{"id":5640,"date":"2016-12-12T08:17:29","date_gmt":"2016-12-12T08:17:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5640"},"modified":"2017-01-21T15:37:19","modified_gmt":"2017-01-21T15:37:19","slug":"ausgekocht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5640","title":{"rendered":"Ausgekocht?"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5640&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5640&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Franz Mierz war zweiundf\u00fcnfzig Jahre alt, als er Wien verlie\u00df. Er fuhr zum Flughafen und bestieg ein Flugzeug zu einer Destination, die bis heute beinahe keinem Menschen in \u00d6sterreich bekannt ist.<br \/>\nEs war eine Flucht, die er ver\u00fcbt hatte, vor dem Boulevard und ihm \u00fcbel gesonnen Menschen.<br \/>\nDie Klatschpresse hatte sich n\u00e4mlich auf ihn eingeschossen. Wenigstens einmal pro Woche war ein Artikel erschienen, der den langsamen Niedergang des einstigen Starkochs zum Inhalt gehabt hatte. Die Leute hatten ihn auf der Stra\u00dfe angesprochen und gefragt, ob er denn in Erw\u00e4gung ziehen w\u00fcrde, in einem W\u00fcrstelstand zu kochen, und ein paar hatten ihm sogar Kleingeld in die Hand gedr\u00fcckt &#8211; f\u00fcr ein Glas Wei\u00dfwein, wie sie h\u00e4misch grinsend dazugesagt hatten.<\/p>\n<p>Franz Mierz war einmal ein Koch von Rang gewesen, mehrere Auszeichnungen hatten dies belegt. Sein Name stand f\u00fcr \u00fcberbordende Kreativit\u00e4t am Herd. Ber\u00fchmt war er f\u00fcr seine Beilagen; wahre Kompositionen waren sie, Sinfonien der Kulinarik. Sein P\u00fcree mit einem Hauch Radieschenwasser war eingeschlagen wie eine Bombe. Ganz Wien war bass erstaunt, was Mierz alles m\u00f6glich machen konnte, n\u00e4mlich das schier Unm\u00f6gliche. Ein Trauben-Haselnuss-Mus als Begleitung eines Zanders &#8211; das war beinahe unerh\u00f6rt, doch es ging durch.<\/p>\n<p>Sein Restaurant \u2018Zur Taube\u2019 war auf Wochen ausgebucht. Legend\u00e4r war der sp\u00f6ttische Tonfall in der Stimme von Fr\u00e4ulein Gratzer, der f\u00fcr die Reservierungen zust\u00e4ndigen Mitarbeiterin der \u2018Taube\u2019. Wagte es jemand, ohne g\u00fcltige, also best\u00e4tigte Reservierung vor ihr zu stehen und Einlass zu begehren, wies sie ihn mit strengem Blick darauf hin, dass er nicht in einem Schnellimbiss w\u00e4re, und danach wies sie ihm den Weg zur T\u00fcre.<\/p>\n<p>Gourmetkritiker kamen erwartungsvoll und gingen hochzufrieden, die Wiener Schickeria lie\u00df sich von Mierz bewirten und in immer ausgefallenere kulinarische Abenteuer f\u00fchren.<br \/>\nSo ging es \u00fcber zehn Jahre lang, und es ging gut. Franz wurde wohlhabend, heiratete eine Frau aus besten Wiener Kreisen und h\u00e4tte weiterhin beides bleiben k\u00f6nnen, sowohl reich als auch verheiratet.<br \/>\nTrunken vom Erfolg begann er jedoch, Fehler zu machen. Er lie\u00df seinen Souschef ans Ruder, wenn er schlicht keine Lust hatte, in der hei\u00dfen K\u00fcche vor dampfenden T\u00f6pfen zu stehen. Dieser war ein ganz passabler Koch, doch gebrach es ihm an der Kreativit\u00e4t. Den G\u00e4sten blieb nicht verborgen, dass der Chefkoch des \u00d6fteren lieber bei etlichen Gl\u00e4sern Wein am Naschmarkt sa\u00df, als sie zu bekochen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcberhinaus war Franz Mierz im Umgang mit Menschen wenig versiert. Als sich eine Frau, die mit ihren Enkelkindern in der \u2018Taube\u2019 gespeist hatte, \u00fcber die Beilagen mokierte, st\u00fcrmte er an ihren Tisch. Sternanis-Pfeffer-Sauce w\u00e4re ebensowenig unpassend zu einem Fenchelsteak wie Vanille-Knoblauch-Reis, kl\u00e4rte er die Frau auf. Mit der Information ausgestattet, dass ein Franz Mierz gerne darauf verzichtete, eine alte Kr\u00e4he in seinem Gourmettempel sitzen zu haben, verlie\u00df sie das Lokal.<\/p>\n<p>Als er zur Faschingszeit einmal eine Gurke auftischen lie\u00df, die einem m\u00e4nnlichen Glied \u00e4hnelte und mit einer wei\u00dfen Sauce angerichtet war, hatte dies einen Skandal zur Folge. Feministinnen standen vor dem Restaurant und kl\u00e4rten die G\u00e4ste, die es betreten wollten, \u00fcber den Sexismus des Franz Mierz auf. Der Herausgeber der gr\u00f6\u00dften kleinformatigen Tageszeitung des Landes, ein Stammgast, kam pers\u00f6nlich in die K\u00fcche und wies ihn mit scharfen Worten zurecht.<\/p>\n<p>Franz war dies gleichg\u00fcltig. Er hatte viel Geld auf der hohen Kante und einen gut gef\u00fcllten Weinkeller, in welchem ihn seine Frau an immer zahlreicher werdenden Tagen antraf. Am letzten dieser Tage trennte sie sich von ihm.<br \/>\nDer Scheidungskrieg, der darauf folgte, wurde in den Medien breitgetreten, und die \u2018Taube\u2019 musste Federn lassen. Die Auslastung ging zur\u00fcck, und bald war das Lokal nicht mehr kostendeckend zu f\u00fchren. Franz Mierz gab den Kochl\u00f6ffel ab.<\/p>\n<p>In der Folge versuchte er sich als Betreiber und Koch eines Wirtshauses, doch konnte er an seine fr\u00fcheren Erfolge nicht ankn\u00fcpfen. In der Wiener Gesellschaft etablierte sich bald der Begriff \u2018Mierz schauen\u2019. Man brauchte kein allzu gro\u00dfes Gl\u00fcck, um dabei erfolgreich zu sein.<br \/>\nOft genug sa\u00df Franz an der Bar seines Gasthauses und betrank sich. Selbst wenn das Lokal voll war, war er sein bester Gast.<br \/>\nDie Kritiker stuften ihn nicht herab, sie nahmen ihn vielmehr nicht in ihre Wertungen auf. Es dauerte blo\u00df eineinhalb Jahre, bis er auch das Wirtshaus schlie\u00dfen musste.<\/p>\n<p>Von baldiger Obdachlosigkeit bedroht, wandte er sich an seinen einzigen verbliebenen Freund. Walter Srnek, der Betreiber eines gro\u00dfen Bordells, war auf der Suche nach einem Koch f\u00fcr sein Etablissement und stellte ihn ein.<br \/>\nRasch hatten die Medien Wind von der Sache bekommen. Ein kleinformatiges Blatt brachte ein Foto der ber\u00fcchtigten Faschingsgurke auf der Titelseite, und die Internetforen der Zeitungen waren voll von zotigen Kommentaren.<br \/>\nFranz lie\u00df sich nicht dazu herab, Interviews zu geben, also schrieben die Journalisten, was ihnen in den Sinn kam. Von wilden Partys in der K\u00fcche war ebenso die Rede wie von einem eigens f\u00fcr ihn einzuf\u00fchrenden Bewertungssystem &#8211; Mieder statt Haube und Stern.<\/p>\n<p>Er trank weiter und wurde knapp vor seinem zweiundf\u00fcnfzigsten Geburtstag entlassen.<br \/>\nDrei Wochen nach der K\u00fcndigung setzte sich Franz Mierz in ein Taxi und lie\u00df sich zum Flughafen fahren. Bereits vier Wochen nach dieser Flucht war in den Zeitungen von Buenos Aires von einem europ\u00e4ischen Koch zu lesen, Hans Zierm wurde er genannt, der mit seinen unerh\u00f6rten Beilagen Furore machte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #333333;\"><a style=\"color: #333333;\" title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a><\/span> |Inventarnummer: 17008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz Mierz war zweiundf\u00fcnfzig Jahre alt, als er Wien verlie\u00df. Er fuhr zum Flughafen und bestieg ein Flugzeug zu einer Destination, die bis heute beinahe keinem Menschen in \u00d6sterreich bekannt ist. Es war eine Flucht, die er ver\u00fcbt hatte, vor dem Boulevard und ihm \u00fcbel gesonnen Menschen. Die Klatschpresse hatte sich n\u00e4mlich auf ihn eingeschossen. 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