{"id":6270,"date":"2017-03-10T16:52:51","date_gmt":"2017-03-10T16:52:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6270"},"modified":"2017-03-13T09:08:11","modified_gmt":"2017-03-13T09:08:11","slug":"von-maeusen-und-menschen-und-geschwistern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6270","title":{"rendered":"Von M\u00e4usen und Menschen \u2013 und Geschwistern"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6270&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6270&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Vor Kurzem fiel mir auf einem B\u00fccherflohmarkt eine alte Ausgabe des Klassikers <em>Of mice and men <\/em>von John Steinbeck in die H\u00e4nde. Vorsichtig bl\u00e4tterte ich in den vergilbten Seiten, die einst eine ungeliebte Englischhausaufgabe dargestellt hatten.<\/p>\n<p>Als Sechzehnj\u00e4hrige lehnte ich solche Pflichtaufgaben nat\u00fcrlich schon im Vorhinein ab, so wie alles andere, das von Nichtgleichaltrigen an mich herangetragen wurde.<br \/>\nAufgrund dieser inneren Sperre fand ich nur schleppend den Zugang zu dieser Novelle, die mein Lebensverst\u00e4ndnis f\u00fcr immer auf den Kopf stellen sollte.<br \/>\nZ\u00f6gernd begann ich zu lesen \u2026<\/p>\n<p>Die einsame, bildgewaltige Landschaft des amerikanischen<em> Southwestern<\/em> im Hochsommer erschien nach den ersten Zeilen vor meinem geistigen Auge. Tr\u00e4ge und schl\u00e4frig k\u00e4mpfte ich mich durch die Seiten, so wie die Protagonisten durch das staubige, hei\u00dfe Kalifornien der 30er Jahre.<br \/>\nPl\u00f6tzlich wurde ich jedoch von einem unsichtbaren Sog in das Buch hineingezogen, und die Erkenntnis einer emotionalen und geistigen Parallele zu meiner Realit\u00e4t traf mich unvorbereitet und mit der vollen Brandbreite von Gef\u00fchlen: Verwirrung, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Verst\u00e4ndnis und Sehnsucht.<\/p>\n<p>Ich hatte noch nie so mit einem Charakter mitgelebt, mitgeliebt und mitgelitten wie damals, als ich als europ\u00e4ischer Teenager Einblicke in das raue Leben eines amerikanischen, vom Leben gezeichneten Wanderarbeiters in den 1930ern bekommen hatte.<br \/>\nIch f\u00fchlte mich verstanden. Endlich.<br \/>\nBesch\u00e4mt und gleichzeitig erleichtert nahm ich wahr, dass auch andere mit der Verantwortung, die ihnen das Leben aufgetragen hatte, nicht zurechtkamen, ja, sich sogar dagegen wehrten, und trotzdem alles taten, um dieser Verantwortung letzten Endes gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Die Novelle fu\u00dft auf dem Thema des <em>great american dream<\/em> und der Hilflosigkeit der Charaktere, ihn aufgrund \u00e4u\u00dferer Umst\u00e4nde zu erf\u00fcllen. Sie erz\u00e4hlt von der gro\u00dfen Depression der 30er Jahre, von Rassismus und Standeszugeh\u00f6rigkeit, von der Einsamkeit der Landschaft und der Seele, und vom Unverst\u00e4ndnis der anderen Menschen.<br \/>\nF\u00fcr mich allerdings symbolisiert sie vor allem die Beziehung zwischen meinem Bruder und mir: gezeichnet von Hilflosigkeit, \u00dcberforderung und von Ablehnung \u2013 und doch haupts\u00e4chlich getragen von bedingungsloser Zuneigung.<\/p>\n<p>Er war wie einer der Protagonisten &#8211; Lenny: gro\u00df, unendlich stark und geistig zur\u00fcckgeblieben. Ich, nur ein Jahr j\u00fcnger, war wie George, der f\u00fcr Lenny die Verantwortung \u00fcbernommen hatte, weil er sich dazu verpflichtet gef\u00fchlt hatte. \u00a0So wie er f\u00fchlte ich den Drang, mich f\u00fcr meinen Bruder zu rechtfertigen, ihn zu verteidigen, ihn zu besch\u00fctzen und vor allem B\u00f6sen zu verstecken.<\/p>\n<p><em>God a&#8217;mighty, if I was alone I could live so easy <\/em>\u2013 Gott allm\u00e4chtiger, wenn ich allein w\u00e4re, w\u00e4re das Leben so viel leichter \u2026<br \/>\nGeorge traute sich, das zu sagen, was ich nie auszusprechen gewagt habe. Was ich so viele Male meiner Familie ins Gesicht schmettern wollte und nie, niemals getan habe oder tun werde.<br \/>\nDiesen einen Satz immer wieder und wieder zu lesen, lie\u00df mich begreifen, dass auch ich das Recht hatte, w\u00fctend und frustriert \u00fcber meine selbstauferlegte Verantwortung\u00a0 zu sein. Es war, als ob eine jahrelange Last endlich von mir fiel, und mit ihr flossen die Tr\u00e4nen der Erleichterung in Sturzb\u00e4chen hinunter.<\/p>\n<p>Auch fand ich die Antwort, warum ich mir stets auf die Zunge gebissen, mich immer zur\u00fcckgehalten habe, wenn die Frustration \u00fcber meine eigene Hilflosigkeit \u00fcberzukochen drohte, und ich alles und jeden um mich herum in ein schwarzes, tiefes Loch ziehen wollte:<br \/>\n<em>Try to understand each other, if you understand each other you will be kind to each other<\/em> <em>\u2013 <\/em>Versucht euch zu verstehen, denn sobald ihr euch gegenseitig versteht, werdet ihr liebevoll miteinander umgehen.<\/p>\n<p>Ich las das d\u00fcnne Drama an einem Abend durch, und es lie\u00df mich v\u00f6llig aufgerieben zur\u00fcck.<br \/>\nSteinbeck war vor gut achtzig Jahren ein Werk gelungen, das meine Welt als Teenager v\u00f6llig aus den Angeln gehoben hat und bis heute eines meiner liebsten B\u00fccher ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nene Stark<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 17087<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Kurzem fiel mir auf einem B\u00fccherflohmarkt eine alte Ausgabe des Klassikers Of mice and men von John Steinbeck in die H\u00e4nde. 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