{"id":5681,"date":"2016-12-16T10:08:15","date_gmt":"2016-12-16T10:08:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5681"},"modified":"2024-06-26T07:28:51","modified_gmt":"2024-06-26T07:28:51","slug":"andrej-krementschouk","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5681","title":{"rendered":"Andrej Krementschouk"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5681&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5681&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Freistadt im M\u00fchlkreis \/ \u00d6sterreich\u00a0 Festival &#8211; Der Neue Heimatfilm \u2013 28. August 2016<\/em><\/p>\n<p><strong>Andrej Krementschouk<br \/>\n<\/strong>Jahrgang 1973<br \/>\nGeburtsort Gorky, Russland<br \/>\n<em>(Ich habe mir nicht die M\u00fche gemacht, im Atlas nachzusehen, wo Gorky genau liegt.)<\/em><\/p>\n<p>Den russischen Fotografen Andrej Krementschouk kennengelernt. Er steht fest auf dem Boden, in Sandalen und knielanger Hose, aufrecht, kr\u00e4ftig. Da, wo ich herkomme, nennt man so einen ein g\u2018standnes Mannsbild. Ich habe gelesen, er hat in seiner Jugend geboxt. Sein Blick ist gerade, unverstellt, zugewandt. Er schaut direkt in den Raum, auf die Menschen, in die Gesichter, und er sieht. Fassaden durchschaut er, sein Blick geht tiefer, und er ist auf dem Weg zu erkennen, aber beil\u00e4ufig, intuitiv, ohne Absicht, und das ist entscheidend.<\/p>\n<p>Aufrichtig schaut er, ohne zu werten. Er hat schon viel gesehen, vielleicht schon alles, wer kann es wissen, und er hat gelernt, die Menschen, das Leben, die Welt, die Sehns\u00fcchte wie die S\u00fcchte, die Katastrophen, die Waffen, die Maschinen, die Katzen, die Hunde, die Ratten und den Goldfisch so zu nehmen, wie sie eben sind. Dinge passieren, weil sie passieren. Wichtig ist das Beobachten, und Krementschouk kann beobachten. Ihm gelingt es sogar, den entscheidenden Augenblick mit der Kamera festzuhalten und auf Zelluloid zu bannen. Sagt man das heute \u00fcberhaupt noch so? Krementschouks Fotos zeigen einen Ausschnitt aus dem Leben, aus dem wahren, dem unverstellten, dem blo\u00dfen, das bar aller westlicher Illusion ist, in der wir uns ach wie bequem eingerichtet haben: mit unserer Arbeit, unseren Berufen, unserem Wohlstand, unseren sch\u00f6nen Wohnungen und Autos, unserem Fortschritt, unserer Wirtschaft und Industrie, die alle Lebensbereiche steuert &#8211; die Nahrungsproduktion und das Sterben &#8211; , alles muss sich rentieren.<\/p>\n<p>In Krementschouks Fotografien sehe ich das Leben, einfach so, ungesch\u00f6nt und unmittelbar, nackt. Und da f\u00e4ngt es an, mich wieder zu interessieren. Es sind Bilder, in die man eintauchen kann, die mich in den Bann ziehen, wo es so viele Details zu entdecken gibt, die Erinnerungen wecken, Assoziationen schaffen, schmunzeln und sogar lachen lassen, Hoffnungen wecken, aber auch vor der Unausweichlichkeit des Abgrunds nicht Halt machen. Die Neugier des Fotografen ist \u00fcberall zu erkennen. Es ist seine eigene Neugier, die ihn aufbrechen l\u00e4sst, an Orte zu gehen, die anders sind. Seine Heimat Russland, die ich nicht kenne, in der Menschen leben, die ohne F\u00fcrsorge und Vorsorge ihr Auskommen suchen und mitunter nicht finden. In ihren Gesichtern ist so viel zu lesen. Sie machen neugierig auf das Leben, das augenf\u00e4llig schwer ist, aber dennoch so verlockend und unbedingt wert, daran festzuhalten.<\/p>\n<p>Der Fotograf schaut, bevor er durch die Ausstellung f\u00fchrt, beil\u00e4ufig in die Runde. Ich habe das Gef\u00fchl, dass er die aufgesetzten Gesichter durchschaut, derer es viele gibt, er blickt auf das, was jeder gern verbergen m\u00f6chte, und das ist es, was den Menschen ausmacht.<\/p>\n<p>Die Fotografien zeigen weder Kulissen noch Inszenierungen, in denen Menschen posieren. Es sind scheinbar beliebige Momentaufnahmen, in denen so viel Menschliches zu sehen ist. Ich glaube sogar, dass darin alles enthalten ist, was es gibt. Ich w\u00fcsste nicht zu sagen, was fehlt. Es ist das, was man in der Religion seit alters als Seele bezeichnet, und ich kenne kein anderes Wort, das es besser trifft, was ich meine. Krementschouks Bilder sind beseelt. Jeder Winkel, jedes Detail, jede Flasche und jeder Stofffetzen erz\u00e4hlt eine Geschichte. Genauso verh\u00e4lt es sich mit der Haltung des K\u00f6rpers, der Neigung des Kopfs, der Kleidung, ganz zu schweigen von den Gesichtern, dem Mund, den Augen. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes beredt. Der Fotograf zaubert die Seele hervor, die immer und in allem da ist, aber eben erkannt sein will. Im richtigen Augenblick, ich habe mal gelernt, dass man den Kairos nennt, aber wen interessiert so ein Begriff?, im rechten Augenblick dr\u00fcckt der Fotograf ab, l\u00f6st er aus, erwischt die Seele, wie sie gerade unbeobachtet spazieren geht und macht etwas sichtbar, das mich ungemein anspricht.<\/p>\n<p>Krementschouk w\u00e4hlt seine Motive nicht gesch\u00e4ftst\u00fcchtig, wenigstens m\u00f6chte ich das gerne glauben. Er \u00fcberrascht mit einem Schnappschuss, und das Objekt wei\u00df gar nicht, dass es vom Objektiv ausgew\u00e4hlt und festgehalten ist. Welches Gl\u00fcck! Etwas kann nur gelingen, wenn keine Absicht dahinter steckt, wenn es umsonst geschieht, einfach so.<\/p>\n<p>Da ist das Bild mit dem nackten M\u00e4dchen. Der Unterleib steht im beengten Raum eines kleinen Zimmers. Vor dem Oberk\u00f6rper h\u00e4lt es das bekannte Bild mit den drei reitenden Tataren, sicher eine billige Reproduktion. Der Kopf des M\u00e4dchens ist abgeschnitten, so nennt man es doch in der Sprache der Fotografen, wenn etwas nicht im Bild ist. Der Kopf des M\u00e4dchens ist abgeschnitten. Links daneben sitzt die wei\u00dfe Katze auf einem Podest neben dem Fenster, vornehm, adelig, weise, schicksalverhei\u00dfend, sch\u00f6n und lieb, kuschelig, mit aufmerksamem Blick in die Linse. Das Futtersch\u00e4lchen steht vor den nackten Beinen des M\u00e4dchens. Auf der rechten Seite B\u00fcgelbrett und B\u00fcgeleisen. Alles muss seine Ordnung haben. &#8211; Vor dem Fenster ein Vorhang wie beim Theater, golden, zur Seite gezogen. Aber die Szene spielt sich hinter der B\u00fchne ab, mit Blick ins Zimmer. Das Drau\u00dfen, die Stra\u00dfe, die Welt ist ausgesperrt.<\/p>\n<p>Und dennoch ist in diesem Ausschnitt alles, die ganze Welt: die blo\u00dfe Scham des M\u00e4dchens und die wohlfeile Wohnung, bereit f\u00fcr den Mann, der nicht eintritt. Schwer, anstrengend, m\u00fchsam ist es, sich hartn\u00e4ckig bereitzuhalten f\u00fcr den Mann, der nicht kommt, der nicht zu finden ist an diesem Ort, in dieser Stadt, deren Namen ich vergessen habe. Der Fotograf erw\u00e4hnt erkl\u00e4rend, dass die Stadt am Meer liegt, aber an keinem Meer, wo man Urlaub macht, sich beim Schwimmen erfrischt und dem Rauschen lauscht. Es ist ein Meer mit einer U-Bootwerft, in der die M\u00e4nner hart arbeiten und ihre Kr\u00e4fte verbrauchen. Sie vergeuden ihre Kr\u00e4fte f\u00fcr billiges Geld. Sie unterdr\u00fccken ihre Sehnsucht f\u00fcr hart verdienten und geringen Lohn. Was bleibt ihnen anderes \u00fcbrig, als madigen Wodka zu trinken und darin St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck das Leben zu ers\u00e4ufen. Wo ist der Mann zu finden, auf den das M\u00e4dchen mit der Katze Jahr um Jahr sehns\u00fcchtig wartet?<\/p>\n<p>Andere Fotografien erz\u00e4hlen andere Geschichten. Auf ihnen sind Gesichter eingefangen, Gesichter, die noch nicht zur Ikone geworden sind. Gesichter, in denen noch die Sehnsucht funkelt. Die bereit sind, das Gl\u00fcck mit beiden H\u00e4nden zu ergreifen und f\u00fcr immer festzuhalten, wenn es sich denn einmal dazu herablie\u00dfe, sich blicken zu lassen. Menschen, die aufbrechen wollen, und da es keinen rechten Grund und kein wahres Ziel f\u00fcr diesen Aufbruch gibt, n\u00fctzen sie die Gelegenheit zu einer Wallfahrt, die tagelang durch die l\u00e4ndliche Natur und durch D\u00f6rfer f\u00fchrt. Dem Popen ist es nicht wert mitzupilgern, das Ziel vermag ihn nicht mehr zu locken. Wer kann es ihm ver\u00fcbeln?<\/p>\n<p>Milit\u00e4rparaden geben vor, Boten einer besseren Zukunft zu sein. Es ist aufregend, ihnen beizuwohnen. Krementschouk fotografiert die Zuschauer, die auf Absperrungen klettern, auf martialische Denkm\u00e4ler, um einen guten Blick zu haben. Eine Frau im Vordergrund tr\u00e4gt einen gr\u00fcnen Sommermantel mit R\u00fcschen am Kragen, tadellos geb\u00fcgelt. Daneben ein M\u00e4dchen mit dem gleichen Modell bekleidet. Die Gesichter der Zaung\u00e4ste sind freudig, erfrischt, zuversichtlich, vielleicht euphorisch, wenn sie es nicht bereits besser w\u00fcssten.<\/p>\n<p>Menschen sind in Bewegung, eilen und hetzen durch die Stadt, jetzt ist es Moskau, sie haben es wichtig, m\u00fcssen etwas erledigen, ganz dringend. Vielleicht ist es auch eine Sonderzuteilung begehrenswerter G\u00fcter, die es unbedingt zu ergattern gilt, um es leichter, bequemer, genussvoller zu haben. Sie eilen sich, sie hetzen. Und mir wird immer klarer, dass alle danach trachten, das Leben zu sp\u00fcren, so viel wie irgend m\u00f6glich. Sie wollen das Leben zu Gesicht bekommen, es einatmen, es trinken, essen, schmecken, h\u00f6ren, sp\u00fcren, irgendwie und m\u00f6glichst viel davon. Und wenn das Leben nicht zu dir kommt, musst du dich selbst auf den Weg machen, und wenn zuf\u00e4llig einer wie Krementschouk beim Umherschweifen seiner weichen Adleraugen auf dich aufmerksam wird, ist das ein Gl\u00fcck. Er kann den Augenblick einfangen, in dem du dem Leben auf der Spur bist, rastlos, nimmerm\u00fcde.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<span style=\"color: #ff0000;\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> <\/span>| Inventarnummer: 16160<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freistadt im M\u00fchlkreis \/ \u00d6sterreich\u00a0 Festival &#8211; Der Neue Heimatfilm \u2013 28. August 2016 Andrej Krementschouk Jahrgang 1973 Geburtsort Gorky, Russland (Ich habe mir nicht die M\u00fche gemacht, im Atlas nachzusehen, wo Gorky genau liegt.) Den russischen Fotografen Andrej Krementschouk kennengelernt. 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