{"id":564,"date":"2013-12-12T09:53:28","date_gmt":"2013-12-12T09:53:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=564"},"modified":"2015-09-07T11:05:45","modified_gmt":"2015-09-07T11:05:45","slug":"mein-arbeitstag-beginnt-aus-dem-leben-einer-bibliothekarin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=564","title":{"rendered":"Mein Arbeitstag beginnt \u2013 aus dem Leben einer Bibliothekarin"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts564&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts564&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p align=\"left\">Als ich noch Sch\u00fclerin war, haben meine Eltern immer zu mir gesagt: \u201eLerne, sonst wirst du als Melkerin arbeiten und die m\u00fcssen wegen der K\u00fche um 3 Uhr 30 aufstehen!\u201c Ich habe den Rat meiner Eltern befolgt. Ich habe akademische Ausbildung. Ich stehe morgens um 4 Uhr auf.<\/p>\n<p>Morgens \u2013 4 Uhr, mein Wecker schrillt. Ich schreie. Mein Arbeitstag beginnt. Nachdem ich den Wecker ausgeschaltet habe, klettere ich aus dem Bett, denn die Zeit l\u00e4uft. Gerade weil die Zeit l\u00e4uft, klettert unser Hund in mein Bett. Er wirft einen frechen Blick auf mich und dreht sich in eine bequeme Lage auf den R\u00fccken. Ich bin verzweifelt. Ein paar Sekunden sp\u00e4ter schaue ich auf mein Bild in den Spiegel des Badezimmers. Ich bin verzweifelt. Nach 30 Minuten harter Arbeit verlasse ich das Badezimmer mit einem neuen Gesicht. Ich werfe etwas zum Essen in meine Tasche und gehe Richtung Bahnhof. Falls ich mit dem Make-up um 3 Minuten mehr verbracht habe, gehe ich nicht zum Bahnhof, sondern ich laufe.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Zug f\u00e4hrt, h\u00f6re ich den Gespr\u00e4chen der Mitreisenden zu, sodass ich eine gute Vorstellung davon habe, wer zu Hause Streit hatte, wessen Chef ein Trottel ist, was f\u00fcr ein Wetter kommt und welche Fussballmannschaft gewonnen hat. Obwohl mich diese Neuigkeiten gar nicht interessieren, wehre ich mich nicht. Ich bin Bibliothekarin, die Informationen sind mein t\u00e4gliches Brot.<\/p>\n<p>Ich steige aus dem Zug in der Stadt Prost\u011bjov aus. Bevor der n\u00e4chste Zug f\u00e4hrt, der mich nach Olomouc bringt, habe ich etwa 10 Minuten Zeit. Ich stehe in der Bahnhofshalle unweit von der B\u00e4ckerei, betrachte das frisch gebackene Geb\u00e4ck und atme tief ein. Man k\u00f6nnte sagen, ich fr\u00fchst\u00fccke. Endlich kommt der Zug. Falls die Teenager nicht mitfahren, setze ich mich bequem auf den unbequemen Sitzplatz und schlafe ein. Falls die Teenager mitfahren, setze ich mich bequem auf den unbequemen Sitzplatz und bem\u00fche ich mich intensiv einzuschlafen. 3 Meter von mir entfernt sitzt ein Junge, Kopfh\u00f6rer auf dem Kopf und h\u00f6rt Musik. Ich h\u00f6re mit. Ich will es zwar nicht, aber ich muss, denn das Radio br\u00fcllt. Der Klang, den ich h\u00f6re, erinnert mich an Hammerschl\u00e4ge. Ein paar Minuten sp\u00e4ter n\u00e4here ich mich dem Wahnsinn. Der Zug f\u00e4hrt los, was mich rettet. Der br\u00fcllende Zug \u00fcberbr\u00fcllt die br\u00fcllende Musik. Wie eine richtige Atheistin sage ich zu mir: \u201eGott sei Dank\u201c und beginne zu relaxen.<\/p>\n<p>Der Schaffner kommt, er kontrolliert die Fahrkarten und wirft nur so hin, dass es sich auf der Strecke eine Stelle befinde, die gerade repariert wird und dass die Reisenden aus diesem Grund einen Teil der Reise mit dem Bus absolvieren m\u00fcssen. Ich vergesse meinen Atheismus und beginne wild zu beten. Es hilft nicht. Ich kehre zur\u00fcck zum Atheismus. Auf der Haltestelle in der Mitte unserer Strecke steigen wir aus dem Zug aus. Die Busse, die auf uns schon warten sollten, sind nicht zu finden. Die Gruppe der Werkt\u00e4tigen beginnt zu n\u00f6rgeln. Wir warten. Es passiert nichts. Wir warten. 10 Minuten sp\u00e4ter kommen die Busse. Die Laune ist euphorisch. Wir absolvieren die n\u00e4chsten 5 Kilometer im Bus. An dem n\u00e4chsten Bahnhof steigen wir aus dem Bus aus. Wir kommen dorthin, wo wir den Zug erwarten. Der Zug ist nicht zu finden. W\u00fcrde so etwas in Japan passieren, m\u00fcsste die Regierung abdanken. Passiert es bei uns, werden die Fahrkarten teurer.<\/p>\n<p>Der Zug kommt gleich. Wir werfen die letzten Reste der W\u00fcrde weg und dr\u00e4ngen uns r\u00fccksichtlos herein. Die n\u00e4chsten 10 Minuten genie\u00dfe ich die Reise wirklich. Am Bahnhof in Olomouc steige ich fast mit R\u00fchrung und Tr\u00e4nen in den Augen aus. Ich habe\u2019s geschafft. Ich bin dort, wo ich sein wollte, n\u00e4mlich in der Stadt, wo ich arbeite.<\/p>\n<p>Ich trete in die Bahnhofshalle ein. Zwei Polizisten beobachten mich mit strengen Blicken. Da ich keine Probleme haben m\u00f6chte, gehe ich an den schlafenden Obdachlosen auf Zehenspitzen vorbei. Ich bleibe vor meinem Geb\u00e4ckstand stehen, kaufe mir Fr\u00fchst\u00fcck und beeile mich in die Arbeit. Ich habe Versp\u00e4tung. Na ja, Verkehrssperre. In meinem B\u00fcro falle ich v\u00f6llig ersch\u00f6pft in den Sessel, aber ich bin gl\u00fccklich. Das gew\u00f6hnliche Morgen-Abenteuer habe ich \u00fcberlebt, zwar knapp, aber doch. Mit dem Anfang der Arbeitszeit beginnt ein neues Abenteuer \u2013 n\u00e4mlich meine Arbeit. Das w\u00e4re aber schon eine andere Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Marcela Vsetickova<br \/>\nDieser Text erhielt den W\u00fcrdigungspreis des Literaturblogs &#8222;<a href=\"http:\/\/literaturblog-duftender-doppelpunkt.at\/wuerdigungspreise\/#a30\" target=\"_blank\">Der Duft des Doppelpunktes<\/a>&#8222;.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen &#8230;<\/a> | Inventarnummer: 13046<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich noch Sch\u00fclerin war, haben meine Eltern immer zu mir gesagt: \u201eLerne, sonst wirst du als Melkerin arbeiten und die m\u00fcssen wegen der K\u00fche um 3 Uhr 30 aufstehen!\u201c Ich habe den Rat meiner Eltern befolgt. Ich habe akademische Ausbildung. Ich stehe morgens um 4 Uhr auf. Morgens \u2013 4 Uhr, mein Wecker schrillt. 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