{"id":5905,"date":"2017-01-22T14:11:43","date_gmt":"2017-01-22T14:11:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5905"},"modified":"2017-02-02T12:37:56","modified_gmt":"2017-02-02T12:37:56","slug":"schlaflosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5905","title":{"rendered":"Schlaflosigkeit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5905&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5905&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>(Before sunlight)<br \/>\n(Sweet dreams)<\/em><\/p>\n<p>Das habe ich nun davon. Von einem geruhsamen Leseabend. Einmal bin ich ausnahmsweise fr\u00fch ins Bett gegangen und so um zw\u00f6lf eingeschlafen. Tats\u00e4chlich einfach eingeschlafen, ganz nat\u00fcrlich, ohne irgendetwas. Sonst lese ich meistens, bis mir das Buch von den Knien und die Brille von der Nase rutscht, oder ich sehe fern, bis ich vor Ersch\u00f6pfung nur noch auf allen Vieren ins Schlafzimmer krabbeln kann.<br \/>\nUnd dann das. Der fluoreszierende Wecker zeigte genau vier Uhr neunzehn. Was soll das? Wof\u00fcr werde ich bestraft? Dass ich einmal nichts getrunken habe. Sieht so die Belohnung guter Vors\u00e4tze aus, dass ich hier lebendig begraben in der Dunkelheit liege? Im Sarg, das ist gar nicht nett, gar nicht berauschend.<\/p>\n<p>Es war J\u00e4nner und noch stockdunkel, aber ich war hellwach wie der lichte Tag. Bei der ersten K\u00f6rperregung sprang meine Katze mit Schwung aus zwei Metern Entfernung auf meinen Berg von Kopfpolstern und forderte laut schnurrend ihr Fr\u00fchst\u00fcck. Ich versuchte zuerst, nicht zu reagieren, aber man kann keine alteingesessene, vielleicht keine einzige, Katze \u00fcberlisten, wenn sie meint, es sei ihr gutes Recht, hungrig zu sein. Nein, kann man nicht. Sie wei\u00df, sieht oder riecht alles. Beobachtet sie die ganze Nacht die Falten meiner Bettdecke und die Bewegungen meiner K\u00f6rperteile? Was macht eine Katze sonst in der Nacht, wenn sie ohnedies fast den ganzen Tag schl\u00e4ft? Ich hasste sie in diesem Moment und schleuderte sie mit den Beinen in hohem Bogen weg. Sie war unbeeindruckt von meiner Gef\u00fchlsaufwallung, war sie doch nur ein Beweis meiner Wachheit, und legte sich, das K\u00f6pfchen mit weit ausladenden wei\u00dfen Schnurrbarthaaren und Pf\u00f6tchen an Pf\u00f6tchen geschmiegt, seelenruhig neben mich und schaute mich mit ihren wagenradgro\u00dfen, phosphorisierend bernsteingelben Augen so durchdringend an, dass ich ihren Blick noch unter geschlossenen Lidern sp\u00fcrte.<br \/>\nDie Unschuld in Person. Ein schwarzes Loch mit Schwanz und wei\u00dfen Pfoten. Sie konnte den R\u00f6ntgenblick. Ich sollte sie Medizinern, Kriminalisten und Personalchefs als Personalizerin anbieten. Nichts passiert. Ich verweigerte das F\u00fcttern und das Lesen und knipste die Lampe nicht an. Hatte mich doch ausgerechnet das fr\u00fche Abbrechen der Lekt\u00fcre in diese verdammte Lage gebracht, in die B\u00fcchergruft.<\/p>\n<p>Lesen als Brauch tut das Bett nicht auf.<br \/>\nVor zw\u00f6lf im Bett macht meschugge und fett.<br \/>\nWer mit den H\u00fchnern ins Bett geht, sich besser gleich im Grab umdreht.<br \/>\nIch hatte eindeutig keine Affinit\u00e4t mit H\u00fchnern, musste ja auch nicht jeden Morgen ein Ei legen.<br \/>\nIch war wie so oft mit einem Albtraum aufgewacht. Das Herz klopfte oben in der Kehle bis in die Ohren, der Pyjama war besonders im Nacken und sonst auch \u00fcberall feucht. Der ganze K\u00f6rper zuckte noch von den vergeblichen Abwehrhaltungen, sich herausdrehen, nach oben wie ein Korken, ein Messer an der Kehle, eine Hand im Schritt. Mehrere an den Br\u00fcsten. Schlechte Z\u00e4hne um mich oder gar keine, fauliger Atem aus Fratzen. Warum sind alle jung. Ich atme kaum mehr, ersticke, bin verloren, so klar wie kaum einmal. Diesmal wirklich. Es passiert.<br \/>\nDann ist es vier Uhr neunzehn.<\/p>\n<p>Mir war schlecht, ich kotzte und bekam Durchfall. Aufschreiben, den Film, diesmal waren es gleich mehrere. Ich trippelte ein paar Runden mit kleinen Schritten durch die Zimmer, die H\u00e4nde am Solarplexus, bis das Herz an seinem angestammten Platz war und ich wieder schlucken konnte. Ein Glas Wasser, nocheinsundnocheins, \u00fcber das Becken gebeugt, kaltes Wasser in den Nacken und auf die Brust. Schweres Atmen zuerst, dann leichterundleichter, die H\u00e4nde auf dem Bauch ausgebreitet wie Sonnenblumen, Sternschnuppen, Sternspritzer.<\/p>\n<p>Der Alb-Inhalt tut in diesem Falle nichts zur Sache, hat nichts mit meiner vor-mittern\u00e4chtlichen Lekt\u00fcre zu tun, sie ist unschuldig, Dorothy Parker mit den New Yorker Geschichten. Mein Traum spielte in Moskau, in der Gegenwart. Als ich mich in meine Potatoe-Couch st\u00fcrzte und den Fernseher einschaltete, zeigte er vier Uhr siebenunddrei\u00dfig. Ein uralter Kitzb\u00fchel-Krimi aus dem kriminellsten Dorf \u00d6sterreichs, wahrscheinlich schon dreimal gesehen.<br \/>\nAlternativen waren eine noch \u00e4ltere Folge von Rex, der Ur-Rex mit dem Ur-Tobias-Moretti, beide auf deutschen Kan\u00e4len mit Untertiteln. Als ich anfing, in Moskau mit meiner jugoslawischen Sch\u00e4ferh\u00fcndin Laika spazieren zu gehen, h\u00f6rte ich von allen Seiten ein Gemurmel, das ich nicht verstand. Rxrxrx, mal freundlich fragend, mal knurrend. Ich lebte damals schon durchgehend f\u00fcnzehn Jahre im Ausland und kannte die \u00f6sterreichische Fernsehlandschaft so wenig wie die von Ulan-Bator. Und dann das Wetter-Alpenpanorama von gestern mit der Dumm-Dumm-Musik, dem Dauerlandler. Leider gibt es diese wunderbaren Serien der sch\u00f6nsten Eisenbahnstrecken nicht mehr, mit denen ich schon, im F\u00fchrerstand und kommentarlos, durch die phantastischsten indischen Schluchten gefahren bin, durch die trockensten W\u00fcsten der Welt und die h\u00f6chsten Berge der Alpen. Ich fand das eine viel bessere Einschlafhilfe als das k\u00fcnstliche Kaminfeuer oder die Autofahrten durch \u00f6de deutsche Vorst\u00e4dte.<\/p>\n<p>Die Eisenbahnfahrten sparten viele Einschlaf-Pillen, Schlaftees und andere unwirksame Hausmittel. Bei warmer Milch mit Honig habe ich mich schon als Kind angekotzt. Mein russischer Freund empfahl immer das alte Hausmittel Wodka mit Knoblauch und Pfeffer, ich konnte mich aber damit nicht anfreunden. Ich schlief zwar wirklich schnell ein, bekam aber davon nichts mit und f\u00fchlte mich am n\u00e4chsten Tag wie ein im Winterschlaf aufgeweckter B\u00e4r.<\/p>\n<p>Nach einem kurzen Gastspiel bei Rex und Soko Kitzb\u00fchel kroch ich reum\u00fctig in meine dunkle Schlafh\u00f6hle zur\u00fcck und musterte im Geiste die Stapel der B\u00fccher auf meinem Nachtk\u00e4stchen. Auf mehr Dorothy Parker hatte ich keine Lust, auf die russischen und polnischen Phantasten noch weniger, war mir doch mein eigener Kopffilm noch viel zu nahe, der stand der b\u00f6sen Wirklichkeit sehr viel n\u00e4her als alle Strugatzkis, Sorokins und Lems zusammen. Ich war am W\u00fchlen und W\u00e4lzen zwischen meinen Polstern, Daunen- und Kaschmirdecken. Feine Bettw\u00e4sche wurde mir immer wichtiger, sofern die Au\u00dfenwelt immer unwichtiger wurde.<br \/>\nDas sch\u00f6ne Insel-B\u00e4ndchen mit j\u00fcdischen Weisheiten &#8211; in Jiddisch und Deutsch &#8211; konnte mich um vier Uhr dreiunddrei\u00dfig nicht befeuern. Jeden Tag f\u00fcnf Worte, nicht einmal das ging sich aus. Alle hundertmal gelesen, \u00fcber und \u00fcber angestrichen, Bemerkungen, Spuren der Versuche, das Jiddische zu erlernen. Ich habe einfach kein Talent daf\u00fcr, vielleicht auch nicht gen\u00fcgend Respekt, um es wie jede andere Sprache zu erlernen. Ich werde noch einmal an meiner Wachheit eingehen. Das wird einmal die originellste Todesursache sein, wenn sie denn festgestellt werden kann.<\/p>\n<p>Noch eine Kanne Gute-Nacht-Sleep-Well-Einschlaf-Tee. Als ich das blass-blaue Baldrian-Salbei-Gemisch schl\u00fcrfte, sp\u00fcrte ich einen hasserf\u00fcllten Neid aufkommen auf den Rest Welt, der im Tiefschlaf lag. Und auf die Freunde, die sich jetzt gerade nach einer lustigen Nacht nach Hause begaben, sich schlaftrunken auf die Taxis verteilten, in ihre Wohnungen torkelten und sich bis Mittag in sanftem Schlummer von der Welt absonderten. Die Leute d\u00fcrfen nicht das Gef\u00fchl haben, sie m\u00fcssten ihre zerst\u00f6rerischen Angewohnheiten \u00e4ndern und sich nach mir richten. \u00dcberhaupt nicht, neinneinnein. Ich bin out.<\/p>\n<p>Der Sturm und Anouilhs Antigone liegen da so wie ein gelbes Reclam-Heftchen mit der von Sophokles \u2013 nicht gerade eine klassische Gute-Nacht-Lekt\u00fcre. Aber wegen Grete Weills Buch Schwester Antigone bin ich an Antigone dran. Schon l\u00e4nger, ohne gutes Ergebnis. Kombination mit Penelope Livelys Moon Tiger. Klauklauklau. Aber Shakespeare war auch nur eine gro\u00dfe Wurstfabrik. Auf die Mischung kommt es an.<br \/>\nWie klein und d\u00fcnn und abgegriffen diese Theater-B\u00e4ndchen immer sind. Ich k\u00f6nnte sie im Finstern sicher ertasten. Das waren sie auch schon in der Schultasche, ob R\u00e4uber oder Faust.<\/p>\n<p>A &#8211; Anouilh, Antigone \u2013 das Alphabet, das w\u00e4re ein Ordnungsprinzip. Baudelaires Les Fleurs du Mal sind auch kein freundliches Ordnungsprinzip f\u00fcr schlaflose vier Uhr zweiundvierzig, die liegen immer da und verstauben.<br \/>\nSchon gar nicht Rimbaud und Verlaine, weit hinten im Alphabet. Mir w\u00e4re es angenehm, wenn sie mit ihrem ewigen einander Hinterhersein mich nicht bel\u00e4stigen w\u00fcrden. Ich kann ihnen da auch nicht helfen. \u00dcberhaupt M\u00e4nner, \u00fcberhaupt in meinem Alter. Obwohl angesichts der Sch\u00f6nheit ihrer Verse beides keine Rolle spielt.<br \/>\nOb sie in franz\u00f6sischen Schulen noch gelesen werden? Ich bin nicht die Buchhalterin des franz\u00f6sischen Schulsystems. Sollen sie doch selbst sehen, ob sie nur noch verr\u00fcckt sind nach Mathe-Informatik.<\/p>\n<p>Camus, Delacroix, Dostojewski, EEE? keiner, ah, Ebner-Eschenbach, kenne ich zu gut und zu lang, wenn sie auch, endlich, andere entdecken, Bozena, das Gemeindekind, Krambambuli, Er l\u00e4sst die Hand k\u00fcssen, dar\u00fcber habe ich schon in meiner Kindheit geweint und die Autorin geliebt. Flaubert, Hugo, La Rochefoucauld, was geht mich dieser alte Zyniker an, ich wei\u00df nicht einmal seinen Vornamen und kann kein einziges Wort zitieren. Das Einzige, was ich von ihm kenne, ist der Spruch von der kleinen Freude, die wir immer versp\u00fcren angesichts der Missgeschicke auch unserer liebsten Freunde.<br \/>\nMein Freund Carlo M., 1,95 gro\u00df, schlug sich einmal auf der F\u00e4hre von Lipari nach Messina den Kopf an, als er eine Leiter hinunterstieg. Die Treppen des italienischen Schiffes waren nicht bemessen nach Menschen von dieser L\u00e4nge. Carlo taumelte auf eine so komische Art, dass ich, die Kurzgewachsene, unten einen unwiderstehlichen Lachanfall bekam, von dem ich mich und dann auch unsere Liebschaft sich nicht mehr erholte. Ich konnte ihm das La- Rochefoucauld-Prinzip nicht erkl\u00e4ren, weil ich es damals noch nicht kannte.<\/p>\n<p>Liebste Freunde, jaja, die liegen jetzt irgendwo im Vollrausch herum, w\u00e4hrend ich bei aller N\u00fcchternheit in der Dunkelheit eingehe. La Fontaine. Ich erinnere mich an eine Buchh\u00e4ndler-Gehilfin in meiner Jugend, die ich nach Fontane fragte. Wir sollten ein Reclam-B\u00e4ndchen kaufen, um Effie Briest zu lesen, vom Deutsch-Lehrer aufgetragen. Meine Eltern hatten nat\u00fcrlich, wie fast alles, Effie Briest im Regal, aber irgendwo in einer grindigen Gesamtausgabe von Gilde Gutenberg aus dem Jahre 1935. Aus einer Zeit, als sie unter Nadler deutsche Volksst\u00e4mme-Literatur vorgesetzt bekamen. Die Verk\u00e4uferin verschwand nach hinten ins Lager und kam nach langer Zeit achselzuckend zur\u00fcck: \u201eTut ma leid, Tane hamma kaan.\u201c<\/p>\n<p>Die Buchstaben ziehen vor\u00fcber bis zu Tolstoi und Zola, ohne mich anzumachen. Allerdings, die Neu\u00fcbersetzung seiner \u201eAuferstehung\u201c soll gut sein, wenn auch leider nicht mehr von Swetlana Geier.<br \/>\nAuf Dorothy Parker, die ich sehr mag, hatte ich keine Lust, auch nicht auf ihre ebenso geniale Freundin Carson McCullers, nicht in dieser Nacht. Ich litt auch schon ohne sie an galoppierender Melancholie. Vielleicht ist das ja auch meine Stunde null. Drehen und Wenden in den Decken und Kissen.<\/p>\n<p>Was schickt mich zur\u00fcck in den Schlaf?<br \/>\nDas Aufz\u00e4hlen der offenen Rechnungen, alle meine manischen To-do-Listen, to call, to buy, to write, das Wirtschaftsjournal, der Kalender, die Steuererkl\u00e4rung \u2013 alles keine gute Idee. Allein die \u00dcberschriften erh\u00f6hten den Blutdruck und raubten die letzte Chance auf Schlaf. Die guten und schlechten Freundschaften \u2013 das ist nicht leicht zu unterscheiden, zumindest nicht jetzt. Freund-Feind, eine sehr fl\u00fcssige Frage. Zumindest nicht jetzt. Was ich wirklich mag, allerdings ohne eine Wirkung zu sp\u00fcren, ist das Ausdenken von Lottozahlen. Es bringt mir zwar keinen Schlaf, ist aber eine angenehme Hirnt\u00e4tigkeit, positiv, befl\u00fcgelnd, vorw\u00e4rts gerichtet, was werde ich mit dem Millionengewinn machen? Wen beschenke ich, wie viel behalte ich f\u00fcr mich? Werde ich verr\u00fcckt oder bleibe ich normal?<\/p>\n<p>Ein zweites Hirnspiel mag ich auch sehr gerne: an die sch\u00f6nsten, klingendsten oder lustigsten Ortsnamen zu denken. Schon als Kind habe ich das gespielt. Astrachan, Aschchabad, Aralsee, Ararat, Archangelsk, Alma-Ata, Taganrog, Trapezunt, Samarkand, Popokatepetl, Taklamakan, Samara, Agrigent, Feodosija, Orenburg, Tschernobyl, Fukushima, Kilimandscharo, Fujiyama, Kysil-Kum, Amu-Darja, Hokkaido, Samsun, Isfahan, Sewastopol, Murmansk, Wladiwostok, Sachalin, Kamtschatka, Marrakesch \u2013 alles nach St\u00e4dten, Fl\u00fcssen, Seen, Bergen, W\u00fcsten und Vulkanen ordnen oder einfach nur alphabetisch. Wenn ich das hinter mir habe, kommen die Kategorien, wo ich schon war und wohin ich noch fahren m\u00f6chte. Lustige Ortsnamen wie Dam\u00fcls, Nest, Fucking, M\u00f6sing, Ameising, Gugging, Obergraus, Unterstinkenbrunn, Alt- und Neuschmecks. Noch eine andere Kategorie eignet sich: komische Familiennamen: Buxtehude, Humperdinck, Aiwasowski, Schoiswohl, Powischer, die rechte Partei PIS in Polen und die faschistische Schas-Partei in Israel. Das ist neutral oder macht zumindest l\u00e4cheln, bringt keine schlechten Gedanken, keine Angst oder Traurigkeit hervor, wenn man in der Dunkelheit liegt und in den Ecken die D\u00e4monen lauern. Wenn ich gut drauf bin, sp\u00fcre ich die Synapsen flappsen.<\/p>\n<p>Meine Eltern pflegten es selbst untereinander, vor uns und gaben es an uns weiter: das Auswendiglernen und Aufsagen von Gedichten: Schl\u00e4ft ein Lied in allen Dingen \u2026 findest du das Zauberwort. Das Zauberwort. Die Sprachgl\u00e4ubigkeit meiner Bibel-Eltern. Am Anfang war das Wort und das Wort. Gelassen stieg die Nacht ans Land. Wie schaurig ist\u2018s \u00fcbers Moor zu gehen wenn. Hat der alte Hexenmeister sich doch einmal. Walle, walle manche Strecke, dass zum Zwecke Wasser flie\u00dfe und im Schwalle sich ergie\u00dfe. Sein Blick ist vom Vor\u00fcbergehen der St\u00e4be so m\u00fcd geworden. Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt. Zum Kampf der Wagen und Ges\u00e4nge. Eine feste Burg ist unser Gott. Tochter Zion freue dich. Komm auf mein Schloss, mein Leben. Dies Bildnis ist bezaubernd sch\u00f6n. Ach ich habe sie verloren. In Fried und Freud ich fahr dahin. Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm. Der Donner rollt. Ich sei, gew\u00e4hrt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte.<\/p>\n<p>L\u00e4sst sich \u00fcbrigens auch vorz\u00fcglich anwenden, wenn man auf die Stra\u00dfenbahn wartet, besser als die ber\u00fchmte Zigarette, oder wenn man eine Nadel in den Arm gerammt bekommt. Meine Mutter legte noch mit 84 Jahren Schw\u00fcre darauf ab, wie wirksam es ist, dass sie sich Balladen und Rilke- und M\u00f6rike-Gedichte aufsagte, um ihr ohnedies gutes Ged\u00e4chtnis zu sch\u00e4rfen. Sie las t\u00e4glich f\u00fcnf Tageszeitungen und rief ihre sieben Kinder mehrmals t\u00e4glich an, um ihnen immer das Gleiche zu erz\u00e4hlen. Manchmal, wenn sie etwas sehr interessierte oder aufregte, lernte sie ganze Artikel auswendig, um sie am Telefon rundum wiederzugeben. Bei Fernsehsendungen schrieb sie mit, um sich am Telefon \u00fcber tausende Kilometer dar\u00fcber \u00e4rgern, was die Roten schon wieder alles verbrochen hatten. Sie war eine leidenschaftliche Anti-Kommunistin, und schon noch so rosaroteste Sozialdemokraten konnten sie in Wallung bringen. Ihr \u00c4rgern war ihr Lebenselixier, es hielt sie jung und hirnfl\u00fcssig.<\/p>\n<p>Es wird schon im Vor-Schlummer gewesen sein, als mir die uralte Methode des Sch\u00e4fchenz\u00e4hlens in den Sinn kam. Ich hab mein Lebtag Schafe gehasst, au\u00dfer auf dem Teller. Was sollen, wollen sie bei mir, in meinem Zimmer? Das D\u00fcmmste, was uns je in der Kindheit eingeredet wurde. Eine Herde immer wieder von eins bis hundert. Das grenzt an eine Phobie, wenn eines in meinem Zimmer steht, eins bis hundert und immer wieder von vorne. Sie stinken, bl\u00f6ken, schn\u00fcffeln und scharren auf dem Bettvorleger. Ich z\u00e4hle sie ja nur im Kopf, aber wenn eines in meinem Zimmer steht, bin ich wieder hellwach und denke, dass ich bis zur n\u00e4chsten Schur im Juli nicht mehr einschlafen kann. Wie sie riechen von ihren kleinen K\u00f6pfen und vom Fell her, erinnern sie mich an die feuchten, kratzigen Schafwollpullover unter dem nassen Wetterfleck, wenn wir im Salzburger Schn\u00fcrlregen auf den Postbus von St. Gilgen nach Mondsee warten, sind sie sicher keine Schlafbringer.<br \/>\nAber eines muss ich zugeben, die Schafe, die mich besuchen, sind durch die britische Erziehung gegangen, sie treten mir nie zu nahe, sprechen nicht zu laut und verhalten sich untereinander so dezent wie englische Parlamentarier vor dem Brexit. Wenn ich je alle die ungez\u00e4hlten Schafe der Welt aufrufen w\u00fcrde, w\u00e4re ich die reichste Schafz\u00fcchterin von England, Schottland, Australien, Neuseeland zusammen. Die h\u00f6chste Dichte haben allerdings die F\u00e4r\u00f6er, dort kommen auf die 50 000 Einwohner 80 000 Schafe. Die Statistik von Patagonien kenne ich nicht.<\/p>\n<p>Aber vielleicht habe ich noch nie die richtigen Nacht-Schafe aufgerufen und gez\u00e4hlt. Ich muss mein bisheriges Wissen \u00fcber Schafe vergessen, sie neu verstehen lernen und von vorne zu z\u00e4hlen beginnen. Aber warum ist noch nie jemand draufgekommen, Schweinchen, Ziegen oder Murmeltiere zu z\u00e4hlen, in Australien vielleicht K\u00e4ngurus oder Tasmanische Teufel, in Afrika Gazellen und L\u00f6wen, in Lateinamerika Lamas und Krokodile, in den USA B\u00e4ren und B\u00fcffel?<br \/>\nDa komme ich auf mein Lieblingstraumtal in den Colorado-Rockys, wo die B\u00fcffel dichter stehen als die B\u00e4ume. Dort kann ich verweilen und mich erholen.<br \/>\nVielleicht wollen sie ja mit allen diesen Namen von A &#8211; Z gef\u00fcttert werden. Nur dann sind sie hilfreich und gut.<br \/>\nGutgutgut. Ich werde jetzt das Licht anschalten und mich dumm und d\u00e4mlich lesen, bis es zum n\u00e4chsten Mal Punkt vier Uhr neunzehn schl\u00e4gt. Vielleicht sogar den alten Zyniker La Rochefoucauld aufschlagen. Irgendwo muss es ein Reclam-Hefterl geben.<\/p>\n<p>10.1.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 17034<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Before sunlight) (Sweet dreams) Das habe ich nun davon. Von einem geruhsamen Leseabend. Einmal bin ich ausnahmsweise fr\u00fch ins Bett gegangen und so um zw\u00f6lf eingeschlafen. 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