{"id":6015,"date":"2017-02-01T18:46:06","date_gmt":"2017-02-01T18:46:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6015"},"modified":"2017-03-24T16:09:25","modified_gmt":"2017-03-24T16:09:25","slug":"konfrontation-im-salzamt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6015","title":{"rendered":"Konfrontation im Salzamt"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6015&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6015&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>1<\/p>\n<p>Der Mann war unbemerkt in den Raum gekommen. Er hatte die Eingangst\u00fcre ger\u00e4uschlos ge\u00f6ffnet und wieder geschlossen. Er stand eine Minute regungslos im Raum, dann wandte er sich um, kam an meinen Tisch und sagte: \u201eIst niemand hier?\u201c<br \/>\nDamit meinte er, dass keine Kellnerin hinter der Bar stand und Dienst versah, und ihm dies offensichtlich missfiel.<br \/>\n\u201eDas M\u00e4dchen schreibt gerade die Speisekarte\u201c, gab ich zur Antwort.<br \/>\nMein Freund Peter, der an meinem Tisch sa\u00df, musterte den Mann aufmerksamer, als er es f\u00fcr gew\u00f6hnlich bei fremden Menschen machte.<br \/>\n\u201eIch warte\u201c, sagte der Mann, wandte sich zur Bar und steckte sich eine Zigarette an.<\/p>\n<p>Peter sah mich fragend an. Sein Blick, das erkannte ich sofort, diente blo\u00df einem Zweck. Ich sch\u00fcttelte den Kopf und gab ihm damit zu verstehen, dass ich den Mann nicht kannte. Da ich in diesem Restaurant, das Salzamt hei\u00dft, Stammgast bin, war Peter davon ausgegangen, dass ich den Fremden kennen m\u00fcsste.<br \/>\nDieser stand an der Bar, sog den Rauch ein, presste ihn mit merklichem Genuss wieder aus seiner Lunge und sah sich im Raum um.<br \/>\nEr war um die f\u00fcnfzig Jahre alt, etwa einen Meter achtzig gro\u00df und trug sein graues Haar akkurat kurz geschnitten. Seine Kleidung war von der Sorte, die man nicht in gew\u00f6hnlichen Gesch\u00e4ften kauft. Sie war ma\u00dfgeschneidert, wie auch seine schwarzen Lederschuhe Ma\u00dfanfertigungen waren. Trotz des offensichtlich hohen Preises seiner Ausstattung wirkte er keineswegs abgehoben, sondern leger. Er trug eine lockere Haltung zur Schau, die aus seinem Inneren kam und nicht aufgesetzt war, das merkte ich sofort.<\/p>\n<p>\u201eGuten Abend. Was kann ich f\u00fcr Sie tun?\u201c Die Kellnerin war mit der Speisekarte fertig und in den Raum zur\u00fcckgekommen, in dem sie Dienst tat.<br \/>\n\u201eGuten Abend, Fr\u00e4ulein\u201c, sagte der Mann freundlich. \u201eIch m\u00f6chte einen Tisch f\u00fcr Donnerstag reservieren. Wir werden f\u00fcnf Personen sein. Zwanzig Uhr w\u00e4re ideal.\u201c<br \/>\nDas M\u00e4dchen trug die Reservierung in den eigens daf\u00fcr bereitliegenden Kalender ein.<br \/>\n\u201eVielen Dank. Bis Donnerstag\u201c, sagte er und machte sich auf den Weg zur T\u00fcre. Bevor er sie \u00f6ffnete, blickte er mich an und zwinkerte mir zu. \u201eWir sehen uns, Michael\u201c, sagte er, dann verlie\u00df er das Salzamt.<br \/>\nNachdem er gegangen war, sagte mein Freund Peter: \u201eIch dachte, du kennst ihn nicht.\u201c<br \/>\n\u201eIch &#8211; kenne &#8211; ihn &#8211; auch &#8211; nicht\u201c, sagte ich leise und langsam.<\/p>\n<p>Es hatte etwas in den Augen dieses Mannes gelegen, als er mich das zweite Mal angesprochen hatte, das mich beunruhigte. War er beim ersten Mal freundlich gewesen und hatte ein gutm\u00fctiger, beinahe warmer Blick seine Augen erleuchtet, so hatte seine Stimme kurz darauf einen b\u00f6sen, kalten Ton angenommen. Weit mehr noch als seine Stimme hatte mich der Ausdruck in seinen Augen irritiert, und sogar ver\u00e4ngstigt.<br \/>\nIn diesen Augen hatte etwas gelegen, das ich nie zuvor gesehen hatte. Es war ein beinahe animalischer Ausdruck, etwas Unmenschliches, das zum freundlichen Blick von vorhin nicht gepasst hatte.<br \/>\nAu\u00dferdem hatte dieser Mensch meinen Namen gekannt, obwohl ich nicht damit angesprochen worden war, weder von der Kellnerin noch von meinem Freund.<\/p>\n<p>\u201eWas ist los mit dir?\u201c, fragte Peter. \u201eGeht es dir nicht gut?\u201c<br \/>\nIch atmete tief ein und behielt die Luft zehn Sekunden in mir &#8211; das ist meine Art, mit Panikattacken fertigzuwerden. Es funktionierte, ich wurde innerlich wieder ruhig und steckte mir eine Zigarette an.<br \/>\n\u201eEs ist alles in Ordnung, Peter\u201c, gab ich zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eWoher kennt der Mann deinen Namen?\u201c, fragte er, doch ich ging nicht auf seine Frage ein.<br \/>\n\u201eSag, Peter, hast du seine Augen gesehen, als er sich an der T\u00fcre umgedreht und mich angesprochen hat?\u201c<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich. Sie waren gleich freundlich wie zuvor, als er mit dem M\u00e4dchen gesprochen hat.\u201c<br \/>\n\u201eHast du eine Ver\u00e4nderung in seiner Stimme bemerkt?\u201c<br \/>\n\u201eNein, habe ich nicht\u201c, sagte er. \u201eWas war denn mit seiner Stimme?\u201c<br \/>\n\u201eSie war ver\u00e4ndert. Sie klang eiskalt.\u201c<br \/>\n\u201eEiskalt?\u201c, wiederholte Peter verwundert. \u201eSag, bist du betrunken?\u201c<br \/>\n\u201eNein, bin ich nicht. Lassen wir das Thema.\u201c<\/p>\n<p>Der Abend nahm den gewohnten Lauf aller Abende im Salzamt. Ich unterhielt mich mit meinem Freund, wir tranken Bier und konnten die Kellnerin dazu \u00fcberreden, an unserem Tisch Platz zu nehmen.<br \/>\nPeter, der, anders als ich, einer geregelten Arbeit nachging, verlie\u00df das Restaurant um Mitternacht, und ich blieb mit dem M\u00e4dchen am Tisch sitzen. Nachdem die beiden anderen Stammg\u00e4ste, die jeden Abend an der Bar stehen, das Lokal verlassen hatten, fasste ich mir ein Herz und fragte die Kellnerin: \u201eMartina, ich m\u00f6chte nicht neugierig erscheinen, und ich wei\u00df dass mich das nichts angeht, aber ich habe eine Frage.\u201c<br \/>\n\u201eJa?\u201c, sagte sie und sah mich erwartungsvoll an.<br \/>\n\u201eHat der Mann, der den Tisch f\u00fcr Donnerstag reserviert hat, seinen Namen genannt?\u201c<br \/>\n\u201eNein, hat er nicht. Wei\u00dft du denn nicht, wie er hei\u00dft? Er schien dich jedenfalls zu kennen.\u201c<br \/>\n\u201eIch kenne ihn aber nicht. Sag, ist dir etwas an seiner Stimme aufgefallen, als er gegangen ist?\u201c<br \/>\n\u201eNein, gar nichts.\u201c<\/p>\n<p>Zur Sperrstunde verlie\u00dfen wir das Salzamt, und ich ging nach Hause. Dort lag ich noch eine halbe Stunde wach im Bett und zermarterte mir den Kopf, was es mit diesem Mann auf sich haben konnte.<br \/>\nKurz bevor ich einschlief, beschloss ich, bis Donnerstag nicht mehr an ihn zu denken.<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>Am Donnerstag betrat ich das Salzamt um siebzehn Uhr und setzte mich an meinen Lieblingstisch. Ich schlug mein Schreibheft auf und begann an einer Kurzgeschichte weiterzuschreiben, die ich Tage zuvor begonnen hatte. Claudia hatte Dienst an der Bar, was mir sehr gelegen kam. Sollte sich n\u00e4mlich \u00c4hnliches zwischen dem Mann und mir ereignen wie vor zwei Tagen, h\u00e4tte ich eine unvoreingenommene Person bei der Hand.<br \/>\nIch schrieb bis Viertel vor acht, dann legte ich den Stift weg und wartete auf das Eintreffen des Mannes mit seiner Entourage. P\u00fcnktlich um acht betrat er in Begleitung von vier Frauen seines Alters das Restaurant. Er w\u00fcrdigte mich keines Blickes, lie\u00df sich blo\u00df zu einem knappen Gru\u00df an Claudia herab und ging schnurstracks in den Gastraum.<\/p>\n<p>Ich war ein wenig entt\u00e4uscht, doch auch erleichtert. Ich versuchte an der Kurzgeschichte weiterzuarbeiten, doch fiel mir nichts ein, das es wert gewesen w\u00e4re, niedergeschrieben zu werden. Innerlich fragte ich mich in einem fort, was ich denn erwartet hatte, welche Handlung dieses Mannes.<br \/>\nGegen zweiundzwanzig Uhr verlie\u00df er das Lokal samt seinen Begleiterinnen. Als er an meinem Tisch vorbeikam, legte er wortlos und ohne mich anzusehen eine in der Mitte gefaltete Papierserviette auf diesen.<br \/>\nIch nahm die Serviette und klappte sie auf. Mit schwarzer Tinte stand darauf geschrieben: \u2018Wir sehen uns, Michael Timoschek. Morgen &#8211; Salzamt &#8211; 21.00 Uhr &#8211; alleine!\u2019<\/p>\n<p>Mir wurde abwechselnd hei\u00df und kalt. Die Schrift hatte gleichzeitig etwas Feierliches und etwas Bedrohliches. Feierlich, denn Tinte auf einer Serviette wirkt edel, wie ich finde, und bedrohlich, weil die feinen Ver\u00e4stelungen in schwarzer Farbe, f\u00fcr die die Saugf\u00e4higkeit der Papierserviette verantwortlich war, mich an die \u00c4ste von d\u00fcrren, abgestorbenen B\u00fcschen erinnerten, jenen auf Friedh\u00f6fen gleich, die auf verlassenen, ungepflegten Gr\u00e4bern wachsen.<br \/>\nClaudia war nicht entgangen, dass der Mann mir eine Nachricht hatte zukommen lassen und dass ich diese gelesen hatte.<br \/>\n\u201eHat er dir seine Telefonnummer gegeben, Michael?\u201c, fragte sie keck.<\/p>\n<p>Ich faltete die Serviette zweimal und steckte sie in meine Hosentasche. Einen Augenblick lang war ich versucht, ihr die Wahrheit zu sagen, doch dann beschloss ich zu l\u00fcgen. Ich f\u00fcrchtete n\u00e4mlich, die Kellnerin w\u00fcrde die Sache nicht verstehen und mich f\u00fcr endg\u00fcltig \u00fcbergeschnappt halten.<br \/>\n\u201eJa, Claudia, das hat er. Er hat mir auch seine E-Mail-Adresse aufgeschrieben.\u201c<br \/>\n\u201eWer ist er?\u201c, fragte sie. \u201eEr scheint reich zu sein.\u201c<br \/>\n\u201eEr ist sogar sehr reich\u201c, fabulierte ich. \u201eIhm geh\u00f6rt ein gro\u00dfer Verlag, und ich habe ihm einige Manuskripte geschickt.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist gut, Michael. Wird er ein Buch von dir herausbringen?\u201c<br \/>\n\u201eIch hoffe es, Claudia. Morgen treffen wir uns hier und werden wohl wichtige Details besprechen. Es erfordert n\u00e4mlich viele Gespr\u00e4che, bis so ein Projekt auf Schiene ist, musst du wissen\u201c, sagte ich.<br \/>\nIch gab mich erfahren im Literaturbetrieb, obwohl ich kaum Ahnung davon hatte und habe.<br \/>\n\u201eDas freut mich ja so f\u00fcr dich!\u201c, rief sie und gab mir einen Kuss auf die Wange. \u201eZur Feier des Tages geht dein n\u00e4chstes Bier aufs Haus.\u201c<\/p>\n<p>Ich f\u00fchlte mich pl\u00f6tzlich mies. Ich hatte die herzensgute Claudia angelogen, weil ich zu feig war, die Wahrheit zu sagen &#8211; und als Lohn f\u00fcr meine L\u00fcgen sollte ich ein Freibier erhalten. Es schmeckte ausgezeichnet.<br \/>\nNachdem ich das Glas ausgetrunken hatte, gesellte ich mich zu den beiden Stammg\u00e4sten an der Bar und f\u00fchrte ungezwungen Konversation mit ihnen. Ich wollte mich von den Gedanken abbringen, die st\u00e4ndig durch meinen Kopf waberten &#8211; Gedanken an den n\u00e4chsten Abend und an das, was der Mann von mir wollen mochte.<\/p>\n<p>3<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag konnte ich keine feste Nahrung zu mir nehmen, so aufgeregt war ich. Ich lief in meiner Wohnung umher, ich versuchte es mit einem Spaziergang am Donaukanal, doch nichts half. Ich \u00fcberlegte, ob es Sinn machen w\u00fcrde, Peter anzurufen und ihn einzuweihen, doch entschied ich mich dagegen. Er h\u00e4tte mir wom\u00f6glich unterstellt, die Serviette selbst beschriftet zu haben. Fernsehen half ebenso wenig wie das B\u00fcgeln meiner Hemden, also verbrachte ich den Gro\u00dfteil des Tages im Bett und las.<\/p>\n<p>Um zwanzig Uhr betrat ich das Salzamt und setzte mich an meinen Tisch. Brigitte hatte Bardienst. Sie war neu, und wir kannten uns noch nicht gut, also blieb sie an ihrem Platz hinter der Bar und setzte sich nicht zu mir. Dies war mir nur recht, denn ich war innerlich h\u00f6chst angespannt und wollte meine Ruhe haben.<br \/>\nUm neun Uhr betrat der Mann das Lokal und setzte sich neben mich auf die Bank aus braunem Leder.<br \/>\nIch schwieg, wollte ihn den Anfang machen lassen.<br \/>\n\u201eMichael Timoschek\u201c, sagte er.<br \/>\n\u201eUnd mit wem habe ich die Ehre?\u201c, fragte ich.<br \/>\n\u201eMit dir selbst\u201c, gab er zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ich blickte ihn verdutzt an, dann bedeutete ich der Kellnerin, an meinen Tisch zu kommen. Der Mann bestellte Bier. Ich machte ein paar Scherze, als Brigitte das Glas brachte, und sie lachte. Es ging mir nicht darum, das M\u00e4dchen zum Lachen zu bringen, ich wollte blo\u00df Zeit gewinnen; Zeit, um mir eine Reaktion auf seinen Satz zu \u00fcberlegen.<br \/>\n\u201eOkay\u201c, sagte ich und legte einen Tonfall in meine Stimme, als h\u00e4tte ich es mit einem gef\u00e4hrlichen Irren zu tun, dem man mit Vorsicht begegnen sollte, um ihn nicht zu reizen.<br \/>\n\u201eSchreiben, trinken, um Geld betteln. Das ist dein Leben\u201c, stellte er fest.<br \/>\n\u201eNun\u201c, mehr konnte ich nicht dazu sagen. Er hatte recht.<br \/>\n\u201eOberfl\u00e4chlichen G\u00f6ren nachlaufen, faulenzen, dich in Tr\u00e4umereien verlieren. Auch das ist dein Leben\u201c, fuhr er fort.<br \/>\nIch schwieg.<br \/>\n\u201eWo f\u00fchrt das hin?\u201c<\/p>\n<p>Nun sah ich meine Chance gekommen, etwas \u00fcber den mysteri\u00f6sen Fremden in Erfahrung zu bringen.<br \/>\n\u201eIch vermute\u201c, sagte ich, \u201edass es dahin f\u00fchren wird, dass ich in etwa f\u00fcnfzehn Jahren in einem Ma\u00dfanzug und in Ma\u00dfschuhen herumlaufen werde.\u201c<br \/>\nErst lachte er, dann trat wieder der unmenschliche Blick in seine Augen.<br \/>\n\u201eWer sind Sie?\u201c, fragte ich. \u201eUnd woher zum Teufel wissen Sie, wer ich bin?\u201c<br \/>\n\u201eIch bin Gustav Fischer. Und ich wei\u00df, wer du bist. Ich wei\u00df auch, was du bist.\u201c<br \/>\n\u201eWas bin ich denn?\u201c<br \/>\n\u201eZur Zeit ein Po\u00e8te maudit, das bist du.\u201c<br \/>\n\u201eWas sind denn Sie?\u201c<br \/>\n\u201eEin Mensch, den du viele Jahre lang entt\u00e4uscht hast.\u201c<\/p>\n<p>Ich f\u00fchlte, wie sich eine gewisse Ungeduld in mir auszubreiten begann. Wenn ich Informationen erhalten m\u00f6chte, sch\u00e4tze ich es nicht, auf diese warten zu m\u00fcssen.<br \/>\n\u201eDann k\u00f6nnte ich auch ebenso gut Vater zu dir sagen\u201c, fauchte ich. Die f\u00f6rmliche Anrede schien mir einfach nicht mehr angebracht. \u201eMein Alter ist auch von mir entt\u00e4uscht.\u201c<br \/>\n\u201eIch bezweifle, dass er der Einzige in deiner Familie ist.\u201c<br \/>\nDa wurde es mir zu bunt.<br \/>\n\u201eJetzt pass auf, du Anzugtr\u00e4ger!\u201c, sagte ich in aggressivem Ton. \u201eEntweder du sagst mir sofort, wer du bist, oder zu sein glaubst, und was du von mir willst, oder ich zerre dich an deinen Ohren nach drau\u00dfen!\u201c<br \/>\n\u201eGemach, Herr Autor, gemach!\u201c, murmelte Gustav Fischer. \u201eIch habe viele Jahre lang mein Talent vergeudet. Die Tatsache, dass ich heute Kleidung trage, die du dir selbst nach drei Jahren des Sparens nicht leisten k\u00f6nntest, sollte dir zu denken geben.\u201c<br \/>\n\u201eAch. Und warum?\u201c<br \/>\n\u201eWeil ich eines Tages aufgeh\u00f6rt habe, mein Talent zu vergeuden, und dann bin ich erfolgreich geworden.\u201c<br \/>\n\u201eAuf welchem Gebiet, wenn ich fragen darf?\u201c<\/p>\n<p>Es interessierte mich nicht wirklich, in welchem Bereich der Mann t\u00e4tig war, doch wenn er sich schon dazu berufen f\u00fchlte, mir Vorhaltungen zu machen, sollte er wenigstens ein bisschen von sich preisgeben m\u00fcssen.<br \/>\n\u201eWirtschaft, Bankvorstand\u201c, sagte er knapp.<br \/>\n\u201eHabe ich bei deiner Bank etwa auch Schulden?\u201c, fragte ich. \u201eGro\u00df wundern w\u00fcrde es mich nicht.\u201c<br \/>\n\u201eNein, Timoschek, hast du nicht.\u201c<br \/>\n\u201eWas willst du, Fischer?\u201c<br \/>\n\u201eDu bist der Teller, der einen Sprung hat\u201c, begann er. \u201eDer im Regal ganz hinten steht, weil er niemandes Augen mehr zugemutet werden kann, weil er eine Schande f\u00fcr die Familie ist, in deren Haus er steht. Blo\u00df ab und zu holt man ihn hervor, um Speisereste auf ihm abzulegen.\u201c<br \/>\n\u201eDas kenne ich\u201c, sagte ich gelangweilt. \u201eIch habe den Text gelesen.\u201c<br \/>\n\u201eDu bist der bis zur Krone im Morast versunkene Baum. Kennst du das auch?\u201c<br \/>\n\u201eNein, aber sprich weiter\u201c, murmelte ich und simulierte G\u00e4hnen. \u201eEs klingt \u00fcberaus interessant.\u201c<br \/>\n\u201eDu tr\u00e4umst von einem guten Auskommen, von Ruhm und Geld. Doch am \u00f6ftesten tr\u00e4umst du von einer Person, die dich an der Hand aus deinem Morast herausf\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<p>Ich schwieg. Gustav Fischers Worte hatten ins Schwarze getroffen.<br \/>\n\u201eUnd jedes Mal, wenn du die Hand ausstreckst nach einer solchen Person &#8211; was passiert dann?\u201c<br \/>\n\u201eKeine Ahnung\u201c, sagte ich lakonisch. \u201eIch werde an der Hand herausgef\u00fchrt?\u201c<br \/>\n\u201eNein, Timoschek. Es passiert etwas anderes: Dein Traum zerplatzt.\u201c<br \/>\n\u201eWoher willst du wissen, dass es sich wirklich so verh\u00e4lt, Fischer?\u201c<br \/>\n\u201eDas sind doch deine Themen, an welchen du dich abarbeitest. Mit welchen du dein Talent vergeudest. Die dich dazu bringen, zu billigen Tricks und Rhetorik zu greifen.\u201c<br \/>\n\u201eWie kommst du darauf?\u201c, rief ich entr\u00fcstet.<\/p>\n<p>Ich war keineswegs der Meinung, dass ich mein Talent vergeudete.<br \/>\n\u201eBist du dir eigentlich im Klaren dar\u00fcber, dass in der Kunst alles erlaubt ist, Gustav Fischer?\u201c, fragte ich zornig.<br \/>\n\u201eErlaubt ist alles, Timoschek. Aber es ist bei Weitem nicht alles Erlaubte auch gut!\u201c<br \/>\n\u201eDann erz\u00e4hl mal, womit du dein Talent vergeudet hast. Nachdem du heute angeblich Bankvorstand bist, kann es bei dir mit dem Talent ja nicht allzu weit hergewesen sein.\u201c<br \/>\n\u201eDas tut hier nichts zur Sache!\u201c, knurrte er und sah mich aus seinen unmenschlichen Augen an, in welchen ich eine gute Portion Verachtung erkannte. \u201eEs geht hier um dich!\u201c<br \/>\n\u201eNa sch\u00f6n!\u201c Ich gab auf. \u201eLies mir die Leviten! Sag mir, was du zu sagen hast, Fischer!\u201c<br \/>\n\u201eDu musst aufh\u00f6ren, dein Werk zu verpfuschen!\u201c<br \/>\n\u201eJa, mit billigen Tricks und Rhetorik. Das hatten wir schon.\u201c<br \/>\n\u201eWarum machst du damit weiter?\u201c<br \/>\n\u201eWomit denn?\u201c Ich begann die Beherrschung zu verlieren.<br \/>\n\u201eMit den Tricks und dem Geschwafel!\u201c<br \/>\n\u201eWo kommt so etwas denn vor?\u201c, rief ich.<br \/>\n\u201eWo Schachtels\u00e4tze bei dir vorkommen? \u00dcberall!\u201c<\/p>\n<p>Ich dachte nach. Er hatte recht, doch konnte ich das nicht so einfach zugeben.<br \/>\n\u201eNa und?\u201c<br \/>\n\u201eSo etwas will niemand lesen! Und was soll der Schwachsinn mit den T\u00fcrkentauben?\u201c<br \/>\nIch schwieg.<br \/>\n\u201eWarum tauchen diese V\u00f6gel in so vielen deiner Werke auf? Wahrscheinlich weil du einem Rock nachl\u00e4ufst, der diese Viecher gern hat!\u201c<br \/>\nIch schwieg weiter.<br \/>\n\u201eUnd erst das, was du aus vorgegebenen Themen machst! Ein wenig Fantasie k\u00f6nnte nicht schaden! Nie versuchst du, das Unm\u00f6gliche m\u00f6glich zu machen! Die Vermutung, dass der Alkohol nicht ganz unschuldig daran ist, liegt wei\u00df Gott nahe!\u201c, herrschte er mich an.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass ein Fremder mir Vorhaltungen bez\u00fcglich meiner Kunst machte, trieb mir die Zornesr\u00f6te ins Gesicht. Dennoch war ich unf\u00e4hig, etwas zu meiner Verteidigung vorzubringen.<br \/>\n\u201eDenk dar\u00fcber nach, Timoschek! Fantasie und kurze S\u00e4tze &#8211; mehr braucht es nicht, abgesehen von einer \u00c4nderung deiner Lebensf\u00fchrung, und zwar einer radikalen \u00c4nderung!\u201c<br \/>\nDer Mann trieb mich zur Wei\u00dfglut, doch hatte ich seinen Worten nichts entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>Ich trank den Rest meines Bieres in einem Zug, erhob mich und dr\u00fcckte der Kellnerin einen Geldschein von ausreichendem Wert in die Hand.<br \/>\nDann ging ich zum Tisch zur\u00fcck, sah dem Mann tief in die Augen und wandte mich um. Im Hinausgehen machte ich kehrt, um ihm eine letzte Frage zu stellen.<br \/>\n\u201eBevor ich gehe, habe ich noch eine Frage an dich\u201c, sagte ich.<br \/>\n\u201eNur zu!\u201c<br \/>\n\u201eWer bist du wirklich?\u201c<br \/>\n\u201eDein Leser.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> |Inventarnummer: 17059<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Der Mann war unbemerkt in den Raum gekommen. Er hatte die Eingangst\u00fcre ger\u00e4uschlos ge\u00f6ffnet und wieder geschlossen. 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