{"id":5894,"date":"2017-01-06T12:18:10","date_gmt":"2017-01-06T12:18:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5894"},"modified":"2017-01-19T12:21:49","modified_gmt":"2017-01-19T12:21:49","slug":"mein-suedtirol-teil-3-aurouggla-aus-die-hochzeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5894","title":{"rendered":"Mein S\u00fcdtirol"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5894&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5894&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Aurouggla \u2013 Teil 3<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Als sich Tage danach der Stress um das Brautpaar gelegt hatte und der Alltag wieder seine ruhigen Bahnen zog, meldete ich mich bei Moidl (Mutter meines Schwagers, die Maria hie\u00df) wieder zum Bardienst zur\u00fcck, und ich muss sagen, ich war mit meiner T\u00e4tigkeit dort sehr zufrieden. Tags\u00fcber kamen zahllose Italiener vorbei, denen ich Caf\u00e9 Macchiato oder Limonata oder eben was anderes servierte. Ich war gefordert, mich mit ihnen zumindest irgendwie zu verst\u00e4ndigen und im Laufe der Zeit lernte ich tats\u00e4chlich sogar etwas Italienisch. Ich konnte Bestellungen aufnehmen, kurze Fragen stellen und auch ein wenig antworten, wenn ich gefragt wurde, auch dann, wenn es sich dabei um S\u00fcditaliener handelte, was mit denen nicht immer einfach war.<\/p>\n<p>Wenn ich Entspannung suchte und mir die Leute auf die Nerven gingen, lief ich einfach ums Haus, denn hinten, im Garten, sa\u00df oft ein zahmer Rabe auf einem Ast, der sogleich auf meinen Schultern landete, wenn ich ihn rief, und mir mit seinem kr\u00e4ftigen Schnabel liebevoll den R\u00fccken klopfte. Vielleicht war er in seinem fr\u00fcheren Leben ein Specht gewesen, wer wei\u00df. Ich fand das alles ziemlich aufregend, vor allem aber nicht so furchtbar langweilig wie bei uns zu Hause. Lag ich dann in meinem Liegestuhl, mit Pfeife und Karl May bewaffnet, setzte er sich ganz oben auf die Querleiste und tat, als l\u00e4se er mit. Nur von der Pfeife hielt er Abstand, der bei\u00dfende Rauch war dem sensiblen Tier offensichtlich nicht geheuer.<\/p>\n<p>Gegen vier Uhr Nachmittag gab\u2019s dann Marendn, also Jause. Oft kam Luis vorbei, ehemaliger Polizist, der von seinen Eins\u00e4tzen gegen die Mafia in S\u00fcditalien erz\u00e4hlte und dem ich mit offenem Mund zuh\u00f6rte, weil ich das alles nicht glauben konnte, was er so alles zu berichten hatte, denn solche Sachen kannte ich nur aus dem Fernsehen.<br \/>\nManchmal, vor allem an Sonntagen, kam Frau Marie aus Meran herauf. Eine noch gut aussehende Sechzigerin mit einem eloquenten Mundwerk. Sie stelzte stets zuallererst an die Bar, beugte sich \u00fcber diese und fl\u00fcsterte mir leise zu, geh, Bua, gib ma an, zan Oischlenzgan. (Gib mir einen \u2013 zumeist J\u00e4germeister \u2013 zum Hinuntersp\u00fclen). Und ich gab ihr einen, aus dem rasch drei oder vier wurden.<br \/>\nDa war auch ein Buschauffeur, der alle Stunden hier Pause machte und entweder Kaffee oder ein kleines Bier bestellte. Er erz\u00e4hlte manchmal, wie die Partisanen italienische Bauern abgeschossen hatten, nur so zum Spa\u00df, zum Zielschie\u00dfen und so, auf den Feldern.<\/p>\n<p>Eines Tages aber, es war schon gegen Abend, h\u00f6rte ich ein furchtbares Pfeifen und Rauschen unten vom Tal her. Als ich, neugierig wie ich war, eilig auf die Veranda trat, da flogen pl\u00f6tzlich vier italienische Kampfjets von Meran aus den Hang entlang herauf und zischten \u00fcber unsere K\u00f6pfe hinweg, dass uns die Luft wegblieb. Kaum drei\u00dfig Meter \u00fcber dem Boden. Nie werde ich das vergessen, nie! Das war vielleicht ein Schauspiel. Die zahlreichen Touristen, die an der Seilbahn standen und warteten, kriegten die M\u00fcnder nicht zu vor Staunen und es entfachte sich eine hitzige Debatte dar\u00fcber, ob die Piloten das \u00fcberhaupt durften, wo es doch viel zu niedrig gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Manchmal waren die Br\u00fcder des Br\u00e4utigams meiner Schwester in der Bar. Sie hatten immer die neuesten Witze auf Lager, und ich mochte sie gut leiden, obwohl ich Probleme mit dem Verstehen ihres Dialektes hatte. Aber einen ihrer Witze hatte ich verstanden. Es ging um die Vespa, das beliebteste Verkehrsmittel f\u00fcr Alt und Jung hier in S\u00fcdtirol.<br \/>\nHeute w\u00e4re alles nicht mehr so, wie es einmal war. Fr\u00fcher, sagte einer der beiden, w\u00e4ren die Vespen auf den Feigen gesessen, und sie meinten Wespen, aber heute sei alles anders, denn heute s\u00e4\u00dfen die Feigen auf den Vespen, und sie meinten M\u00e4dchen damit. Ich wei\u00df nicht, ob ich rot geworden war, aber ich musste furchtbar lachen.<\/p>\n<p>Als der Luis, schon wieder einer, beinahe jeder hie\u00df hier Luis oder Sepp, also der war ein Taxichauffeur, zum ersten Mal bei mir an der Bar gestanden ist, dachte er, ich sei Italiener, und ich dachte es auch von ihm, weil er italienisch bestellt hatte. So dauerte es eine ganze Weile, bis ich kapierte, was er eigentlich wollte, denn er hatte eine Pompelma bestellt, aber mit \u201eaurouggla prego\u201c. Das ging eine ganze Weile so hin und her, bis ich die Muata (Moidl) endlich fragte, was er eigentlich wolle und was denn um Himmels Willen \u201eaurouggla\u201c bedeute? Bis ich endlich verstand. Aufsch\u00fctteln. Er wollte, dass ich die Limonade aufsch\u00fcttle, um das Fruchtfleisch gleichm\u00e4\u00dfig in der Flasche zu verteilen. Wir haben alle herzlich gelacht \u00fcber unser Unverm\u00f6gen, miteinander zu kommunizieren.<\/p>\n<p>Als ich Jahre sp\u00e4ter wieder einmal hierher kam, mit meiner Frau, die im sechsten Monat schwanger war, machte ich eine Bergtour, alleine, und die w\u00e4re mir beinahe zum Verh\u00e4ngnis geworden. Die vielen Jahre, in denen ich zumindest die Sommer so oft als Piccolo in der Bar Diana verbracht und G\u00e4ste bedient hatte, kamen mir vor, als w\u00e4ren sie erst gestern gewesen. Damals sa\u00df hin und wieder ein \u00e4lterer Mann am Stammtisch, ausnahmsweise einmal der Hubert, und kein Luis oder Sepp, der sagte, oben, am Ifinger, das ist der h\u00f6chste Berg auf der Meraner Nordseite, sei am Gipfelkreuz eine Blechschachtel befestigt mit dem Gipfelbuch. Und in dieses Gipfelbuch h\u00e4tte ein deutscher Tourist folgende Worte geschrieben: Alpenrose, sch\u00f6ne Rose, sch\u00f6ne Rose, Alpenrose, und er h\u00e4tte mit Silbernagel unterschrieben. Und darunter soll ein Einheimischer geschrieben haben: Silbernagel, dummer Nagel, dummer Nagel, Silbernagel und mit Alpenrose unterschrieben haben.<\/p>\n<p>Das musste ich nat\u00fcrlich einmal einfach selbst sehen. Aber niemand von den Einheimischen am Stammtisch der Bar Diana war je dort oben gewesen. Als Junge w\u00e4re es mir auch nicht m\u00f6glich gewesen, aber nun war ich achtundzwanzig und hatte schon einige Erfahrung im Klettern und Tourengehen gesammelt. Also ging ich los. Aber schon nach kurzer Zeit hatte ich mich verstiegen und den Steig verloren, der zum Gipfel f\u00fchrte. Als ich dann auch noch abkletterte, geriet ich in einen \u00dcberhang und w\u00e4re beinahe nicht mehr von alleine hochgekommen. Der Gipfel war in Sichtweite, nur eine steile Wand von etwas sechzig Metern trennte mich von ihm. In der Wand hing eine verrostete Kette. Ich nahm all meinen Mut zusammen und hantelte mich an dieser bis zum Gipfel empor, denn ohne Sicherung, nur im Fels, h\u00e4tte ich es sicher nicht geschafft. Oben, am Gipfel, sa\u00df eine Gruppe Bergsteiger, und die staunten allesamt nicht schlecht, als mein Kopf pl\u00f6tzlich vor ihnen auftauchte, von der steilen S\u00fcdwand her. Ja wo kimmsch\u2019n du auf amol her?, fragten sie ganz au\u00dfer sich. Na, von da unten, antwortete ich gelassen, obwohl mein Herz wie verr\u00fcckt schlug, teils vor Anstrengung, teils vor Angst. Immerhin ging\u2019s unter mir beinahe tausend Meter abw\u00e4rts.<br \/>\nIch denke heute, ich hatte eher ihr Mitleid als ihre Bewunderung. Als ich hinterher ins Tal abstieg, erreichte ich gerade noch vor Ausbruch eines Unwetters, das seinesgleichen suchte, das sch\u00fctzende Haus, in dem meine besorgte Gattin bereits seit Stunden wartete. Es hagelte und schneite mitten im August und am n\u00e4chsten Tag erfuhr man, dass mehrere Personen in dem Unwetter als vermisst galten.<\/p>\n<p>Und noch etwas, als ich damals noch der junge Kellner in der Bar Diana war, ich erinnere mich genau an die Geschichte, gab es da einen bekannten Kunstmaler, Stampfl Rudl haben sie den genannt. Ich habe seine Aquarelle sehr bewundert. Er war ein Genie, wirklich, und ich denke, man k\u00f6nnte ihn zu den ganz gro\u00dfen Malern z\u00e4hlen, die im Genre des Naturalismus zu Hause sind. Er war mit einer deutschen Frau verheiratet. Und immer dann, wenn er schon zu lange am abendlichen Stammtisch gesessen war, kam seine Frau ganz aufgebracht in die Stube und rief: \u201cRudl, hasch an Dampf? Was sitsch allm bei die Affen?\u201c, (Rudolf, bist du betrunken, warum sitzt du andauernd hier bei den Affen?) indem sie sich in ihrem besten S\u00fcdtirolerisch versuchte, holte sie ihn mit diesen Worten zu sich nach Hause, zum Gaudium aller Anwesenden, die aus vollem Halse lachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 17033<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aurouggla \u2013 Teil 3 Als sich Tage danach der Stress um das Brautpaar gelegt hatte und der Alltag wieder seine ruhigen Bahnen zog, meldete ich mich bei Moidl (Mutter meines Schwagers, die Maria hie\u00df) wieder zum Bardienst zur\u00fcck, und ich muss sagen, ich war mit meiner T\u00e4tigkeit dort sehr zufrieden. 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