{"id":5628,"date":"2016-12-09T18:24:47","date_gmt":"2016-12-09T18:24:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5628"},"modified":"2017-02-02T12:33:28","modified_gmt":"2017-02-02T12:33:28","slug":"heute-gab-es-taube","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5628","title":{"rendered":"Heute gab es Taube"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5628&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5628&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Als ich heute Morgen erwachte, ahnte ich, dass dieser Tag ein besonderer werden w\u00fcrde &#8211; und ich sollte recht behalten.<br \/>\nNach dem Aufstehen sa\u00df ich in meiner Bleibe und gr\u00fcbelte und haderte mit meinem Schicksal. Ich bin n\u00e4mlich arbeitslos, ein Umstand, der meiner Ehrlichkeit geschuldet ist.<br \/>\nAls Vorstandsmitglied einer gro\u00dfen Bank hatte ich viele Jahre lang mein Bestes gegeben, um mein Geldhaus \u2018auf Kurs zu halten\u2019, so wurde die T\u00e4tigkeit des Vorstandes intern bezeichnet. Diese beinhaltete von Einflussnahme auf Politiker \u00fcber Bestechung bis hin zum Diebstahl alles, was nicht an die \u00d6ffentlichkeit dringen darf.<\/p>\n<p>Eines Tages wurde mir das Wissen um diese Machenschaften zu einer derart schweren B\u00fcrde, dass ich an die \u00d6ffentlichkeit gehen musste &#8211; sonst h\u00e4tte ich mich nie wieder im Spiegel ansehen k\u00f6nnen. Ich verfasste ein Dossier \u00fcber die Verbrechen meiner Kollegen, lie\u00df es s\u00e4mtlichen Tageszeitungen zukommen &#8211; und wurde gefeuert.<br \/>\nIch verlor meine sch\u00f6ne Wohnung, meine Ehefrau lie\u00df sich von mir scheiden, und am Ende stand ich mittellos da. Ich versuchte nat\u00fcrlich, eine Stelle zu finden, doch wusste mein ehemaliger Arbeitgeber dies zu verhindern. Die Drohung, s\u00e4mtliche Gesch\u00e4ftsbeziehungen zu Unternehmen, die mich einstellen w\u00fcrden, abzubrechen, verfehlte ihre Wirkung nicht, und so kam es, dass alle meine Bewerbungen abgewiesen wurden.<\/p>\n<p>Ab und an kam es vor, dass mir Personalchefs unter vier Augen er\u00f6ffneten, dass sie meinen Schritt an die \u00d6ffentlichkeit nachvollziehen konnten, doch w\u00e4re es aufgrund meiner daraus resultierenden Bekanntheit unm\u00f6glich, mich zu besch\u00e4ftigen. Auf der Stra\u00dfe wurde ich von vielen Menschen angesprochen, die mich zu meinem Mut begl\u00fcckw\u00fcnschten. Stets bedankte ich mich freundlich l\u00e4chelnd, doch in mir wuchs die Vermutung, dass diese Leute mich zwar wortreich lobten, insgeheim jedoch verachteten, denn ich hatte es schlie\u00dflich gewagt, aus dem System auszubrechen, um nicht l\u00e4nger im Gel\u00e4uf der Lemminge gefangen zu sein.<\/p>\n<p>Ich gelangte zur Erkenntnis, dass die Menschen zwar w\u00fcnschen, mutiger zu sein, aber f\u00fcrchten, dass ihnen aus diesem Mut Nachteile erwachsen k\u00f6nnten &#8211; also lassen sie es gleich bleiben und delektieren sich lieber am Fall eines Mutigen, der es wenigstens versucht hat.<\/p>\n<p>Jedenfalls, heute besuchte mich der Vorstandsvorsitzende meiner ehemaligen Bank. Ich wei\u00df nicht, woher er erfahren hatte, dass ich mittlerweile nicht mehr in meiner alten Wohnung anzutreffen war. Er stand vor meiner Bleibe und dr\u00fcckte mir h\u00e4misch grinsend eine Flasche billigen Wein in die Hand.<br \/>\n\u201eLass ihn dir schmecken!\u201c, sagte er. \u201eIch erinnere mich noch gut an deine Einladungen. Dein Perlhuhn war immer ausgezeichnet. Wenn du wieder grillst, trinke diesen Wein.\u201c<br \/>\nDann ging er mit schnellen Schritten davon.<\/p>\n<p>Ich war zwar ver\u00e4rgert \u00fcber den Fusel, doch freute ich mich auch ein wenig \u00fcber das Geschenk, denn Wein zu kaufen ist mir momentan nur sehr selten m\u00f6glich.<br \/>\nMein Mitbewohner Ndugu warf begehrliche Blicke auf die Flasche, und ich versprach ihm, sie mit ihm zu leeren. Ndugu ist Chirurg, doch wird seine Ausbildung hierzulande nicht anerkannt, also darf er seiner Berufung, n\u00e4mlich Menschen zu helfen, nicht nachgehen.<br \/>\nEines Tages stand er da und er\u00f6ffnete mir, dass er bleiben w\u00fcrde. Er h\u00e4tte es satt, aufgrund seiner Hautfarbe angep\u00f6belt und von der Polizei st\u00e4ndig nach Drogen durchsucht zu werden.<\/p>\n<p>Ich bin froh, dass ich einen Mitbewohner habe &#8211; zu zweit wohnt man einfach sicherer; und auch angenehmer, wenn man ein \u00e4hnliches Schicksal teilt.<br \/>\nNdugu hatte seine Heimat verlassen m\u00fcssen, weil er mutig gewesen war. Er hatte gegen die F\u00fchrung des Landes demonstriert und w\u00e4re vor Gericht gestellt und wohl auch hingerichtet worden, h\u00e4tte er das Land nicht fluchtartig verlassen.<\/p>\n<p>Wir unterhalten uns oft auf Englisch \u00fcber die verschiedensten Dinge, was uns davor bewahrt, intellektuell abzustumpfen. Ich war der Ansicht, dass er als Arzt nicht f\u00fcr die Jagd geschaffen w\u00e4re &#8211; doch weit gefehlt!<br \/>\nHeute verlie\u00df er unsere Bleibe f\u00fcr etwa eine Stunde und kehrte mit zwei Tauben zur\u00fcck, die er gefangen hatte. Nachdem er sie gerupft und ausgenommen hatte, wobei ihm eine alte Bierdose gute Dienste leistete, grillte ich die Tauben \u00fcber einem offenen Feuer. Das Holz daf\u00fcr fand ich unweit der Br\u00fccke, die das Dach \u00fcber unseren K\u00f6pfen bildet.<br \/>\nDie Flasche Wein haben wir gemeinsam ausgetrunken, und nun, da die Nacht kalt zu werden verspricht, werde ich ein paar Zeitungen stehlen, damit wir uns in unseren Kartons wenigstens ein bisschen zudecken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #333333;\"><a style=\"color: #333333;\" title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a><\/span> |Inventarnummer: 17006<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich heute Morgen erwachte, ahnte ich, dass dieser Tag ein besonderer werden w\u00fcrde &#8211; und ich sollte recht behalten. 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