{"id":5557,"date":"2016-11-28T12:23:15","date_gmt":"2016-11-28T12:23:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5557"},"modified":"2017-01-06T16:58:56","modified_gmt":"2017-01-06T16:58:56","slug":"ganz-nett","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5557","title":{"rendered":"Ganz nett"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5557&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5557&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>1<\/p>\n<p>Im Sommer des Jahres 2012 besuchte Peter Koller den Gemeindeball des kleinen Dorfes Gratwein in der Steiermark, wo er Maria Schuster \u00fcber den Weg lief.<br \/>\nEr f\u00fchlte, wie ihm immer hei\u00dfer wurde, und wusste, dass diese Wallungen der Liebe geschuldet waren, die er f\u00fcr Maria empfand.<br \/>\nSie hatten einander im Jahre 1983 kennengelernt, und zwar in der Volksschule. Vier Jahre lang waren sie dort nebeneinander gesessen, dann hatte Maria ein Gymnasium in Graz besucht und Peter die Gratweiner Hauptschule. Er hatte in der Folge eine Lehre zum Tischler abgeschlossen, sie ein Medizinstudium. Sie hatten sich an den Wochenenden oft gesehen, in einem kleinen Lokal im Nachbarort, wo sich die jungen Leute trafen, um zu trinken und sich zu unterhalten.<\/p>\n<p>Peter und Maria hatten im Jahr 2008 eine Nacht miteinander verbracht. Es war Vollmond, und die ganz besondere Stimmung einer unterschwelligen Erotik hatte in der Luft gelegen. Beide hatten sie getrunken, und schlie\u00dflich hatte sie eingewilligt, bei ihm zu \u00fcbernachten.<br \/>\nAm Morgen des n\u00e4chsten Tages war er sich sicher, dass er sie liebte. Er erz\u00e4hlte ihr davon, doch anstatt ihn zu erh\u00f6ren, lachte sie blo\u00df und er\u00f6ffnete ihm, dass er lediglich eine Verlegenheitsl\u00f6sung gewesen war, denn sie h\u00e4tte am Vorabend die Lust auf ein unverbindliches Abenteuer versp\u00fcrt.<\/p>\n<p>Peter war tief getroffen, doch lie\u00df er sich das nicht anmerken. Er liebte Maria, sagte jedoch niemandem, dass es so war. Wenn sie sich an den Wochenenden \u00fcber den Weg liefen, tat sie so, als w\u00e4re zwischen ihnen niemals etwas passiert, und lie\u00df seine Ann\u00e4herungsversuche ins Leere laufen.<br \/>\nEr hatte keine feste Freundin, blo\u00df kurzlebige Beziehungen, die kaum eine Woche Bestand hatten. Maria hatte zwar einen Freund gehabt, doch war diese Verbindung nach zwei Jahren, im Sommer 2011, in die Br\u00fcche gegangen.<\/p>\n<p>Als er Maria auf dem Ball begegnete, beschloss er, ein kl\u00e4rendes Gespr\u00e4ch mit ihr zu f\u00fchren.<br \/>\n\u201eMaria\u201c, sagte er, \u201edarf ich dich auf ein Glas Sekt einladen?\u201c<br \/>\nSie blickte ihn erstaunt an, dann lachte sie.<br \/>\n\u201eDu versuchst es also immer noch bei mir, Peter\u201c, stellte sie fest. \u201eNa gut, ein Glas Sekt kann nicht schaden.\u201c<br \/>\nSie gingen zur Bar, und Peter bestellte.<br \/>\nNachdem sie angesto\u00dfen und einen Schluck getrunken hatten, nahm er seinen ganzen Mut zusammen.<br \/>\n\u201eMaria, ich liebe dich. Seit unserer gemeinsamen Nacht habe ich keine Augen f\u00fcr andere Frauen.\u201c<br \/>\nSie st\u00f6hnte und sah verlegen auf ihre goldene Armbanduhr.<br \/>\n\u201ePeter\u201c, begann sie und z\u00f6gerte dann doch weiterzusprechen.<br \/>\n\u201eJa?\u201c<br \/>\nEr wollte sie zum Weitersprechen bringen und f\u00fchlte, wie ihm die Angst die Kehle zuschn\u00fcrte.<br \/>\nEs war das sichere Wissen um eine abweisende Antwort Marias, das diese Angst in ihm ausl\u00f6ste. Sie z\u00f6gerte ihre Antwort hinaus, doch Peter wusste ohnehin, was sie zu sagen im Begriff war.<\/p>\n<p>\u201eEs w\u00fcrde mit uns nicht funktionieren\u201c, sagte sie. \u201eDu bist mir einfach zu minder.\u201c<br \/>\n\u201eWie bitte? Was hast du gerade gesagt?\u201c, fragte er ungl\u00e4ubig.<br \/>\n\u201eIch bin \u00c4rztin, und du bist nur ein Tischler.\u201c<br \/>\nPeter Kollers Miene verfiel.<br \/>\n\u201eDu k\u00f6nntest mir nie das bieten, was ich nun einmal ben\u00f6tige, um ein standesgem\u00e4\u00dfes Leben zu f\u00fchren\u201c, fuhr sie fort. \u201eDu magst ja ein ganz netter Mann sein, doch gesellschaftlich und wirtschaftlich bist du ein Niemand.\u201c<br \/>\nEr schwieg. Die Tr\u00e4nen, die er in sich hochsteigen f\u00fchlte, hielt er zur\u00fcck.<br \/>\nMaria Schuster trank ihr Glas aus und sagte: \u201eDanke f\u00fcr den Sekt, Peter. Und nimm es nicht so schwer. Du wirst eine andere Frau kennenlernen und mit ihr gl\u00fccklich werden. Eben eine, die deine Kragenweite hat.\u201c<\/p>\n<p>Dann wandte sie sich um und lie\u00df ihn an der Bar stehen. Peter blieb nichts anderes \u00fcbrig, als ihr nachzuschauen. Er betrachtete ihre sich entfernende Silhouette, und als er ihr blondes Haar unter den zahlreichen Ballg\u00e4sten nicht mehr ausmachen konnte, verlie\u00df er den Saal.<br \/>\nEr fuhr nach Hause, wo er sich an den K\u00fcchentisch setzte und an seine ihm eben attestierte Minderwertigkeit dachte, wobei er weinte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>Zwei Monate nach diesem Abend lernte Peter Koller eine Frau kennen, die seine Kragenweite hatte. Ihr Name war Claudia Salzer, sie war gleich alt wie er und von Beruf Schneiderin.<br \/>\nSie war aus Gratkorn, einem Nachbarort, nach Gratwein gezogen und hatte eine \u00c4nderungsschneiderei er\u00f6ffnet, die neben der Tischlerei lag, in der Peter arbeitete.<br \/>\nDa ihm das Rauchen in der Firma wegen Brandgefahr verboten war, stand er oft vor der Halle und somit neben Claudias Laden. Nachdem auch sie vor die T\u00fcre ging um zu rauchen, kamen sie ins Gespr\u00e4ch und vereinbarten Zeiten f\u00fcr das Rauchen ihrer Zigaretten.<br \/>\nSie waren einander auf Anhieb sympathisch und bald ein Paar. Claudia zog bei Peter ein, und nach einem halben Jahr heirateten sie auf dem Gratweiner Standesamt.<\/p>\n<p>Peter Koller hatte sein Gl\u00fcck gefunden. Er besuchte die Gasth\u00e4user in Gratwein und den umliegenden D\u00f6rfern seltener als zuvor, und wenn, dann stets in Begleitung seiner Ehefrau. In der Tischlerei stieg er zum Vorarbeiter auf, und Claudias Schneiderei florierte. Die Abende verbrachte das Paar f\u00fcr gew\u00f6hnlich zu Hause.<br \/>\nPeter las gerne, und Claudia liebte es, wenn ihr vorgelesen wurde. Sie besprachen jede Erz\u00e4hlung, und allm\u00e4hlich wuchsen ihre Kenntnisse \u00fcber Literatur ebenso wie ihre Anspr\u00fcche an sie. Hatten sie anfangs die Werke Hemingways gelesen beziehungsweise geh\u00f6rt, so waren sie bald auf der Suche nach einem Autor, dessen Werke weniger rustikal und von Machismo durchtr\u00e4nkt waren. Einen solchen fanden sie in Fitzgerald, dessen B\u00fccher sie liebten.<br \/>\nMaria Schuster war kein Thema mehr f\u00fcr Peter Koller. Er hatte seiner Frau von ihr erz\u00e4hlt, und diese hatte ihm geholfen, \u00fcber Maria und die Dem\u00fctigung, die er durch sie erfahren hatte, hinwegzukommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3<\/p>\n<p>Ende Juli 2014 fand der Ball der Freiwilligen Feuerwehr in der Gratweiner Mehrzweckhalle statt, und Peter Koller besuchte diesen. Seine Frau Claudia begleitete ihn nicht, denn sie traf sich an diesem Abend mit ihren Schwestern.<br \/>\nDie Veranstaltung war gut besucht, und auch Maria befand sich unter den G\u00e4sten.<br \/>\nPeter, der ihre harten Worte keineswegs vergessen hatte, ging nicht auf sie zu. Er belie\u00df es bei einer fl\u00fcchtigen Geste, indem er ihr zunickte und sich gleich darauf umwandte.<br \/>\nWenig sp\u00e4ter stand er an der Bar und trank ein Glas Bier, als er Marias Stimme hinter sich vernahm.<br \/>\n\u201eGuten Abend, Peter\u201c, sagte sie. \u201eWie geht es dir?\u201c<br \/>\n\u201eGut, Maria\u201c, gab er zur\u00fcck und drehte sich um. \u201eIch habe letztlich doch eine Frau kennengelernt, die meine Kragenweite hat.\u201c<br \/>\nDiesen Satz sagte er, um ihr ihre Worte von vor zwei Jahren vorzuhalten und auch heimzuzahlen.<br \/>\nEr sah sie an und erkannte, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, ihre Wangen waren eingefallen und ihr Haar war schlecht gek\u00e4mmt.<br \/>\n\u201eDas freut mich\u201c, sagte sie und seufzte.<\/p>\n<p>Da taten ihm seine Worte pl\u00f6tzlich leid, doch waren sie bereits ausgesprochen. F\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde wollte er sie ungesagt machen, doch der Gedanke an Claudia, die ihm pl\u00f6tzlich in den Sinn gekommen war, lie\u00df ihn f\u00fchlen, dass in seinem Herzen kein Platz mehr f\u00fcr Maria war und auch nie wieder sein w\u00fcrde.<br \/>\nUm der H\u00f6flichkeit Gen\u00fcge zu tun fragte er: \u201eUnd wie geht es dir, Maria?\u201c<br \/>\n\u201eSchlecht geht es mir, Peter\u201c, sagte sie.<br \/>\nEr schwieg.<br \/>\n\u201eIch arbeite nicht mehr im Krankenhaus\u201c, fuhr sie fort. \u201eIch bin jetzt \u00c4rztin in der Privatklinik meines Mannes.\u201c<br \/>\n\u201eWarum geht es dir dann schlecht?\u201c<br \/>\n\u201eIch f\u00fcrchte, ich habe mir den falschen Beruf ausgesucht. Und den falschen Man auch.\u201c<br \/>\n\u201eDas tut mir sehr leid f\u00fcr dich\u201c, sagte er, doch es lag keine Emotion in seiner Stimme.<br \/>\n\u201eWei\u00dft du, Peter, ich habe erkannt, dass Geld nicht alles ist. Wenn man st\u00e4ndig von kranken Menschen umgeben ist und am Abend einen Tyrannen zu Hause ertragen muss, \u00e4ndert sich die Sichtweise.\u201c<br \/>\n\u201eDann such dir einen anderen Mann\u201c, sagte Peter achselzuckend.<br \/>\n\u201eDaran habe ich durchaus schon gedacht.\u201c Sie l\u00e4chelte ihn an. \u201eEinen Tischler vielleicht.\u201c<br \/>\nPeter Koller l\u00e4chelte ebenfalls. Es war das L\u00e4cheln, mit dem man einer bemitleidenswerten Person zu verstehen gibt, dass sie gerade an etwas ganz und gar Unm\u00f6gliches denkt.<br \/>\nSie schwieg. Die Tr\u00e4nen, die in ihr hochstiegen, unterdr\u00fcckte sie, das erkannte er.<br \/>\n\u201eIch w\u00fcnsche dir ein sch\u00f6nes Leben, Maria\u201c, sagte er und lie\u00df sie an der Bar stehen.<\/p>\n<p>Peter verlie\u00df den Ball und setzte sich zu Hause an den K\u00fcchentisch, wie er es zwei Jahre zuvor auch gemacht hatte. Allerdings weinte er nicht. Beim Anblick des Kuchens, den seine Frau Claudia am Nachmittag gebacken hatte, l\u00e4chelte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> |Inventarnummer: 17015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Im Sommer des Jahres 2012 besuchte Peter Koller den Gemeindeball des kleinen Dorfes Gratwein in der Steiermark, wo er Maria Schuster \u00fcber den Weg lief. Er f\u00fchlte, wie ihm immer hei\u00dfer wurde, und wusste, dass diese Wallungen der Liebe geschuldet waren, die er f\u00fcr Maria empfand. 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