{"id":6013,"date":"2017-02-01T18:43:47","date_gmt":"2017-02-01T18:43:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6013"},"modified":"2017-03-24T16:11:16","modified_gmt":"2017-03-24T16:11:16","slug":"landluft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6013","title":{"rendered":"Landluft"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6013&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6013&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong>Brise 1<br \/>\nDie Zeitungsgeschichte<\/strong><\/p>\n<p>Der Steirer sitzt am Morgen bei H\u00e4ferlkaffee und Grammelschmalzbrot am Tisch und arbeitet sich durch die aktuelle Ausgabe der gr\u00f6\u00dften kleinformatigen Tageszeitung der Steiermark.<br \/>\nDie Schlagzeile \u2018W\u00fctende Kuh t\u00f6tet Bauer auf der Suche nach Frau\u2019 versetzt ihn in Schrecken.<br \/>\n\u201eNicht einmal die K\u00fche \u2026\u201c, sagt er sich.<br \/>\nAls er zu den Todesanzeigen kommt, liest er: \u2018Herwig Pachern, aus Edelschrott, 35 Jahre.\u2019 und \u2018Edeltraud Puchern, aus Vasoldsberg, 36 Jahre.\u2019 und sagt sich: \u201eGuter Durchschnitt, 37 Jahre.\u201c<\/p>\n<p><u>Regieanweisung:<\/u> w\u00e4hrend er sich der Ermittlung des Durchschnittsalters der beiden vor der Zeit verblichenen Menschen widmet, vernimmt er das Summen einer Fliege. Er sieht das Insekt und erkennt hirschf\u00e4ngerklingenscharf, dass es sich bei diesem um jenes Tier handelt, das seinem Haus seit bereits drei Tagen das Stigma der Unhygiene verleiht. Er zieht also seinen rechten Holzpantoffel aus, klopft zweimal darauf &#8211; denn Gl\u00fcck kann der Mensch stets brauchen -, zielt und wirft.<br \/>\nDie Fensterscheibe bricht, und der \u00fcber einhundert Jahre alte Spruch \u2018Deus Semper Maior\u2019 liegt in Scherben auf dem Boden verstreut. Der Steirer ist nun einigerma\u00dfen traurig und grunzt entsprechend, hat doch seine Ururgro\u00dfmutter, die einst Kleinmagd war und dann durch eine geschickte voreheliche koitale Sp\u00e4tfolge Gro\u00dfb\u00e4uerin wurde, das Fenster einsetzen lassen. Der selige Altpfarrer des Dorfes, der von allen immer der \u2018Geistreiche\u2019 genannt wurde, und von wenigen zu vorger\u00fcckter Stunde der \u2018Geistvolle\u2019, hat das Fenster mit den Worten: \u201eOh Gott! Rette dieses Haus und seine Bewohner!\u201c geweiht. Bevor sich der Steirer an die Beseitigung der Scherben macht, befestigt er einen h\u00fcbschen Plastiksack von Kastner und \u00d6hler im nun scheibenlosen Fensterrahmen und brummt: \u201eDer L\u00f6we lacht immer.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Brise 2<\/strong><br \/>\n<strong>Die Vaterschaftsgeschichte<\/strong><\/p>\n<p>Der \u00fcber sechzig Jahre alte Steirer denkt sich: \u2018Ein Baby w\u00e4re schon eine feine Geschichte. So k\u00f6nnte ich ein Leben sich entwickeln sehn. Und einen kleinen Menschen nach meinem Vorbild formen. Mein M\u00e4derl ist eh noch jung, also haben wir beide was davon. Und so gute Gene, wie ich sie habe, m\u00fcssen weitergereicht werden.\u2019<\/p>\n<p><u>Regieanweisung:<\/u> Der Steirer steht vor dem Hormonexperten und denkt sich: \u2018Was wird der Herr Doktor mir wohl sagen?\u2019<br \/>\nDer Hormonexperte steht vor dem Steirer und denkt sich: \u2018Wieder so ein alter Mann, der kurz vor seinem offensichtlich in B\u00e4lde zu erwartenden Ableben selbst aufgegebenes Fruchtbarkeitsterrain zur\u00fcckgewinnen m\u00f6chte.\u2019<br \/>\nDer Steirer fragt: \u201eWas wird mich das kosten?\u201c<br \/>\nDer Spezialist antwortet: \u201eAnzunehmenderweise werden die Kosten der Hormonbehandlung h\u00f6her sein als der Betrag, den Sie f\u00fcr Ihr Kind noch werden ausgeben m\u00fcssen.\u201c<br \/>\nDer Steirer denkt sich: \u2018So ein billiges Kind!\u2019 und sagt: \u201ePasst! Dann mal los!\u201c<br \/>\nDer Spezialist sagt: \u201eAber nat\u00fcrlich!\u201c und denkt sich: \u2018Ein Prachtexemplar von einem Kunden. Wenn ich Gl\u00fcck habe, ben\u00f6tigt er drei Behandlungen.\u2019<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Brise 3<\/strong><br \/>\n<strong>Die Zeltfestgeschichte<\/strong><\/p>\n<p>Der Steirer besucht das Zeltfest in Stiwoll und freut sich auf die Musik der volkst\u00fcmlichen Gruppe \u2018Die Lustigen Buam\u2019.<br \/>\nEr steht an der Bar, trinkt aus einem irdenen Ma\u00dfkrug der Raiffeisenkasse Stiwoll und betrachtet die anwesenden Frauen. Eine gef\u00e4llt ihm besonders gut, und er n\u00e4hert sich ihr mit offensichtlichen Absichten.<br \/>\nDer Gef\u00e4hrte der jungen Frau beginnt zu bellen: \u201eWas willst Du von meiner Vroni? Ein Bier willst du ihr bezahlen, ha? Wart nur, den Kelch dazu kannst du gleich haben!\u201c, und erhebt sich.<\/p>\n<p><u>Regieanweisung:<\/u> Vroni bittet ihren Begleiter, den werbenden Steirer nicht k\u00f6rperlich zu sch\u00e4digen, doch vergebens.<br \/>\nIn Stiwoll hat gekelcht zu werden, vor allem, wenn Zeltfest ist.<br \/>\nVor dem Zelt stellt der Begleiter den Steirer vor die Wahl: \u201eNase oder Eier?\u201c<br \/>\nDer Angesprochene \u00fcberlegt, doch zu lange f\u00fcr den Geschmack des P\u00e4chters von Fr\u00e4ulein Vroni.<br \/>\nEs setzt zwei Hiebe, und das lange \u00dcberlegen hat sich ger\u00e4cht.<br \/>\nZur Sicherheit wird ein drittes Mal zugeschlagen, und auch der Magen f\u00e4hrt f\u00fcr eine gewisse Zeit in die Grube ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Brise 4<\/strong><br \/>\n<strong>Die Studiengeschichte<\/strong><\/p>\n<p>Der Steirer steht vor der Grazer Universit\u00e4t und will Angewandtes Brauchtum studieren, doch in der Steiermark ist das korrekte Tragen von Lederhose und Dirndlkleid noch keine Studienrichtung.<br \/>\nEr steht in seiner Tracht vor der Alma Mater und lamentiert: \u201eMeine Tracht &#8211; Vom Opa gemacht &#8211; Sie ist nix wert &#8211; Drum bleib ich gschert!\u201c<\/p>\n<p><u>Regieanweisung:<\/u> Der Dekan der Fakult\u00e4t f\u00fcr Kulturanthropologie h\u00f6rt das steirische Lamento und w\u00e4hlt instinktiv die Nummer des Dekans der Fakult\u00e4t f\u00fcr Soziologie und fl\u00fcstert in sein Telefon: \u201eHerr Kollege, bitte kommen Sie schnell zum Universit\u00e4tseingang. Ich denke, wir haben ein Exemplar gefunden, das bestens geeignet ist f\u00fcr unseren Versuch, eigene Studienrichtungen f\u00fcr Randgruppen einzuf\u00fchren. Ein Prachtexemplar, m\u00f6chte ich sagen!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Brise 5<\/strong><br \/>\n<strong>Die Jagdgeschichte<\/strong><\/p>\n<p>Der Steirer h\u00e4lt die Bestie in der Hand, betrachtet ihren Kopf und denkt sich: \u2018Du Biest, du kommst auf den Rost! Du \u00e4rgerst meine Mutter nicht mehr, daf\u00fcr werde ich schon sorgen!\u2019<\/p>\n<p><u>Regieanweisung:<\/u> Die dem Skimmer des Teiches entnommene Ringelnatter zappelt und z\u00fcngelt und zischt in der Steirerhand, w\u00e4hrend deren Besitzer dem Reptil streng in die Augen blickt.<br \/>\n\u201eBestie\u201c, sagt er dann, \u201edu wirst meiner werten Frau Mama nie wieder die Freude am Baden in ihrem sch\u00f6nen Teich verderben! Um dies sicherzustellen, werde ich dich noch heute grillen!\u201c<br \/>\nDie Schlange sieht ihn an, und auf einmal wei\u00df er, was sie ihm mitteilen m\u00f6chte: \u201eGro\u00dfer Steirer, bitte verschone mich! Ich bin noch jung, keine zwanzig Zentimeter lang, also fast noch ein Kind!\u201c<br \/>\nEs entspinnt sich ein Dialog.<br \/>\n\u201eDu bereitest meiner Frau Mama Kummer!\u201c<br \/>\n\u201eIch bin unschuldig, gro\u00dfer J\u00e4ger! Ich wurde von meiner Mutter an diesen Teich gef\u00fchrt.\u201c<br \/>\n\u201eUnd meine ekelt sich vor dir!\u201c<br \/>\n\u201eT\u00f6te mich nicht! Wenn du mich verschonst, hast du drei W\u00fcnsche frei!\u201c<br \/>\n\u201eGut. Erstens: Mach mir diesen Teich mit Obstler voll!\u201c<br \/>\n\u201eRealistische W\u00fcnsche.\u201c<br \/>\n\u201eDann mit Bier. Aber G\u00f6sser!\u201c<br \/>\n\u201eNoch realistischer.\u201c<br \/>\n\u201eDas f\u00fchrt zu nichts! Du wirst sterben!\u201c<br \/>\n\u201eAber ich k\u00f6nnte eine sch\u00f6ne Schlange werden, die viel Ungeziefer vertilgt.\u201c<br \/>\nDas leuchtet dem Steirer ein, als er vom Vertilgen des Ungeziefers h\u00f6rt.<br \/>\n\u201eDu wirst nie wieder im Teich meiner werten Frau Mama schwimmen! Wenn du Ungeziefer vertilgen willst &#8211; nur zu! Merze es aus! Aber bedenke: Ich m\u00f6chte nicht sehen, wo und wie du das machst!\u201c<br \/>\n\u201eVersprochen. Bin ich nun frei?\u201c<br \/>\n\u201eJa, bis zu dem Tag, an dem du stirbst. An diesem Tag wirst du n\u00e4mlich hierher zur\u00fcckkommen, und deine Haut wird mir ein geziemender Leibriemen werden!\u201c, ruft der Steirer und entl\u00e4sst die Bestie in die Freiheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Brise 6<\/strong><br \/>\n<strong>Die Rauschgiftgeschichte<\/strong><\/p>\n<p>\u2018Ich rauch ein Gras und bring\u2019s zu was\u2019, denkt sich der Steirer und versucht zum dritten Mal an diesem Abend, sich eine Haschischzigarette zu drehen.<br \/>\nLetzten Endes inhaliert er sein im Grazer Stadtpark gekauftes Haschisch und \u00fcbergibt sich.<\/p>\n<p><u>Regieanweisung:<\/u> Nachdem der steirische Drogenaspirant drei fehlgeschlagene Versuche, einen Joint zu drehen, mit der Zufuhr von insgesamt zehn Doppelstamperln Obstler kompensiert hat und auf diese ursteirische Art und Weise zu einem, wenn auch gut bekannten, Hochgef\u00fchl gelangt ist, will er es dennoch wissen.<br \/>\nEr leert schnell eine Dose G\u00f6sser und raucht das Rauschgift aus der Dose.<br \/>\nDa das Haschisch sich mit dem ihm bestens bekannten Bier vermischt, geht es ihm erst gut.<br \/>\nAls das Bier jedoch verdampft und das Rauschgift seine Wirkung entfaltet, und weil Steirerblut eben kein Wiesensaft ist, vomiert er in hohem Bogen und ziemlich zielgenau erst auf, dann in seine Haferlschuhe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Brise 7<\/strong><br \/>\n<strong>Die Elektrizit\u00e4tsgeschichte<\/strong><\/p>\n<p>Der Steirer tr\u00e4llert bei dem Lied \u2018Ja lustig ist\u2019s im Steirer-\u2019, doch -\u2019land\u2019 muss er ohne die Unterst\u00fctzung seines Kassettenradios singen, da ihm offenbar der Strom abgedreht wurde.<br \/>\n\u2018So ein Ungl\u00fcck!\u2019, denkt er sich.<\/p>\n<p><u>Regieanweisung:<\/u> Er wei\u00df, dass sein Radio ein Batteriefach hat, aber da Batterien mit Strom zu tun haben und ihm der ja abgedreht wurde, geht er zu seinem nunmehr lichtlosen K\u00fchlschrank und holt aus diesem seine Spezialbatterie, n\u00e4mlich die, die ihn selbst wieder aufl\u00e4dt, und das immer.<br \/>\nNachdem er allen zehn Zellen dieses Kraftspeichers den Saft, n\u00e4mlich G\u00f6sser M\u00e4rzen, entnommen hat, schl\u00e4ft er ein.<br \/>\nAls er aufwacht, funktioniert sein Radio wieder und sein Nachbar hat ihm auf dem Jogltisch einen Zettel hinterlassen, auf dem steht: \u2018Strom gibt\u2019s wieder &#8211; bis sie uns das n\u00e4chste Mal draufkommen. Also: Angezapft ist wieder &#8211; Prost!\u2019<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> |Inventarnummer: 17060<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brise 1 Die Zeitungsgeschichte Der Steirer sitzt am Morgen bei H\u00e4ferlkaffee und Grammelschmalzbrot am Tisch und arbeitet sich durch die aktuelle Ausgabe der gr\u00f6\u00dften kleinformatigen Tageszeitung der Steiermark. Die Schlagzeile \u2018W\u00fctende Kuh t\u00f6tet Bauer auf der Suche nach Frau\u2019 versetzt ihn in Schrecken. \u201eNicht einmal die K\u00fche \u2026\u201c, sagt er sich. 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