{"id":5809,"date":"2017-01-04T16:51:40","date_gmt":"2017-01-04T16:51:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5809"},"modified":"2017-03-12T16:54:22","modified_gmt":"2017-03-12T16:54:22","slug":"hundert-jahre-unsterblichkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5809","title":{"rendered":"Hundert Jahre Unsterblichkeit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5809&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5809&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Als Alois Peter 122 Jahre z\u00e4hlte, war die Kraft, die ihn \u00fcber unmenschlich lange Zeit jugendlich gehalten hatte, am Schwinden und lie\u00df ihn des Morgens kaum aus dem Bett kommen.<br \/>\nVon Tag zu Tag wurde er immer schw\u00e4cher und lag schlie\u00dflich da, hingerafft von Alter und Krankheit, weder f\u00e4hig zu sprechen noch zu essen, und doch nicht willens, sein Leben auszuhauchen.<br \/>\nMan lie\u00df den Pfarrer rufen, der jedoch nach der siebten Nacht in Folge dem Kranken die letzte Salbung verwehrte, mit der Begr\u00fcndung, den Mann in den Tod zu geleiten, liege nun nur mehr in Gottes Hand, er habe seine Schuldigkeit getan.<br \/>\nSelbst im hohen Fieber konnte Alois Peter sein Leben nicht loslassen. Er fantasierte von gr\u00e4sslichen Grimassen und den eiskalten Fingern des Gevatters Tod, die ihn umschmeichelten, aber nie zu fassen bekamen. Er steigerte sich in ruhelose Angst hinein, die ihn immer wieder schreiend aufschrecken lie\u00df und der Familie am Hof schlaflose N\u00e4chte bereitete.<br \/>\nDoch kein Weinen, Flehen, Beten und Betteln am Bett des Kranken verschaffte der gebeutelten Familie die Ruhe eines friedlichen Todes.<\/p>\n<p>Karmella, die J\u00fcngste am Hof, gerade sechs geworden, kam eines Abends in die Kammer gestolpert und schreckte aus den fantastischen Tagtr\u00e4umen ihrer kindlichen Welt auf, als sie ihren Ururgro\u00dfvater murmelnd auf seiner Liegest\u00e4tte fand. Sie setzte sich zu ihm, nahm seine eiskalte Hand in ihre warme und blieb sitzen, bis die Schatten im Zimmer immer l\u00e4nger wurden.<br \/>\nNun geschah es, dass Alois solchen Komfort, solchen Trost in dieser Ber\u00fchrung fand, dass er f\u00fcr kurze Zeit alle D\u00e4monen aus der Umnebelung seines Hirns verjagen und mit klarem Verstand eine Entscheidung treffen konnte: So wollte er nicht mehr leben. Er tat seinen letzten Atemzug und schied dahin.<\/p>\n<p>Sein Tod sollte der letzte f\u00fcr lange Zeit in diesem Dorf sein, denn mit seinem Dahinscheiden ging der Fluch der Unsterblichkeit auf dessen Bewohner \u00fcber.<br \/>\nKeiner starb mehr, wenn er es nicht aus eigenem Willen tat, und weder Unf\u00e4lle noch Krankheiten konnten dem kleinen Dorf etwas anhaben. Die Kinder wurden geboren, und die Alten wurden immer \u00e4lter.<br \/>\nAls dann moderne Schmerzmittel in Form einer eigenen kleinen Dorfapotheke Einzug hielten, wurde das Altsein sogar noch angenehmer und Krankheiten ertr\u00e4glicher. Es schien ein unglaubliches Gl\u00fcck damit einherzugehen.<\/p>\n<p>Die Kirche verlor zunehmend an Einfluss und wurde jeden Sonntagmorgen immer leerer, bis nur noch ein taubstummer Einsiedler bei schlechtem Wetter in ihr Zuflucht fand.<br \/>\nDer Pfarrer suchte Frauen und M\u00e4nner auf, um mit ihnen \u00fcber Gott zu reden. Doch Gott existierte nicht in einer Gesellschaft von Unsterblichen, und so traf er nur auf Unverst\u00e4ndnis und Spott. Nach f\u00fcnf Jahren ohne ein Begr\u00e4bnis oder eine Taufe gab er es schlie\u00dflich auf und widmete sich ganz seinem Kr\u00e4utergarten. Zu Hochzeiten wurde er nur mehr formhalber eingeladen. Niemand legte mehr Wert auf den Segen Gottes, denn man f\u00fchlte sich emanzipiert, ja, befreit von der Illusion eines allm\u00e4chtigen Wesens, das seinen einzigen irdischen Beweis, n\u00e4mlich den des unwillk\u00fcrlichen Dahinraffens von Menschenleben, eingeb\u00fc\u00dft hatte.<\/p>\n<p>Nach\u00a0 zwanzig Jahren gab es den ersten freiwilligen Tod. Eine Urururenkelin Alois\u2018 hatte sich in den Tod gest\u00fcrzt. Ein Ungl\u00fcck, das nur eine kurze Phase der Trauer und Besinnung in das Dorf brachte.<br \/>\nEin Einlenken hielt man f\u00fcr n\u00f6tig, als der junge M\u00fcller im Dorf seinen Arm im M\u00fchlrad zerquetschte, weil sich dort etwas verfangen hatte. Besinnungslos vor Schmerzen griff er zur Axt und schlug sich den Unterarm ab. Er verlor viel Blut, und als man endlich in der Lage war, die Wunde zu stillen, zog er sich eine Blutvergiftung zu. Er br\u00fcllte tagelang vor Schmerzen, und jeder im Dorf konnte es kaum mehr ertragen. So pumpten sie ihn mit Schmerztabletten voll, und als das nichts mehr half, redeten sie auf ihn ein, doch endlich das Leben auszuhauchen.<br \/>\nAls dies wieder nichts half,\u00a0 f\u00fcgte man ihm zus\u00e4tzliche Schmerzen zu, um ihn am Weiterleben zu hindern. Sie brachen ihm ein Bein und legten gl\u00fchendhei\u00dfe Kohlest\u00fccke auf seinen nackten Bauch.<br \/>\nMan zerrte den fast vergessenen Pfarrer herbei, um ihn zu zwingen, den letzten Beistand zu leisten. Doch der besah sich den Verletzten nur und l\u00e4chelte traurig. \u201eSeine Knochen k\u00f6nnt ihr ihm brechen, doch seinen Willen nicht.\u201c<br \/>\nUnd so war es dann auch. Denn die Schmerzen waren nichts im Vergleich zu der unendlichen Angst vor dem Unbekannten nach dem Leben. Der M\u00fcller f\u00fcrchtete sich vor dem Tode, weil er ihn nicht kannte, denn er war geboren worden, nachdem Alois seine letzte Ruhest\u00e4tte gefunden hatte.<br \/>\nSo lebte er in unbeschreiblichem Leid, verbannt von der Dorfgemeinschaft in einer H\u00fctte am Waldesrand, wo niemand seine Schreie h\u00f6ren konnte.<\/p>\n<p>Es dauerte hundert Jahre, bis der Fluch der Unsterblichkeit aufgehoben wurde. Mittlerweile gab es endloses Leid und Krankheit in dem kleinen Dorf und alle Schmerzmittel der Welt halfen nichts mehr dagegen. Und eine neue Unbekannte hatte sich im Laufe der Zeit in die Herzen der Menschen eingeschlichen: die Langeweile.<br \/>\nWer nicht mit dem Stillen seines eigenen Leides und seiner Krankheit besch\u00e4ftigt war, hatte nichts zu tun. Genuss und Lebensfreude waren einer immer gleichbleibenden Monotonie von Abl\u00e4ufen gewichen. Die Alten hockten in ihren H\u00e4usern, die Jungen bestellten die Arbeit am Hof. Es war ein sinnloses Dahinvegetieren.<\/p>\n<p>Nun kam es, dass ausgerechnet Karmella, Alois\u2018 Ururgro\u00dfenkelin, die ihm in den Tod verholfen hatte, hundert Jahre nach seinem Tod wieder in ihr Heimatdorf zur\u00fcckkehrte. Sie war mit siebzehn ausgezogen, hatte die Welt bereist und viele Seiten des Leben und Sterbens kennengelernt.<br \/>\nSie war mit ihren hundertsechs Jahren k\u00f6rperlich und seelisch gesund geblieben und glich in ihrer Lebenskraft ihrem Ururgro\u00dfvater bevor dieser in seine schreckliche Welt des Schmerzes versunken war.<br \/>\nMit Entsetzen betrat sie das ehemals kleine, idyllische Dorf, in dem nun keiner mehr seinen Frieden fand. Sie weinte bitterlich, als sie ihre Mutter wiedersah. Uralt sa\u00df diese im Schaukelstuhl, die Haut mit Flechten \u00fcberzogen, bis auf die Knochen abgemagert und im Wahn vor sich hinredend. Sie musste schon Jahrzehnte hier sitzen, alleingelassen, und mit dem Stuhl verwachsen.<\/p>\n<p>In der darauffolgenden Nacht tr\u00e4umten alle Bewohner den selben Traum und erwachten, bevor die Sonne aufging.<br \/>\nKarmella stand auf, ging zur T\u00fcre hinaus in Richtung Westen. Und w\u00e4hrend hinter ihr die Sonne langsam einen neuen Tag ank\u00fcndigte, versammelten sich mehrere Dorfbewohner wie von einer unsichtbaren Macht geleitet, um Karmella herum. Der wahnsinnige Lebensdurst und die Angst waren aus ihren Augen gewichen und die Ruhe in ihren Seelen eingekehrt.<br \/>\nWer wollte, begleitete Karmella an diesem Morgen in den Wald hinein. Sie sollten nie wieder zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>Kurz danach erlagen die ersten Bewohner ihrer Krankheit oder ihrem Alter. Sie wurden bestattet und betrauert, es gab nach langer Zeit wieder Kirchengel\u00e4ut und Nachtwachen. Und das Entsetzen vor dem pl\u00f6tzlich zur\u00fcckkehrenden Tod wich nach k\u00fcrzester Zeit wieder dem Alltag und der Menschlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nene Stark<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 17021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Alois Peter 122 Jahre z\u00e4hlte, war die Kraft, die ihn \u00fcber unmenschlich lange Zeit jugendlich gehalten hatte, am Schwinden und lie\u00df ihn des Morgens kaum aus dem Bett kommen. 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