\u201c, aus \u201eVierzig Wagen westw\u00e4rts\u201c.)<br \/>\nDann geht es los. Die Band intoniert oder interpretiert, je nachdem, Satisfaction. Jeder kennt das. Die Rocker blicken skeptisch. Sehen einander schweigend an. Keiner verzieht eine Miene. Sie haben die Nummer schon x-ten Mal original geh\u00f6rt, haben schon unterm \u201eOriginal\u201c gedient, haben vierzig Jahre Wiener Stadthallenerfahrung. Denen macht man nichts vor. Und dann das! Einer sch\u00fcttelt den Kopf, greift nach seiner Zigarettenpackung in der Brusttasche seiner ausgefransten Jeansjacke. Das Schlagzeug scheppert penetrant nach alten Topfdeckeln. Die Basstrommel klingt nach schlecht gespannter Lederhose und die Mikrofone quietschen erb\u00e4rmlich infolge einer ungewollten R\u00fcckkoppelung. B\u00fchnenleben macht Spa\u00df.<\/p>\n<p>Der Keyboarder erz\u00e4hlt in der Pause, er h\u00e4tte einen aus so einer Motorradgang gekannt und ihn einmal zu seinen Schwiegereltern eingeladen, die hatten einen Heurigen am Land, und er selbst half am Wochenende dort aus, als Servierkraft und auch hinter der Schank. Aber der w\u00e4re nicht alleine gekommen, nein, ganz und gar nicht. Irgendwann war ein infernalischer L\u00e4rm auf der Gasse zu h\u00f6ren. Man st\u00fcrmte zum Tor um nachzusehen. Das gibt\u2019s nicht! An die drei\u00dfig Motorr\u00e4der, Harleys, Hondas, Kawasakis, alle aufgemotzt und mit kunstvollen Bildern versehen, luftgepinselt und verchromt, wo es nur m\u00f6glich war, versuchen, in beeindruckender Phonst\u00e4rke die Parkl\u00e4tze vor dem Lokal f\u00fcr sich einzunehmen. Einer f\u00e4hrt \u00fcber den Gehsteig, dann von dort \u00fcber den gepflegten beblumten Gr\u00fcnstreifen auf das G\u00e4sschen und zieht eine Spur der Verw\u00fcstung hinter sich her. Ein anderer hatte eine Regenpf\u00fctze entdeckt und rollt mit dem \u00fcberdimensionalen dicken Hinterreifen seiner Maschine r\u00fcckw\u00e4rts in dieselbe, wobei sich das Rad unter entsprechendem Gasgeben immer wieder munter durchdreht und der Dreck fensterhoch heftig auf die Hausmauer des gepflegten Anwesens spritzt. Der Keyboarder ahnte l\u00e4ngst, was ihm bevorstand und wollte wegen des unangenehmen Ereignisses schon in einem Erdloch versinken, aber noch war es nicht so weit. Die Zeit war noch nicht gekommen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich war das ganze Geschwader samt den hei\u00dfen Br\u00e4uten, den Klammeraffen \u2013 (Beifahrerinnen) abgesessen und hatte sich, die meisten in enger Lederkluft steckend, streckend und reckend, cowboybestiefelt und krummbeinig in Richtung Innenhof bewegt, als auch schon der streng blickende Hausherr erschien, der Schwiegervater h\u00f6chstpers\u00f6nlich in Spencer und Loden, der mit den Worten \u2013 eis (ihr) kriagt\u00b4s do nix &#8211; eine klare widerspruchslose Ansage zu deponieren gedacht hatte, woraufhin ihn die Ledernen schr\u00e4g ansahen. Und sie warfen auch gleich einen zutiefst verunsicherten Blick auf ihren Obmann und Leithammel, der auf den entz\u00fcckenden Namen \u201eBaby\u201c h\u00f6rte, in dessen Bezeichnung jedoch schon allein wegen seines athletischen K\u00f6rperbaus ein Widerspruch per se zu liegen schien und der er auch aufgrund seines Auftretens in keinster Weise gerecht wurde.<\/p>\n<p>Besagter \u201eBaby\u201c wiederum erwartete jetzt ganz offensichtlich eine dringende Stellungnahme des Keyboarders, von dem er wohl eine Korrektur der negativen Formalit\u00e4ten erwartete, die die Stimmung des Hausvaters entsprechend zu wandeln imstande gewesen w\u00e4re. Jetzt war es f\u00fcr diesen also h\u00f6chst an der Zeit etwas zu sagen, zu intervenieren, schlie\u00dflich ging es irgendwie dabei auch um sein Fell, um seine Reputation, denn so sattelfest war er in der Familie noch nicht verankert, um Folgendes eben richtigzustellen, was schiefzulaufen schien, was sich dann also ungef\u00e4hr so anh\u00f6rte &#8211; \u00d6h, die \u2013 die geh\u00f6ren zu mir, kr\u00e4chzte er nerv\u00f6s und r\u00e4usperte sich verlegen. Und, ja, jetzt allerdings schien die Zeit f\u00fcr das Mauseloch gekommen.<br \/>\nAus den benachbarten H\u00e4usern lugten verschreckte Augenpaare aus spaltge\u00f6ffneten Toren. Kinder versteckten sich hinter den Kitteln der M\u00fctter. Hunde winselten wegen des immer wieder aufbr\u00fcllenden Motorenl\u00e4rms, und die dunklen Wolken des sich bis vor Kurzem entladenden Gewitters standen immer noch drohend am Horizont, ergiebige Pf\u00fctzen auf Gehsteigen und Gasse hinterlassen habend. Aber es war nicht ganz so schlimm wie erwartet.<br \/>\nAh so?, reagierte der Hausherr knochentrocken, hob kurz die Brauen, verschwand ohne ein weiteres Wort zu verlieren, au\u00dfer einem wirkungsvoll kryptischen &#8211; Naaa jo! &#8211; wieder in Richtung Weinkeller. Dem Tastenbezwinger standen die Schwei\u00dfperlen an der Oberlippe. Heut w\u00e4re wohl kein guter Tag, um ihn um die Hand seiner Tochter zu bitten. Morgen vielleicht auch noch nicht.<\/p>\n<p>Wie auch immer. Die Begr\u00fc\u00dfung zwischen Keyboarder und Motorradclub verlief relativ n\u00fcchtern und emotionslos. Es arbeitete fieberhaft in des Klimpermaxis Gehirn. Der sogenannte berittene Freund stellte die Kumpane und deren Beifahrerinnen artig vor. Die hatten scheint\u2018s jede Menge Spa\u00df dabei, so offiziell aus ihrer gewohnten Anonymit\u00e4t katapultiert zu werden. Dann bewegte sich der Tross l\u00e4rmend \u00fcber den Innenhof die Kellerstiegen hinunter. Die Schwiegermutter hinterm Tresen stand zun\u00e4chst wie angewurzelt da, und &#8211; nie um ein Wort verlegen &#8211; blieb ihr jenes, welches sie eben noch auf den Lippen hatte, wohl unvermutet im Halse stecken, als sie die illustren Neuank\u00f6mmlinge in ihren Nonkonformistenuniformen sah, mit mosaischen B\u00e4rten, in Lederjacken mit Nieten dran und drin, mit klirrenden Ketten wie zu Krampus und das im Mai, wo nichts, aber auch schon gar nichts auf einen R\u00fcckfall in dunkle Dezembern\u00e4chte schlie\u00dfen lie\u00df. Diese Art Heurigenpublikum war ihr grunds\u00e4tzlich fremd. Und schlie\u00dflich waren da all die Minir\u00f6ckchen, oh Gott!, von denen k\u00fcrzere Varianten wohl kaum noch m\u00f6glich gewesen w\u00e4ren, wollte man dabei nicht g\u00e4nzlich auf das letzte Bisschen Stoff verzichten. Die Mutter, die gute, fasste sich jedoch bald wieder und l\u00e4chelte scheinbar wohlwollend \u00fcber den seltsamen Kost\u00fcmverein, der da dieses heiteren Samstagnach-mittags so mir nichts dir nichts \u00fcber ihre Treppe in die heiligen Katakomben hereingeschneit war, und sie tuschelte irgendetwas mit der \u00e4lteren weiblichen Hilfskraft an der Schank. Dann kicherten die beiden und kriegten rote Gesichter.<\/p>\n<p>Die angehende Gattin des Keyboarders, Tochter des ehrbaren Winzerehepaares und ewige Studentin, zupfte dienstbeflissen ihr wei\u00dfes Servier-Sch\u00fcrzchen \u00fcber ihrem z\u00fcchtigen Dirndlrock zurecht und wedelte sogleich mit Stift und Schreibblock bewaffnet an die sechs von derbem Rockervolk beschlagnahmten Tische herbei, um die Bestellung der guten Leutchen aufzunehmen, bem\u00fcht, die \u00e4tzenden Bemerkungen der kichernden Auspuffbr\u00e4ute wegen ihres konservativen Dresscodes tunlichst zu ignorieren. Indes lie\u00dfen sich die Ledernen nicht lange lumpen, denn sie hatten ganz offensichtlich jede Menge Appetit mitgebracht und auch bez\u00fcglich ihres Durstes blieben sie den Erwartungen der Wirtsleute nichts schuldig. Neun Doppelliter und jede Menge Mineralwasser f\u00fcr den Anfang. Und, blo\u00df so nebenbei &#8211; welcher biedere Landgendarm h\u00e4tte es schon auf eigene Faust gewagt, diesen r\u00f6hrenden und gef\u00e4hrlich aussehenden Pulk der oftmals nebeneinander oder sogar zu dritt nebenher Fahrenden, noch dazu mit Wiener Kennzeichen, selbst\u00e4ndig und ohne Verst\u00e4rkung angefordert zu haben, anzuhalten und nach den Papieren zu fragen? Dir Sauoasch zag i meine Papiere sicher net, soll einmal einer von denen zu einem Polizisten gesagt haben, und so was spricht sich herum. Und man hatte schlie\u00dflich Familie.<\/p>\n<p>Alsdann kredenzte die Serviermaid aufgekratzt und unerm\u00fcdlich eine Weinhauerjause (auf dem runden Holzbrett versteht sich) nach der anderen. Darauf befand sich \u00fcblicherweise ein Potpourri aus Blunzenr\u00e4dchen, d\u00fcrrer Knoblauchwurst, Schinken und K\u00e4se, Radieschen, Leberpastete und Tomaten, Pfefferoni und Senf und Brot und wei\u00df der Teufel was noch alles. Der Tastenakrobat konversierte in der Zwischenzeit mit dem h\u00fcnenhaft blonden Anf\u00fchrer der Gang, der \u00fcberdies sein Klaviersch\u00fcler war und den er seit Jahren, bislang mit vergeblicher M\u00fch\u00b4, in die Kunst des Boogie-Woogie-Spielens einzuweihen versucht hatte, was sich bei dessen rauen, rissigen und riesigen unbeweglichen W\u00fcrschtelfingern zu guter Letzt ja auch als sinnloses Unterfangen erwiesen hatte. Aufgrund seiner eigenen schnellen Finger, aber leider selbst kein Biker, diese Zeit kam erst viel sp\u00e4ter, genoss er trotzdem ein Qu\u00e4ntchen Ansehen bei ihm, wenn auch blo\u00df innerhalb einer geduldeten Toleranzschranke der sonst so \u00fcberkritischen Benzingenossenschaft bei der Auswahl neuer Freunde, wenn es generell um b\u00fcrgerliches Gehabe oder gewisserma\u00dfen um Andersgl\u00e4ubige ging. Schlie\u00dflich war man dar\u00fcber hinaus seiner Ehre und Gesinnung verpflichtet, Gesetzen und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten und damit aller verdammten B\u00fcrgerlichkeit und Scheinwelt soweit es ging, aus dem Wege zu gehen, um eben anders zu sein. Dazu z\u00e4hlten durchaus auch chevalereske Kavaliersdelikte wie etwa in unbeobachteten Augenblicken schon mal die Freundin eines Freundes flachzulegen. Diese Art der Moral galt ihnen als dehnbarer Begriff und beschreibt eindrucksvoll und nachhaltig, deskriptiv eben, eine Handlungsregelung, die f\u00fcr diese Gesellschaft leitend ist oder eben die in ihrer Gemeinschaft \u00fcblichen Verhaltensregeln. Mal rein empirisch festgestellt, eine Handlung dieser Art nimmt eine gewisse moralische Qualit\u00e4t an, wenn und soweit sie menschliche Achtung oder Missachtung zum Ausdruck bringen soll. \u00d6h, was auch immer damit gemeint ist.<\/p>\n<p>Die \u00fcbrigen G\u00e4ste kriegten also alle lange H\u00e4lse und tuschelten hinter vorgehaltener Hand, was sie da nicht alles zu sehen bekamen, aber alles hatte seine Ordnung, und jeder hatte seinen Spa\u00df. Der Hausherr (der Wirt) himself jedoch schielte in ihm g\u00fcnstig scheinenden Momenten mit ge\u00fcbtem J\u00e4gerblick, n\u00e4mlich dann, wenn sein virtuoses (wirtuoses) Ziehharmonikaspiel es zwischendurch erlaubte und seine Frau an der Vitrine besch\u00e4ftigt war, wo es galt, den K\u00fcmmelbraten zu filetieren, so unauff\u00e4llig wie m\u00f6glich, immer wieder nach den kurzberockten Rockerbr\u00e4uten und auf deren knackige halbnackte Oberschenkel und die hinaufgerutschten Minir\u00f6ckchen, die im Sitzen f\u00fcr den Betrachter kaum mehr wahrnehmbar waren, wodurch schlie\u00dflich auch er, nach seiner mehr als entt\u00e4uschenden Rolle als Empfangschef und trotz aller urspr\u00fcnglicher Skepsis, auf seine Rechnung zu kommen schien.<\/p>\n<p>Alles war bis dato friedlich und harmonisch verlaufen, w\u00e4re da nicht der haltlos verfressene schwarze Kater Seppl gewesen, der, weil dies seit Jahren sein Revier, gewohnt war, auf den breiten Abschlussholzleisten der Sitzb\u00e4nke hinter den R\u00fccken der G\u00e4ste herumzustolzieren und sich von dort aus mit den leckersten Abf\u00e4llen verw\u00f6hnen zu lassen. So drehte er auch diesmal erfolgsgew\u00f6hnt seine kulinarischen Runden, umschwanzte den einen oder die andere G\u00f6nner\/In und schnurrte zum Dank und zum Jubel aller hier katzenliebenden Anwesenden um die Gunst weiterer Nachmittagsgaben abseits der Futtersch\u00fcssel und ihrer geregelten F\u00fcllzeiten.<br \/>\nDie Fresstour musste gezwungenerma\u00dfen und logischerweise auch an den Lehnen der Benzinbr\u00fcder und -schwestern vorbeif\u00fchren, von wo es aufgrund der \u00fcppigen F\u00fclle an Essbarem m\u00f6glicherweise ganz besonders anziehend gerochen haben mochte, als einer der am wildesten aussehenden Outlaws, er hatte ganz unspektakul\u00e4r einen verchromten Stahlhelm (Zweiter Weltkrieg) vor sich liegen, was die Sache jedoch enorm dramatisierte, das hinter ihm herumstreunende Vieh bemerkte, es mit seiner Pranke am Hals ergriff und mit dem Kopf quer auf sein vor ihm liegendes Schneidebrett knallte, unter frenetischem Jubel der anderen Ledergenossinnen und -genossen. Anschlie\u00dfend demonstrierte er eindrucksvoll, f\u00fcr jeden aufmerksamen Beobachter der skurrilen Szene unschwer zu erkennen, als wolle er mit dem Brotmesser den Kopf der maltr\u00e4tierten Kreatur vom Leibe trennen, um ihn anschlie\u00dfend zusammen mit Senf, Pfefferoni und Salatgurke zu verspeisen. Ein j\u00e4her Aufschrei der Hausfrau, die just in diesem Augenblick ihre wohlwollenden Blicke \u00fcber die schmatzende Gesellschaft schweifen lie\u00df, durchbrach die allgemeine Monotonie ausgelassener Weinlaune und Jausenstimmung.<br \/>\nDer angehende Katzenm\u00f6rder lie\u00df mit breitem Grinsen Katze und Messer fahren und lehnte sich mit zufriedener Miene ob seiner spontanen Performance mit einem Glas in der Hand entspannt zur\u00fcck. Einer der G\u00e4ste hatte vor Schreck sein Weinglas in der Hand zerbrochen und blutete leicht. Der Schwiegermutter jedenfalls zitterten noch Stunden danach die Knie, leichtgl\u00e4ubig wie sie war, hatte sie vielleicht wirklich angenommen, der unzivilisierte W\u00fcstling w\u00fcrde tats\u00e4chlich ihren geliebten Kater verspeisen. Und es war eine Zeit, als just Jimmy Carter Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten war, und der W\u00fcstling lachte laut und rief dem Tier nach, Kater, Jimmy Kater!, als sich Seppl nach seiner wunderbaren Befreiung mit gestr\u00e4ubtem Schwanz, aus Protest lautstark miauend, rasch aus dem Staube gemacht hatte. Rein optisch w\u00e4re es dem Kerl durchaus zuzutrauen gewesen, so von Mimik und Gestik her, ihn zu \u2026 Die Geschichte hatte noch lange Zeit auch unter den \u00fcbrigen G\u00e4sten Bestand.<\/p>\n<p>Nach diesem kleinen Exkurs in die Welt der Ledernen lasst uns wieder zur\u00fcckkehren auf die B\u00fchne, auf der soeben wie verr\u00fcckt gecovert und dabei gerockt und gerollt wurde. Die r\u00f6hrende Sechziger-Band zog alle Register, und das sp\u00e4rliche Publikum, welches so nach und nach hereingetr\u00f6pfelt war, war bem\u00fcht, so gut es eben ging, in allem mitzugehen, zu schreien und zu johlen und heftig und ausgiebig das Tanzbein zu schwingen. Kaum zwei Stunden dauerte der Auftritt der provinzialen semiprofessionellen Rockathleten und schon, kaum war der letzte Ton verhallt, z\u00fcckten die grimmig aussehenden Roadies ihre zweir\u00e4drigen Schubkarren, hoben die Boxen an und transportierten den ganzen Kram in Windeseile von der B\u00fchne, um neuen Platz zu schaffen, Platz f\u00fcr die anderen, denn vor den Eingangst\u00fcren standen schon die n\u00e4chsten musikalischen Selbstdarsteller in den Startl\u00f6chern.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=910\">unerH\u00d6RT!<\/a> | Inventarnummer: 17093<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die funkferngesteuerte Hybrid-Spray-Fogger-Nebelmaschine qualmt wie wahnsinnig vor sich hin. Was es nicht heutzutage alles gibt! Man sieht die eigene Hand nicht vor den Augen. Nur so zur Probe. 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