{"id":5930,"date":"2017-01-22T14:55:45","date_gmt":"2017-01-22T14:55:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5930"},"modified":"2017-03-16T18:01:20","modified_gmt":"2017-03-16T18:01:20","slug":"xx-10","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5930","title":{"rendered":"Drei G\u00e4ste, zwei noch da"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5930&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5930&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Gast stand an der Bar, er stand seitlich, hatte seinen linken Ellenbogen auf die steinerne Oberfl\u00e4che der Bar gelegt und seinen linken Fu\u00df l\u00e4ssig auf den Umlauf aus Messing, welcher die Bar in geringer H\u00f6he umfasste. Die Form der Bar nahm die der Kolonnaden des Petersplatzes auf, die in der Ewigen Stadt den Blick des Menschen geradezu zwingend auf die Fassade des Petersdomes lenken, die Hauptkirche der Christenheit. Die H\u00f6he der Bar war so bemessen, dass ein Mensch bequem an ihr stehen oder lehnen, auf ihr Nahrung zu sich nehmen oder auch schlafen konnte. Der Umlauf aus Messing war, was seine H\u00f6he anlangte, ebenfalls wohldimensioniert, sowohl sitzend als auch stehend fanden die F\u00fc\u00dfe eine Auflage, gleich wie gro\u00df oder klein der Mensch, dem sie geh\u00f6rten, gewachsen war.<\/p>\n<p>\u201eIch kann noch nicht glauben, dass er nicht mehr unter uns weilt\u201c, er\u00f6ffnete der Gast das Gespr\u00e4ch.<br \/>\nSein Gegen\u00fcber, das er angesprochen hatte, stand etwa einen Meter von ihm entfernt in der selben K\u00f6rperhaltung, allerdings spiegelverkehrt, den rechten Ellenbogen auf die Bar und den rechten Fu\u00df auf den Umlauf aus Messing gelegt.<br \/>\n\u201eWas ist geschehen?\u201c, gab der Angesprochene zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eNun &#8230; Er ist gegangen.\u201c<br \/>\nDie Kellnerin, die hinter der Bar ihren Dienst versah, stellte zwei Gl\u00e4ser Rotwein sowie zwei Gl\u00e4ser Wasser vor die beiden G\u00e4ste und sagte: \u201eSehr zum Wohle, die Herren!\u201c<br \/>\nDie beiden prosteten sich durch Anheben ihrer Weingl\u00e4ser und F\u00fchren ebendieser in die Richtung des jeweils anderen zu, die Gl\u00e4ser ber\u00fchrten einander nicht, und nahmen einen Schluck Rotwein, gefolgt von einem Schluck Wasser.<\/p>\n<p>\u201eWie meinen Sie das?\u201c<br \/>\n\u201eIch denke, er wollte nicht mehr k\u00e4mpfen\u201c, gab der \u00e4ltere der beiden G\u00e4ste zur\u00fcck.<br \/>\nEtwa zehn Jahre trennten die beiden voneinander.<br \/>\nDer j\u00fcngere Gast steckte sich eine Zigarette an, inhalierte und blies den Rauch an die zu tief h\u00e4ngende rote Lampe hinter der Bar, die ebenso gut in einem Boudoir, dem Zimmer eines Stundenhotels oder dem S\u00e9par\u00e9e eines Bordells h\u00e4tte h\u00e4ngen k\u00f6nnen. Dennoch f\u00fcgte sie sich bestens in die Gesamterscheinung der Bar, sie gab warmes, weiches Licht ab und war entweder in Murano geblasen worden oder ein Relikt aus lange vergangenen Wiener Zeiten.<br \/>\n\u201eK\u00e4mpfen? Was meinen Sie mit k\u00e4mpfen?\u201c<br \/>\n\u201eSie haben ihn doch oft gesehen. Haben oft mit ihm gesprochen, hier an der Bar.\u201c<\/p>\n<p>Der J\u00fcngere wischte mit der Kante seiner Hand Reste der Asche seiner Zigarette von der steinernen Oberfl\u00e4che der Bar, als ob er ein Gef\u00fchl wegwischen, vertreiben wollte. Etwa das Gef\u00fchl des Nicht-erkannt-Habens des Kampfes, den der ehemalige Gast, der nun nicht mehr kommen w\u00fcrde, laut Aussage des \u00c4lteren gef\u00fchrt hatte. Er wischte die Reste der Asche in den Spalt zwischen der steinernen Oberfl\u00e4che der Bar und der h\u00f6lzernen Umrandung, durch den sie auf den Boden rieselten. Dieser Spalt verhinderte, dass auf der Bar versch\u00fcttete Fl\u00fcssigkeit sich allzu weit verlaufen konnte und diente somit dem Zweck, die f\u00fcr gew\u00f6hnlich kostspielige Kleidung der G\u00e4ste an der Bar nach M\u00f6glichkeit unbenetzt zu halten.<br \/>\n\u201eIch habe nichts von einem Kampf, wie Sie es ausdr\u00fccken, bemerkt. Weder habe ich ihm einen solchen angesehen noch hat er ihn mit einem Wort erw\u00e4hnt, weder im Gespr\u00e4ch noch in den Texten, die er verfasst hat.\u201c<\/p>\n<p>Der j\u00fcngere der beiden G\u00e4ste richtete seinen Blick auf die Rosen, die in einer Weinflasche, die nun freilich Wasser enthielt, auf der Bar standen, neben einem h\u00f6lzernen Steher, einem von zweien, die den Oberbau der Bar st\u00fctzten, in welchem sich Gl\u00e4ser nebst Flaschen voll Wein und Spirituosen befanden. Die Rosen waren einige Tage alt, oder ihr Wasser war nicht ausgetauscht worden, jedenfalls war der Prozess ihrer Vertrocknung \u00fcber sein Anfangsstadium hinaus vorangeschritten, sodass sie eher als Memento-mori-Motive durchgehen konnten denn als Zeichen und Boten der Sch\u00f6nheit und der Liebe. Der J\u00fcngere fand diesen Umstand durchaus passend. Er passte zum Tod eines Gastes, mit dem er oft an der Bar beisammen gestanden und etliche Gl\u00e4ser geleert hatte.<\/p>\n<p>\u201eIch kann nicht verstehen, dass er nie etwas gesagt hat.\u201c<br \/>\n\u201eMein junger Freund\u201c, gab der \u00c4ltere zur\u00fcck, \u201eIhnen fehlt es an der Menschenkenntnis.\u201c<br \/>\n\u201eGlauben Sie das wirklich?\u201c<br \/>\n\u201eJa. Aber machen Sie sich keine Sorgen. In Ihrem Alter, also vor gut zehn Jahren, h\u00e4tte auch ich nur sehr schwer erkannt, was mit ihm los war. Wahrscheinlich h\u00e4tte ich es, ebenso wie Sie, gar nicht erkannt.\u201c<br \/>\nDiese Worte waren dem J\u00fcngeren ein Trost, wenngleich ein schwacher. Er blickte in den Spiegel an der Wand. Dieser war l\u00e4nglich und wurde von zwei kugelf\u00f6rmigen Lampen illuminiert. Deren runde Fassungen wurden von der h\u00f6lzernen Oberkante des Spiegelrahmens aufgenommen. Er betrachtete sein Antlitz im Spiegel und stellte wenig \u00fcberrascht fest, dass sich ein ratloser und auch trauriger Ausdruck auf dieses gelegt hatte. Er war sich zeit seines Lebens sicher gewesen, \u00fcber eine gute Menschenkenntnis zu verf\u00fcgen, doch nun, an diesem Abend, war er eines Besseren belehrt worden.<\/p>\n<p>\u201eWelcher Art war sein Kampf?\u201c, fragte er den \u00e4lteren Gast. \u201eWar es ein Kampf, den er in seinem Inneren, mit sich selbst, f\u00fchrte, oder hat er gegen eine k\u00f6rperliche Erkrankung angek\u00e4mpft?\u201c<br \/>\nDer \u00c4ltere wiegte den Kopf hin und her, als \u00fcberlegte er, was er auf die Frage antworten sollte. Er nahm einen Schluck Wasser, dann einen vom Rotwein, danach wieder einen vom Wasser und f\u00fchrte seinen Zeigefinger schnell \u00fcber die steinerne Oberfl\u00e4che der Bar. Es war eine offenkundig unbewusste Handlung, die einen Trennstrich symbolisierte, wie der J\u00fcngere der Antwort des \u00c4lteren entnahm.<br \/>\n\u201eMein junger Freund, er hatte an zwei Fronten zu k\u00e4mpfen. Er war seit Jahren schwer krank.\u201c<br \/>\n\u201eDas hat man ihm aber nicht angesehen\u201c, warf der J\u00fcngere ein.<br \/>\n\u201eDoch\u201c, gab der \u00c4ltere zur\u00fcck. \u201eMan hat es ihm sehr wohl sehr deutlich angesehen. Also, ich habe es ihm angesehen. Sie d\u00fcrfen nicht au\u00dfer Acht lassen, dass ich ihn an lediglich zwei Abenden jede Woche gesehen habe.\u201c<br \/>\n\u201eUnd?\u201c<br \/>\n\u201eNun, Sie sind jeden Nachmittag, Abend und jede Nacht hier an der Bar. Wenn man einen Menschen jeden Tag zu Gesicht bekommt, fallen einem Ver\u00e4nderungen dieses Menschen weit weniger deutlich auf, als wenn man diesen Menschen nur selten sieht.\u201c<\/p>\n<p>Der J\u00fcngere wickelte eine Str\u00e4hne seines langen Haupthaares um den Zeigefinger, er war einige Sekunden in Gedanken versunken und stimmte seinem Gegen\u00fcber zu.<br \/>\n\u201eIch habe in meinem Telefon ein Foto gespeichert, das Sie mit ihm zusammen zeigt. Es ist etwa drei Jahre alt. Ich zeige es Ihnen, und dann werden Sie verstehen, was ich meine.\u201c<br \/>\nDer \u00c4ltere hielt dem J\u00fcngeren das Foto vor Augen und dieser verstand nun.<br \/>\n\u201eUm Himmels willen!\u201c, entfuhr es ihm.<br \/>\nDas drei Jahre alte Foto zeigte ihm neben dem Gast, der nun nicht mehr kommen konnte. Sie waren gut gelaunt gewesen, lachten und hatten offensichtlich bereits einige Gl\u00e4ser geleert gehabt. Der Gast war von gesunder Farbe im Gesicht und pausbackig, ganz so, wie der J\u00fcngere ihn kennengelernt hatte. Die Rose in der Weinflasche, die ebenfalls mit auf das Foto gedurft hatte, war frisch und stand in vollem Saft, sie war gleichsam ein wei\u00dfgr\u00fcnes Symbol des Lebens und der Freude.<br \/>\n\u201eUnd nun rufen Sie sich in Erinnerung, wie er vor zwei Wochen ausgesehen hat, als Sie ihn, wie ich annehme, zum letzten Mal gesehen haben.\u201c<\/p>\n<p>Der J\u00fcngere hatte keine M\u00fche, der Aufforderung nachzukommen. Er verglich das Aussehen des Gastes auf dem Foto mit jenem an dem Abend, wo er ihn zum letzten Mal gesehen hatte, entschuldigte sich und suchte die Toilette auf. Er stand vor dem Spiegel \u00fcber dem kleinen Waschbecken und betrachtete sich. Er f\u00fchlte Tr\u00e4nen in seine Augen steigen, dann sah er sie aus diesen und \u00fcber seine Wangen rinnen und wischte sie mit dem Handr\u00fccken weg. Gedanken schossen ihm durch den Kopf, Gedanken an seine Unaufmerksamkeit, der er es zuschrieb, dass er den offensichtlichen k\u00f6rperlichen Verfall des Gastes nicht erkannt hatte. Gedanken an Gleichg\u00fcltigkeit, von der er f\u00fcrchtete, dass sie ihm innewohnte. W\u00e4re dem nicht so, dachte er, h\u00e4tte er den Verfall schmerzlich sp\u00fcren m\u00fcssen. Er wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, trocknete es mit einem Einweghandtuch und nahm seinen Platz an der Bar wieder ein. Er hoffte, dass der \u00e4ltere Gast nicht bemerken w\u00fcrde, dass er auf der Toilette geweint hatte.<\/p>\n<p>\u201eIch h\u00e4tte es bemerken m\u00fcssen! Doch ich oberfl\u00e4chliches Individuum habe nicht darauf geachtet.\u201c<br \/>\n\u201eMachen Sie sich keine Vorw\u00fcrfe\u201c, riet ihm der \u00c4ltere.<br \/>\n\u201eIch mache mir aber welche. Ich stehe da mit einem, man kann fast sagen: Freund, jeden Abend an der Bar und gebe mich damit zufrieden, dass er sagt, es geht ihm gut.\u201c<br \/>\n\u201eSie d\u00fcrfen sich nicht selbst an den Pranger stellen, mein junger Freund. Er hat schlie\u00dflich jedem, der ihn nach seinem Befinden gefragt hat, gesagt, dass es ihm gut gehe.\u201c<br \/>\n\u201eUnd warum hat er nicht gesagt, was wirklich mit ihm los war?\u201c<br \/>\n\u201eIch denke, er wollte die Menschen in seinem Umfeld nicht mit dem Umstand belasten, dass er unheilbar krank war.\u201c<br \/>\n\u201eWoher wissen sie, dass er unheilbar krank war?\u201c<br \/>\n\u201eSeine Frau hat mich eingeweiht. Sie hat mir geraten, mich mit der Tatsache abzufinden, dass er in absehbarer Zeit sterben w\u00fcrde.\u201c<br \/>\n\u201eWarum haben Sie mir nie davon erz\u00e4hlt?\u201c<br \/>\n\u201eIch wollte Sie nicht belasten.\u201c<br \/>\n\u201eAber wenigstens er h\u00e4tte doch etwas sagen k\u00f6nnen. Ich meine, eine unheilbare Krankheit ist etwas, f\u00fcr das man nichts kann. Und folglich braucht man sich auch nicht f\u00fcr sie zu sch\u00e4men.\u201c<br \/>\n\u201eIch denke, dass er sich doch gesch\u00e4mt hat\u201c, gab der \u00c4ltere zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der j\u00fcngere Gast richtete seinen Blick unwillk\u00fcrlich auf einen der beiden stummen Diener in den Ecken des Raumes. Die Kleiderst\u00e4nder waren aus gebogenem braunen Holz gefertigt, und an diesem Abend hing das leichte Leinensakko des j\u00fcngeren Gastes einsam auf dem Haken. Dort, wo der Gast \u00fcblicherweise seine Sommerjacke aufgeh\u00e4ngt hatte, g\u00e4hnte Leere. Der J\u00fcngere f\u00fchlte erneut Tr\u00e4nen in sich hochsteigen und unterdr\u00fcckte diese, indem er seinen Blick nach links oben, in das Nirwana der Decke des Raumes richtete und sich zwang, an etwas zu denken, das nichts mit dem Gast zu tun hatte.<br \/>\n\u201eEr war stets ein vitaler Mann gewesen. Er konnte den eigenen Verfall einfach nicht in dem Ausma\u00df hinnehmen, das n\u00f6tig gewesen w\u00e4re, um \u00fcber seine Krankheit zu sprechen. Allerdings hat er andeutungsweise sehr wohl anklingen lassen, dass der Tod in sein Leben Einzug gehalten hat.\u201c<br \/>\nDer J\u00fcngere sah sein Gegen\u00fcber ungl\u00e4ubig an und sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>\n\u201eMir gegen\u00fcber hat er nie so etwas zum Ausdruck gebracht.\u201c<br \/>\n\u201eVerzeihen Sie\u201c, sagte der \u00c4ltere, \u201eaber in diesem Punkt muss ich Ihnen widersprechen.\u201c<br \/>\n\u201eWie meinen Sie das?\u201c, fragte der J\u00fcngere, immer noch einen ungl\u00e4ubigen Ausdruck im Blick.<br \/>\n\u201eSie erinnern sich bestimmt an die Diskussion zum Thema Sterbehilfe, die wir vor etwa einem halben Jahr hier an der Bar gef\u00fchrt haben.\u201c<\/p>\n<p>Der J\u00fcngere nickte. Er erinnerte sich nur zu gut an diesen Abend und an die Diskussion, die sie gef\u00fchrt hatten. Es war einer der Dispute gewesen, wie sie sich ab und zu an der Bar entwickelten, in deren Verlauf die Disputanten, auch aus Gr\u00fcnden des Alkoholkonsums, immer starrk\u00f6pfiger auf ihren Ansichten zum jeweiligen Thema beharrten, unzug\u00e4nglich intelligenten Einw\u00fcrfen der meist v\u00f6llig n\u00fcchternen Kellnerinnen hinter der Bar, und in der Folge sch\u00e4rfer, pers\u00f6nlich angriffiger sowie lauter argumentierten oder zumindest ihre jeweiligen Sichtweisen kundtaten. Der Gast hatte an diesem Disput teilgenommen, sich jedoch sehr ruhig verhalten. Er hatte klar und mit ged\u00e4mpfter Stimme argumentiert, beinahe wie ein selbstmordgef\u00e4hrdeter Mensch, der seinem Arzt von seinem Vorhaben berichtet. Der Gast hatte die Position vertreten, dass ein Mensch, der seit langer Zeit schon hatte sterben wollen, das Recht h\u00e4tte, diesen Wunsch erf\u00fcllt zu bekommen. Allerdings hatte er einschr\u00e4nkend angef\u00fchrt, dass ein derartiger Wunsch nur dann zu Recht erf\u00fcllt ist, wenn dieser Mensch an einer unheilbaren Krankheit leidet und seine Angelegenheiten in Ordnung gebracht hat.<\/p>\n<p>\u201eSie erinnern sich, mein junger Freund, dass der Gast das Recht auf den eigenen Tod vehement eingefordert hat, jedoch im selben Atemzug Kurzschlusshandlungen abgelehnt hat.\u201c<br \/>\n\u201eJa, das stimmt. Er hat gesagt, dass ein Selbstmord im Affekt keine L\u00f6sung ist.\u201c<br \/>\n\u201eSehen Sie? Damit hat er sich selbst vor einer solchen Tat im Affekt bewahrt.\u201c<br \/>\n\u201eWas deuten Sie gerade an, mein \u00e4lterer Freund? Er hat sich doch nicht etwas das Leben genommen?\u201c<br \/>\nDer Ausdruck des Schreckens lag in des J\u00fcngeren Augen. Die beiden G\u00e4ste orderten zwei weitere Gl\u00e4ser Rotwein, von der selben Sorte, doch dieses Mal von besserer Qualit\u00e4t, und der \u00c4ltere wies die Kellnerin an, beide Gl\u00e4ser auf seine Rechnung zu setzen. Ihm war nicht entgangen, wie sehr die Neuigkeiten dieses Abends den J\u00fcngeren mitgenommen hatten, und er wollte ihm eine kleine Freude bereiten. Der J\u00fcngere bedankte sich, und dieses Mal stie\u00dfen ihre Gl\u00e4ser sanft aneinander.<\/p>\n<p>\u201eJa, er hat sich das Leben genommen. Seine Krankheit war schlimmer geworden und das Grauen unertr\u00e4glich.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist so furchtbar! Ich kann das alles gar nicht glauben.\u201c<br \/>\n\u201eUnd doch ist es so.\u201c<br \/>\n\u201eIch h\u00e4tte ihm eine solche Tat niemals zugetraut.\u201c<br \/>\n\u201eIch war mir sicher, dass er es tun w\u00fcrde. Nach unserer Diskussion \u00fcber Sterbehilfe, nachdem ich seine Argumente geh\u00f6rt hatte, war mir klar, dass er es tun w\u00fcrde.\u201c<br \/>\n\u201eWie hat er es gemacht?\u201c<br \/>\n\u201eEr hat sich in seinem Badezimmer eingeschlossen und in die Badewanne gelegt.\u201c<br \/>\n\u201eAlso der Schnitt in die Pulsadern?\u201c, fragte der J\u00fcngere und f\u00fchlte Grauen in sich hochsteigen.<br \/>\n\u201eNein. Er hat die T\u00fcr und das Fenster mit Klebeband abgedichtet, eine Flasche Rotwein getrunken und eine Gasflasche aufgedreht.\u201c<br \/>\n\u201eWer hat ihn gefunden? Doch nicht seine Frau?\u201c<br \/>\n\u201eNein, die war zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Schwester auf Urlaub.\u201c<br \/>\n\u201eGott sei Dank!\u201c<br \/>\n\u201eEr hat ein zeitverz\u00f6gertes E-Mail an die Polizei geschickt. Die hat ihn gefunden.\u201c<br \/>\n\u201eHat er einen Abschiedsbrief hinterlassen?\u201c, fragte der j\u00fcngere Gast, und wieder bem\u00e4chtigte sich Grauen seiner.<br \/>\n\u201eJa. Er hat sich bei seiner Frau entschuldigt und noch einigen wenigen Menschen letzte Gr\u00fc\u00dfe ausgerichtet. Sie, mein junger Freund, sind unter diesen Menschen.\u201c<br \/>\nDer J\u00fcngere konnte die Tr\u00e4nen, die in seine Augen schossen, nicht zur\u00fcckhalten.<br \/>\n\u201eMein Gott! Warum nur?\u201c, schluchzte er. \u201eWarum nur?\u201c<\/p>\n<p>Der \u00c4ltere legte einen Arm um seine Schulter, um ihn zu tr\u00f6sten.<br \/>\n\u201eSeine Frau hat mir gesagt, dass sie es hat kommen sehen. Sie ist zwar sehr traurig, doch freut sie sich auch f\u00fcr ihn, dass er jetzt dort ist, wo es ihm gut geht.\u201c<br \/>\n\u201eUnd ich habe so oft mit ihm gesprochen, ihm so oft in die Augen geschaut und nichts bemerkt.\u201c<br \/>\n\u201eWenn Sie sich Vorw\u00fcrfe machen, leiden Sie nur unn\u00f6tig. Das wird ihn nicht zur\u00fcckbringen.\u201c<br \/>\nDer j\u00fcngere sah den \u00e4lteren Gast aus verweinten Augen an.<br \/>\n\u201eH\u00e4tte ich etwas f\u00fcr ihn tun k\u00f6nnen?\u201c<br \/>\n\u201eJa. Und das haben Sie auch getan.\u201c<br \/>\n\u201eWas habe ich getan?\u201c<br \/>\n\u201eSie haben mit ihm gesprochen und ihm, zumindest hier an der Bar und f\u00fcr einige Stunden jeden Abend, das Gef\u00fchl der Normalit\u00e4t gegeben.\u201c<br \/>\n\u201eWirklich?\u201c<br \/>\n\u201eJa, das haben Sie. Und daf\u00fcr war er Ihnen dankbar. Sehr dankbar.\u201c<br \/>\n\u201eWoher wollen Sie das wissen?\u201c<br \/>\n\u201eEr hat Sie in seinem Abschiedsbrief, seinem letzten Werk, erw\u00e4hnt und Ihnen Gr\u00fc\u00dfe ausgerichtet.\u201c<\/p>\n<p>Wieder weinte der J\u00fcngere.<br \/>\n\u201eH\u00e4tte ich es denn verhindern k\u00f6nnen? Irgendwie verhindern?\u201c<br \/>\n\u201eNein. Ganz sicher nicht.\u201c<br \/>\n\u201eAber ich h\u00e4tte es ahnen m\u00fcssen!\u201c<br \/>\n\u201eNicht m\u00fcssen. K\u00f6nnen, das ja.\u201c<br \/>\n\u201eAber ich war zu oberfl\u00e4chlich.\u201c<br \/>\n\u201eSie h\u00e4tten zwischen seinen Zeilen lesen und seine unausgesprochenen Worte h\u00f6ren k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\n\u201eAber ich habe seine Werke gelesen und ihm zugeh\u00f6rt.\u201c<br \/>\n\u201eSuchen Sie die Schuld nicht bei sich! Sein Freitod war immerhin seine eigene Entscheidung.\u201c<br \/>\n\u201eK\u00fcnftig werde ich aufmerksamer lesen und zuh\u00f6ren.\u201c<br \/>\n\u201eSo k\u00f6nnen Sie vielleicht den Tod eines Menschen verhindern, der die Schwelle vom Gedanken zum feststehenden Plan noch nicht hinter sich gelassen hat.\u201c<br \/>\nDer j\u00fcngere Gast beglich seine Rechnung und verlie\u00df traurig das Lokal.<br \/>\nDer \u00e4ltere Gast trank ein weiteres Glas Rotwein und verlie\u00df dann das Lokal.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #000000;\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=428\">think it over<\/a><\/span> | Inventarnummer: 17040<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Gast stand an der Bar, er stand seitlich, hatte seinen linken Ellenbogen auf die steinerne Oberfl\u00e4che der Bar gelegt und seinen linken Fu\u00df l\u00e4ssig auf den Umlauf aus Messing, welcher die Bar in geringer H\u00f6he umfasste. 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