{"id":5614,"date":"2016-12-09T18:07:55","date_gmt":"2016-12-09T18:07:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5614"},"modified":"2017-01-22T17:22:43","modified_gmt":"2017-01-22T17:22:43","slug":"der-rehbock","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5614","title":{"rendered":"Der Rehbock"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5614&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5614&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Martin M\u00f6stl war schon oft gefragt worden, ob er nach dem Mittagessen einen Spaziergang machen wollte. Stets hatte er abgelehnt, denn die Menschen, die ihn begleitet h\u00e4tten, waren ihm als denkbar schlechte Gesellschafter vorgekommen.<\/p>\n<p>Eines Tages, es war ein regnerischer Nachmittag, ging Martin doch spazieren. Das schlechte Wetter lie\u00df ihn hoffen, dass er auf dem weitl\u00e4ufigen Areal alleine sein w\u00fcrde. So war es dann auch, er war alleine, wenigstens sah er keine Menschen.<br \/>\nEr verlie\u00df Pavillon 10, seine Unterkunft, und schlenderte den Waldweg entlang. Bald kam er auf eine freie Fl\u00e4che, die von hohem Gras bewachsen und von einigen Apfelb\u00e4umen bestanden war. Martin k\u00e4mpfte sich durch die vom Regen nassen Halme und verfluchte sich daf\u00fcr, dass er eine kurze Hose angezogen hatte, denn so machten seine Beine die Bekanntschaft mit Brennnesseln, die auf der Wiese zahlreich wuchsen.<\/p>\n<p>Einer pl\u00f6tzlichen Eingebung folgend \u00e4nderte er die Richtung und hielt sich nicht mehr bergan, sondern stapfte nach links. Er h\u00f6rte Rascheln im Gras und stand wenige Sekunden sp\u00e4ter einem Rehbock gegen\u00fcber.<br \/>\nMartin M\u00f6stl war nicht \u00fcberrascht; er wusste, dass es auf der Baumgartner H\u00f6he Wildtiere gab. Wenige Tage zuvor hatte er einen Dachs neben seinem Pavillon gesehen.<br \/>\nEr blickte dem Rehbock in die Augen, und nachdem er gerade nichts Besseres zu tun hatte, setzte er sich vor ihm ins Gras und genoss den Anblick des sch\u00f6nen und offensichtlich an Menschen gew\u00f6hnten Tieres.<\/p>\n<p>Der Rehbock erwiderte Martins Blick, und so kam es, dass der Patient, der Rehe bis zu diesem Tag lediglich kulinarisch wahrgenommen hatte, mit ihm zu sprechen begann.<br \/>\n\u201eDu hast es gut, Rehbock\u201c, sagte er mit leiser, ruhiger Stimme, um das Tier nicht zu erschrecken. \u201eIch bin hier eingesperrt, und du bist frei.\u201c Martin dachte ein paar Sekunden lang nach. \u201eDas war Unsinn, entschuldige bitte. Du bist nat\u00fcrlich ebenfalls eingesperrt, denn du hast keine M\u00f6glichkeit, dieses Areal zu verlassen.\u201c<\/p>\n<p>Der Bock blickte ihn an, sch\u00fcttelte sich und fuhr dann fort, ihm zuzuh\u00f6ren.<br \/>\n\u201eSolltest du ausbrechen, w\u00fcrdest du wohl von einem Auto \u00fcberfahren werden. Auch ich w\u00e4re wohl in Gefahr, sollte ich von hier abhauen. Nicht nur, dass mich die Polizei einfangen und in die Psychiatrie zur\u00fcckbringen w\u00fcrde. Die Freiheit w\u00fcrde mir augenblicklich wahrscheinlich gar nicht guttun.\u201c<\/p>\n<p>Das Tier, so kam es Martin vor, h\u00f6rte ihm gerne zu.<br \/>\n\u201eSeit vier Wochen bin ich nun hier, auf der Baumgartner H\u00f6he, weil ich unter Schlafst\u00f6rungen leide und angeblich depressiv bin. Wei\u00dft du, Rehbock, vierunddrei\u00dfig Jahre habe ich, oft mehr schlecht als recht, vor mich hin gelebt, und pl\u00f6tzlich bildet sich meine Mutter ein, dass ich verr\u00fcckt bin. Zugegeben, es war nicht besonders klug von mir, ihr einen Abschiedsbrief mit der Post zu schicken, aber das war blo\u00df meiner Schlaflosigkeit geschuldet. Wenn du kaum schlafen k\u00f6nntest, w\u00fcrdest du dir doch auch w\u00fcnschen, auf einem Teller zu landen, oder?\u201c<\/p>\n<p>Der Rehbock reagierte nicht.<br \/>\n\u201eNein, das w\u00fcrdest du nicht\u201c\u201e, seufzte Martin. \u201eDu erfreust dich deines Lebens hier im Park, wo es keine J\u00e4ger und andere Fressfeinde gibt. Ich frage mich, ob ich dich ber\u00fchren darf.&#8220;<br \/>\nEr streckte seinen Arm aus, doch er reichte nicht bis zum Rehbock.<br \/>\n\u201eNein, das ist keine gute Idee.\u201c Martin zog den Arm wieder zur\u00fcck. \u201eEs gen\u00fcgt, wenn du mir zuh\u00f6rst. Wenn du ber\u00fchrt oder gar gestreichelt werden m\u00f6chtest, kannst du ja n\u00e4herkommen. Es w\u00fcrde mich freuen. Jedenfalls, es ist sehr angenehm, zu dir zu sprechen. Du stellst keine dummen Fragen wie Frau Dr. Malic, meine behandelnde \u00c4rztin. St\u00e4ndig will sie von mir wissen, warum ich nicht umziehe, wenn ich in meiner Wohnung nicht schlafen kann. Ich meine, Stra\u00dfen gibt es in Wien doch \u00fcberall. Was soll es also bringen, meine Wohnung aufzugeben?\u201c<\/p>\n<p>Der Rehbock starrte ihn an.<br \/>\n\u201eDu bist ein ziemlich attraktiver Bock. Ich kann mir gut vorstellen, dass alle Gei\u00dfen hier gl\u00fccklich sind, dass du ihnen Gesellschaft leistest. Na ja, auch wenn du h\u00e4sslich w\u00e4rst, h\u00e4ttest du vermutlich Erfolg beim weiblichen Geschlecht. Wie auch nicht? Der Park ist schlie\u00dflich eingez\u00e4unt. Ich hingegen muss damit leben, dass es keine Mauer um den Bezirk gibt, in dem ich wohne. Mir laufen alle Frauen weg. Meine Psychiaterin hier meint, dass meine Schlaflosigkeit daran schuld ist.\u201c<\/p>\n<p>Das Tier neigte den Kopf zur Seite.<br \/>\n\u201eDu fragst dich sicherlich, was es ist, das mich nicht oder nur schlecht schlafen l\u00e4sst. Nun, ich wei\u00df, dass es am Verkehr liegt. Meine Wohnung liegt n\u00e4mlich an einer stark befahrenen Stra\u00dfe. Klar, ich k\u00f6nnte mein Bett in das hofseitig gelegene Zimmer schaffen und meiner Arbeit als Schriftsteller im jetzigen Schlafzimmer nachgehen. Daran habe ich sogar schon gedacht, denn im ruhigen Raum zu schreiben ist ohnehin nicht meine Sache. Es ist nunmal so, dass ich ein viel zu gl\u00fccklicher Mensch w\u00e4re, wenn alles in Ordnung ist. Ich brauche die Unzufriedenheit einfach f\u00fcr meine Arbeit. Der Stra\u00dfenl\u00e4rm passt schon, denn er raubt mir den Schlaf und macht mich ungl\u00fccklich, und wahrscheinlich auch depressiv.\u201c<\/p>\n<p>Der Rehbock wandte sich um, und Martin war nicht eben erfreut, die Kehrseite des Tieres betrachten zu m\u00fcssen.<br \/>\n\u201eWillst du mir etwas Bestimmtes mitteilen, indem du mir deinen Hintern zeigst?\u201c<br \/>\nDer Bock begann als Antwort Losung abzusetzen. Dann drehte er sie wieder um und sah Martin in die Augen.<br \/>\n\u201eGut, ich habe verstanden. Du sagst mir dasselbe wie die \u00c4rztin. Vielleicht sollte ich tats\u00e4chlich meine Wohnsituation \u00e4ndern.\u201c Ein \u00e4rgerlicher Ton lag in seiner Stimme. \u201eErst sagt mir das die Psychotante, und jetzt der Horntr\u00e4ger.\u201c<\/p>\n<p>Martin dachte zwei Minuten lang nach, dann trat ein sanfter Ausdruck auf sein Antlitz und er sagte mit einer Stimme, in der milde Resignation lag: \u201eAch, ich gebe mich geschlagen.\u201c<br \/>\nDer Rehbock sch\u00fcttelte sich, dann trottete er mit langsamen Schritten davon.<br \/>\n\u201eDanke, Rehbock!\u201c, rief Martin ihm nach und ging, nachdem das Tier aus seinem Blickfeld verschwunden war, zur\u00fcck zu Pavillon 10.<\/p>\n<p>Dr. Malic erwartete ihn in seinem Zimmer. Sie bedachte ihn mit strengen Blicken, und ein Blick auf seine Armbanduhr offenbarte ihm den Grund daf\u00fcr.<br \/>\n\u201eFrau Doktor, es tut mir leid, dass ich mich versp\u00e4tet habe. Es wird Sie aber sicherlich freuen, dass ich beschlossen habe, meine Situation zu \u00e4ndern und an mir zu arbeiten.\u201c<br \/>\n\u201eWas hat Sie denn zu diesem Meinungsumschwung bewogen, Herr M\u00f6stl?\u201c, fragte sie. In ihren Augen lag der Ausdruck der erstaunten Freude.<br \/>\n\u201eEin Gespr\u00e4ch mit einem Freund, der mich so angenommen hat, wie ich bin.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> |Inventarnummer: 17004<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin M\u00f6stl war schon oft gefragt worden, ob er nach dem Mittagessen einen Spaziergang machen wollte. Stets hatte er abgelehnt, denn die Menschen, die ihn begleitet h\u00e4tten, waren ihm als denkbar schlechte Gesellschafter vorgekommen. Eines Tages, es war ein regnerischer Nachmittag, ging Martin doch spazieren. Das schlechte Wetter lie\u00df ihn hoffen, dass er auf dem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[112],"tags":[36],"class_list":["post-5614","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-timoschek-michael","tag-hardly-secret-diary"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5614","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5614"}],"version-history":[{"count":9,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5614\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5746,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5614\/revisions\/5746"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5614"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5614"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5614"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}