{"id":5774,"date":"2016-12-30T09:00:08","date_gmt":"2016-12-30T09:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5774"},"modified":"2017-02-28T07:09:24","modified_gmt":"2017-02-28T07:09:24","slug":"dorfgefluester","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5774","title":{"rendered":"Dorfgefl\u00fcster"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5774&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5774&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es war eine kalte, neblige Novembernacht, die Greta Schinagl sich ausgesucht hatte, um auf den Kugelberg zu gehen. Dorthin war sie schon immer gegangen, wenn Probleme sie belastet hatten. Die Ruhe, die der Wald ausstrahlte, hatte ihr viele Male dabei geholfen, ihre Gedanken zu ordnen und L\u00f6sungen zu finden.<br \/>\nGreta ging durch den Wald und dachte an ihre Tochter Maria, die von allen Mitzi genannt wurde. Diese hatte ihr nur Stunden vor dem Spaziergang er\u00f6ffnet, dass sie Hans Maier, ihren Verlobten, verlassen und an Peter Meisters Seite wechseln w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Greta war bestimmt keine konservative Frau, die eine solche Nachricht aus der Bahn geworfen h\u00e4tte, doch war Hans Maier nicht Mitzis erster Verlobter gewesen. Zuvor hatte sie Martin Schuster, Alois M\u00f6stl und Walter Mierz ihre Verlobungsringe zur\u00fcckgegeben. Das ganze Dorf wusste \u00fcber Mitzis Umtriebigkeit in Liebesangelegenheiten Bescheid, und das belastete Greta, die stets um Diskretion bem\u00fcht war.<br \/>\nHinter vorgehaltener Hand wurde Mitzi der Liederlichkeit bezichtigt, auch wenn es nat\u00fcrlich so war, dass sich etliche junge M\u00e4nner Hoffnungen machten, mit dem attraktiven Fr\u00e4ulein zusammenzukommen.<\/p>\n<p>Als Greta Schinagl sich einer alten Buche n\u00e4herte, an deren Stamm gelehnt sie gerne verweilte, f\u00fchlte sie, dass etwas anders war als sonst. Sie war nicht alleine im Wald. Sie h\u00f6rte das Brechen von Zweigen auf dem Waldboden und bald sah sie eine kleine Frau auf sich zukommen. Eine Wolke gab den Vollmond frei und sie erkannte, dass es sich bei der Frau um Waltraud Klinger handelte.<br \/>\nDiese war im Dorf als eine Frau bekannt, die \u00fcber magische Kr\u00e4fte verf\u00fcgte. Sie hatte mit ihrer Zauberkunst schon vielen Menschen geholfen, doch hatten die Leute auch Angst vor ihr. Sie f\u00fcrchteten n\u00e4mlich, dass Waltraud ihre Magie gegen sie einsetzen k\u00f6nnte, wenngleich die friedliebende Hexe nie in Streitigkeiten verwickelt war.<\/p>\n<p>\u201eKalt ist es heute\u201c, stellte Waltraud fest.<br \/>\n\u201eJa, Waltraud, das ist es\u201c, pflichtete ihr Greta bei und seufzte.<br \/>\n\u201eMitzi hat wohl wieder einen Neuen. Oder bist du aus einem anderen Grund in den Wald gegangen?\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df nicht, was mit meiner Tochter los ist!\u201c, rief Greta.<br \/>\n\u201eIch k\u00f6nnte dir helfen.\u201c<br \/>\n\u201eWie denn? Bei Mitzi ist doch Hopfen und Malz verloren!\u201c<br \/>\n\u201eIch habe einen neuen Zauberspruch formuliert, der deine Tochter auf den rechten Weg zur\u00fcckbringen wird. Allerdings verlange ich eine Gegenleistung.\u201c<br \/>\n\u201eIch habe nicht viel Geld, Waltraud, aber was ich dir geben kann, sollst du erhalten.\u201c<\/p>\n<p>Die Hexe winkte ab, Geld interessierte sie nicht. Sie fl\u00fcsterte in Gretas Ohr, was ihr Hexenlohn werden sollte.<br \/>\n\u201eNein!\u201c, entfuhr es Greta. \u201eDas Rezept f\u00fcr meine Haferkekse ist ein uraltes Familiengeheimnis. Ich kann es dir einfach nicht geben.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist sehr schade, vor allem f\u00fcr deine Tochter.\u201c<br \/>\n\u201eWof\u00fcr brauchst du es denn? Du bist doch eine Hexe. Dir muss es doch ein Leichtes sein, dieses Geb\u00e4ck auf den Tisch zu zaubern.\u201c<br \/>\n\u201eDas mag schon sein, doch hexe ich niemals f\u00fcr mich selbst. Ich finde, dass sich das nicht geh\u00f6rt.\u201c<br \/>\n\u201eKann ich dir etwas anderes geben?\u201c<br \/>\n\u201eNein, Greta. Ich will das Rezept. Das kann doch nicht zu viel verlangt sein &#8211; als Gegenleistung daf\u00fcr, dass Mitzi endlich ein normales Leben f\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<p>Greta Schinagl \u00fcberlegte zwei Minuten, und schlie\u00dflich willigte sie ein.<br \/>\nWaltraud murmelte den Zauberspruch, w\u00e4hrend Mitzis Mutter das Rezept auf ein Blatt Papier schrieb, das sie in ihrer Jackentasche gefunden hatte.<br \/>\nZwei Tage sp\u00e4ter besuchte Mitzi ihre Mutter.<br \/>\n\u201eMama, ich habe beschlossen, Hans doch zu heiraten. Ich wei\u00df nicht, welcher Teufel mich geritten hat, ihn zu verlassen.\u201c<br \/>\nGreta lachte innerlich. Sie wusste sehr wohl, was der Grund f\u00fcr den Sinneswandel ihrer Tochter war.<br \/>\n\u201eEs freut mich sehr, dass du Hans nicht verl\u00e4sst, Mitzi. Er ist ein netter Mann, und ihr werdet bestimmt gl\u00fccklich.\u201c<\/p>\n<p>Die Nachricht machte rasch die Runde im Dorf, und von einem Tag auf den anderen wurde nicht mehr schlecht \u00fcber Mitzi Schinagl geredet.<br \/>\nIn D\u00f6rfern ist es oft so, dass ein Mensch schnell die Gunst der anderen verliert, doch wenn sich eine Kleinigkeit \u00e4ndert, wenn er den Vorstellungen der anderen pl\u00f6tzlich entspricht, ist er wieder wohlgelitten &#8211; obwohl er derselbe Mensch ist.<\/p>\n<p>Drei Wochen nach der Hochzeit von Mitzi und Hans pochte es an Greta Schinagls Haust\u00fcre.<br \/>\nDie Hexe stand davor und rief: \u201eDu hast mich betrogen!\u201c<br \/>\n\u201eIch habe dich nicht betrogen, Waltraud\u201c, antwortete Greta.<br \/>\n\u201eDoch, das hast du! Die Haferkekse wollen mir einfach nicht gelingen. Du hast mir bestimmt eine Zutat verschwiegen!\u201c<br \/>\nSie hielt Greta das Rezept vor die Nase. Greta las, was sie geschrieben hatte.<br \/>\n\u201eEs tut mir leid, Waltraud. Ich habe das Rezept so aufgeschrieben, wie meine Gro\u00dfmutter es mir damals \u00fcberliefert hat.\u201c<br \/>\n\u201eIch glaube dir nicht!\u201c, rief die Hexe. \u201eAus diesem Grund sehe ich mich gezwungen, die Wandlung deiner Tochter zum Guten hin r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen.\u201c<br \/>\n\u201eNein, Waltraud, das darfst du nicht tun! Was soll dann aus dem armen Kind werden?\u201c<br \/>\n\u201eDas ist mir gleichg\u00fcltig, Greta!\u201c<\/p>\n<p>Die Hexe lief davon, und Greta lag die ganze Nacht wach im Bett. Die Sorge um die Zukunft ihrer Tochter lie\u00df sie keinen Schlaf finden.<br \/>\nWaltraud Klinger machte ihre Ank\u00fcndigung nicht wahr &#8211; wenigstens nicht auf die Art und Weise, die Mitzi in alte Verhaltensmuster h\u00e4tte zur\u00fcckfallen lassen.<br \/>\nMitzi erwachte am n\u00e4chsten Morgen und lief, nachdem sie ihr Spiegelbild gesehen hatte, zu ihrer Mutter.<br \/>\n\u201eUm Himmels willen! Was ist mit dir geschehen, mein Kind?\u201c, stie\u00df Greta entsetzt hervor, als sie ihre Tochter sah.<br \/>\n\u201eIch wei\u00df nicht, wovon du sprichst, Mama\u201c, gab Mitzi sarkastisch zur\u00fcck. \u201eMir war eben danach, mir \u00fcber Nacht einen Buckel wachsen zu lassen. Auch die beiden Warzen auf meiner Nase stehen mir gut, findest du nicht?\u201c<br \/>\nDann brach sie in Tr\u00e4nen aus.<\/p>\n<p>Greta ergriff ihre Hand.<br \/>\n\u201eDas ist meine Schuld, Mitzi.\u201c<br \/>\n\u201eWas hast du getan, Mama?\u201c<br \/>\nGreta erz\u00e4hlte ihr von dem Abend im Wald.<br \/>\n\u201eHast du Waltraud denn das richtige Rezept gegeben?\u201c<br \/>\n\u201eJa, Mitzi, das habe ich. Ich wei\u00df nicht, warum sie es nicht fertigbringt, danach zu backen.\u201c<br \/>\n\u201eWas soll ich denn jetzt machen?\u201c, fragte Mitzi verzweifelt. \u201eSo, wie ich aussehe, werde ich zum Gesp\u00f6tt des Dorfes!\u201c<br \/>\n\u201eIch verspreche dir, dass ich eine L\u00f6sung finden werde\u201c, sagte Greta Schinagl und verlie\u00df das Haus.<\/p>\n<p>Atemlos pochte sie an Waltraud Klingers T\u00fcre.<br \/>\nDie Hexe \u00f6ffnete und sagte: \u201eGef\u00e4llt dir deine Tochter, so wie sie nun aussieht?\u201c<br \/>\n\u201eWaltraud\u201c, rief Greta, \u201eich habe dich nicht betrogen!\u201c<br \/>\nDoch die Hexe hatte kein Interesse daran, das Gespr\u00e4ch weiterzuf\u00fchren.<br \/>\n\u201eIn zwei Tagen kannst du wiederkommen, Greta! Dann sehen wir weiter.\u201c<\/p>\n<p>Mitzis ver\u00e4ndertes Aussehen blieb niemandem im Dorf verborgen. Ger\u00fcchte machten bald die Runde. Die junge Frau w\u00e4re ihrem Verlobten untreu gewesen, und der Fluch die Strafe daf\u00fcr. Ein anderes besagte, Mitzis Schwiegermutter h\u00e4tte die Verwandlung bewirkt, um ihr eine Lektion zu erteilen &#8211; wof\u00fcr, das sagte die Person, die das Ger\u00fccht in die Welt gesetzt hatte, nicht dazu.<br \/>\nZwei Tage sp\u00e4ter stand Greta Schinagl erneut vor Waltraud Klingers Haust\u00fcre.<br \/>\n\u201eWaltraud, bist du nun bereit zu reden?\u201c<br \/>\n\u201eKomm herein, Greta.\u201c<\/p>\n<p>Sie nahmen am K\u00fcchentisch Platz, auf welchem die Hexe die Zutaten f\u00fcr die Haferkekse vorbereitet hatte.<br \/>\n\u201eEs wird wohl das Beste sein, wenn du sie vor meinen Augen zubereitest, Greta. Ich werde mir einpr\u00e4gen, was du machst und wie du es machst, und dann backe ich die Kekse vor deinen Augen.\u201c<br \/>\n\u201eEinverstanden\u201c, sagte Greta und machte sich an die Arbeit.<br \/>\nNachdem die Kekse ausgek\u00fchlt waren, kosteten die beiden Frauen davon.<br \/>\n\u201eSie schmecken so, wie deine Haferkekse immer geschmeckt haben\u201c, stellte Waltraud fest. \u201eNun backe ich welche.\u201c<br \/>\nGreta sah der Hexe dabei zu, ohne ein Wort zu sagen.<br \/>\nWaltrauds Kekse schmeckten grauenhaft.<br \/>\n\u201eAlso, Greta, welchen Fehler habe ich gemacht?\u201c<br \/>\n\u201eHandwerklich hast du alles richtig gemacht, Waltraud.\u201c<br \/>\n\u201eWoran liegt es dann?\u201c<br \/>\n\u201eDu hast die Haferkekse ohne Liebe zubereitet. Alles was man macht, muss man mit Liebe machen. Versuch es noch einmal.\u201c<\/p>\n<p>Die Hexe machte sich erneut ans Werk, und siehe da, diese Kekse schmeckten vorz\u00fcglich.<br \/>\n\u201eWirst du nun den Fluch von Mitzi nehmen?\u201c<br \/>\n\u201eJa, das werde ich.\u201c<br \/>\nSie sprach eine magische Formel, und Mitzi war wieder so sch\u00f6n wie sie zuvor gewesen war.<br \/>\nErneut machten Ger\u00fcchte die Runde, doch dieses Mal sorgte Greta Schinagl daf\u00fcr, dass sie schnell verstummten.<\/p>\n<p>Beinahe alle Dorfbewohner waren im gro\u00dfen Bierzelt auf der Festwiese versammelt, als Greta die B\u00fchne erklomm und folgende Worte an die Anwesenden richtete: \u201eLiebe Mitb\u00fcrger! Ich wei\u00df, dass ihr euch fragt, was es mit Mitzis Verwandlung und R\u00fcckverwandlung auf sich hat. Nun, ich kann euch versichern, dass alles in Ordnung ist.<br \/>\nIch war erstaunt, wie sehr ihr euch f\u00fcr meine Tochter interessiert habt, und daf\u00fcr danke ich euch. Nein, bitte seid nicht betreten und senkt eure Blicke nicht! Ich meine das ehrlich. Da habe ich gef\u00fchlt, wie viel Liebe in euch steckt. So viel Liebe, wie ihr auf das Erfinden von Ger\u00fcchten verwendet habt, habe ich selten erlebt.<br \/>\nVielen Dank daf\u00fcr! Ich bin mir nicht sicher, ob sich das geh\u00f6rt, doch habe ich eine Bitte an euch: Legt in Zukunft einfach die selbe Liebe in alles, was ihr macht, also in reale Dinge! Danke!\u201c<\/p>\n<p>Das hatte gesessen. \u00dcber Mitzi wurde nicht mehr gesprochen, und auch andere Dorfbewohner und deren Taten wurden nicht mehr zu Zielen des Argwohns, des Spottes oder gar der L\u00fcge.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #333333;\"><a style=\"color: #333333;\" title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a><\/span> |Inventarnummer: 17019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war eine kalte, neblige Novembernacht, die Greta Schinagl sich ausgesucht hatte, um auf den Kugelberg zu gehen. Dorthin war sie schon immer gegangen, wenn Probleme sie belastet hatten. Die Ruhe, die der Wald ausstrahlte, hatte ihr viele Male dabei geholfen, ihre Gedanken zu ordnen und L\u00f6sungen zu finden. 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