{"id":6011,"date":"2017-02-01T18:40:06","date_gmt":"2017-02-01T18:40:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6011"},"modified":"2017-03-29T16:41:57","modified_gmt":"2017-03-29T16:41:57","slug":"grauskopf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6011","title":{"rendered":"Grauskopf"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6011&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6011&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Mein Name ist Dr. Igor Kushkurow und ich bin Professor f\u00fcr angewandte Kreativit\u00e4t an der Staatlichen Schwarzrussischen Universit\u00e4t.<br \/>\nF\u00fcr gew\u00f6hnlich forsche ich zu Themen wie \u2018Die Vor- respektive Nachteile der bodennahen Haltung Schwarzrussischer Finkenb\u00e4rbiber in au\u00dfergew\u00f6hnlich gestalteten K\u00e4figen oder Gehegen\u2019, oder \u2018Wie hat der schwarzrussische Literaturbetrieb auf ein Buch zu reagieren, welches kein Wort enth\u00e4lt?\u2019. Ich darf diese beiden Forschungsgebiete kurz erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>Ein Autor reicht zwanzig unbeschriebene Seiten beim Staatlichen Schwarzrussischen Literaturgro\u00dfverlag ein und m\u00f6chte sein Werk als Roman ver\u00f6ffentlicht sehen. Nun, ich habe den Autor zum Essen eingeladen. Es hat mich zwar einige M\u00fche gekostet, aus den zwanzig Blatt Papier, die mir der Gro\u00dfverlag freundlicherweise zur Verf\u00fcgung gestellt hatte, eine schmackhafte Suppe zuzubereiten, doch letztlich habe ich es fertiggebracht. Der Autor dieser zwanzig Seiten wollte sein, wie er es nannte, Hauptwerk erst nicht zu sich nehmen, doch als ich ihm sagte, dass ich meinen Schwarzrussischen Wolfseber holen w\u00fcrde, was diesen gr\u00e4sslich in Harnisch h\u00e4tte geraten lassen, a\u00df der Literat auf. Ein Wolfseber ist n\u00e4mlich ein durchaus ernstzunehmender Gegner. Der Literat sah schlie\u00dflich ein, dass ein Roman zumindest aus dreiundzwanzig W\u00f6rtern zu bestehen hat. Ich halte diese Anzahl f\u00fcr ausreichend.<\/p>\n<p>Der Schwarzrussische Finkenb\u00e4rbiber wiederum ist ein mittelgro\u00dfes, gesellig lebendes Wesen, dem allerdings um die Zeit des Vollmondes ein ausgepr\u00e4gter Hang zum Kannibalismus immanent ist, solange er bodennah gehalten wird. Ich habe ein vollautomatisches K\u00e4fig- und Gehegesystem konstruiert, welches die unmittelbaren Folgen dieses Hangs, n\u00e4mlich den Tod dieser Lebewesen, hintanh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Meine letzte Forschungst\u00e4tigkeit hatte das Problem \u2018Die galoppierend zunehmende Kraushaarigkeit weiblicher schwarzrussischer Jugendlicher als Problem auf dem Staatlichen Schwarzrussischen Verehelichungsmarkt, und m\u00f6gliche Abhilfen\u2019 zum Inhalt, und es handelt sich dabei f\u00fcrwahr um ein gro\u00dfes Problem. Als Folge einer offenkundigen genetischen Mutation kamen zehntausende weibliche Jugendliche kraushaarig zur Welt. Meine erste Vermutung, alle diese M\u00e4dchen h\u00e4tten den selben Vater, stellte sich als falsch heraus, denn mein guter Freund Dr. Dmitar Schwengeloff, seine beiden Ehefrauen nennen ihn oft \u2018wilder Eber\u2019, und er ist selbst kraushaarig, versicherte mir, dass er seine Gattinnen nie betrogen hatte.<\/p>\n<p>Als Ursache dieser Mutation konnte ich letztlich den Verzehr Schwarzrussischer Bockkarpfen ausmachen. Diese Fische ern\u00e4hren sich vorzugsweise von Schwarzrussischen G\u00e4nsefalken, die sie unter Wasser ziehen und mit ihren neunundachtzig messerscharfen Z\u00e4hnen zerteilen. Die G\u00e4nsefalken ern\u00e4hren sich pflanzlich, sie fressen Wassertulpen und Sumpfagaven. Diese beiden Pflanzenarten sind stark mit DAP, einem Pestizid bester schwarzrussischer Provenienz und Permanenz, was die Dauer der Wirksamkeit anlangt, kontaminiert. Sofort lie\u00df ich den Fang der Bockkarpfen untersagen. Ich halte das f\u00fcr ausreichend, um die Ausbreitung der Kraushaarigkeit einzud\u00e4mmen.<\/p>\n<p>Danach stand ich vor dem Problem der Kraushaarigkeit zehntausender M\u00e4dchen.<br \/>\nDie Schwarzrussisch-Orthodoxe Glaubensfirma lehnte es ab, eine Art Riesenkloster f\u00fcr die Kraushaarigen zu errichten, der Gro\u00dfpatriarch bezeichnete mich gar als endg\u00fcltig \u00fcbergeschnappt.<br \/>\nDer schwarzrussische Vizeminister des Inneren weigerte sich, einen von mir vorgeschlagenen Gesetzesentwurf \u00fcberhaupt zur Debatte zu stellen, wonach sich alle kraushaarigen M\u00e4dchen jede Woche zweimal in der jeweils n\u00e4chstgelegenen Kaserne einzufinden gehabt h\u00e4tten, um sich das Haupthaar scheren zu lassen. Der Vizeminister nannte mich einen verr\u00fcckten Zwangsenthaarer. Ich selbst rasiere mir n\u00e4mlich zweimal den Kopf. Und das jeden Tag. Obwohl ich nicht kraushaarig bin.<\/p>\n<p>Auf dem Staatlichen Schwarzrussischen Verehelichungsmarkt, der am Rande der Gro\u00dfhauptstadt gelegen ist, lehnten es die dort amtierenden Verehelichungsfachm\u00e4nner ab, neue Kategorien wie kraushaarig-blond, -rot oder -schwarz einzuf\u00fchren. Selbst mein Vorschlag, diese Kategorien umzubenennen, in krond oder krot, fand kein Geh\u00f6r.<br \/>\nMein Freund Dr. Schwengeloff, der Eber, brachte mich in einem langen Gespr\u00e4ch auf die L\u00f6sung des Problems. Danke, Dmitar, und prost!<\/p>\n<p>Mein Vetter Narbert Olgach, er ist reich, hatte sich dankenswerterweise bereit erkl\u00e4rt, eine gro\u00dfangelegte Werbeaktion zu finanzieren. Die Sache, also der Krause den Kampf anzusagen, liegt mir n\u00e4mlich sehr am Herzen. Im gesamten schwarzrussischen Staatsgel\u00e4nde lie\u00df ich riesige Plakate anbringen, auf welchen in Signalfarbe geschrieben steht: \u2018Krause muss nicht sein &#8211; weder zuhause noch daheim &#8211; wenn ihr b\u00f6se Krausen seht &#8211; sollt ihr sprechen ein Gebet!\u2019<\/p>\n<p>Ich durfte n\u00e4mlich in zahllosen Selbstversuchen herausfinden, dass Gebete helfen, die t\u00e4glichen Probleme des schwarzrussischen Lebens zu beseitigen. Sie werden jetzt lachen, genau so, wie mich der Gro\u00dfpatriarch ausgelacht hat, als ich ihm meine Erkenntnis mitgeteilt habe. Aber es stimmt. Mein Freund, der Eber, hatte recht, als er meinte, dass ich wohl nur noch durch das Gebet zu retten w\u00e4re. Ich kann nicht verstehen, dass mir das nicht selbst eingefallen ist. Dabei wurde ich schon so oft durch Gebete gerettet.<\/p>\n<p>Wie damals, als ich meinen Bruder schabernackiert hatte. Ich hatte die Bl\u00f6\u00dfen der Frauen in seinen geliebten Magazinen \u00fcbermalt, die der M\u00e4nner jedoch lie\u00df ich stehen. Mein Bruder geriet so sehr in Harnisch, dass ich bef\u00fcrchtete, er w\u00fcrde mich schlagen. Also betete ich. Und meine Gebete wurden erh\u00f6rt. Unsere Mutter kam und entdeckte die eindrucksvolle Sammlung an Magazinen im Lernzimmer meines Bruders. Daraufhin verschwand sie mit meinem Bruder, den sie, wie ich mich erinnere, an seinem Ohr in sein Lernzimmer zog, und ich war gerettet.<\/p>\n<p>Oder als ich einen lebenden Nachtklauengreifer, eine wirklich f\u00fcrchterliche Bestie, in die Schule mitgebracht habe und der Vogel vor der Zeit aus seiner Bet\u00e4ubung erwachte. In diesem Augenblick haben, so glaube ich, alle im Klassenzimmer gebetet. Und es ist wirklich nichts passiert. Ich glaube aber, dass unser Professor der Biologie nicht richtig gebetet hat, denn er wurde nach diesem Vorfall versetzt. Wenn er nicht schon pensioniert ist, m\u00e4ht er immer noch den Rasen vor der Schule.<\/p>\n<p>Sie sehen, Gebete helfen. Und nachdem sie mir stets helfen, helfen sie auch allen anderen Menschen, selbst den Krausk\u00f6pfigen.<br \/>\nMir ist nat\u00fcrlich bewusst, dass viele der jungen Frauen ihre Erl\u00f6sung nicht im Gebet suchen werden. Da ich jedoch ein guter Mensch bin, dessen gr\u00f6\u00dfte Freude es ist, anderen Menschen Gutes zu tun, bin ich au\u00dferstande, die jungen Frauen, die nicht beten, mit ihrer Krausk\u00f6pfigkeit einfach im Stich zu lassen.<br \/>\nAus diesem Grund habe ich mir von meinem reichen Vetter Narbert, er verdient sein Geld \u00fcbrigens mit der Herstellung von Pestiziden, eine wirklich gro\u00dfe Summe, um pr\u00e4zise zu sein handelt es sich um zwei Milliarden Schwarzrussische Rubel, geliehen.<br \/>\nMit diesem Geld habe ich eine Kette von Haarschneidel\u00e4den gegr\u00fcndet und eine Fabrik, in der M\u00fctzen und Hauben hergestellt werden, erbaut.<br \/>\nSie sehen, mein Kampf ist noch nicht zu Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a> |Inventarnummer: 17061<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Name ist Dr. Igor Kushkurow und ich bin Professor f\u00fcr angewandte Kreativit\u00e4t an der Staatlichen Schwarzrussischen Universit\u00e4t. 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