{"id":5818,"date":"2017-01-06T17:19:42","date_gmt":"2017-01-06T17:19:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5818"},"modified":"2017-01-16T16:29:38","modified_gmt":"2017-01-16T16:29:38","slug":"der-geiger-vom-donskoj-friedhof","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5818","title":{"rendered":"Der Geiger vom Donskoj-Friedhof"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5818&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5818&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Gew\u00f6hnlich ging der alte Mann gegen Mittag zum Spielen hinaus. Unter dem Arm trug er einen alten, abgewetzten Geigenkasten. Gekleidet war er in einer Art von Uniform der sowjetischen Rentner. Auf dem Kopf eine Lenin-Schieberm\u00fctze, am K\u00f6rper einen etwas zu gro\u00df gewordenen Stoffmantel mit abgesto\u00dfenen Kanten und gro\u00dfen, aufgesetzten Taschen. Immer hatte er auch eine Netztasche bei sich, wie alle Sowjetmenschen, f\u00fcr den Fall, dass es unterwegs unerwartet, aber immer erhofft, etwas zu kaufen gab. Er war sicher kein typischer Proletarier, sondern hatte einmal eine seri\u00f6se Anstellung gehabt. Sicher nicht in einem gro\u00dfen Orchester. Vielleicht in einem Kulturzirkel eines Arbeiterkollektivs? Vielleicht ein Musiklehrer einer volkseigenen Musikschule?<br \/>\nWenn am Nachmittag die gro\u00dfen Begr\u00e4bnisz\u00fcge kamen, baute er sich vor dem Haupttor auf, etwas abseits der Mitte, damit er niemanden behinderte.<\/p>\n<p>Vier Stufen f\u00fchren vom Sockel des Denkmals f\u00fcr Wassilij Puschkin, den Onkel des ber\u00fchmten Alexander, hinauf. Dort l\u00e4sst sich der Geiger nieder, \u00f6ffnet den Geigenkasten und wendet sich der Stra\u00dfe zu.<br \/>\nEr ist gut sichtbar in dieser H\u00f6he, und er sieht von Weitem, wie gro\u00df und pr\u00e4chtig eine Prozession sein w\u00fcrde, welche viel Volk, Geistliche, Blumen und eigene Musik mitbringen w\u00fcrde. Kaum hat er seine Geige ausgepackt und den Bogen angesetzt, bleiben schon Menschen stehen in Erwartung seiner Musik: Kinder, Passanten, Liebespaare, K\u00e4ufer vom Blumen- und Tabakskiosk. Alle lassen die Zeitungen sinken, verstummen und blicken zu ihm auf. Denn jede Musik tr\u00f6stet und ist ein Versprechen auf ein besseres Leben. Im offenen Geigenkasten liegen ein Apfel und ein St\u00fcck Schwarzbrot, damit er, wenn er Hunger bekommt, etwas essen kann.<\/p>\n<p>Sogar wenn nur ein einziger Zuh\u00f6rer stehen bleibt und einsam lauscht, spielt er die Melodie zu Ende.<br \/>\nEr macht diese Arbeit freiwillig, nicht um Geld zu verdienen. Er bekam eine kleine staatliche Rente, von der er leben konnte. Wenn er auf Gewinn ausgewesen w\u00e4re, h\u00e4tte er sich sicher nicht hier, an einem so stillen, abgelegenen Ort, sondern im Zentrum aufgebaut, zum Beispiel beim gro\u00dfen Alexander-Puschkin-Denkmal auf der Gorki-Stra\u00dfe, wo es einen ununterbrochenen Strom von Menschen gab.<\/p>\n<p>Er war etwas anderes, er war kein Bettler.<br \/>\nEr wollte den Menschen etwas Gutes tun, und darum ging er bei jedem Wetter zum Donskoi Friedhof, um dort zu spielen. Ob er mehr als eine Art von Katzenmusik machte, war nie endg\u00fcltig auszumachen und auch nicht wichtig. Die Kl\u00e4nge seiner Geige erhoben sich \u00fcber den Stra\u00dfenl\u00e4rm, stiegen auf und senkten sich von oben wieder herunter. Manchmal waren die T\u00f6ne zerrissen, manchmal waren ganze Melodienb\u00f6gen eindeutig zu erkennen. Sie drangen in die Herzen der Menschen ein, ber\u00fchrten sie und befl\u00fcgelten sie in ihrer Hoffnung auf ein sch\u00f6neres Leben. Die Zuh\u00f6rer holten sofort Geld hervor, Kopekenst\u00fccke, alle waren mehr oder weniger gleich arm, aber auch F\u00fcnf- und Zehn-Rubelscheine waren dabei.<\/p>\n<p>Weil er oben auf der vierten Stufe stand, wussten die Leute nicht, wohin sie das Geld legen sollten. Manche versuchten, mit einem k\u00fchnen Wurf in den Geigenkasten zu zielen. Andere lie\u00dfen es einfach auf einer der Stufen liegen, zu F\u00fc\u00dfen des marmornen Puschkin-Onkels.<br \/>\nSeit das Donskoi-Kloster wieder ge\u00f6ffnet, wenn auch noch nicht renoviert war, kamen vermehrt Spazierg\u00e4nger auf den Friedhof. Es ist noch nicht lange her und unter den Liebhabern des alten Moskau noch ein Geheimtipp. Jeder kannte den nahen Gorki-Park mit seinen zahlreichen Vergn\u00fcgungsattraktionen, kaum jemand das Donskoi, \u00fcber dem sich ein Rad eines Karussels w\u00f6lbte.<br \/>\nAuch der Radioturm von Schukow gleich nebenan war ein un\u00fcbersehbares Wahrzeichen am s\u00fcdlichen Rand der Moskauer Innenstadt. Der Staat des noch nicht ganz neuen Russland im letzten Jahr des Gorbatschow hat das Donskoi der orthodoxen Kirche zur\u00fcckgegeben, 73 Jahre nachdem die Bolschewiki Kloster und Friedhof zum Teil zerst\u00f6rt und dann geschlossen hatten. Es lag verborgen hinter einer hohen Mauer im schon 73 Jahre andauernden Dornr\u00f6schenschlaf. Gebaut ist es als eine Wehranlage mit zw\u00f6lf gigantischen T\u00fcrmen, obwohl gerade im Gr\u00fcndungsjahr 1591 die letzte gro\u00dfe Gefahr, der Ansturm der Krimtataren, unter Zar Fjodor siegreich abgewehrt werden konnte.<\/p>\n<p>Ich kannte es wahrscheinlich als einer der wenigen Menschen gut, zumindest aus dem Vogelblick, weil ich vom Balkon meiner Wohnung im siebten Stock der Donskaja ulica direkt in den Friedhof und auf das Kloster hinabsehen konnte. Bald hatte ich einen Mann ausgeforscht, der als W\u00e4chter ab und zu auf das Gel\u00e4nde kam, ich wei\u00df nicht, wof\u00fcr. F\u00fcr ein paar Kopeken lie\u00df er mich ins Innere, es war zu sehen, dass er dem Wodka nicht abgeneigt war.<\/p>\n<p>Die Gro\u00dfe und die Kleine Kathedrale waren in einem erb\u00e4rmlichen Zustand. Viele Mauerst\u00fccke lagen w\u00fcst vermengt mit Unrat am Boden, selbst schon wieder bedeckt von der Patina des Efeus und Hollunders.<br \/>\nSeit der Revolution war nichts renoviert worden, vielmehr vieles zerst\u00f6rt, abtransportiert und gestohlen. Wie viele kirchliche Geb\u00e4ude hat man sie zweckentfremdet, entweiht und dem Verfall preisgegeben. Die Grabdenkm\u00e4ler und Grabsteine waren zum Teil umgest\u00fcrzt, manche Figuren gek\u00f6pft oder anderweitig verletzt mit abgeschlagenen Armen und Nasen, mit ausgekratzten Augen und zerst\u00f6rten Inschriften. Auch die wuchernden Pflanzen und die unbarmherzige Witterung trugen das Ihre zum Zerst\u00f6rungswerk bei.<\/p>\n<p>Dabei lasen sich die Namen auf den Grabsteinen, soferne man sie noch lesen konnte, wie das Moskauer Who is Who des 18. und 19. Jahrhunderts, fast so viele ehr- und gedenkw\u00fcrdige wie auf dem gr\u00f6\u00dferen und ber\u00fchmteren Friedhof des Neujungfrauen- Klosters. Der erste Dichter in russischer Sprache Sumarokow war hier begraben.<br \/>\nAuch der erste Philosoph Pjotr Tschaadajew, Sollogub, ein Schriftsteller, Schukowski, ein Mathematiker und Luftfahrtpionier, der Maler Perow.<br \/>\nDer letzte Klosterbewohner war Patriarch Tichon, ein erkl\u00e4rter Gegner der Revolution, den die Bolschewiken hier bis zu seinem Tod 1925 einsperrten. Die 28 M\u00f6nche hat man umgebracht oder vertrieben.<\/p>\n<p>Wenn die gro\u00dfen Begr\u00e4bnisse vor\u00fcber waren, packte der alte Geiger seine Sachen zusammen. Er wickelte die Geige in ein schwarzes Tuch, verstaute den Bogen in einem Sack und setzte sich zu F\u00fc\u00dfen des Puschkin-Onkels nieder. Er blickte rund um sich und verzehrte seine Jause. Die Kopekenst\u00fccke und Rubelscheine sammelte er achtlos und ohne sie zu z\u00e4hlen auf und steckte sie in die Manteltasche. Dann verlie\u00df er seinen Posten auf den Stufen und ging eilig tiefer in den Friedhof hinein.<\/p>\n<p>Lange verstand ich nicht, was der Alte dort suchte.<br \/>\nEr beachtete keine der Kirchen, nicht das Refektorium, keines der Mausoleen, keine der Werkst\u00e4tten, auch die Urnenmauer interessierte ihn nicht. Keines der verwahrlosten Kulturdenkm\u00e4ler erregte offensichtlich seine Aufmerksamkeit. Er schlenderte nur, ohne dass ich ein Muster erkennen konnte, so wie ich ihm von Grabstein zu Grabstein, von Baum zu Baum, nachging, \u00fcber die Wege zwischen den Grabsteinen, in unerforschlichen Schlingen. Traumpfade. Er interessierte sich offensichtlich nicht f\u00fcr die Architektur, nicht f\u00fcr die verworrene Natur oder die halb lesbaren Grabinschriften.<br \/>\nSuchte er jemand bestimmten? Wollte er sich an etwas oder jemanden erinnern, das und den es nicht mehr gab? Wartete er auf jemanden?<\/p>\n<p>Ich hatte nicht so viel Zeit, ihn \u00f6fter und n\u00e4her zu beobachten, wie ich es gew\u00fcnscht h\u00e4tte. Denn meine Arbeit beanspruchte mich sehr, und ich war oft auf Reisen. Eine sehr bewegte Zeit.<br \/>\nEines Tages im Oktober setzte das erste Schneegest\u00f6ber ein. Ich sah auf meinem Weg vom B\u00fcro in die Mittagspause, dass das Haupttor zum Donskoi offenstand. Schnell stellte ich das Auto ab und lief \u00fcber den Vorplatz auf das Kloster zu.<\/p>\n<p>Der alte Geiger stand wie immer auf der obersten Stufe des Puschkin-Onkels und spielte das letzte, das 24. Lied der \u201cWinterreise\u201c von Schubert, das traurige Lied vom Leiermann. Die Worte flogen mir unh\u00f6rbar zur Melodie dazu: <em>Dr\u00fcben hinterm Dorfe steht ein Leiermann \/ Und mit starren Fingern dreht er, was er kann.<\/em><br \/>\nEs klang etwas kratzig, manche T\u00f6ne waren schief, wahrscheinlich waren seine Finger auch schon starr.<br \/>\nEr hatte keine Zuh\u00f6rer; er spielte f\u00fcr sich und f\u00fcr die verfrorenen Spatzen. Sie umflatterten ihn zerzaust und hofften auf ein paar Krumen von seinem Schwarzbrot.<br \/>\nEin besonders f\u00fcrwitziger Spatz sprang hinein und suchte selbst nach Brosamen. Der Geigenkasten war schon halb zugeweht vom Schnee.<br \/>\nAls er die letzten Kl\u00e4nge beendet hatte, packte er schnell zusammen und verschwand im Inneren des Friedhofs. Ich schlich ihm nach, obwohl ich nicht mehr zu meinem Mittagessen kommen w\u00fcrde. Weit hinten entdeckte ich den Geiger an einem frischen Grab. Die Grube war offen, und vor dem Grab stand einsam ein Pope, der Gebete herunterleierte, eine violette Stola umgelegt hatte, das Weihrauchfass schwang und aus einer Metallsch\u00fcssel mit einem Besen freigiebig Weihwasser \u00fcber die Grube verspritzte. Da verstand ich das Wort \u201eEinsegnung\u201c zum ersten Mal.<\/p>\n<p>Und die Aufgabe, die sich der alte Geiger gestellt hatte: Es sollte kein Mensch ohne Begleitung von dieser Erde gehen m\u00fcssen. Der Pope war sozusagen nur ein offizieller Abgesandter, der seinen Dienst versah, so wie es vorgeschrieben war. Aber ein so einsamer Mensch, der allein gestorben war und niemanden hatte, der ihn auf seinem letzten Weg begleitete \u2013 der sollte zumindest von ihm mit seinem Geigenspiel verabschiedet werden.<br \/>\nDer alte Mann hatte sich seinen eigenen Dienst vorgeschrieben.<br \/>\nEr machte das nicht f\u00fcr Geld, nicht f\u00fcr Ruhm, nicht f\u00fcr Ansehen, nicht zu seinem eigenen Vergn\u00fcgen. Denn da h\u00e4tte er auch zu Hause bleiben und in seinem warmen Wohnzimmer spielen k\u00f6nnen. Vielleicht machte er das in Gedanken an seinen eigenen einsamen Tod.<\/p>\n<p>Wer w\u00fcrde ihn begleiten? Wie oft w\u00fcrde er spielen m\u00fcssen, bis er sich seine eigene Auferstehung erspielt hatte? Nach orthodoxem Glauben muss ein Verstorbener einen Begleiter haben, denn sonst kann er am J\u00fcngsten Tag nicht aus H\u00f6lle oder Fegefeuer herausgef\u00fchrt und erl\u00f6st werden. Die Todes-Vorbereitungen des alten Geigers r\u00fchrten mich so, dass es mir hinter meinem Baum die Kehle zuschn\u00fcrte und ich diese grausame Religion verfluchte.<br \/>\nNach diesem Winter sah ich den alten Mann nie wieder.<\/p>\n<p>Zu Ostern wurden die Glocken der Gro\u00dfen Kathedrale neu geweiht. Als ich sie zum ersten Mal von meiner Wohnung aus l\u00e4uten h\u00f6rte, brach so ein Sturm los, dass ich dachte, das J\u00fcngste Gericht sei angebrochen. Ich hoffe, es hat auch den Geiger erl\u00f6st.<\/p>\n<p>25.12.16<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 17022<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gew\u00f6hnlich ging der alte Mann gegen Mittag zum Spielen hinaus. Unter dem Arm trug er einen alten, abgewetzten Geigenkasten. Gekleidet war er in einer Art von Uniform der sowjetischen Rentner. Auf dem Kopf eine Lenin-Schieberm\u00fctze, am K\u00f6rper einen etwas zu gro\u00df gewordenen Stoffmantel mit abgesto\u00dfenen Kanten und gro\u00dfen, aufgesetzten Taschen. 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