{"id":6317,"date":"2017-03-22T13:24:34","date_gmt":"2017-03-22T13:24:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6317"},"modified":"2017-05-26T07:02:57","modified_gmt":"2017-05-26T07:02:57","slug":"rezension-veronika-seyr-forellenschlachten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6317","title":{"rendered":"Rezension &#8211; Veronika Seyr Forellenschlachten"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6317&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6317&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Eine Rezension von Martin Stankowski<\/em><br \/>\n<em>Ersterscheinung: Literarisches \u00d6sterreich 2016\/2<\/em><\/p>\n<p><em>Veronika Seyr<\/em><br \/>\n<em> FORELLENSCHLACHTEN. 33 Briefe aus dem vergessenen Krieg<\/em><br \/>\n<em> Wien, Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft 2014, 416 Seiten<\/em><br \/>\n<em> ISBN 978-3-901602-54-2<\/em><\/p>\n<p>Die Briefe erfassen chronologisch den erbarmungslosen B\u00fcrgerkrieg im zerfallenden Jugoslawien von 1991 bis 1997 auf den \u00fcber den Balkan verteilten Schaupl\u00e4tzen. Inhaltlich bedeuten sie nur teilweise ein Nacheinander, da Frau Seyr trotz konsequenten Verfolgens der Kontinuit\u00e4t des Geschehens fast in jedem dieser an eine Wiener Freundin gerichteten Schreiben thematische Schwerpunkte setzt. Auf diese Weise gelingt ihr bei klarer Orientierung zugleich die Kunst der lebendig-lebensnah geordneten F\u00fclle.<\/p>\n<p>Manchmal hat man nach sp\u00e4testens drei Briefen genug. Genug von der Unmenge an detailliert aber nicht minuti\u00f6s geschilderten Brutalit\u00e4ten, dem Schrecken des blutigen (Massen-)Mordens und der z\u00fcgellosen ethnischen S\u00e4uberungen, der \u00fcberbordenden Hybris der M\u00e4chtigen, des anhaltend schonungslosen Raubs durch Kriegsgewinnler, der hundertfach grimmigen zivilen Wunden in Alltag und Gesinnung. Aber Frau Seyr versteht es, ohne Br\u00fcche im Berichten doch immer wieder zu gleichsam weniger aufr\u00fcttelnden \u201eErholungszonen\u201c durchzusto\u00dfen. Und man bleibt gefesselt, will wissen, wie es weitergeht (vielleicht vom gr\u00f6\u00dften Lob f\u00fcr eine schriftstellerische Arbeit) im Drama von shakespearischer Dichte und Gewalt, l\u00e4sst sich bereitwillig durch das zunehmende \u00e4u\u00dfere Chaos steuern, wird anerkennend ihrer bei aller Berichterstattung eindeutigen Stellungnahmen gewahr. Dieses sichere F\u00fchren gelingt Frau Seyr durch die niemals aufgegebene, naturgem\u00e4\u00df den Blickwinkel bestimmende Perspektive des ORF-B\u00fcros in Belgrad wie des pers\u00f6nlichen famili\u00e4ren Lebens mit oft schwierigen Korrelationen: eine duplizierte Filterung, die zwar keine umfassende, schon gar nicht eine historische Bewertung entwickelt, indes anhaltende Authentizit\u00e4t und Tiefenwirkung sicherstellt.<\/p>\n<p>Ja, es gibt absolut Schreckliches, ob als faktische Angaben, ob als beschriebene Taten. Noch dar\u00fcber hinaus bedr\u00fcckt das Konglomerat der vielgestaltigen gezielten Streiche in der Kriegs-<em>Kontamination<\/em>, in ihren Auswirkungen hautnah in den diversen Einsch\u00fcben der <em>Alltagssplitter<\/em> zu fassen. Zu ihnen treten, nur partiell mildernd, die parallelen Unw\u00e4gbarkeiten, verursacht durch die im Gro\u00dfen wie im Kleinen Handelnden. Denn es bleibt der Mensch bei Frau Seyr, in einem von Gerechtigkeit getragenen und dadurch in einem sich selbst im \u00e4u\u00dferst Schwierigen um Verst\u00e4ndnis bem\u00fchenden Blick, der alle Richtungsbahnen \u201evereinnahmende\u201c Bezugspunkt. Diese nie aufgegebene Grundierung sp\u00fcrt man desgleichen in den zahlreichen Hinweisen auf die uns Lesern allzu oft un- oder gar falsch bekannte Geschichte \u2013 die eben nicht eine (auf dem Balkan) postulierte Gesetzlichkeit enth\u00e4lt, sondern oft als gewolltes Geschichtsbild geschmiedet ist \u2013, in den Ausfl\u00fcgen in das kulturelle Erbe und in die nur scheinbar f\u00fcr sich selbst stehende Landschaft. Diese Grundierung gilt zugleich f\u00fcr die analytischen, sich mit den kriegerischen Strukturen befassenden Partien des Buchs, namentlich in den dargelegten Methoden, Hass zu s\u00e4en, beispielhaft-\u00fcberzeugend in der Untersuchung, und damit zwingend hierhergeh\u00f6rend, der Sprache (etwa 119-121, 171, 272, 348-349) \u2013 \u00fcber das Ortsgebundene hinaus ein Lehrbuch f\u00fcr zahlreiche vorangegangene und folgende Katastrophen. Anders gesagt: Dass dieses \u201eGemachte\u201c auf keiner Seite verlorengeht, gerade darin liegt einer der besonderen Vorz\u00fcge dieses Werks.<br \/>\nBeendet wird das Buch mit einer Reihe weiterf\u00fchrender Anmerkungen und einer zur Vertiefung geeigneten Literatur, welche beide den hohen allgemeinen Bildungsgrad der Autorin belegen.<\/p>\n<p>Durch ihre Existenz als Reporterin <u>und<\/u> als Briefschreiberin schafft Frau Seyr eine Art von doppelter Distanz. Inhaltlich <u>und<\/u> literarisch erlaubt diese Methode, Schilderungen und Darstellungen, niemals unangemessen breit ausgelotet, in der Schwebe einer steten Spannung des sich Fortbewegens wie des Festhaltens zu belassen. Es ist eben nicht das Erlebte allein, sondern immer auch der ausleuchtende visuelle Eindruck (wohinter wohl das Handwerk der Fernsehjournalistin steckt), was \u00fcber die Sichtung im Pers\u00f6nlichen die geradezu greifbaren Bilder entstehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Eine in diesem Sinn hohe Erz\u00e4hlkunst erweist sich insbesondere und nachhaltig in den beeindruckenden Charakterisierungen der Personen: Seien es die sich gro\u00df d\u00fcnkenden Protagonisten (deren Namen uns, leider, noch vielfach gel\u00e4ufig sind), seien es die einfachen \u201eLeute\u201c vom Bauernehepaar \u00fcber den M\u00f6chtegern-Heros und die gegen den Medien-Terror ank\u00e4mpfenden \u201ekleinen\u201c Radiomacher (im inmitten des Lands gleichsam exilierten Widerstand den Verlagsintentionen nahekommend) bis zu der im embargobedingten Chaos des Niedergangs die Fahne des Normalen aufrecht haltenden Alltagsheldin. Ebensolches gilt f\u00fcr die Landschaftsportr\u00e4ts, etwa als gef\u00fchlte Momentaufnahme des d\u00e4mmrigen Kriegsherbst-Auwalds an der Save oder als farbiges Tableau des Skutarisees. Wobei, im interpretativ nachholenden Notieren, die strukturierte Beschreibung auf der Basis der Eindr\u00fccke und Stimmungen zum eigentlichen Ausdruckstr\u00e4ger wird. In den meisterlich charakterisierenden Beschreibungen lassen sich diese Passagen \u2013 auch \u2013 aus den Geschehnissen l\u00f6sen und gesellen sich zum Besten der kommentierenden Reiseliteratur.<\/p>\n<p>Die Aufmachung des Buchs mag bereits der inhaltlichen harten Kost entsprechen, im Format, im faktischen Gewicht, im blasswei\u00dfen Cover, vorne massiv halbiert durch ein \u201etotes\u201c Graffito, r\u00fcckseitig \u00fcberzogen von sich massierenden Schriftz\u00fcgen (die nur einem minimalisierten Foto der Autorin Platz g\u00f6nnen). Mit Blick auf die inhaltliche Konsistenz und auf die hohen sprachlichen, ja literarischen Qualit\u00e4ten h\u00e4tte das Erscheinungsbild ruhig (in meiner Schweiz ohne pejorativen Beigeschmack) \u201eanmachender\u201c sein k\u00f6nnen. Denn der Rezensent w\u00fcnscht dem Buch unbedingt eine Vielzahl das Werk weiterempfehlender Leserinnen und Leser.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Stankowski<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.stankowski.info\" target=\"_blank\">www.stankowski.info<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 17092<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Rezension von Martin Stankowski Ersterscheinung: Literarisches \u00d6sterreich 2016\/2 Veronika Seyr FORELLENSCHLACHTEN. 33 Briefe aus dem vergessenen Krieg Wien, Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft 2014, 416 Seiten ISBN 978-3-901602-54-2 Die Briefe erfassen chronologisch den erbarmungslosen B\u00fcrgerkrieg im zerfallenden Jugoslawien von 1991 bis 1997 auf den \u00fcber den Balkan verteilten Schaupl\u00e4tzen. 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