{"id":5779,"date":"2016-12-30T12:38:04","date_gmt":"2016-12-30T12:38:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5779"},"modified":"2017-02-28T07:09:46","modified_gmt":"2017-02-28T07:09:46","slug":"die-kueche-liegt-auf-der-strasse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5779","title":{"rendered":"Die K\u00fcche liegt auf der Stra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5779&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5779&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>An einem warmen Nachmittag im Mai des Jahres 2014 ging Peter Gruber den Wiener Donaukanal entlang, um sich die Kunstwerke dort anzusehen. Er hielt zwar nicht viel von Graffiti, doch die Unerm\u00fcdlichkeit, mit welcher die Sprayer alte Werke \u00fcbermalten, um neue auf der dann einfarbigen Grundierung zu erschaffen, faszinierte ihn.<br \/>\n\u2018Was ist ein Bankraub gegen die Gr\u00fcndung einer Bank\u2019, las er auf einem Plakat, das jemand achtlos auf ein Graffito geklebt hatte. Peter schmunzelte, hatte er doch mit der Uners\u00e4ttlichkeit der Banken seine Erfahrungen machen m\u00fcssen. Selbst als er kein Geld mehr besessen hatte, war er von ihnen verfolgt worden, sowohl gerichtlich als auch pers\u00f6nlich, hatte ihm doch eine Bank tats\u00e4chlich einen Geldeintreiber nach Hause geschickt.<\/p>\n<p>Gruber genoss diesen Tag. Er sa\u00df auf einer Bank und sah den Schiffen beim Vorbeifahren zu, er beobachtete die M\u00f6wen und Kormorane, die sich auf der Wasseroberfl\u00e4che niederlie\u00dfen, sobald sich diese wieder beruhigt hatte, und auch die Menschen, die in gro\u00dfer Zahl an ihm vorbeischlenderten.<br \/>\nDa er nichts Besseres zu tun hatte, tat er es ihnen gleich und spazierte den Kanal entlang. Die Graffiti wurden weniger, und schlie\u00dflich gab es keine mehr zu bewundern, also richtete Peter seine Aufmerksamkeit auf den sandigen Streifen neben dem asphaltierten Weg.<\/p>\n<p>Es dauerte nicht lange, und er entdeckte eine Gabel, die jemand achtlos weggeworfen hatte. Sie war zwar aus Metall gefertigt, doch \u00e4u\u00dferst unsauber gearbeitet. Die Zinken waren stumpf und ihre Kanten nicht abgerundet, doch war sie des Weggeworfenwerdens nicht wert. Peter legte die Gabel in seinen Rucksack, den er beim Spazierengehen stets auf dem R\u00fccken trug.<br \/>\nEr fragte sich, was wohl in Menschen vorgehen mochte, die Gabeln auf Wege warfen, die auch von Kindern und Hunden begangen wurden. Eine alte Frau hatte ihn beobachtet und lobte ihn daf\u00fcr, dass er die Gabel an sich genommen hatte. Er geh\u00f6rte offenbar nicht der modernen Wegwerfgesellschaft an.<\/p>\n<p>Peter schlenderte weiter und wurde zum ersten Mal in seinem Leben Zeuge eines erbitterten Luftkampfes. Zwei Nebelkr\u00e4hen, die wohl auf einem der B\u00e4ume neben dem Kanal nisteten, hatten offenbar eine gut gen\u00e4hrte Taube als ihre Abendmahlzeit auserkoren und machten Jagd auf den kleineren Vogel. Sie stie\u00dfen immer wieder auf die Taube herab, die ihre Rettung in der Flucht suchte, denn Gelegenheiten in Deckung zu gehen gab es an dieser Stelle keine. Das Ende der Taube schrieb Peter eher einem Unfall zu denn der gewieften Jagdtechnik der Kr\u00e4hen. In offenbar gro\u00dfer Panik sch\u00e4tzte die Taube n\u00e4mlich sowohl ihre eigene Fluggeschwindigkeit als auch die Distanz zu einem Br\u00fcckenpfeiler falsch ein und flog gegen diesen.<br \/>\nPeter eilte zu dem verletzten Vogel, hob ihn hoch und wollte gerade ein paar beruhigende Worte sprechen, als dieser sein Leben aushauchte. Er blickte um sich, und da ihn niemand beobachtete, legte er die Taube in seinen Rucksack.<\/p>\n<p>Peter Grubers Jagdfieber war erwacht. Er hatte eine Gabel und eine fette Taube. In Gedanken fertigte er eine Liste von Dingen an, die er nun noch brauchte. Ein Grillrost stand auf dieser Liste an erster Stelle.<br \/>\nDa das Grillen am Donaukanal verboten war, war er gezwungen, sich zur Donauinsel zu begeben. Auf dem Weg dorthin war er ein weiteres Mal vom Gl\u00fcck beg\u00fcnstigt. In einem verrufenen Viertel fand er eine Geldb\u00f6rse auf dem Gehsteig. Er \u00f6ffnete sie, und da er in ihrem Inneren keinen Hinweis auf den Besitzer finden konnte, nahm er die einhundertzwanzig Euro, die darin waren, an sich.<\/p>\n<p>Auf der Donauinsel bot sich Peter ein \u00e4hnliches Bild wie beim Donaukanal. Viele Menschen spazierten, lie\u00dfen ihre Hunde frei laufen und einige spielten sogar Fu\u00dfball. Es gab etliche Grillpl\u00e4tze, die gut besucht waren, und noch mehr Grillende, die ihre zumeist runden Grills selbst mitgebracht hatten. Auf den Rost eines solchen Kugelgrills hatte er es abgesehen. Ein Blick zum Himmel machte ihn sicher, dass das Gl\u00fcck an diesem Tag auf seiner Seite war. Dunkle Wolken am Horizont verhie\u00dfen Regen, was bedeutete, dass die grillenden Menschen die Insel bald fluchtartig verlassen w\u00fcrden. Er brauchte also blo\u00df abzuwarten, um zu seinem Rost zu kommen.<\/p>\n<p>Den zweiten Posten auf seiner Liste, Grillkohle, w\u00fcrden sie vermutlich ebenfalls zur\u00fccklassen, und zwar in einem Papiersack, was bedeutete, dass er genug Material, n\u00e4mlich Papier, zum Anz\u00fcnden haben w\u00fcrde.<br \/>\nNun brauchte er noch ein Messer, um die Taube ausnehmen zu k\u00f6nnen, ein Feuerzeug oder Streichh\u00f6lzer und ein paar Gew\u00fcrze.<br \/>\nPeter Gruber ging zu den Daubeln, fest mit dem Ufer verbundene schwimmende Fischerh\u00fctten, und suchte in deren Umgebung das Unterholz nach den noch ben\u00f6tigten Dingen ab. Ein oranges Stanleymesser, das er in der N\u00e4he der dritten Daubel fand, erschien ihm f\u00fcr seine Zwecke ausreichend, zumal die Klinge beinahe neuwertig war. Er entfernte den von Rost befallenen ersten Teil der Abbrechklinge ab und steckte das Messer in die Seitentasche seines Rucksacks.<\/p>\n<p>Kurz dachte er daran, in eine der H\u00fctten einzusteigen, um sich Gew\u00fcrze zu beschaffen, doch verwarf der diesen Gedanken rasch wieder. Er war zwar arm, aber kein Dieb, und schon gar kein Einbrecher. Er beschloss, mit den Gew\u00fcrzen bis zum Schluss zu warten. Er hatte zwar das Geld aus der gefundenen B\u00f6rse bei sich, doch wollte er nicht in einen Supermarkt gehen und Gew\u00fcrze kaufen &#8211; dies h\u00e4tte Peters Sammlungsergebnis f\u00fcr diesen Tag zu stark beeinflusst.<br \/>\nEr wanderte eine Stunde auf der Donauinsel umher, fand ein Feuerzeug, das zwar wenig Gas in sich hatte, aber noch brauchbar war. Dann setzte ein starker Platzregen ein, und wie von ihm vorausgesehen, verlie\u00dfen die Grillenden die Insel.<br \/>\nPeter fand einen Sack Grillkohle, der noch gen\u00fcgend Brennmaterial f\u00fcr das Grillen der Taube beinhaltete, und einen runden Rost, der auf einigen aufgeschichteten Ziegelsteinen lag.<br \/>\nZufrieden mit diesem Tag machte er sich auf den Weg in sein Zuhause. Den Rost trug er in seiner linken Hand, den Rest im Rucksack.<\/p>\n<p>Zu Hause erwartete ihn seine Frau, bei und von der er lebte, bereits. Sie stand im Vorzimmer ihrer ger\u00e4umigen Wohnung und hielt einen gro\u00dfen schwarzen M\u00fcllsack ge\u00f6ffnet in ihren H\u00e4nden.<br \/>\nSeufzend leerte Peter Gruber den Inhalt seines Rucksacks in den M\u00fcllsack und warf den Grillrost ebenfalls hinein.<br \/>\nMit der Information ausgestattet, dass es sich bei ihm um einen unverbesserlichen Geizkragen handelte und er endlich sowohl seinen Therapeuten als auch das Arbeitsamt aufsuchen sollte, folgte er seiner Frau ins Esszimmer, auf dessen Tisch bereits ein dampfender Kalbsbraten stand.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #333333;\"><a style=\"color: #333333;\" title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a><\/span> |Inventarnummer: 17020<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem warmen Nachmittag im Mai des Jahres 2014 ging Peter Gruber den Wiener Donaukanal entlang, um sich die Kunstwerke dort anzusehen. 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