{"id":5643,"date":"2016-12-12T08:24:25","date_gmt":"2016-12-12T08:24:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5643"},"modified":"2017-02-08T12:13:11","modified_gmt":"2017-02-08T12:13:11","slug":"die-morgen-danach","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5643","title":{"rendered":"Die Morgen danach"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5643&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5643&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Am Morgen des vierzehnten November 2014 erwachte Peter in seinem Einzelbett und wusste gleich, dass etwas anders war als sonst.<br \/>\nDie Sonne schien durch das Fenster. Ihre Strahlen waren ganz anders als in den Tagen davor. Diese Tage waren nebelig und trostlos, schon morgens war klar, dass sie das werden w\u00fcrden. Durch die wabernden grauen Nebelschwaden vermochte die Sonne lediglich in Form von vereinzelten hellgrauen Strahlen zu dringen.<\/p>\n<p>Dieser Morgen jedoch war freundlich. Peter, der es gewohnt war, beim Aufwachen in Ruhe gelassen zu werden, sp\u00fcrte, dass ihm in seinem Bett weniger Platz als gew\u00f6hnlich zur Verf\u00fcgung stand. Schlaftrunken murmelte er einen Morgengru\u00df, erhielt aber keine Antwort.<br \/>\nDass er bestimmt nicht alleine im Bett lag, merkte er an der Hand, die auf seiner linken Schulter lag. Er drehte seinen Kopf aber nicht zur Seite um zu sehen, wem die Hand geh\u00f6rte, es war ihm egal. Er genoss den Moment der W\u00e4rme, die die Hand abgab. Er machte sich nicht allzu viel aus k\u00f6rperlicher N\u00e4he, suchte selten nach ihr. Wenn es sich jedoch ergab, dass er am Morgen in Gesellschaft war, so nahm er diesen Umstand als die Best\u00e4tigung hin, dass seine Verf\u00fchrungsk\u00fcnste wieder einmal eine dankbare Empf\u00e4ngerin gefunden hatten.<\/p>\n<p>Peter war dreiundvierzig Jahre alt. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft hatte er in einer gro\u00dfen, international t\u00e4tigen Bank angefangen und war schnell aufgestiegen, allerdings nur bis in eine bestimmte Ebene der Hierarchie. Eines Tages, nach einer Besprechung, legte ihm der Vorstand f\u00fcr Internationale Gesch\u00e4fte die Hand auf die Schulter und fl\u00fcsterte ihm ins Ohr. Wenn Peter seine Aufgaben als Controller bei zwei gewissen heiklen Auslandsgesch\u00e4ften weniger genau ausf\u00fchrte, lie\u00dfe sich durchaus etwas machen, erfuhr er. Eine andere Abteilung, die Verdreifachung seiner Bez\u00fcge und ein Dienstwagen wurden ihm diskret offeriert. Daraufhin dr\u00fcckte er beide Augen zu, die Gesch\u00e4fte wurden abgeschlossen, und Peter war ein gemachter Mann.<\/p>\n<p>Er lebte in einer luxuri\u00f6s eingerichteten Wohnung, trug die teuersten Anz\u00fcge, und konnte dennoch keine Frau dazu \u00fcberreden, bei ihm zu bleiben. Dies lag an der Art seiner Brautwerbung. Als ein Mann, der sich alles kaufen konnte, ging er davon aus, dass dies auch auf den Bereich des weiblichen Geschlechts zutreffen m\u00fcsste. Wenn er also eine seiner ber\u00fchmten, und bald auch ber\u00fcchtigten, Austernpartys gab, und ihm eine Frau ins Auge gestochen war, z\u00f6gerte er nicht lange, sie dar\u00fcber in Kenntnis zu setzen, was sie sich als seine Frau alles w\u00fcrde leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zwei Frauen hatten sich darauf eingelassen. Die erste, Christina, verlie\u00df ihn nach nur drei Monaten, und auch die zweite, Ludmila, suchte bald fluchtartig das Weite, ohne mit Peter vor den Traualtar getreten zu sein. Er war kein Mann f\u00fcrs Leben, das hatten die beiden schnell herausgefunden. Er arbeitete bis siebzehn Uhr und wollte dann blo\u00df noch seine Ruhe. Dabei ging er sogar so weit, ein zweites Schlafzimmer in seiner Wohnung einzurichten, f\u00fcr die Frau an seiner Seite. An lediglich einem Abend in der Woche standen ihm die Sinne nach Intimit\u00e4t, und nach diesen f\u00fcnfzehn Minuten verlie\u00df er das Schlafgemach, um sich in sein Einzelbett zu legen.<\/p>\n<p>Da keine Frau bei ihm bleiben wollte, obgleich sein Verm\u00f6gen stetig anwuchs, verlegte sich Peter auf das Bestellen per Telefon. Ein Vorstandskollege hatte ihm eine Telefonnummer gegeben, unter welcher man Frauen ordern konnte.<br \/>\nDiese Hinwendung zur k\u00e4uflichen Liebe war der Wendepunkt, was Peters Verh\u00e4ltnis zur k\u00f6rperlichen N\u00e4he anlangte. F\u00fcrchtend um die teuren Gegenst\u00e4nde, die \u00fcberall in seiner Wohnung standen und herumlagen, sah er sich gezwungen, die bestellten Damen, die nur f\u00fcr die ganze Nacht gebucht werden konnten, zu beaufsichtigen. Diesbez\u00fcglich w\u00e4hlte er die einfachste Methode, n\u00e4mlich das Schlafen an der Dame Seite. Da sich viele dieser Damen nach ein wenig W\u00e4rme sehnten, lagen sie eng an Peter geschmiegt, und so kam es, dass er sich allm\u00e4hlich daran gew\u00f6hnte, eine Hand oder gleich einen ganzen K\u00f6rper beim Aufwachen zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Als Bankmanager begriff er diese amour\u00f6sen Episoden als simples Gesch\u00e4ft. Die Frau kam, er bezahlte sie, und nachdem auch der Morgen gekommen war, ging sie wieder. So lebte Peter als reicher und in erotischen Angelegenheiten zufriedener Mann. Im Vorstandssessel seiner Bank sa\u00df er bequem und fest, so fest, dass selbst die ambitioniertesten Versuche \u00fcbelwollender Konkurrenten, ihn aus diesem zu hebeln, ohne Erfolg blieben.<br \/>\nDiese herkulische Anstrengung konnte nur ein einziger Mensch bew\u00e4ltigen, n\u00e4mlich Peter selbst.<\/p>\n<p>Am siebzehnten Juli 2011 hatte er schlie\u00dflich damit begonnen, diese Aufgabe zu erledigen. Ein bankinternes Dokument hatte ihm aufgezeigt, dass ein Konto des gr\u00f6\u00dften Stahlproduzenten des Landes mit einer wahren Unsumme an Schwarzgeld gef\u00fcllt war. In den folgenden Monaten bediente sich Peter mit beiden H\u00e4nden reichlich aus diesem ebenso unersch\u00f6pflichen wie fremden Topf. Eine h\u00fcbsche Segelyacht, einen Porsche und einen Kokoschka sp\u00e4ter war der Spuk vorbei, und Peter stand vor Gericht, vertreten von den besten Anw\u00e4lten des Landes.<\/p>\n<p>Am Morgen des vierzehnten November 2014 konnte sich der noch schlaftrunkene Peter trotz aller Anstrengungen nicht an den Namen der Person erinnern, deren Hand auf seiner linken Schulter lag. Er wusste, dass er diesen Namen am Abend zuvor etliche Male ausgesprochen hatte, doch wollte er ihm nicht einfallen.<br \/>\nSo drehte er seinen Kopf zur Seite, um die Hand zu betrachten. Er erschrak. Hatte er perfekt manik\u00fcrte Damenfinger erwartet, so bot sich ihm nun ein Bild der Armseligkeit. Die Finger waren wulstig und an den Seiten mit Schwielen \u00fcbers\u00e4t, die N\u00e4gel viel zu lang, schmutzig, und einer war sogar eingerissen.<br \/>\nPeter wandte sich um, um zu sehen, wer neben ihm lag.<br \/>\nEr sah eine breite, behaarte Brust und einen Bauch, der Unmengen von Bier und Steaks in sich aufgenommen haben musste. Nun wusste Peter, dass er neben Walter lag. Walter war sein Arbeitskollege in der Spenglerei, und auch nach Dienstschluss teilten sie sich eine Zelle.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um<\/a> |Inventarnummer: 17009<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Morgen des vierzehnten November 2014 erwachte Peter in seinem Einzelbett und wusste gleich, dass etwas anders war als sonst. Die Sonne schien durch das Fenster. 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