{"id":5992,"date":"2017-01-31T19:22:08","date_gmt":"2017-01-31T19:22:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5992"},"modified":"2017-02-24T08:50:52","modified_gmt":"2017-02-24T08:50:52","slug":"in-der-naehe-das-boese","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5992","title":{"rendered":"In der N\u00e4he das B\u00f6se"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5992&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5992&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Zum ersten Kaffee am Morgen lese ich \u00fcblicherweise f\u00fcnf \u00fcberregionale Tageszeitungen, zwei Wochen-Magazine, Beitr\u00e4ge mehrerer Nachrichten-Agenturen und drei Lokalzeitungen, online kostenlos nat\u00fcrlich. Ich st\u00fcrze mich in die gro\u00dfen internationalen Ereignisse, ob Politik oder Naturkatastrophen, Kultur oder Wirtschaft, manchmal schaue ich noch in Science und People rein. Das Einzige, was ich wirklich nie lese, sind B\u00f6rsenkurse und Sport. Am l\u00e4ngsten bleibe ich bei den vermischten Nachrichten h\u00e4ngen, sei es ein Haiangriff in Australien, tot, mit einem abgebissenen Arm oder Bein, ein brennender Schweinestall in der Steiermark, entlaufene Pferde auf der A1 oder ein Familiendrama im M\u00fchlviertel. Manches notiere ich mir oder kopiere etwas, vor allem wenn die Meldung eine irrwitzige oder komische Note hat. Immer auf Themensuche. Ich kann von mir sagen, dass ich eine recht ge\u00fcbte und abgebr\u00fchte Leserin bin.<\/p>\n<p>Und trotzdem komme ich von einem Ereignis nicht los. Der Mord an einer jungen Frau, Amerikanerin, Studentin und Babysitterin in einer Wiener Familie, schreibt die Zeitung unter Lokales. Sie war an einem Montagmorgen nicht zur Arbeit erschienen; die Arbeitgeber informierten die Polizei, die die 26-J\u00e4hrige tot in ihrer Wohnung fand, erdrosselt oder erstickt. Dazu war ein Foto abgedruckt, das Polizisten auf der Stra\u00dfe vor einem Haus zeigte, das ich sofort erkannte.<br \/>\nEs war mein Nachbarhaus, zweist\u00f6ckig, gelbes Biedermeier, lange Ruine, k\u00fcrzlich vorbildlich renoviert, mit einem gr\u00fcnen Innenhof, obenherum zwei Stockwerke bewachsene Pawlatschen-G\u00e4nge, genutzt von einem Edel-Italiener und hoffentlich auch den Bewohnern. Ein Juwel, ein Idyll und ein hervorragendes Beispiel f\u00fcr moderne Altstadt-Wiederbelebung. Ich pflegte dorthin \u00f6fter meine bevorzugten G\u00e4ste auszuf\u00fchren oder chillte gern dort allein ab. Hier war f\u00fcr mich Wien, wie es von der besten Seite nur Wien sein kann.<br \/>\nEigentlich liegt das Haus auf meiner Stra\u00dfe zwei Nummern entfernt, aber ein St\u00fcck seiner R\u00fcckseite ragt in meinen Hof hinein, so dass ich sie hinter den B\u00e4umen immer im Blick habe. Mit einigem Kopfverrenken k\u00f6nnte ich auf die kleinen Klopfbalkone, in die schmalen Fenster der Gangklos und in die Gangfenster hineinsehen. Im Sommer mit den Bl\u00e4ttern der B\u00e4ume ist alles verborgen, im kahlen Winter allzu deutlich.<\/p>\n<p>Ich muss bekennen, dass mich dieser Mord mehr ersch\u00fctterte als alles andere in der Welt. Seither denke ich dar\u00fcber nach, warum das so ist, warum mich das Gef\u00fchl des Grauens bis heute in den Krallen h\u00e4lt. Ich sp\u00fcre es, wie sich mein Herz zusammenkrampft und immer wieder \u00dcbelkeit aufkommt. Nimmt die St\u00e4rke der Betroffenheit mit der Anzahl der Kilometer ab, und mit der N\u00e4he von ein paar Schritten zu, obwohl ich diesen Menschen gar nicht kenne?<\/p>\n<p>Die Zeitung berichtete, dass Mary Louise M. aus Houston, Texas, seit einem Jahr dort gewohnt hatte und von ihren Arbeitgebern als \u00e4u\u00dferst verl\u00e4sslich beschrieben wurde. Ich h\u00e4tte sie auf meiner Stra\u00dfe gesehen haben k\u00f6nnen, an der Stra\u00dfenbahnhaltestelle direkt vor dem Haus, im Supermarkt in einer Schlange mit ihr gestanden, in der Trafik, dem Blumengesch\u00e4ft oder der Parf\u00fcmerie. Ein Detail im Zeitungsbericht machte mir besonders zu schaffen: In der Wohnung des Opfers seien alle Gl\u00fchbirnen herausgeschraubt, aber \u00fcberall Kerzen aufgestellt gewesen. Eine Romantikerin, eine \u00c4sthetin, ein Sparefroh?<br \/>\nDie ausgeschraubten Fassungen rauben mir die Fassung.<\/p>\n<p>War es notwendig, dass man sogar ihr Passbild abdruckte, das eine h\u00fcbsche, junge Frau mit langen, blonden Haaren und einem strahlenden L\u00e4cheln zeigte? Das pralle Leben, mit viel Hoffnung in den leuchtenden Augen sichtbar, alles vor sich. In mehreren Folgeberichten, die ich alle verschlang, kamen immer mehr Details ans Tageslicht. Die junge Amerikanerin habe nicht nur an der Universit\u00e4t studiert und die Au-pair-Kinder betreut, sondern ein lustiges Nachtleben gef\u00fchrt. Nachbarn wollen beobachtet haben, dass sie oft Besuch hatte und in der Einzimmer-Wohnung gerne Partys feierte. Nach einigen Tagen f\u00e4llt der Verdacht auf einen neunzehnj\u00e4hrigen Ghanesen, einen Asylwerber, den man in der Schweiz aufgegriffen hat. Es wird seine Auslieferung beantragt. Dann war l\u00e4nger nichts mehr \u00fcber den Fall zu lesen. Ich war allein mit meinen \u00dcberlegungen, warum sie nicht st\u00e4rker gewesen war als ein unterern\u00e4hrter Fl\u00fcchtling, sich zu wehren gegen etwas, was sie nicht wollte. Das durchtrainierte mexikanische Girl. Weil sie so etwas nicht in Wien erwartet hat. Aber das ist zu schrecklich. Und daran kranke ich.<\/p>\n<p>Bei meinem n\u00e4chsten Ausgang z\u00fcndete ich eine Kerze an und legte ein paar Blumen vor dem Hauseingang nieder. Ich war nicht die Einzige, gut zu wissen, dass es anderen \u00e4hnlich ging, mit Grausen, Trauer und Trostsuche. Rechts vom steingemei\u00dfelten Torbogen waren im ersten Stock zwei Fenster mit braunem Packpapier verklebt. Davor waren noch immer zwei halb abgebrannte Kerzenst\u00fcmpfe zu sehen.<br \/>\nDanach konnte ich nie wieder direkt am Haus vorbeigehen, sondern wechselte schon bei meiner Haust\u00fcre die Stra\u00dfenseite, wobei ich immer auf die blinden Fenster blicken musste. Das ist jetzt ein Jahr her; der Ghanese wurde ausgeliefert und erwartet seinen Prozess. Er leugnet, obwohl die forensischen Beweise erdr\u00fcckend sind. Vielleicht nur ein Unfall, kein Mord? Auch nicht tr\u00f6stlich. Das Letzte, was ich dar\u00fcber in der Zeitung las, waren Aussagen aus ihrem Umfeld, dass Mary Louise \u00f6fters Fl\u00fcchtlinge bei sich \u00fcbernachten lie\u00df. Eine warmherzige, mitf\u00fchlende Seele.<\/p>\n<p>Das h\u00e4tte ich nicht lesen sollen, denn seither wird mir dieses fremde Schicksal vollkommen zur Obsession.<br \/>\nIch konnte nun nicht einmal mehr dieses St\u00fcck der Stra\u00dfe ben\u00fctzen, mied die Trafik, den Bankomaten und den Blumenladen auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite, lie\u00df die Stra\u00dfenbahnstation vor dem Haus aus, nahm einen Umweg \u00fcber mehrere Gassen zur U-Bahn in Kauf und richtete nie wieder einen Blick auf die verklebten Fenster. Meine Schreibtisch-Sicht auf die R\u00fcckseite des Mordhauses deckte ich mit Hilfe des rechten Vorhangteils ab. Das waren nat\u00fcrlich nur hilflose Versuche, diesen Mord aus meinem Sinn und meinen Gef\u00fchlen zu vertreiben. Vielleicht sollte ich auch mit aufgeklebtem Packpapier das Grauen drau\u00dfen halten.<\/p>\n<p>Das Grauen blieb allgegenw\u00e4rtig. War es die \u00f6rtliche N\u00e4he, die mir so ins Herz griff? Viel mehr als die hunderttausenden Kriegs- und Hungertoten in aller Welt? Als alle seither im Verkehr Verunfallten oder Lawinenopfer? War es die Vorstellung von einer lebenslustigen, jungen Frau, die Fl\u00fcchtlingen ein Dach \u00fcber dem Kopf gab? Wurde sie auf diese schreckliche Art daf\u00fcr belohnt, bestraft? Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit! Wer macht so etwas, wer l\u00e4sst das zu? Der Groll, die Wut wird nicht weniger. Groll und Wut, gegen wen eigentlich? Ich haderte mit den kindlichen Vorstellungen von einem barmherzigen oder r\u00e4chenden Gott. Diese Mary Louise M. aus Texas, die hier selbst eine Fremde war. Vielleicht nannten sie ihre Freunde Malou? Hi Malou! Die Kinder riefen sie vielleicht Malli oder Ma-lo! Und sie sagte, Hallo, my sweety, my honey, my darling. Sie konnte gut singen und spielte Gitarre. Die Kinder liebten sie und verbrachten viel Zeit mit Malli, Mulli, Mallo.<\/p>\n<p>Und der Gedanke an ihre Familie in Houston, die sich nicht vorstellen hatte k\u00f6nnen, dass ihrer Tochter, Schwester, Enkelin ausgerechnet in Vienna, Austria, eine Gefahr drohte. Ich sehe sie in der Gerichtsmedizin, wie sie sie identifizieren m\u00fcssen und sp\u00e4ter weinend am R\u00fcckflug nach Houston mit dem Sarg. Ich lege darauf einen spirituellen Blumenstrau\u00df, umarme die Eltern, spende in der Paulaner Kirche ein Requiem, stelle eine Kerze in mein Hoffenster, eine dunkellila Primel dazu und merke, wie der Bann langsam zu wirken beginnt.<\/p>\n<p>Vor einigen Tagen ertappte ich mich dabei, dass ich an dem Torbogen vor\u00fcbergelaufen bin und nebenan beim Installateur B. eine Klobrille gekauft habe, ohne an Malou zu denken.<\/p>\n<p>23.1.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 17045<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum ersten Kaffee am Morgen lese ich \u00fcblicherweise f\u00fcnf \u00fcberregionale Tageszeitungen, zwei Wochen-Magazine, Beitr\u00e4ge mehrerer Nachrichten-Agenturen und drei Lokalzeitungen, online kostenlos nat\u00fcrlich. 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