{"id":5600,"date":"2016-12-07T17:20:15","date_gmt":"2016-12-07T17:20:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5600"},"modified":"2016-12-28T09:07:16","modified_gmt":"2016-12-28T09:07:16","slug":"anfang-und-ende-oder-was-die-welt-beheizt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5600","title":{"rendered":"Der Anfang der Welt"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5600&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5600&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Das Erz\u00e4hlen dieser Geschichte hat einen gro\u00dfen Vorteil. Es kann mir niemand widersprechen. Wer von Ihnen war schon auf den Kurilen oder kennt jemanden, der diese Inselgruppe bereist hat?<\/p>\n<p>Nein, ich selbst war auch noch nie auf den Kurilen, daf\u00fcr aber mein russischer Freund Lew Nikolajewitsch G. Er war von Beruf Pilot beim sowjetischen Atomministerium, er transportierte aber keine Passagiere, sondern die geheimsten Frachten f\u00fcr die Atomindustrie quer durch die Sowjetunion, von Uranbergwerken, Uranlagern, Aufbereitungsanlagen zu den verschiedenen Anwendungsorten. Von dieser ministeriumseigenen Fluglinie wusste niemand im Land, die Angestellten durften nicht einmal zu ihren Familien \u00fcber ihren Arbeitsplatz und die Eins\u00e4tze reden, auch nicht von den Orten, die sie anflogen. Diese lagen prinzipiell in geschlossenen Regionen, die keine Namen hatten, nur Nummern. Und selbst die Piloten hatten nur eine Ahnung, was sie in ihren Flugzeugen transportierten. Lew flog die gr\u00f6\u00dften Transportmaschinen von Tupolew kreuz und quer \u00fcber dieses Sechstel der Erdoberfl\u00e4che, vom Baltikum nach Wladiwostok, vom Eismeer in den Kaukasus. Sie flogen noch ohne Radar, und au\u00dfer dem Kopiloten waren noch vier Techniker an Bord.<\/p>\n<p>Lew war ein zweifach h\u00f6chstausgezeichneter Pilot, er war \u201eHeld der sowjetischen Arbeit\u201c und hatte den Lenin-Orden bekommen, zweimal hatte er durch seine Reaktion eine Katastrophe verhindert; einmal einen Zusammensto\u00df mit einem Wetterflugzeug \u00fcber Moskau, einmal \u00fcber dem Ural eine Kollision mit einem Verkehrsflugzeug. Niemand will sich vorstellen, was passiert w\u00e4re mit dem radioaktiven Material an Bord.<\/p>\n<p>Lew war ein leidenschaftlicher Pilot und erz\u00e4hlte gerne \u00fcber seine Erlebnisse. Ich wei\u00df nicht, ob er das durfte, aber er tat es, nachdem mit der Wende das Atomministerium aufgel\u00f6st und er in Pension geschickt worden war. Zu seinen sch\u00f6nsten Erinnerungen geh\u00f6rten seine Reisen auf Kamtschatka, Sachalin und die Kurilen. Er war sehr oft dort, denn im Fernen Osten befanden sich besonders viele Geheimorte.<br \/>\nEs n\u00fctzte nichts, noch weiter in ihn zu dringen, er wusste es einfach nicht, ob er Atomraketen oder Uranst\u00e4be an Bord hatte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend man Kamtschatka und Sachalin bereisen konnte, waren die Kurilen absolut geschlossene Territorien und sind es bis zum heutigen Tag.<br \/>\nWenig bekannt ist, dass Stalin 1941 mit Japan einen Neutralit\u00e4tspakt schloss, den er am 8. August 1945 aufk\u00fcndigte, wenige Tage vor der Kapitulation, und umgehend mit der Eroberung der Kurileninseln begann.<br \/>\nEs besteht bis zum heutigen Tag kein Friedensvertrag zwischen Russland und Japan, das nach wie vor die R\u00fcckgabe seiner \u201eNordterritorien\u201c fordert.<\/p>\n<p>Zu den fast vergessenen Kapiteln des 2. Weltkrieges geh\u00f6rt, dass die Sowjetunion keinen einzigen Schuss gegen Japan abgegeben hat und nur den USA im Rahmen des sogenannten \u201eHula-Projekts\u201c den Kampf gegen den japanischen Faschismus erlaubte.<br \/>\nDie 17.300 japanischen Bewohner wurden in verschiedene sibirische GULAGS transportiert, wo alle umkamen.<br \/>\nAber mein Freund Lew hat die Kurilen gesehen, er konnte lebhaft davon erz\u00e4hlen und endlos schw\u00e4rmen. Einmal hatte er zwischen Ankunft und R\u00fcckflug so viel Zeit, dass er von einem St\u00fctzpunkt auf der Hauptinsel Iturup einen Ausflug nach Shikotan machen konnte, angeblich die sch\u00f6nste der vier gro\u00dfen Inseln. Ich brauchte einige Zeit, um ihm zu glauben, dass die Kurilen das Paradies auf Erden seien. Ich nahm ihm seine Schw\u00e4rmerei einfach nicht ab, hatte er als Sowjetmensch doch bis zur Wende nie einen Schritt aus dem Arbeiterparadies heraus gemacht.<\/p>\n<p>Was wusste so einer schon von irdischen Paradiesen?<br \/>\nEr war doch mit mir im Jahre 1999 zum ersten Mal im Bolshoi-Theater, im Tschaikowski-Konservatorium, in der Eremitage und kannte Tschechows \u201eDame mit dem H\u00fcndchen\u201c nicht. Er war zwar oft in den Hohen Norden geflogen, wusste aber nie, ob es Nowaja Zemlja war, die Halbinsel Kola oder Tschukotka.<br \/>\nEinmal war er sich sicher, dass er sich am Nordende des Ural befand, weil es noch Wald gab und er und seine Mannschaft sich f\u00fcr Neujahr \u2013 V\u00e4terchen Frost \u00a0\u2013 mit kleinen Fichten eindeckten. Auf diesem Flug kannte er die ganze Fracht, sechs Fichtenb\u00e4umchen und eine Gruppe von Polarforschern, die er zur\u00fcck nach Moskau bringen sollte.<\/p>\n<p>Als die ersten russischen Forschungsreisenden in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts den Fernen Osten und die 1200 Kilometer lange Inselkette erreichten, nannten sie sie Kurilen, vom russischen kuritj, rauchen. Auf den 40 Inseln befinden sich 68 Vulkane, 36 davon aktiv und fast 100 submarine Vulkane. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine derartige Dichte an rauchenden Bergen und Meeren. Mit 10.542 Metern unter dem Meeresspiegel liegt auch der tiefste Punkt der Erde in dieser Region.<\/p>\n<p>Was macht die Kurilen so besonders, fragte ich immer und immer wieder. Es ist die vom Vulkanismus beeinflusste Vegetation, meinte Lew. Shikotan zeichnet sich durch eine K\u00fcste aus leuchtend wei\u00dfen Kreidefelsen mit bizarren Formen aus, hunderte Meter hoch und steil wie ein gest\u00e4rktes Tischtuch, nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Magnolienb\u00e4ume und undurchdringlich dichte W\u00e4lder aus Kurilenkirschen, die weiten Wiesen sind mit h\u00fcfthohem, metallisch gl\u00e4nzenden Gras bedeckt, mit wilden rosa Wicken und gelber Schafgarbe, und \u00fcber allem liegen Wolken von Wermutsduft. Wenn nicht pl\u00f6tzlich Nebel einf\u00e4llt, kann sich das Auge an dem tief azurblauen Ozean weiden. Die unterirdischen Vulkane spucken ohne Ende Wasserfont\u00e4nen und Rauch aus.<br \/>\nEine Besonderheit sind die kreisrunden, mehrfach gestaffelten Wolkenreifen \u00fcber den K\u00f6pfen der Vulkane, wie riesige wei\u00dfe Pudelhauben.<\/p>\n<p>Was den praktischen Lew aber am meisten beeindruckte, waren die fischreichen Fl\u00fcsse, von denen Shikotan durchzogen ist.<br \/>\n\u201eStell dir vor, du stehst mit den F\u00fc\u00dfen im seichten Fluss und um dich brodelt und kocht es vor lauter Fischen, Lachsen und Dorschen. Du kannst sie mit den H\u00e4nden fangen. Sie kommen von der ganzen \u00f6stlichen Halbkugel zum Laichen auf die Kurilen. K\u00fcbelweise haben wir sie zum Flugzeug geschleppt. Es wimmelt auch von Riesenkrabben und Hanasaki-Krebsen.\u201c<\/p>\n<p>Lew war davon \u00fcberzeugt, dass sich dort der Nabel der Welt befindet, der Anfang oder das Ende der Welt.<br \/>\nWarum, was machte ihn so sicher?<br \/>\n\u201eEinmal fiel Nebel ein, wir waren gerade mit einem Schiff zwischen Shikotan und Iturup unterwegs, da wurde der Himmel immer niedriger, bis er schlie\u00dflich steil ins Meer abfiel, wie eine riesige, gr\u00fcnliche Wand aus dickem Glas. Es vermischten sich Nebel und Feuer, Tag und Nacht, Meer und Himmel. In diesem Augenblick wussten wir, dass wir das Ende der Welt gesehen haben, oder den Anfang. Wir waren bis zu diesem Punkt gelangt, wo sich die Wellen an dieser Glaswand brachen, und dahinter war nichts, nur Leere.<br \/>\nWir hielten mit dem Schiff unmittelbar an dieser Wand und ber\u00fchrten sie mit den H\u00e4nden. Das Grauen vor dieser letzten Grenze sch\u00fcttelte uns so, dass wir kein Wort sagten. Die Wand stand \u00fcber uns in einer endlosen W\u00f6lbung und reichte in die Tiefe des Meeres, so weit man sehen konnte, und da &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Lew hielt inne, er konnte lange nicht weitersprechen, er sah mich seltsam an, als \u00fcberlegte er, ob ich ihm glauben oder wenigstens sein Geheimnis h\u00fcten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201eUnd da?\u201c, fragte ich ungeduldig und sp\u00fcrte einen kalten Schauder, ohne zu wissen, warum.<br \/>\n\u201eDa sah ich ganz eindeutig, wenn auch wegen der Dicke der Wand und der Lichtbrechung etwas verschwommen, hinter dem Glas ein gewaltiges Menschenantlitz. Es war so gro\u00df wie die H\u00e4lfte unserer Kimmung, seine Augen wie zwei riesige untergehende Monde.\u201c<br \/>\n\u201eWie sah es aus, dieses Gesicht, sah es jemandem \u00e4hnlich?\u201c<br \/>\n\u201eAm ehesten h\u00e4tte man es neugierig nennen k\u00f6nnen\u201c, meinte Lew sich erinnern zu k\u00f6nnen, so wie ein Kind Ameisen beobachtet. Aber darin kann man sich leicht t\u00e4uschen. Das Einzige, was ich sofort folgerte und ich zuverl\u00e4ssig wusste, dass das nur das Antlitz Gottes sein konnte &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eLew, jetzt mach aber einen Schlusspunkt! Warum denn Gott?\u201c<br \/>\n\u201eWer sonst kann am Anfang oder am Ende der Welt sein au\u00dfer Gott?\u201c<br \/>\n\u201eWas hast du gemacht, als du die Grenzen des Gef\u00e4ngnisses entdeckt hast?\u201c<br \/>\n\u201eIch habe gebetet\u201c, sagte er so kurz und einfach, als wollte er nicht mehr weitererz\u00e4hlen, als h\u00e4tte ihn meine Ungl\u00e4ubigkeit gekr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Ich wollte es wiedergutmachen und fragte noch einmal:<br \/>\n\u201eWie sah es aus, dieses Gesicht, wie war es? Sah es jemandem \u00e4hnlich, w\u00fcrdest du es wiedererkennen?\u201c<br \/>\nEr musterte mich lange, schweigend, pl\u00f6tzlich greisenhaft blicklos: \u201eWenn du mich schon fragst\u201c, sagte er und wog jedes Wort, \u201eam ehesten sah es meinem Gesicht \u00e4hnlich.\u201c Und seine Stimme war getr\u00e4nkt von Traurigkeit, als bedauere er, mir sein Geheimnis anvertraut zu haben.<\/p>\n<p>1.12.16<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 16167<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Erz\u00e4hlen dieser Geschichte hat einen gro\u00dfen Vorteil. 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