{"id":5909,"date":"2017-01-22T14:20:26","date_gmt":"2017-01-22T14:20:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5909"},"modified":"2017-02-12T18:00:33","modified_gmt":"2017-02-12T18:00:33","slug":"was-sind-clementinen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5909","title":{"rendered":"Was sind Clementinen?"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5909&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5909&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Einen Tag vor Weihnachten hat mich in meiner Billa-Filiale ein spanh\u00f6lzernes Steigerl mit CLEMENTINEN (Herkunftsland Spain, kernlos) verf\u00fchrt, obwohl ich nicht genau wusste, was Clementinen sind. Mandarinen, Tangerinen, Nektarinen, Serpentinen, Satsumas kenne ich, Clementinen nicht, schon wieder eine neue Z\u00fcchtung?<br \/>\nOh my darling, oh my daarling, oh my daaarling, Clementine! Das Lied mit diesem Refrain haben wir gern geschmettert. Aber die Clementine im Lied ist doch ein ganz anderer Typ?<br \/>\nDie Fr\u00fcchte im Steigerl sehen sehr sch\u00f6n und einladend aus. Eine Verf\u00fchrung, der ultimative Traum vom S\u00fcden in unseren lichtarmen Tagen, das Versprechen eines strahlend blauen Himmels, mit W\u00e4rme und leichtem Meeresrauschen.<\/p>\n<p>Sie sind etwas gr\u00f6\u00dfer als Mandarinen und Nektarinen, fast rund, durchgehend knall-orange wie eine Clowns-Per\u00fccke, gl\u00e4nzend wie mit Schweinespeck eingeschmiert, geschm\u00fcckt mit Zweigen und immergr\u00fcnen Bl\u00e4ttern, alles direkt dran an den Fr\u00fcchten, wie gerade selbst vom Baum gepfl\u00fcckt. Die k\u00f6nnen das, die Kaufverf\u00fchrer aller Nationen.<br \/>\nWer das macht in Spain, pflegt und erntet, wie und unter welchen Bedingungen, wir wissen es, aber angesichts dieses orange-gr\u00fcnen Versprechens waren alle Vors\u00e4tze wie weggewischt, dass ich aus Spain nichts mehr kaufen darf.<br \/>\nNach all diesen vorbeihuschenden Fragen, Einspr\u00fcchen und \u00dcberlegungen stelle ich das K\u00f6rbchen in meinen Wagen.<\/p>\n<p>An der Kasse frage ich die Kassierin, was denn Clementinen sind. Ich kenne die Frau schon lange, eine freundliche Frau, der man ihre ostdeutsche Herkunft bei jedem Atemzug anh\u00f6rt. Sie pflegt einen speziellen Humor, etwas rau, aber sie hat f\u00fcr jeden Kunden ein freundliches Wort, lacht gern und tr\u00e4gt immer einen Scherz auf den Lippen. Ich glaube, dort hei\u00dft es, sie hat Lippe. Fast Wienerisch. Ich finde es immer noch toll, dass wir Einwanderer aus der fr\u00fcheren DDR in Wien haben. Was da wohl f\u00fcr ein Lebenslauf dahintersteckt? Ich habe mich aber nie danach zu fragen getraut. Schade.<br \/>\nAuf meine Frage nach den Clementinen lacht sie mir offen und schallend ins Gesicht: \u201eDos frogen S\u2018 ausgerechnet mich? Wie soll ich dos wissen, Clementinen, hahaha, ich kannte ja bis vor kurzem nitamol Bananen!\u201c Die Mauerfall-Begr\u00fc\u00dfungsgeschenke sind lange her, sie hat sie nicht vergessen und ich auch nicht, die Bilder von den von Wessis als Willkommensgeschenk verteilten Bananen. Sie nimmt es ihnen offenbar bis heute nicht \u00fcbel.<br \/>\n(Herrlich, diese Frau geh\u00f6rt auf eine B\u00fchne mit politischem Kabarett, auf Deutsch KAbarettth oder Comidi.)<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, bei meinem Clementinen-Steigerl-Kauf habe ich mich v\u00f6llig \u00fcbernommen. Ich war \u00fcber Weihnachten schwer verk\u00fchlt, sagte alle Besucher und Besuche ab, nahm nur das Lebensnotwendige zu mir, weil nichts wirklich schmeckte und vor allem die Zitrusfr\u00fcchte auf den aufgesprungenen Lippen brannten. Die Schnupfennase und alles drumherum sowieso. Sogar die Hektoliter Tee habe ich nur mit Honig, ohne Zitronen und Clementinen, geschl\u00fcrft.<\/p>\n<p>Als es mir etwas besser ging, und ich aus den verschlierten Augen herausschauen konnte, schritt ich zur Tat, nachdem diese wundersch\u00f6nen Clementinen-Darlings jeden Tag mindestens eine neue faulige produzierten. Ich nahm das den Darlings ziemlich \u00fcbel, hatte ich sie doch farblich mit dem Gedeck, den Gl\u00e4sern, den K\u00fcchenw\u00e4nden und dem Tischtuch abgestimmt so drapiert, dass keine die andere ber\u00fchrte. Also ziemliche Prinzessinnen auf der Erbse, nicht vertikal wie im M\u00e4rchen, diese Clementinen.<br \/>\nOh my darling, Clementine.<\/p>\n<p>Ich griff zum Messer und zerschnipselte die Clementinen samt und sonders, verr\u00fchrte sie und verkochte und passierte sie gleich zweimal, einmal mit dem Mixstab, dann noch einmal mit der flotten Lotte. Ich versetzte den Brei neben Gelier- noch mit Vanillezucker, mit Ingwer, Gew\u00fcrznelken, Kardamom und Citronat. Im \u00dcbermut f\u00fcgte ich noch ein kleines St\u00fcck Bitterschokolade, Akazienhonig, einen Kaminzauber-Teebeutel, ein paar Rosinen und einen Teel\u00f6ffel Cognac hinzu. Mehr Gutes fand ich nicht im Haus oder in meinem Schnupfenkopf.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich konnte ich zw\u00f6lf Gl\u00e4schen mit Clementinen-Gelee bef\u00fcllen und beschriften mit \u201eClementine, 31.12.16\u201c- der Geburtstag meiner Schwester Hedwig. Wie diese Multi-Kombi-Marmelade wirklich schmeckt, konnte ich noch nicht erforschen. Die Geschmacksknospen sind noch immer beeintr\u00e4chtigt. Aber sie durchzog die Wohnung mit dem feinen Duft der Sehnsucht nach dem S\u00fcden. Das Land der Sehnsucht mit der Seele der Clementinen suchen. Wer nie das Brot mit Tr\u00e4nen a\u00df. Vielleicht dufteten sie sogar bis nach drau\u00dfen, aber das h\u00e4tte nur ein gesunder Besucher vor der T\u00fcr feststellen k\u00f6nnen. Mit gro\u00dfem Vergn\u00fcgen und Genugtuung betrachte ich die Reihe mit den zw\u00f6lf Gl\u00e4schen in der Farbe von ges\u00e4ttigtem Bernstein, 44 Millionen Jahre alt. Ich habe das Clementinen-Steigerl verewigt.<\/p>\n<p>Erst als ich mich heute fast vollst\u00e4ndig gesund f\u00fchlte, ging ich ans Googeln: \u201eEine Clementine ist eine Hybride zwischen Mandarine und Pomeranze.\u201c Aha, und was ist eine Pomeranze? Du bl\u00f6de oder eingebildete Pomerantschn, das war einmal vor undenkbar langen Zeiten ein l\u00e4ndliches Schimpfwort, ich glaube, haupts\u00e4chlich zwischen weiblichen Kampfhennen. \u00c4hnlich veraltet wie du Kuh, du Ziege, du Gans. Die bei uns neu angekommene Orange, die Pomeranze als beneidete Konkurrentin des gemeinen Apfels? Der Paradiesapfel. Tussi w\u00fcrde man heute wohl sagen.<\/p>\n<p>Heute ging ich erstmals im neuen Jahr auf die Stra\u00dfe und wollte mich bei der lustigen Kassierin mit einem Gl\u00e4schen meines Clementinen-Gelees bedanken. Und siehe da, die Billa-Filiale bei mir an der Ecke zur Mozartgasse wurde geschlossen und ist vier Stra\u00dfenbahnstationen weiter die Wiedner Hauptstra\u00dfe hinauf \u00fcbersiedelt. F\u00fcr mich heute zu weit f\u00fcr dieses junge Jahr und meine schwache Gesundheit.<br \/>\nIrgendwann werde ich es einmal zum Wiedner G\u00fcrtel hinauf schaffen.<\/p>\n<p>In der kurz vor Weihnachten er\u00f6ffneten Spar-Gourmet-Filiale genau gegen\u00fcber kaufte ich dann als Er\u00f6ffnungsangebot ein K\u00f6rbchen mit Rudolfinen.<\/p>\n<p>2.1.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 17035<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen Tag vor Weihnachten hat mich in meiner Billa-Filiale ein spanh\u00f6lzernes Steigerl mit CLEMENTINEN (Herkunftsland Spain, kernlos) verf\u00fchrt, obwohl ich nicht genau wusste, was Clementinen sind. 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