{"id":5999,"date":"2017-02-01T17:52:59","date_gmt":"2017-02-01T17:52:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5999"},"modified":"2017-04-13T15:35:39","modified_gmt":"2017-04-13T15:35:39","slug":"martin-maipolds-weg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5999","title":{"rendered":"Martin Maipolds Weg"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5999&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5999&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u201eGuten Tag, Herr Diplomingenieur. Mein Name ist Doktor Georg Holter.\u201c<br \/>\nMartin Maipold erhob sich, um dem Mann, der soeben den Raum betreten hatte, die Hand zu geben.<br \/>\n\u201eMaipold, gr\u00fc\u00df Gott. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit f\u00fcr mich nehmen.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist meine Aufgabe. Aber bitte\u201c, Holter wies auf den in englischem Stil gepolsterten braunen Ledersessel, \u201esetzen Sie sich wieder.\u201c<\/p>\n<p>Martin lie\u00df sich nieder, atmete zweimal tief durch und sah den Arzt mit einer Mischung aus Furcht und gespannter Erwartung an. Dieser nahm gegen\u00fcber Maipold Platz, in einem Fauteuil gleicher Machart, ein runder Tisch aus Acrylglas stand zwischen ihnen, darauf lag ein Sto\u00df Papiertaschent\u00fccher.<br \/>\nGeorg Holter trug schwarze Schuhe aus Rauleder, eine graue Anzughose und ein wei\u00dfes Hemd ohne Krawatte, dar\u00fcber einen wei\u00dfen Kittel. Martin Maipolds dunkelgr\u00fcne Wollstutzen steckten in schwarzen Haferlschuhen, des Weiteren hatte er eine Lederhose und ein gr\u00fcn-wei\u00df kariertes Hemd an.<\/p>\n<p>\u201eNun, Herr Maipold, was f\u00fchrt Sie zu uns?\u201c<br \/>\nDer Patient r\u00e4usperte sich.<br \/>\n\u201eMir wurde gesagt, dass diese Einrichtung die beste ist.\u201c<br \/>\n\u201eDas freut mich zu h\u00f6ren. Es ist wirklich sch\u00f6n hier. Sie werden eine gute Zeit bei uns haben, glauben Sie mir.\u201c<br \/>\n\u201eDas hoffe ich. Eine Auszeit habe ich dringend n\u00f6tig.\u201c<br \/>\n\u201eErz\u00e4hlen Sie mir bitte, was vorgefallen ist.\u201c<br \/>\n\u201eWo soll ich anfangen?\u201c<br \/>\n\u201eWo Sie m\u00f6chten. Wir haben genug Zeit, um herauszuarbeiten, wo der Kern Ihres Problems liegt.\u201c<br \/>\n\u201eDann fange ich am Anfang an. Mein Name ist Martin Maipold, ich bin sechsundvierzig Jahre alt und von Beruf begeisterter Bauer.\u201c<br \/>\nHolter hob die Augenbrauen, l\u00e4chelte und sagte: \u201eDas ist gut, dass Ihnen Ihre Arbeit Spa\u00df macht. Das h\u00f6re ich leider viel zu selten.\u201c<br \/>\n\u201eDas kann ich mir gut vorstellen. Viele Menschen sind unzufrieden mit ihren Jobs. Bei mir ist es anders, ich wollte von klein auf Bauer werden.\u201c<\/p>\n<p>Martin war durch eine Hausgeburt auf dem Hof seiner Familie zur Welt gebracht worden. Dieser lag am Rande einer kleinen Ortschaft im steirischen H\u00fcgelland und wurde von seinen Eltern gef\u00fchrt. Sie hatten K\u00fche, Schweine, H\u00fchner, Haushasen und zwei Ziegen. Ein Hund zur Bewachung fehlte ebensowenig wie zwei Katzen, welche die Zahl der M\u00e4use gering hielten.<br \/>\nSein Vater, Peter Maipold, hatte die Wirtschaft von seinen Eltern \u00fcbernommen, seine Mutter, Aloisia, war die Tochter von Landwirten aus dem Nachbarort. Martin war ihr einziges Kind. Obwohl Peter und Aloisia sich weitere Kinder gew\u00fcnscht hatten, war es ihnen nicht verg\u00f6nnt, eine Schar eigene Kinder auf dem Hof herumtollen zu sehen.<\/p>\n<p>\u201eH\u00e4tten Sie gerne Geschwister gehabt?\u201c<br \/>\n\u201eNein, eigentlich nicht. Ich habe so etwas wie einen Bruder, blo\u00df dass er kein leiblicher ist. Er hei\u00dft Alois Wurm und stammt vom Nachbarhof.\u201c<\/p>\n<p>Alois wurde drei Wochen nach Martin geboren und war ebenfalls ein Einzelkind. Obgleich die Wurms von beinahe allen Ortsans\u00e4ssigen gemieden wurden, so auch von den Maipolds, freundeten sich die beiden Buben schnell an und wuchsen zusammen auf wie echte Br\u00fcder. Vater Wurm war ein im ganzen Dorf bekannter Trinker und Schl\u00e4ger, der seine Wut gerne an jedem auslie\u00df, der gerade in seiner N\u00e4he war. Selbst vor seiner Ehefrau schreckte er nicht zur\u00fcck, und schon gar nicht vor seinem Sohn. Diesen schlug er am h\u00e4ufigsten, da er schwach und au\u00dferdem stets verf\u00fcgbar war, wenn seinem Vater der Sinn nach einer Tracht Pr\u00fcgel stand.<\/p>\n<p>\u201eSo war es kein Wunder, dass Alois jede Gelegenheit genutzt hat, auf unseren Hof zu kommen.\u201c<br \/>\n\u201eWurden Sie von Ihren Eltern auch geschlagen?\u201c<br \/>\n\u201eIch kann mich nicht daran erinnern, je misshandelt worden zu sein.\u201c<\/p>\n<p>Martin war ein Kind der Liebe, und seine Eltern waren gut zu ihm. Ermahnungen und strenge Blicke reichten aus, um ihn in die Schranken zu weisen. In seinen ersten Lebensjahren waren solche oft vonn\u00f6ten, denn die Tiere, die auf dem Hof lebten, \u00fcbten eine starke Anziehungskraft auf das Kind aus. Es war ihm streng verboten, sich den gro\u00dfen Arten von Vieh zu n\u00e4hern, mit den Hasen, dem Hund und den Katzen durfte er jedoch spielen. Nach einer Weile wurde ihm dies aber zu langweilig, und der Reiz des Verbotenen zu gro\u00df.<br \/>\nMartin stand oft vor dem engmaschigen Zaun des H\u00fchnergeheges und beobachtete die V\u00f6gel beim Herumlaufen und beim Baden in der vom Scharren sandigen Erde. Eines Tages betrat er den Auslauf, um mit den H\u00fchnern zu spielen. Die liefen davon und wollten sich nicht einfangen lassen, also erkor der Bub den farbenpr\u00e4chtigeren der beiden H\u00e4hne als Spielgef\u00e4hrten aus und trieb ihn kurzentschlossen in eine der Ecken des Zaunes. Der Hahn geriet in Panik und brachte Martin mit seinem Sporn eine lange und tiefe Wunde auf der Wange bei. Weinend lief der Junge zu seiner Mutter, die ihn sogleich ins Auto setzte und mit ihm zum Dorfarzt fuhr, welcher die Wunde reinigte, desinfizierte und vern\u00e4hte.<\/p>\n<p>\u201eWie hat Ihre Mutter auf die Missachtung ihres Verbots, mit den H\u00fchnern zu spielen, reagiert?\u201c<br \/>\n\u201eGar nicht. Die H\u00fchner waren nicht explizit als tabu bezeichnet worden. Wahrscheinlich haben meine Eltern geglaubt, dass ich an den V\u00f6geln ohnehin kein Interesse haben w\u00fcrde.\u201c<br \/>\n\u201eWie ist es weitergegangen?\u201c<\/p>\n<p>In der Volksschule sa\u00df Martin neben Alois, seinem besten Freund, der zugleich sein einziger war. Sie hatten nicht viel mit den anderen Kindern in ihrer Klasse zu tun, weder im Unterricht noch privat. Sie waren sich selbst genug. Alois kam oft auf den Hof seines Kumpels, um dort zu Mittag zu essen und danach mit diesem gemeinsam die Hausaufgaben zu machen. Beide lernten leicht und schlossen die vierte Klasse mit guten Noten ab.<\/p>\n<p>\u201eIch hatte damals oft das Gef\u00fchl, dass Alois die Zeit bei uns guttat. So konnte er seinem Vater entkommen.\u201c<br \/>\n\u201eIch verstehe, was Sie meinen.\u201c<br \/>\n\u201eDa bin ich mir nicht so sicher.\u201c<br \/>\n\u201eJetzt verstehe ich nicht mehr, was Sie meinen\u201c, sagte der Psychiater l\u00e4chelnd.<br \/>\n\u201eBei Alois ging es in derselben Tonart weiter, das mit den Schl\u00e4gen. Aber ich konnte ihn nach der Volksschule nicht mehr vor diesem \u00fcblen Gesellen sch\u00fctzen, denn unsere schulischen Wege trennten sich.\u201c<\/p>\n<p>Martin besuchte das Gymnasium eines zehn Kilometer entfernten Dorfes, w\u00e4hrend Alois von seinem Vater auf die Hauptschule geschickt wurde. Mit Leichtigkeit h\u00e4tte er die Mittelschule abgeschlossen, doch sein Erzeuger erachtete Bildung als unwichtig.<br \/>\nNach dem Unterricht half Martin seinen Eltern bei der Arbeit und wuchs mehr und mehr in das Leben als Bauer hinein, welches er bald als das f\u00fcr ihn richtige erkannte. Er f\u00fctterte das Vieh, mistete die St\u00e4lle aus, und auch die gro\u00dfen G\u00e4rten f\u00fcr Gem\u00fcse und Obst lernte er zu bewirtschaften.<br \/>\nAll das geschah jedoch ohne Druck oder gar Zwang vonseiten seiner Eltern. Oft wiesen sie ihren Sohn darauf hin, dass sie mit jeder Berufswahl einverstanden w\u00e4ren, die er treffen w\u00fcrde. Martin aber begann sich schnell als Bauer zu sehen und lernte flei\u00dfig in der Schule, denn er hatte vor, nach der Matura ein landwirtschaftliches Studium zu absolvieren.<\/p>\n<p>\u201eAlois wurde von seinem Vater gezwungen, eine Lehre zum Metzger zu machen. Darunter hat er sehr gelitten, denn er wollte auch maturieren\u201c, seufzte Martin Maipold.<br \/>\n\u201eHaben Sie sich in dieser Zeit oft gesehen?\u201c<br \/>\n\u201eNicht wirklich oft. Nach den Haus\u00fcbungen haben wir ja beide auf unseren H\u00f6fen geholfen. Ich freiwillig, Alois leider nicht. Der wurde so lange gepr\u00fcgelt, bis er sich f\u00fcgte und die Arbeiten verrichtete, die sein Vater nicht machen wollte. Das war auch der Grund, warum bei ihm mit M\u00e4dchen nichts lief.\u201c<br \/>\n\u201eWas war der Grund?\u201c<br \/>\n\u201eDie Schl\u00e4ge, beziehungsweise deren sichtbare Spuren. Er hatte oft ein blaues Auge, und mit so etwas wollte ihn klarerweise keine haben.\u201c<\/p>\n<p>Bei Martin lief es in dieser Hinsichtnicht anders. In der vierten Klasse verliebte er sich in seine Sitznachbarin, doch Anna, so hie\u00df sie, beachtete ihn nicht. Sie war die Tochter einer Zahn\u00e4rztin und sah auf ihn herab, wie sie es bei allen machte, die in ihren Augen gesellschaftlich schlechter gestellt waren. Eines Tages, kurz vor dem Ende des Sommersemesters, fragte er sie, warum sie seine Avancen durch Nichtbeachtung ins Leere laufen lie\u00df. Sie sagte, dass er nach Kuhstall roch und sie mit so einem Jungen nichts zu tun haben wollte. Tief verletzt, entwendete er am n\u00e4chsten Morgen einen Flakon aus dem Badezimmer seiner Eltern. Bevor er das Haus verlie\u00df, spr\u00fchte er sich reichlich mit Parfum ein. Im Klassenzimmer fragte er Anna mit triumphierendem Blick, ob sie immer noch der Meinung war, neben einem wandelnden Stall sitzen zu m\u00fcssen. Sie prustete los und meinte, dass er wie ihre Mutter roch.<\/p>\n<p>\u201eHaben Sie sich dann, nach den Sommerferien, besser mit Anna verstanden?\u201c, fragte Holter.<br \/>\n\u201eJa. Nach den Ferien haben wir ein paarmal miteinander geredet und sind draufgekommen, dass wir in vielerlei Hinsicht gleich denken.\u201c<br \/>\n\u201eUnd so sind Sie Freunde geworden?\u201c<br \/>\n\u201eNicht nur das. Wir waren damals drei Jahre lang ein Paar.\u201c<\/p>\n<p>Er und Anna verstanden sich gut in dieser Zeit, doch dann wandte sie sich einem Jungen zu, der ihrer Klasse zugeteilt worden war. Erst verstand Martin die Welt nicht mehr, aber nach wenigen Tagen war die Sache f\u00fcr ihn abgehakt. Dabei half ihm einerseits Alois, mit dem er reden konnte, und andererseits die Arbeit auf dem Hof. Er \u00fcbernahm immer gr\u00f6\u00dfere Aufgaben. Oft ging er in die St\u00e4lle, bevor er sich auf den Weg zur Haltestelle des Schulbusses machte. Dass er nach Stall roch, k\u00fcmmerte ihn nicht mehr, denn zu diesem Zeitpunkt sah er sich bereits als Bauer, und nicht als Maturant oder angehender Student.<br \/>\nAlois Wurm schloss seine Fleischerlehre ab und entsprach dem Willen seines Vaters. Er f\u00fchrte den Hof der Familie, st\u00e4ndig \u00fcberwacht von seinem Erzeuger. Machte er etwas falsch, wenigstens in den Argusaugen dieses Mannes, wurde er mit Ohrfeigen bestraft. An den Abenden, wenn Alois Zeit hatte und auf den Hof der Maipolds kam, sa\u00dfen die beiden Freunde oft vor dem Wohnhaus auf einer Bank, tranken Bier und redeten.<\/p>\n<p>\u201eDann haben Sie die Matura abgelegt\u201c, stellte der Psychiater fest, der offenbar rascher in Martins Lebensgeschichte vorankommen wollte.<br \/>\n\u201eJa, sogar mit ausgezeichnetem Erfolg.\u201c<br \/>\n\u201eUnd dann sind Sie wahrscheinlich zum Bundesheer einger\u00fcckt.\u201c<br \/>\n\u201eNein, das ist mir erspart geblieben. Ich bin nach Wien gegangen, um Landwirtschaft zu studieren.\u201c<br \/>\n\u201eGut. Das Studium haben Sie abgeschlossen. Wann haben die Probleme angefangen?\u201c<br \/>\n\u201eDas war in meinem ersten Studienjahr.\u201c<br \/>\nDer Arzt seufzte. \u201eHerr Maipold, m\u00f6chten Sie eine Pause machen?\u201c<br \/>\nMartin sah ihn erstaunt an. \u201eNein, warum?\u201c<br \/>\nHolter erkannte, dass Martin zum ersten Mal in seinem Leben dabei war, \u00fcber das zu sprechen, was sich in diesem ereignet hatte, und \u00fcber den Grund, aus dem er sich in die Klinik hatte einweisen lassen.<\/p>\n<p>Durch die Intervention eines Cousins seiner Mutter blieb ihm der Dienst an der Waffe erspart. Er lernte Tanja kennen, die gerade mit ihrem Vater aufs Land gezogen war. Ihre Mutter hatte sich in Graz das Leben genommen, worauf ihr Vater das Haus verkaufte und mit ihr regelrecht aus dieser Stadt floh. Er war Steuerberater und er\u00f6ffnete eine Kanzlei im Ort. Tanja jedoch gefiel es anfangs \u00fcberhaupt nicht in dem kleinen Dorf. Sie hasste alles L\u00e4ndliche und sonderte sich von allen Ortsans\u00e4ssigen ab. Ihre Abneigung brachte sie auch durch die Wahl ihrer Kleidung zum Ausdruck, die stets schwarz war, wie auch die Farbe ihrer Haare.<br \/>\nDennoch brachte Martin es fertig, das Herz der jungen Frau zu erobern. Da er wusste, wo sie oft im Gras sa\u00df und in ihren B\u00fcchern las, \u00e4nderte er einfach die Route, wenn er mit seinem Hund spazieren ging. Eines Tages setzte er sich zu ihr und begann ein Gespr\u00e4ch. Anfangs gab sie sich reserviert, doch bald fasste sie Vertrauen, und es dauerte nicht lange, bis sie ineinander verliebt waren.<\/p>\n<p>\u201eSie haben sie also davon \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, dass Sie, obwohl ein Bauer, kein schlechter Mensch sind\u201c, stellte Holter fest. \u201eDas ist doch sch\u00f6n.\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, sagte Martin knapp. Er sah f\u00fcr einige Sekunden aus dem Fenster des Raumes, fl\u00fcsterte \u201eDarf ich?\u201c und nahm ohne eine Antwort abzuwarten ein Taschentuch vom Tisch, um seine feucht gewordenen Augen zu trocknen.<br \/>\n\u201eWas ist geschehen?\u201c<\/p>\n<p>Martin hatte es fertiggebracht, dass Tanja ihre Einstellung bez\u00fcglich des Landlebens \u00e4nderte. Sie war oft auf seinem Hof, streichelte die Hasen und Ziegen, und freute sich, von Aloisia in die Zubereitung typisch l\u00e4ndlicher Gerichte eingewiesen zu werden, denn sie liebte es zu kochen.<br \/>\nTrotzdem war sie froh, mit Martin nach Wien ziehen zu k\u00f6nnen. Er schrieb sich an der Universit\u00e4t f\u00fcr Bodenkultur ein, sie an der medizinischen Fakult\u00e4t. Eines Tages er\u00f6ffnete sie ihm, dass sie sich unwohl f\u00fchlte, und zwar so, wie sich ihre Mutter jahrelang gef\u00fchlt hatte. Er bat sie, sich Hilfe zu suchen.<\/p>\n<p>\u201eHat sich Ihre Freundin psychologisch oder \u00e4rztlich behandeln lassen?\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, seufzte Martin. \u201eLeider hat es blo\u00df f\u00fcr kurze Zeit etwas gebracht.<\/p>\n<p>An einem sonnigen Fr\u00fchlingstag betrat Martin die gemeinsame Wohnung und fand seine Freundin tot auf, sie hatte sich erh\u00e4ngt.<br \/>\nIn den ersten Wochen nach Tanjas Tod war er zu nichts f\u00e4hig. Er lag lethargisch im Bett, a\u00df kaum und an den Abenden trank er sich in den Schlaf. Er meldete sich von den noch ausstehenden Pr\u00fcfungen ab und verbrachte den Sommer zu Hause bei seinen Eltern. Die Arbeit auf dem Hof, die er so liebte, vermochte ihn jedoch ebensowenig aus dem Loch zu rei\u00dfen, in dem er gefangen war, wie die Gespr\u00e4che mit seinem besten Freund, der ihn besuchte, wann immer er die Zeit dazu hatte.<\/p>\n<p>\u201eHaben Sie damals erwogen, sich auch umzubringen?\u201c<br \/>\n\u201eAnfangs schon. Ich wollte Tanja folgen, bei ihr sein. Doch das h\u00e4tten meine Eltern nicht verkraftet. Also habe ich mir auf andere Art und Weise Trost verschafft.\u201c<br \/>\n\u201eMit Alkohol.\u201c<br \/>\n\u201eJa, ich habe getrunken. Was ich damit sagen will: Ich habe bis vor wenigen Tagen getrunken. So lange, bis es nicht mehr ging.\u201c<\/p>\n<p>Nach den Sommerferien fuhr Martin nach Wien und nahm sein Studium wieder auf.<br \/>\nDen Alkohol erkor er zum geeigneten Mittel, um den Schmerz loszuwerden, der seit Tanjas Tod in ihm loderte. Er war jedoch kein gew\u00f6hnlicher Trinker, keiner von der Sorte, die von fr\u00fch bis sp\u00e4t trinken. Diese sah er in Wien zuhauf, und sie ekelten ihn an. Tags\u00fcber brauchte er Besch\u00e4ftigung, um von seiner Trauer abgelenkt zu sein, doch an den Abenden, nach den Vorlesungen, fiel er zur\u00fcck in sein Loch und trank so lange, bis er nichts mehr f\u00fchlte.<\/p>\n<p>\u201eSie wissen, was man sagt, Herr Doktor: Bei Tage ist es kinderleicht, die Dinge n\u00fcchtern und unsentimental zu sehen. Nachts ist das eine ganz andere Geschichte.\u201c<br \/>\n\u201eIch kenne dieses Zitat, Herr Maipold. Und ich glaube, wir wissen beide, welche Auswirkungen der Alkohol auf dessen Sch\u00f6pfer gehabt hat.\u201c<\/p>\n<p>Da Martin selbst an den Wochenenden das Trinken am Tage ablehnte, war er gezwungen, an den Abenden umso mehr Alkohol zu konsumieren, um die f\u00fcr ihn erforderliche Menge aufzunehmen. Er \u00fcberlegte, wie er dies bewerkstelligen k\u00f6nnte, ohne \u00f6ffentlich als saufender Student auff\u00e4llig zu werden, und auch ohne zu viel Geld f\u00fcr seine Zechen, \u00fcblicherweise setzten sich diese aus Bier, Wein und Schnaps zusammen, ausgeben zu m\u00fcssen. Ein Kommilitone lud ihn in das Haus einer Studentenverbindung ein. Dort wurde viel getrunken, und nach wenigen Besuchen stellte Martin einen Antrag auf Mitgliedschaft. Er musste nicht viel f\u00fcr das Trinken bezahlen und traf auf Gleichgesinnte.<\/p>\n<p>\u201eIch verstehe\u201c, meinte Holter und musterte die linke Wange seines Patienten.<br \/>\nDieser verstand, welche Annahme der eingehenden Betrachtung zugrunde lag, und sagte schnell: \u201eNein, nein, Herr Doktor. Das war eine nichtschlagende Verbindung. Den Schmiss, den Sie zu erkennen glauben, habe ich von unserem Hahn verpasst bekommen.\u201c<br \/>\nDer Arzt lachte und ging nicht weiter darauf ein.<\/p>\n<p>Martin schloss sein Studium blo\u00df zwei Semester \u00fcber der Mindestzeit ab, und das obwohl er sich beinahe jeden Abend besinnungslos trank.<br \/>\nIn den Jahren seines Studiums legte sich die Trauer \u00fcber den Verlust Tanjas, doch konnte er keine andere Frau f\u00fcr sich gewinnen. Es blieb bei, letztlich fl\u00fcchtigen und kurzlebigen, Liebeleien, denn sobald eine Frau das wahre Ausma\u00df seines Alkoholkonsums erkannte, lief sie ihm davon.<\/p>\n<p>\u201eUnd nach Ihrem Studium haben Sie den Hof der Eltern \u00fcbernommen?\u201c<br \/>\n\u201eJa.\u201c<br \/>\n\u201eUnd der Alkohol? Haben Sie weiterhin so viel getrunken?\u201c<br \/>\n\u201eSo viel nicht gerade. Noch viel mehr\u201c, antwortete Martin leise.<\/p>\n<p>Sein Vater \u00fcberschrieb ihm das Geh\u00f6ft, und Martin trank weiter. Er sorgte gut f\u00fcr die Tiere und f\u00fchrte seinen Betrieb ertragreich, doch seine Abende geh\u00f6rten dem Alkohol, welchem er in immer h\u00f6herem Ausma\u00df fr\u00f6nte. Alois Wurm leistete ihm bei diesen Gelagen oft und gerne Gesellschaft. Dessen Vater war aus unerfindlichen Gr\u00fcnden in einen Silo gest\u00fcrzt und darin erstickt, somit besa\u00df auch Alois einen eigenen Hof. Beide hatten sie keine Frau, und sie wollten auch keine. Die Gefahr, dass eine solche dem alkoholschwangeren Treiben an den Abenden Einhalt geboten h\u00e4tte, erschien ihnen einfach zu gro\u00df. Wollten sie sich in weiblicher Gesellschaft entspannen, fuhren sie nach Graz und kehrten in bestimmte Bars in gewissen Bezirken ein, in welchen Frauen verkehrten.<\/p>\n<p>\u201eSie haben Ihr Leben Ihren Trinkgewohnheiten angepasst\u201c, stellte der Psychiater fest.<br \/>\n\u201eStimmt, das habe ich.\u201c<br \/>\n\u201eWas haben Ihre Eltern dazu gesagt?\u201c<br \/>\n\u201eSie haben versucht, mir ins Gewissen zu reden, doch nach einer Weile haben sie es aufgegeben und meine Trinkerei akzeptiert.\u201c<br \/>\n\u201eWas hat Sie bewogen, zu uns zu kommen, um einen Entzug zu machen?\u201c<br \/>\n\u201eZwei Menschen und eine Krankheit.\u201c<\/p>\n<p>Anna, die Frau, mit der Martin in seinen Jugendtagen liiert gewesen war, war nach ihrer Scheidung und dem pl\u00f6tzlichen Tod ihrer Mutter zur\u00fcck in ihr Heimatdorf gezogen und stand eines Abends vor seiner Haust\u00fcre. Sie redeten die ganze Nacht und beschlossen, es ein zweites Mal miteinander zu versuchen, nun als Erwachsene. Anna hatte ihre Tablettensucht \u00fcberwunden und versprach Martin, ihm bei einem Entzug zur Seite zu stehen.<br \/>\nAm Tag darauf hatte Alois einen Unfall. Er fiel betrunken von einer Leiter und brach sich dabei drei Rippen und den linken Arm. Martin besuchte ihn gemeinsam mit Anna, und nach einem langen Gespr\u00e4ch entschloss sich auch sein bester Freund zu einer Entziehungskur.<br \/>\nHatte Martin erst Angst vor einem Leben ohne den Alkohol, der viele Jahre integraler Bestandteil seines Lebens gewesen war, so verflog diese, als er von seinem Hausarzt erfuhr, dass seine Leber durch das Trinken mittelschweren Schaden genommen hatte.<\/p>\n<p>\u201eHerr Maipold, Sie haben die richtige Entscheidung getroffen\u201c, sagte der Arzt.<br \/>\n\u201eJa, das habe ich wohl. Allzu lange h\u00e4tte es nicht mehr gedauert, und meine Leber w\u00e4re schwer gesch\u00e4digt, hat mir der Dorfarzt gesagt.\u201c<br \/>\n\u201eHat Ihr Freund Alois bereits mit seinem Entzug begonnen?\u201c<br \/>\n\u201eNein, noch nicht. Sein anonymes Erstgespr\u00e4ch mit Ihnen, Herr Doktor, findet morgen um vierzehn Uhr statt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=1490\">s\u00fcffig<\/a> |Inventarnummer: 17065<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eGuten Tag, Herr Diplomingenieur. Mein Name ist Doktor Georg Holter.\u201c Martin Maipold erhob sich, um dem Mann, der soeben den Raum betreten hatte, die Hand zu geben. \u201eMaipold, gr\u00fc\u00df Gott. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit f\u00fcr mich nehmen.\u201c \u201eDas ist meine Aufgabe. 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