{"id":5622,"date":"2016-12-09T18:14:39","date_gmt":"2016-12-09T18:14:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5622"},"modified":"2017-02-02T12:33:47","modified_gmt":"2017-02-02T12:33:47","slug":"xx-9","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5622","title":{"rendered":"Vom L\u00f6schen des Brandes"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5622&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5622&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich wei\u00df nicht, ob mein Entschluss, der Freiwilligen Feuerwehr meines Heimatortes beizutreten, der Einsamkeit geschuldet war, unter welcher ich zu dieser Zeit sehr gelitten habe. Ich hatte damals nicht viele Freunde, also im Alter von siebzehn Jahren, und was M\u00e4dchen anlangte, herrschte ohnehin stets Ebbe bei mir. Ich vermute, dass dieser Umstand etwas mit der Tatsache zu tun hatte, dass meine Familie arm war, heute ist sie das \u00fcbrigens immer noch, und ich der schlechteste Sch\u00fcler meiner Klasse war.<\/p>\n<p>Die anderen Jugendlichen in meinem Alter entstammten wenigstens einigerma\u00dfen wohlhabenden Familien, welche es sich leisten konnten, ihren Spr\u00f6sslingen teure Nachhilfestunden zu finanzieren. So kam es, dass etliche meiner Schulkameraden deutlich bessere Noten auf Schularbeiten erhielten als ich, obwohl sie mir, was die Intelligenz betrifft, weit unterlegen waren, und das sind sie immer noch.<br \/>\nSie verspotteten mich, weil ich keine teure Kleidung tragen konnte, und die M\u00e4dchen lachten mich aus, weil ich oft gezwungen war, das selbe Paar Socken, leicht erkennbar an den farbigen Ringen auf wei\u00dfem Untergrund, zwei Tage lang zu tragen, wenn die billige Waschmaschine meiner Mutter wieder einmal den Geist aufgegeben hatte. Ein M\u00e4dchen jedoch war anders, sie hat mich nicht verspottet, sondern sogar ihr Pausenbrot mit mir geteilt, wenn ich wieder einmal nur einen Apfel von zuhause mitbekommen hatte, welcher mit schwarzen Punkten \u00fcbers\u00e4t war. Christina, so hie\u00df das M\u00e4dchen, besuchte meine Klasse allerdings blo\u00df zwei Jahre, dann nahm ihr Vater eine Stelle in der Stadt an und sie verlie\u00df den Ort.<\/p>\n<p>Ich war sehr einsam und wusste nicht, was ich dagegen machen sollte. Meine Eltern konnten mir nicht helfen, sie waren zu sehr damit besch\u00e4ftigt, sich selbst und mir mit ihren k\u00e4rglichen L\u00f6hnen, die sie durch eine Vielzahl an \u00dcberstunden aufzufetten versuchten, eine einigerma\u00dfen menschenw\u00fcrdige Existenz zu erm\u00f6glichen.<br \/>\nEines Tages, am Rande eines Dorffestes, nahm mich mein Onkel, der von meiner schlimmen Lage wusste, zur Seite und stellte mich dem Hauptmann der \u00f6rtlichen Freiwilligen Feuerwehr vor. Dieser war mir auf Anhieb sympathisch, und so fiel es mir leicht, der Feuerwehr beizutreten, zumal sich keiner meiner Mitsch\u00fcler dort engagierte.<br \/>\nDie j\u00fcngeren Mitglieder befanden sich in meinem Alter und hatten den selben sozialen Hintergrund wie ich. Sie hatten die Hauptschule abgeschlossen und standen in der Ausbildung zu verschiedenen Berufen. Niemals jedoch kam es vor, dass meine gymnasiale Ausbildung, in welcher ich zu dieser Zeit stand, ein Thema geworden w\u00e4re, weder in positiver noch in negativer Hinsicht. Es war einfach eine von allen akzeptierte Tatsache, dass ich das Gymnasium besuchte.<\/p>\n<p>Die Ausbildung zum Feuerwehrmann machte mir von Anfang an gro\u00dfen Spa\u00df. Ich traf mich auch privat mit meinen Kameraden, und bald verbesserten sich auch meine schulischen Leistungen. Ich wei\u00df es nicht gesichert, aber ich vermute, dass mir die Kameradschaft bei der Feuerwehr und die Freundschaft zu einigen Gleichaltrigen dort den Halt gegeben haben, der n\u00f6tig war, um ein gewisses Ma\u00df an Selbstvertrauen zu erlangen. Meine Eltern stellten erfreut fest, dass ich nicht mehr m\u00fcrrisch war und mich auch nicht mehr zur\u00fcckzog, auch meine nunmehr erbrachten Leistungen in der Schule fanden lobende Erw\u00e4hnungen.<\/p>\n<p>Gleich der erste Einsatz, an welchem ich beteiligt sein durfte, f\u00fchrte mir vor Augen, was Feuer anzurichten in der Lage ist. Es handelte sich um einen Brand im Schweinestall des gr\u00f6\u00dften Bauern im Ort. Als wir an den Ort des Geschehens kamen, roch es stark nach verbranntem Fleisch. Der Stall brannte lichterloh, meterhohe Flammen schlugen z\u00fcngelnd aus dem Dachstuhl, und im Stall h\u00f6rten wir die noch lebenden Schweine schreien. Sie waren in einem von hei\u00dfer Luft und bei\u00dfendem Rauch erf\u00fcllten Raum eingeschlossen und ahnten wohl, was ihnen bevorstand. Wie gesagt, sie schrien. Es waren panische Schreie der Todesangst, die mich tief r\u00fchrten. Wir brachen das Tor des Stalls auf und gaben unser Bestes. Von insgesamt zweihundertdreizehn Schweinen konnten wir immerhin einhundertdrei vor dem Tod in den Flammen bewahren.<br \/>\nNach diesem Einsatz war ich mir sicher, dass es meine Berufung ist, Feuerwehrmann zu sein. Der Gro\u00dfbauer spendierte uns drei Tage sp\u00e4ter ein opulentes Mittagsmahl auf seinem Hof, und der Hauptmann lobte uns f\u00fcr unsere Tapferkeit und au\u00dferdem daf\u00fcr, dass wir alles, was wir in oftmaligen \u00dcbungen trainiert hatten, in diesem Ernstfall lehrbuchm\u00e4\u00dfig umgesetzt hatten.<\/p>\n<p>Das Schreien der Schweine lie\u00df mich wochenlang nicht los. Jede Nacht h\u00f6rte ich die Schreie, und einmal tr\u00e4umte ich sogar davon, eines dieser Schweine zu sein, eingeschlossen und den Tod vor Augen. Ich beschrieb dieses Erlebnis in einer Schularbeit und erhielt zum ersten Mal die Bestnote im Unterrichtsfach Deutsch.<br \/>\nDie Polizei untersuchte den Stall des Gro\u00dfbauern, es h\u00e4tte schlie\u00dflich auch Brandstiftung vorliegen k\u00f6nnen. Doch die Ursache des Brandes war ein Schaden an einem Kabel, das die F\u00fctterungsanlage mit Strom versorgt hatte.<\/p>\n<p>Ich legte meine Matura ab, dies sogar mit gutem Erfolg. Niemand in meiner Klasse wusste von meinen Aktivit\u00e4ten bei der Feuerwehr, denn ich hatte dieses Thema stets geheimgehalten.<br \/>\nIn dem kleinen Ort passierte nicht allzu viel, was das Eingreifen von Feuerwehrm\u00e4nnern erfordert h\u00e4tte. Einmal rief eine uns allen bekannte alte Frau an und erl\u00e4uterte uns mit tr\u00e4nenerstickter Stimme, dass sich ihre geliebte Katze vor dem allw\u00f6chentlichen Bad auf einen hohen Baum gefl\u00fcchtet h\u00e4tte und von uns gerettet werden m\u00fcsste. Die schelmische Frage, die ein Kamerad daraufhin in die Runde warf, n\u00e4mlich ob diese Rettung auch vermittels einer Schrotflinte vollzogen werden k\u00f6nnte, rief allgemeines Gel\u00e4chter hervor, doch verzichteten wir darauf, die Katze abzuschie\u00dfen. Stattdessen fuhren wir zum Haus der alten Frau und ich barg das arme Tier, auf dass es nicht des Erlebnisses des w\u00f6chentlichen Bades verlustig gehen sollte.<\/p>\n<p>Eines Abends, ich war gerade dabei einzuschlafen, ert\u00f6nte die Sirene auf dem Haus des \u00f6rtlichen Notars, was f\u00fcr meine Kameraden und mich das Signal war, so schnell wie m\u00f6glich zum R\u00fcsthaus zu kommen. Ich dachte erst an eine n\u00e4chtliche \u00dcbung, doch bald erfuhren wir, dass im Gymnasium des Ortes ein Brand ausgebrochen war. Wir fuhren mit eingeschaltetem Blaulicht und Martinshorn vor die Schule und verschafften uns Zutritt. Der Brandherd befand sich im Biologiesaal und hatte bereits auf das dem Saal angeschlossene Kabinett \u00fcbergegriffen, was eine besonders gef\u00e4hrliche Situation darstellte, denn dort lagerten unter anderem in Alkohol eingelegte Pr\u00e4parate, wie Schlangen, Fische und verschiedene Arten von Lurchen.<\/p>\n<p>Ich wurde aufgefordert, voranzugehen, denn als Abg\u00e4nger dieses Gymnasiums kannte ich mich dort am besten aus. Ich brach die T\u00fcr des Kabinetts auf und musste unwillk\u00fcrlich lachen. Die B\u00e4lge, also die ausgestopften V\u00f6gel, standen in Flammen. Ein G\u00e4nsegeier mit ausgebreiteten Schwingen brannte hell, ein Uhu hatte diesen Prozess bereits hinter sich, er war verkohlt und schwarz. Dieser Uhu war der Grund, warum ich lachen musste. So m\u00fcsste wohl ein Uhu nach einem Waldbrand aussehen, dachte ich und lachte, w\u00e4hrend ich den Schlauch auf die V\u00f6gel richtete und sie l\u00f6schte.<br \/>\nWenige Wochen nach diesem Einsatz stellte sich heraus, dass einer der Biologielehrer des Gymnasiums den Brand gelegt hatte, denn er war mit den Arbeitsbedingungen in der Schule unzufrieden gewesen.<\/p>\n<p>Ich nahm eine Stelle in der Tischlerei an, da ich schlicht keine Lust auf ein Studium an der Universit\u00e4t hatte. Ich tat mir bei der Arbeit leicht, denn ich bin handwerklich begabt, doch hatte ich von Beginn an Probleme mit meinem Arbeitgeber. Er triezte mich und lie\u00df mich bei jeder Gelegenheit wissen, dass ich f\u00fcr das Tischlerhandwerk ungeeignet w\u00e4re, denn schlie\u00dflich h\u00e4tte ich maturiert, anstatt den m\u00fchevollen Weg durch etliche Lehrjahre zu gehen.<br \/>\nEs begab sich, dass ein Feuer in der Tischlerei ausbrach. Pflichtschuldig half ich, den Brand zu l\u00f6schen, doch mein Arbeitgeber, anstatt mir zu danken, wie er es bei meinen Kameraden gemacht hatte, machte mir Vorw\u00fcrfe. Ich w\u00e4re schuld, meinte er aufgebracht, dass ein gro\u00dfer Teil seines Betriebes abgebrannt sei, denn ich, der dort arbeitete, h\u00e4tte verhindern m\u00fcssen, notfalls unter Einsatz meines Lebens, dass auch nur ein Quadratzentimeter mehr als n\u00f6tig abbrennen konnte.<\/p>\n<p>Da reichte es mir endg\u00fcltig. Noch in meinem Schutzanzug k\u00fcndigte ich. Dem Hauptmann sagte ich, dass ich die Woche darauf nicht zur Verf\u00fcgung stehen k\u00f6nnte, denn ich m\u00fcsste mir eine neue Arbeitsstelle suchen.<br \/>\nDer Zufall wollte es, dass just in dieser Woche die Tischlerei vollst\u00e4ndig ausbrannte. Mein Mitleid mit dem Besitzer hielt sich in Grenzen. Ich schrieb ihm einen Brief, in welchem ich ihn bat, mir doch einen sch\u00f6nen Tisch aus Raucheiche anzufertigen. Er beantwortete diesen Brief jedoch nicht mit Worten. Stattdessen sandte er mir einen Umschlag, in welchem sich blo\u00df ein Blatt Papier befand, das eine zur Faust geballte Hand erkennen lie\u00df, deren Mittelfinger ausgestreckt dargestellt war.<\/p>\n<p>Ich meldete mich arbeitslos, was mir nat\u00fcrlich weniger Geld einbrachte als die Arbeit in der Tischlerei, doch so hatte ich es nicht mit einem b\u00f6sartigen Chef zu tun. Da ich nunmehr \u00fcber viel Zeit verf\u00fcgte, hatte ich die M\u00f6glichkeit, mich voll und ganz meiner Bestimmung als Feuerwehrmann zu widmen. Ich bildete den Nachwuchs aus, welcher sich aus drei jungen M\u00e4nnern und auch zwei M\u00e4dchen aus dem Ort rekrutierte. Ich brachte ihnen die Tricks und Kniffe bei, die bei der Brandbek\u00e4mpfung von Vorteil sind. In den N\u00e4chten ging ich oft durch den Ort, immer auf der Suche nach etwaigen Stellen, an welchen ein Brand ausbrechen k\u00f6nnte.<br \/>\nEntdeckte ich solche Stellen, informierte ich die Besitzer des Hauses oder Stalls \u00fcber die m\u00f6gliche Gefahrenquelle auf ihrem Grund und Boden. Doch erwiesen sich diese keineswegs als dankbar f\u00fcr meine M\u00fche. Sie reagierten enerviert, einige wiesen mich sogar schroff ab.<\/p>\n<p>Doch ich sollte Recht behalten. An s\u00e4mtlichen dieser Stellen brachen Br\u00e4nde aus, mal kleine, mal gro\u00dfe. F\u00fcr den Nachwuchs meiner Freiwilligen Feuerwehr waren dies nat\u00fcrlich willkommene Anl\u00e4sse, sein K\u00f6nnen unter Beweis zu stellen. Die Jungen agierten in der Tat professionell, alles, was ich ihnen beigebracht hatte, setzten sie in hoher Perfektion um. Sie gewannen sogar den Nachwuchswettbewerb der Freiwilligen Feuerwehren des Bezirks Graz-Umgebung.<\/p>\n<p>Der am \u00f6ftesten ausgezeichnete Kaninchenz\u00fcchter des Ortes hatte meine Warnungen stets ignoriert. Gut und gerne drei\u00dfigmal hatte ich ihn auf die Gefahr eines Stallbrandes aufmerksam gemacht, doch er schlug jede einzelne dieser Warnungen in den Wind und droht mir sogar mit einer Anzeige, sollte ich es nicht unterlassen, ihm weiterhin, wie er sich ausdr\u00fcckte, auf die Nerven zu gehen.<br \/>\nKurze Zeit nach seiner Drohung mich anzuzeigen stand sein Kaninchenstall tats\u00e4chlich in Flammen. Wie durch ein Wunder kam kein einziges Tier zu Schaden, denn die T\u00fcre des Stalls war unversehrt geblieben. Die Kaninchen hatten so die M\u00f6glichkeit gehabt, die T\u00fcre mit ihren K\u00f6rpern zu \u00f6ffnen, also sie aufzudr\u00fccken, und in das dem Stall angeschlossene Freigehege zu gelangen, wohin weder Feuer noch Rauch dringen konnten.<\/p>\n<p>Eine Untersuchung der Brandruine ergab, dass die T\u00fcre nicht h\u00e4tte offenstehen d\u00fcrfen, denn das Schloss war so beschaffen, dass es stets einschnappte, dar\u00fcber hinaus hatte die T\u00fcre einen mechanischen Schlie\u00dfmechanismus, der vermittels zweier Arme aus Metall, in welchen sich gespannte Federn befanden, garantierte, dass die T\u00fcre zufiel, wurde sie nicht arretiert. Und doch hatten es die Kaninchen fertiggebracht, die T\u00fcre zu \u00f6ffnen.<br \/>\nDer Z\u00fcchter war erfreut, dass seinen Tieren nichts geschehen war, und bedachte die Feuerwehr mit einer gro\u00dfz\u00fcgigen Spende.<br \/>\nMit einem Teil dieser Summe richteten wir ein internes Fest im R\u00fcsthaus aus. Einer unserer jungen Feuerwehrm\u00e4nner, der aufgeweckteste von allen, nahm mich zur Seite und dr\u00fcckte mir, schelmisch und wissend grinsend, ein verkohltes Sturmfeuerzeug amerikanischer Provenienz in die Hand, in welches meine Initialen eingraviert sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #333333;\"><a style=\"color: #333333;\" title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5450\">Perfidee<\/a><\/span> |Inventarnummer: 17005<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df nicht, ob mein Entschluss, der Freiwilligen Feuerwehr meines Heimatortes beizutreten, der Einsamkeit geschuldet war, unter welcher ich zu dieser Zeit sehr gelitten habe. Ich hatte damals nicht viele Freunde, also im Alter von siebzehn Jahren, und was M\u00e4dchen anlangte, herrschte ohnehin stets Ebbe bei mir. 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