{"id":5782,"date":"2016-12-28T12:44:44","date_gmt":"2016-12-28T12:44:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5782"},"modified":"2016-12-31T08:41:45","modified_gmt":"2016-12-31T08:41:45","slug":"das-maedchen-von-nebenan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5782","title":{"rendered":"Das M\u00e4dchen von nebenan"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5782&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5782&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>f\u00fcr C.K.<\/em><\/p>\n<p>Ich lernte Conny zwei Wochen vor Weihnachten kennen, als wir beide Patienten auf der psychosomatischen Station des AKH waren. Conny war ein viel besch\u00e4ftigtes M\u00e4dchen; sie zeichnete Selbstportr\u00e4ts, malte Aquarelle, schrieb kleine Geschichten und Gedichte. Sie war anteilslos gegen\u00fcber Mitpatienten, nahm aber an allen Aktivit\u00e4ten teil. Wir begegneten uns mehrmals in der Kunsttherapie und der Schreibwerkstatt. Vor allem aber machte sie Zukunftspl\u00e4ne. Sie hatte zu Heiligabend Geburtstag und w\u00fcrde heuer sechzehn.<\/p>\n<p>Es war auf bunten Plakaten angek\u00fcndigt, es sollte eine Party mit Besuchern auf der Station geben, und sie w\u00fcrde dabei sein d\u00fcrfen. Unter einer Bedingung: Sie m\u00fcsste vierzig Kilo auf die Waage bringen, sagten die \u00c4rzte. Conny hatte achtunddrei\u00dfigeinhalb. Es waren noch sechs Tage bis Weihnachten. Das Personal achtete genau darauf, dass sie nicht schummelte, ihren Bauch mit Wasser auff\u00fcllte, a\u00df und erbrach oder ihre K\u00f6rper\u00f6ffnungen mit allerhand Gegenst\u00e4nden vollstopfte. Bei jeder Trickserei kamen sie ihr auf die Schliche. Es war nichts zu machen, es half nur essen. Und genau das wollte sie nicht.<br \/>\nEs sollte die erste Party ihres Lebens sein. Conny war magers\u00fcchtig und w\u00e4re mit vierunddrei\u00dfig Kilo vor einem Jahr fast gestorben.<\/p>\n<p>Eigentlich h\u00e4tte Conny gar nicht hier sein sollen, auf der Psychosomatik, sie geh\u00f6rte in eine Abteilung f\u00fcr Kinder und Jugendliche. Da fand man aber keinen Platz f\u00fcr sie, und sie hatte offenbar niemanden, der sich gen\u00fcgend f\u00fcr sie einsetzte. Conny kam aus der \u201eStadt des Kindes\u201c, einer der besten Sozialeinrichtungen der Stadt, war also ein Sozialfall. Besuch von der Familie bekam sie nie, die hatten ein Ann\u00e4herungs- und Betretungsverbot, Gro\u00dfvater, Stiefvater und sogar die leibliche Mutter. Die zwei j\u00fcngeren Geschwister waren in einem Kinderheim untergebracht. Einmal sah ich eine elegante, mittelalte Frau mit ihr im Besucherbereich zwischen den K\u00fcbeln mit halbd\u00fcrren Philodendren und Yukkapalmen sitzen, Papiermappen auf den Knien, Conny schaute in die andere Richtung, vielleicht eine Erzieherin oder Sozialarbeiterin.<\/p>\n<p>Ich bemerkte Conny zuerst auf den Korridoren, eine erb\u00e4rmliche, bemitleidenswerte Gestalt. Sie schlurfte durch den Korridor, geb\u00fcckt wie eine alte Frau, auf die Stange des Tropfs gest\u00fctzt, die sie langsam neben sich herrollte. Wenn es ihr schlechter ging, schob sie sich in einem Rollstuhl durch die G\u00e4nge. Einmal sah ich, wie sie ein Pfleger hinter sich herzog. Ich kam ihr entgegen und l\u00e4chelte ihr zu, sie versuchte zur\u00fcckzul\u00e4cheln. Es kam dabei aber nur eine Grimasse heraus; sie war so mager, dass ihr Gesicht wie ein mit altem Pergament \u00fcberzogener Totenkopf aussah, gelblich und faltig, in den Augenh\u00f6hlen blau. Eine sechzehnj\u00e4hrige Greisin, ein Gespenst in einem lindgr\u00fcnen Bademantel.<\/p>\n<p>Sie war wahrscheinlich einmal ein h\u00fcbscher Teenager gewesen, von dem nur noch die gro\u00dfen, dunklen Augen \u00fcbriggeblieben waren. Sogar die Lockenpracht war ihr ausgefallen. Sie trug immer ein geh\u00e4keltes H\u00e4ubchen auf dem kahlen Kopf, einen gebatikten Seidenschal um den d\u00fcnnen Hals und an den spindeld\u00fcrren Kinder\u00e4rmchen eine Ansammlung von schlotternden Freundschaftsb\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Dass wir unsere Zimmer nebeneinander hatten, stellte ich erst am vierten Adventsonntag fest, als wir vom angesagten Chorsingen zuf\u00e4llig gemeinsam in unseren Gang zur\u00fcckgingen. Mit ihrem Greisinnen-L\u00e4cheln verabschiedete sie sich vor ihrer T\u00fcre und schob sich und die Stange ins Zimmer. Da fiel mir ein, an wen sie mich erinnerte, an meine tot aufgebahrte Gro\u00dfmutter, aber die war \u00fcber achtzig gewesen.<\/p>\n<p>Ich setzte mich auf mein Bett und las weiter in meinem derzeitigen Lieblingsbuch \u201eDas Licht aus dem Osten\u201c von Peter Frankopan, halb aufrecht mit dem R\u00fccken an der Wand, tief in einen Kissenberg gelehnt. Mir ging es ausnahmsweise ziemlich gut, rundherum, ich konnte diesen Zustand deutlich wahrnehmen. Ich war auf Seite 117 und freute mich, dass ich in dem ziegelschweren Buch noch 873 Seiten vor mir hatte.<br \/>\nAnfangs klang es wie Rascheln oder Nagen oder Schaben, sodass ich mich unwillk\u00fcrlich im Zimmer umsah, ob es irgendwo M\u00e4use g\u00e4be. Ich lauschte weiter um mich herum und erkannte unrhythmische Unterbrechungen in den unbestimmten Ger\u00e4uschen zwischen Rascheln und Zischeln. Das kam nicht aus meinem Zimmer, da war ich mir sicher, es war nicht mein eigenes Raucher-Rassel-Atmen oder das Buch-Seiten-Umwenden. Eindeutig, es kam von jenseits der d\u00fcnnen Betonwand. Leise, stockend und unterdr\u00fcckt, aber es war eindeutig ein Schluchzen. Conny weint.<\/p>\n<p>Was tun, \u00fcberhaupt etwas tun, ich kenne sie nicht. Misch dich nicht ein, du hast deine eigenen Probleme, spiel dich nicht auf, immer die Samariterin, selbst hilflos, es ist kein Zufall, dass du hier bist, auf der Psychosomatik, wenn auch aus anderen Gr\u00fcnden.<br \/>\nSo redete ich mir zu, und dann kam das Aber: Sie ist so jung und zerbrechlich, vielleicht braucht sie nur einem Menschen neben sich, ein Wort, eine kleine Aufmunterung. Ich klopfte an ihrer T\u00fcr und h\u00f6rte ein leises, fragendes Ja? Sie sa\u00df tief gekr\u00fcmmt in ihrem Rollstuhl, der Balkont\u00fcr zugewandt. Ich sah, dass es ihren mageren R\u00fccken im lindgr\u00fcnen Frotteemantel sch\u00fcttelte. Das H\u00e4ubchen war verrutscht, und der Schal lag neben ihr am Boden.<\/p>\n<p>\u201eConny, was ist, brauchst du was, kann ich etwas f\u00fcr dich tun?\u201c<br \/>\nIch hatte sie noch nie angeredet und kannte auch ihre Stimme nicht. In der Kunsttherapie arbeitete sie immer stumm vor sich hin, und beim Adventsingen war sie auch nur dabeigesessen. Durfte ich sie \u00fcberhaupt mit Du ansprechen? Eine fast Sechzehnj\u00e4hrige? Sie kauerte zusammengesunken im Rollstuhl, protestierte aber auch nicht, als ich mich daneben auf einem Stuhl niederlie\u00df, vorsichtig, nur an der vordersten Kante, damit ich schnell aufspringen konnte, wenn sie mich verjagte. Ich wagte nicht, ihr auch nur die Hand auf die Schulter zu legen. Sie wischte sich \u00fcber die Augen, zog durch die Nase auf und sagte fast unh\u00f6rbar:<br \/>\n\u201eIch habe mich so auf die Party gefreut. Verstehen Sie das? Es ist ja mein Geburtstag und Weihnachten auch noch dazu.\u201c<br \/>\nIch glaube, dass die zu Heiligabend geborenen Kinder alle mit diesem Geburtsdatum hadern. Keines bekommt doppelt so viel.<\/p>\n<p>Was sollte ich tun, v\u00f6llig ausgeliefert ihrem Ungl\u00fcck und meiner eigenen Hilflosigkeit, aber ich hatte mich schon eingemischt.<br \/>\n\u201eConny, magst du mir was von deinen Arbeiten zeigen?\u201c<br \/>\nIn den Malstunden lie\u00df sie nie jemanden in ihren Zeichenblock hineinschauen.<br \/>\n\u201eMeinen Sie, aber das mach ich doch nur f\u00fcr mich, das ist ja alles nichts.\u201c<br \/>\n\u201eAber mich interessiert es, ich w\u00fcrde so gerne etwas von dir sehen.\u201c<br \/>\nIch bin keine Therapeutin und habe keine eigenen Kinder. Wie lenkt man Ungl\u00fcckliche ab, wie bringt man sie an das andere Ufer?<br \/>\nSie schniefte tief, r\u00fcckte das K\u00e4ppchen zurecht, hob den Schal vom Fu\u00dfboden auf und rollte zu ihrem Nachtk\u00e4stchen. Aus der Lade zog sie aber keine Zeichenmappe heraus, sondern ein Schulheft mit kariertem Umschlag.<br \/>\n\u201eDie Zeichnungen sind schlechtes Zeug, nur Gekritzel, nix zum Herzeigen, aber ein paar Gedichte sind mir gelungen, glaub ich\u201c, sagte sie fast entschuldigend. Schau, ist doch gar nicht so schwer, dachte ich mir.<br \/>\nSie kam zum Fenster zur\u00fcck und begann im Heft zu bl\u00e4ttern, dann zu lesen, zuerst leise f\u00fcr sich, sie bewegte nur tonlos die Lippen.<\/p>\n<p>Irgendwann kam die Stimme hervor und wurde lebendig, sie las mit br\u00fcchiger Stimme:<\/p>\n<p>Gedanken<br \/>\nGedanken wanken<br \/>\nschwanken<br \/>\nGedanken \u00fcber Sachen<br \/>\ndie meist nur<br \/>\nSorgen machen<br \/>\nGedanken verbinden<br \/>\nSeelen und Herzen<br \/>\ndas bringt nur unn\u00f6tige Schmerzen<br \/>\nGedanken<br \/>\nk\u00f6nnen b\u00f6se sein<br \/>\ndoch manche schrei\u2018n:<br \/>\n\u201eerl\u00f6se, erl\u00f6se\u201c<br \/>\nH\u00fcte deine Gedanken,<br \/>\nh\u00fcte sie gut<br \/>\nverrate damit<br \/>\nkeinen Mut<br \/>\nDeine Gedanken sind noch rein<br \/>\nNun wei\u00dft du es genau<br \/>\nhoffentlich wird das lange<br \/>\nnoch sein<br \/>\nNun wei\u00dft du es genau:<br \/>\nGedanken<br \/>\nschwanken<br \/>\nC.K.<\/p>\n<p>Sie hatte das Gedicht ins Reine geschrieben und ihre Initialen darunter gesetzt, was mir wie ein Zeichen eines nicht unbedeutenden Selbstbewusstseins vorkam.<br \/>\nSp\u00e4ter hat sie es mich abschreiben lassen.<br \/>\n\u201eConny, das ist gut, sehr gut sogar!\u201c, platzte ich heraus, und legte nun doch meine Hand auf ihre Schulter.<br \/>\n\u201eWirklich, meinen Sie?\u201c<br \/>\n\u201eJa, meine ich, du kannst was, es klingt so gut und ist so tief, ich glaube, ich verstehe, was du sagen willst!\u201c Was gibt es da zu verstehen, sie sagt es ja.<br \/>\nGott, wie schrecklich primitiv ausgedr\u00fcckt, aber mir gefielen diese Zeilen wirklich.<br \/>\n\u201eConny, ich w\u00fcrde es so gerne noch einmal h\u00f6ren, ich hab mir nicht alles gemerkt, magst du es noch einmal vorlesen?\u201c<\/p>\n<p>Wenn man bei einem jungen Greisengesicht von Strahlen reden k\u00f6nnte, w\u00e4re es das jetzt gewesen.<br \/>\nGehorsam wie eine Sch\u00fclerin fing sie noch einmal von vorne an, und ihre Stimme gewann zunehmend an St\u00e4rke und Sicherheit.<br \/>\nSie begann zu intonieren und zu modulieren, versuchte sich in ungeh\u00f6rten T\u00f6nen. Wahrscheinlich hatte sie das Gedicht selbst noch nicht laut geh\u00f6rt und wunderte sich \u00fcber den Klang und den Rhythmus. Sie schaute von unten auf mich herauf und blinzelte mir fragend zu: \u201eGut so?\u201c, ja gut, blinzelte ich zur\u00fcck.<br \/>\nSie las es ebenso sehr zu ihrem wie zu meinem Trost, und die Sch\u00f6nheit der Sprache brachte uns beiden am Vorheiligabend im Krankenhaus Hoffnung und Frieden. Vor dem Fenster hatte es zu schneien begonnen. Die Flocken fielen schr\u00e4g zwischen die B\u00e4ume und B\u00fcsche des Anstaltsparks.<\/p>\n<p>Es klopfte kurz an der T\u00fcr, und eine Schwester schwebte lautlos wie ein Weihnachtsengel herein.<br \/>\nEssensausgabe.<br \/>\n\u201eBitte Schwester, bringen Sie mir mein Tablett hierher, wir essen gemeinsam, Conny und ich.\u201c<br \/>\n\u201eGerne, bin gleich zur\u00fcck.\u201c<br \/>\nInzwischen bl\u00e4tterte Conny in ihrem Heft, vor und zur\u00fcck, die Zungenspitze zwischen den Lippen.<br \/>\n\u201eWollen Sie noch eins h\u00f6ren? Das da ist, glaub ich, auch nicht schlecht.\u201c Ich h\u00f6rte ihr zu.<\/p>\n<p>Fast unbemerkt hatte sie zu essen angefangen, langte zuerst nach einer halben Buttersemmel, dann kamen ein Alma-Eckerlk\u00e4s, auf die Schnitte Schwarzbrot eine Scheibe Emmentaler mit zwei Sorten Wurst, ein hartes Ei, einen Paradeiser und ein Gurkerl drauf; die zweite Semmelh\u00e4lfte mit Honig, dann ein Linzer Auge, das zweite nahm sie von meinem Teller, zu dem allen ges\u00fc\u00dfter Tee. Das \u00fcbliche Krankenhausabendessen ab vier Uhr nachmittags. Wenn auch nur aus dem Augenwinkel, es entging mir nicht, dass sie selbstvergessen die runden Marmeladel\u00f6cher zwischen den Keksscheiben mit der Zungenspitze auszulecken begann. Sie kehrte zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Am liebsten h\u00e4tte ich alle \u00c4rzte, Schwestern, Therapeuten, Pfleger, Zimmernachbarn und Portiere zusammengetrommelt, denn das hatten sie in den letzten zwei Jahren noch nicht gesehen.<\/p>\n<p>Die Party am 24. Dezember fand statt, f\u00fcr Connys Geburtstag und Weihnachten. Scharen von Besuchern, Familien und Freunden f\u00fcllten den Aufenthaltssaal und feierten mit.<br \/>\nConny las einige ihrer Gedichte vor, mit fester Stimme und einem rosigen Hauch auf den Wangen, vom Publikum begeistert beklatscht. Sie war sch\u00f6n, sie war ein Star.<\/p>\n<p>Conny war ein M\u00e4dchen mit gro\u00dfartigem Mut. Als ich das letzte Mal von ihr h\u00f6rte, hatte sie das Psychologie-Studium beendet und begann eine Ausbildung auf der Psychosomatik.<\/p>\n<p>16.12.16<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 16176<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>f\u00fcr C.K. Ich lernte Conny zwei Wochen vor Weihnachten kennen, als wir beide Patienten auf der psychosomatischen Station des AKH waren. Conny war ein viel besch\u00e4ftigtes M\u00e4dchen; sie zeichnete Selbstportr\u00e4ts, malte Aquarelle, schrieb kleine Geschichten und Gedichte. 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