{"id":6247,"date":"2017-03-07T17:37:14","date_gmt":"2017-03-07T17:37:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6247"},"modified":"2017-04-25T10:54:21","modified_gmt":"2017-04-25T10:54:21","slug":"t1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6247","title":{"rendered":"Verwirklichung"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6247&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6247&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sonja begann zu schreiben. Sie hatte keine Erfahrung mit Schreiben oder mit Kindern. Dennoch begann sie, eine Erz\u00e4hlung f\u00fcr Kinder zu schreiben. \u00dcber Tage hatte sie sich die Handlung ihrer Erz\u00e4hlung zurechtgelegt. Sie sollte von Mark handeln, einem Menschen, der im Wald von einem aus dem Nichts auftauchenden schwarzen Wolf verfolgt wird. Mark kann sich das Auftauchen der Bestie nicht erkl\u00e4ren und versucht, ihr zu entkommen.<\/p>\n<p>\u2018Mark ging durch den von Buchen bestandenen Wald, es war der achtzehnte M\u00e4rz, als der Waldboden vor ihm eine riesige und gr\u00e4sslich anzusehende Bestie freigab.\u2019<br \/>\nSo lautete der erste Satz der Erz\u00e4hlung. Sonja tippte ihn in ihren Computer und f\u00fchlte Beklommenheit. Nicht die Art Beklommenheit, die sie aus verschiedenen Gr\u00fcnden schon gef\u00fchlt hatte. Es war eine grauenhafte Art von Beklommenheit, so eine hatte sie nie zuvor gef\u00fchlt.<\/p>\n<p>Sie sa\u00df in ihrer ger\u00e4umigen Altbauwohnung mit hohen Decken vor ihrem Computer und versuchte, dem ersten Satz einen zweiten hintanzustellen. Logischerweise kannte sie dessen Inhalt. Sie hatte ihn im Kopf, wusste, aus welchen Worten er zu bestehen hatte, auch \u00fcber die Syntax war sie sich im Klaren, doch konnte sie den Satz nicht schreiben.<\/p>\n<p>Sie f\u00fchlte grauenvolle Beklommenheit, wollte sich an jemanden lehnen, sich in die Arme dieses Jemand fallen lassen. Allein, es war niemand anwesend. Sie war alleine.<br \/>\nIhr langj\u00e4hriger Freund hatte sie verlassen, als Grund hierf\u00fcr hatte er ihre Oberfl\u00e4chlichkeit angef\u00fchrt.<br \/>\nSie presste ihren Oberk\u00f6rper in die weiche Lederpolsterung ihres Schreibtischstuhls, um zumindest irgendeine Art von Halt zu finden. Sonja f\u00fchlte Grauen, als ob ein schwarzer Wolf jeden Augenblick vom Parkettboden freigegeben werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Sie wollte telefonieren. Jemand anrufen und mit ihm reden. Doch aus zwei Gr\u00fcnden konnte sie nicht. Zum einen lag ihr Mobiltelefon etwa einen Meter von ihr entfernt auf der Tischplatte, Sonja jedoch erschien dieser Meter wie\u00a0 deren\u00a0 f\u00fcnf. Somit war ihr Telefon unerreichbar.<br \/>\nZum anderen hatte sie nicht die leiseste Ahnung, wen sie anrufen sollte. Allen ihren Freundinnen und Freunden hatte sie sich als lebenslustige, stets positiv denkende Person pr\u00e4sentiert. Sie\u00a0 hatte\u00a0 nicht\u00a0 gelogen,\u00a0 hatte\u00a0 sich\u00a0 ihnen\u00a0 schlicht so pr\u00e4sentiert, wie sie sich selbst gesehen hatte. Stets hatte sie es abgelehnt, Gedanken und Gef\u00fchle zuzulassen, die nicht lebenslustig oder die negativ waren. Diese passten schlicht nicht in das Bild, das Sonja von sich selbst hatte. Nun jemand anzurufen und von dem Grauen zu erz\u00e4hlen, brachte sie nicht fertig.<\/p>\n<p>Sie versuchte, mit den wenigen und unzureichenden Mitteln einer diesbez\u00fcglich unerfahrenen Person, die Ursache des Grauens auszumachen, doch konnte sie es nicht. Sie beschloss, an einem Punkt der Erz\u00e4hlung weiterzuschreiben, an dem der schwarze Wolf keine allzu gro\u00dfe Rolle spielte.<br \/>\n\u2018Mark hatte sich von Frida losgesagt. Er wollte sie niemals wieder sehen, nie wieder mit ihr sprechen. Er hatte sich gesagt: \u2018Die Sache mit dieser Verr\u00fcckten ist f\u00fcr mich abgeschlossen!\u2019 Der Nachteil dabei war, dass Mark nun alleine im Wald stand. Nun, da er Frida am dringendsten gebraucht h\u00e4tte, war sie weg. \u2018Was auch immer du machst, mach es gut!\u2019, hatten seine letzten Worte an sie gelautet.\u2019<\/p>\n<p>Sonja tippte die S\u00e4tze in ihren Computer. Dann begann sie zu weinen. Dicke Tr\u00e4nen rannen in gro\u00dfer Zahl ihre Wangen hinab. Sie erkannte, dass sie sich selbst an dieser Stelle ihrer Erz\u00e4hlung portr\u00e4tiert hatte. Denn sie hatte sich auf die selbe Art und Weise verhalten. Sie hatte die Person aus ihrem Leben ausgeschlossen, die als einzige jederzeit zu ihr geeilt w\u00e4re, um sie in den Arm zu nehmen. Sie dachte daran, diese Person anzurufen, doch hatte sie deren Nummer aus dem Speicher ihres Telefons, das gef\u00fchlt blo\u00df noch anderthalb Meter entfernt vor ihr lag, gel\u00f6scht. Sonja verfluchte sich daf\u00fcr, anderen Menschen gegen\u00fcber so verschlossen gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Um sich abzulenken, \u00fcbersetzte sie den eben geschriebenen Absatz ins Englische. Da sie studierte Dolmetscherin war, fiel ihr dies allzu leicht und brachte sie nicht auf andere Gedanken. Sie zwang sich, langsam zu atmen und eine weitere Passage ihrer\u00a0 Erz\u00e4hlung\u00a0 einzutippen.<br \/>\n\u2018Ein\u00a0 schwarzer\u00a0 Bussard\u00a0 mit orangen Augen stie\u00df herab und landete auf seiner Schulter. Mark sah den Vogel an, erschrocken, doch nicht \u00e4ngstlich, und sagte: \u2018Nun, Bussard, wie geht es weiter?\u2019 Der Raubvogel sah ihm lange in die Augen und antwortete: \u2018Du, Mark, willst dem Wolf entkommen. Ich kann dir dabei helfen. Doch wisse: Mein Preis ist hoch!\u2019 \u2018Was, Bussard, verlangst du f\u00fcr deine Hilfe?\u2019 \u2018Deine Zukunft, Mark.\u2019 Mark sah den schwarzen Vogel fragend an. Er verstand nicht, was der Bussard meinte. \u2018K\u00fcnftig wirst du mein Gef\u00e4hrte sein.\u2019 \u2018Wie soll ich das verstehen?\u2019 \u2018Ich werde dich vor dem Wolf retten, und danach lasse ich dich nicht alleine ziehen. Ich werde dir Sicherheit und Halt geben. Daf\u00fcr bleibst du bei mir.\u2019 \u2018Aber das\u00ad\u2019\u2019<\/p>\n<p>Wieder weinte Sonja. Sie meinte, tapsende Laute zu vernehmen, wie von den Pfoten eines gro\u00dfen Hundes. In diese Laute mischte sich das Kratzen, das lange Krallen auf h\u00f6lzernen B\u00f6den verursachen. Sonja wandte sich langsam um, sah in die Richtung, aus der die Ger\u00e4usche zu kommen schienen und erwartete, einen riesigen Wolf zu sehen. Sie zitterte vor Angst, und ihre Augen waren weit aufgerissen. Allein, es befand sich kein Wolf im Raum. Sie war alleine.<br \/>\nSie schloss die Augen und erwartete, das Heulen der eingebildeten Bestie zu vernehmen, doch der Raum war erf\u00fcllt von Stille. Von tiefer Stille, die lediglich von ihrem schnellen Atem durchbrochen wurde. Sonja zwang sich ein weiteres Mal zum ruhigen Atemholen und beschloss, den letzten Satz ihrer Erz\u00e4hlung f\u00fcr Kinder einzutippen.<br \/>\n\u2018Mark und der schwarze Bussard verbrachten viele Jahre gemeinsam, der schwarze Wolf war besiegt.\u2019<\/p>\n<p>Sonja war erleichtert, diese positiven Worte niederschreiben und auf dem Bildschirm ihres Computers lesen zu k\u00f6nnen. Sie hatte ihre Erz\u00e4hlung zu einem guten Ende gebracht, auch wenn sie tats\u00e4chlich erst wenige S\u00e4tze geschrieben hatte.<br \/>\nSie ging in ihre unaufger\u00e4umte K\u00fcche, um sich einen Kaffee zu br\u00fchen, dann setzte sie sich mit der Tasse in der Hand guten Mutes wieder vor ihren Computer. Sie beschloss, nun die gesamte Erz\u00e4hlung einzutippen.<br \/>\nSie las den ersten Satz, wollte eben den zweiten, den Folgesatz, beginnen, als sie ein ohrenbet\u00e4ubendes Geheul vernahm, das sich hinter ihr erhob. Dieses Geheul wurde von kehligem Knurren unterbrochen, so b\u00f6se und Unheil sowie Tod verhei\u00dfend, dass Sonja erstarrte. In der Hoffnung, wieder blo\u00df den leeren Raum zu sehen, blickte sie \u00fcber ihre Schulter. Da sah sie ihn.<\/p>\n<p>Ein riesiger schwarzer Wolf stand im Raum und heulte. Dann knurrte er aus tiefer Kehle. Sein Fell war verklebt, Sonja erkannte, von Blut, seine Augen waren von funkelndem Gr\u00fcn, und seine Rei\u00dfz\u00e4hne rot von Blut und Fetzen von Fleisch. Und der Wolf war nicht alleine gekommen.<br \/>\nUm seinen Hals lag eine aus scharfkantigen Gliedern zusammengesetzte Kette, deren Ende eine menschliche Gestalt in H\u00e4nden hielt. Sonja erkannte die Gestalt sofort. Es handelte sich um Mark, den Helden ihrer Erz\u00e4hlung. Sein Erscheinungsbild glich dem, das sie vor ihrem geistigen Auge gehabt hatte, als sie ihn erschaffen, ihn sich ausgedacht hatte. Als sie jedoch ihrem Helden in die Augen sah, erkannte sie, dass diese nicht gr\u00fcn waren, wie sie sie\u00a0 sich ausgemalt hatte. Sie waren schwarz. Glanzlos schwarz, aus ihnen sprach der Tod.<\/p>\n<p>Sonja wollte etwas sagen, doch sie brachte keine Silbe \u00fcber ihre Lippen. Sie schloss die Augen, hoffte, die Gestalten w\u00e4ren weg, wenn sie sie wieder \u00f6ffnete. Doch sie blieben. Und sie kamen n\u00e4her. Sonja wusste keinen anderen Ausweg aus ihrer Lage.<br \/>\nSie sprang auf und lief zum Fenster des Zimmers. Sie \u00f6ffnete es, stieg auf das Fensterbrett und sah nach unten. Ihre Wohnung befand sich im vierten Stockwerk. Sie wandte sich um, hoffte, die Gestalten w\u00e4ren verschwunden. Waren sie aber nicht. Sonja sprang aus dem Fenster. Sie dachte, dies war ihr letzter Gedanke, noch an einen schwarzen Bussard, der sie retten w\u00fcrde. Allein, die Uhr zeigte zweiundzwanzig Uhr dreizehn an.<br \/>\nUnd Bussarde sind tagaktiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #333333;\"><a style=\"color: #333333;\" title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a><\/span> |Inventarnummer: 17084<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonja begann zu schreiben. Sie hatte keine Erfahrung mit Schreiben oder mit Kindern. 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