{"id":5766,"date":"2016-12-29T06:53:00","date_gmt":"2016-12-29T06:53:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5766"},"modified":"2017-02-23T09:01:18","modified_gmt":"2017-02-23T09:01:18","slug":"mahlzeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5766","title":{"rendered":"Mahlzeit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5766&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5766&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Gestern hatte ich meinen Lieblingsmenschen bei mir zu Hause. Ich hatte diesen Menschen zum Abendessen eingeladen.<br \/>\nIch darf sagen, dass ich zeit meines Lebens Freude am Kochen gehabt habe. Es hat mich entspannt, das Kochen. Und dieses gestrige Abendessen sollte die Kr\u00f6nung meiner Leistungen hinsichtlich der Zubereitung k\u00f6stlicher Abendmahle werden, und es wurde f\u00fcrwahr die Kr\u00f6nung.<\/p>\n<p>Mein Lieblingsmensch kam p\u00fcnktlich, und wir nahmen einen Aperitif im Stehen ein, an meiner Bar in meinem ger\u00e4umigen Wohnzimmer.<br \/>\nIn diesen Aperitif tat ich eine Prise Paracetamol und auch eine geringe Menge vom besten bolivianischen Kokain, das beste, und leider auch teuerste, Kokain, das ich in meinem Leben genossen habe.<\/p>\n<p>Ich kann sagen, dass ich f\u00fcr dieses Abendessen weder Kosten, was die hochpreisigen Zutaten anlangt, noch M\u00fchen hinsichtlich der Beschaffung ebendieser Ingredienzien gescheut habe. Und darauf, also auch auf mich, bin ich f\u00fcrwahr stolz. Jawohl. Heute bin ich zum ersten Mal in f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahren stolz auf mich, und dieses Gef\u00fchl des Stolzes werde ich f\u00fcr die restliche Lebenszeit, die mir verbleibt, auskosten. Also f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Stunden.<\/p>\n<p>Ich muss erw\u00e4hnen, dass ich dem Aperitif, den wir aus meinen guten Lobmeyr-Gl\u00e4sern genossen haben, auch eine geringe Menge des Giftes des Inlandtaipans zugesetzt habe, jedoch wirklich sehr wenig davon, denn die Wirkung dieses Stoffes, n\u00e4mlich das Blut stocken, es verklumpen zu lassen, wollte ich keinesfalls erzielen. Ich wollte lediglich sicherstellen, dass der Geschmack des Aperitifs nicht unter dem Fehlen einer essenziell wichtigen Substanz leidet.<br \/>\nDie Gegenmittel, die ich zuvor, in vielf\u00e4ltiger Art und reichlicher Menge, eingenommen hatte, taten mir gut.<\/p>\n<p>Nach dem Aperitif wechselten wir in meinen Speisesaal, an dessen W\u00e4nden ich meine durchaus beeindruckende Sammlung geladener Schrotflinten h\u00e4ngen habe, und ich bereitete uns ein Carpaccio.<br \/>\nDie Blaubandkraken f\u00fcr das Carpaccio zu beschaffen, hatte sich als \u00e4hnlich schwierig erwiesen wie die Beschaffung des Inlandtaipans f\u00fcr den Aperitif. Der Blaubandkrake mundete meinem Lieblingsmenschen sehr, mir im \u00dcbrigen ebenfalls, auch die marinierten St\u00fcckchen vom Wei\u00dfen Knollenbl\u00e4tterpilz harmonierten mit dem Aroma des Kopff\u00fc\u00dfers.<\/p>\n<p>Wir a\u00dfen von meinen guten Tellern aus Meissener Porzellan und mit meinem silbernen Besteck. Als Servietten w\u00e4hlte ich frisch abgezogene Haut der Gila-Krustenechse, als optischen Kontrast zum wei\u00dfen Tischtuch aus Leinen feinster Mail\u00e4nder Provenienz.<\/p>\n<p>Nach dem Carpaccio vom Blaubandkraken reichte ich eine klare Suppe, die ich aus Schierling und ger\u00f6steten schwarzen Tollkirschen gekocht hatte, eine am Gaumen sich wunderbar entwickelnde Kombination. Ich bot meinem Lieblingsmenschen an, eine Einlage in die Suppenteller zu legen, ich hatte Kn\u00f6del aus der Leber eines Eisb\u00e4ren vorbereitet, doch schlug mein liebes Gegen\u00fcber dieses Angebot aus, da mein Lieblingsmensch offensichtlich gesundheitliche Schwierigkeiten hatte, welche sich durch dicke Schwei\u00dfperlen auf seiner Stirn bemerkbar machten, ebenso durch vernehmliche und \u00fcbel riechende Winde.<br \/>\nIch f\u00fcr meinen Teil hatte derartige Schwierigkeiten nicht, obwohl ich festhalten muss, dass die Raumtemperatur in meinem Speisesaal mir durchaus auch Ungemach in Form dicker Schwei\u00dfperlen bereitete.<\/p>\n<p>Nach einer kurzen Essenspause, in der wir eine selbstgedrehte Zigarette mit bestem marokkanischem Haschisch rauchten, servierte ich Steaks, scharf angebraten, also innen noch beinahe roh, aus den feinsten St\u00fccken des Komodowarans, also aus dessen Zahnfleisch und Zunge. Meinem Gast mundeten die Steaks sehr, ebenso die ged\u00fcnsteten Bl\u00e4tter der Engelstrompete, die ich als Beilage reichte.<br \/>\nAls Snack, also als kleinen Zwischengang, reichte ich scharf angebratene Schw\u00e4nze des Gelben Mittelmeerskorpions, wobei ich beim Bratvorgang besonders darauf Acht geben musste, die zarten Reservoire, welche die Essenz der Tiere enthalten, nicht zu zerst\u00f6ren, denn wir nahmen lediglich die Fl\u00fcssigkeit in diesen Reservoiren zu uns, die Stacheln an den Enden der Skorpionschw\u00e4nze benutzten wir als Zahnstocher; sie erwiesen sich f\u00fcr diese Art des Gebrauchs als bestens geeignet.<\/p>\n<p>Meinem Lieblingsmenschen schien es wieder besser zu gehen, und so war ich bereit, den n\u00e4chsten Gang aufzutischen.<br \/>\nEs handelte sich bei diesem um ein leichtes Gulasch vom Schnabeltier, zu welchem ich Kn\u00f6del aus Semmeln und Eisenhut reichte, denn Eisenhut f\u00fcgt sich geschmacklich besser in die Kombination aus Schnabeltiergulasch und Semmelkn\u00f6del, als gew\u00f6hnliche Petersilie dies je zu tun verm\u00f6chte.<\/p>\n<p>Als Dessert reichte ich Marmorkuchen, jedoch kreativ zubereitet, also nicht nach Gro\u00dfmutters altbekanntem Rezept, vielmehr zielgerichtet verfeinert. Der gelbliche Teil des Marmorkuchens verdankte seine Farbe H\u00fchnereiern mit einer Prise Schwefel, der dunkle Teil einem Brei aus Spinnen, um pr\u00e4zise zu sein Schwarzen Witwen, welchen ich St\u00fccke aus der Leber des Kugelfisches beigemengt hatte, den ich im Tropenhaus des Tiergartens Sch\u00f6nbrunn besorgt, also schlicht gestohlen hatte, indem ich ihn einfach aus dem Wasser geholt hatte.<br \/>\nDie Schwarzen Witwen habe ich fein passiert, um zu verhindern, dass ihre Chitinpanzer sich als st\u00f6rende Objekte in den Zahnzwischenr\u00e4umen meines Lieblingsmenschen und in meinen eigenen einlagern.<\/p>\n<p>Nach dem Dessert begann es meinem Lieblingsmenschen sehr schlecht zu gehen. Er erbrach Blut auf mein sch\u00f6nes Tischtuch aus Mailand, und pl\u00f6tzlich verstarb er. Er lag mit seinem Oberk\u00f6rper auf meinem Esstisch und schadete mit seinem nutzlosen Herumliegen der Optik meines sch\u00f6nen Speisesaals.<br \/>\nIch musste ihn beseitigen und brachte ihn in den Schweinestall. Nachdem meine S\u00e4ue ihn restlos aufgefressen hatten, starben die armen Schweine.<br \/>\nNicht wissend, was ich mit den toten Schweinen anstellen sollte, brachte ich sie der K\u00fcche der n\u00e4chsten Volksschule. Als Geschenk, versteht sich.<br \/>\nKinder sollen ja widerstandsf\u00e4hig sein. Oder werden.<\/p>\n<p>Und ich f\u00fcr meinen Teil habe jetzt genug. F\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahre sind doch ausreichend. Die Reste der Gegenmittel habe ich vernichtet und die Reste des gestrigen Abendessens ins Backrohr geschoben. Ich habe Lust auf eine schmackhafte und wirkungsvolle Quiche. Mahlzeit!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #333333;\"><a style=\"color: #333333;\" title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a><\/span> |Inventarnummer: 17017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern hatte ich meinen Lieblingsmenschen bei mir zu Hause. Ich hatte diesen Menschen zum Abendessen eingeladen. Ich darf sagen, dass ich zeit meines Lebens Freude am Kochen gehabt habe. Es hat mich entspannt, das Kochen. 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