{"id":5552,"date":"2016-11-28T12:12:45","date_gmt":"2016-11-28T12:12:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5552"},"modified":"2017-02-16T12:52:56","modified_gmt":"2017-02-16T12:52:56","slug":"die-taube","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5552","title":{"rendered":"Die Taube"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5552&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5552&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Im Dezember des Jahres 2013 stand ich am Rande des Teiches meiner Familie und blickte ins Wasser. Es war ein warmer Tag, was f\u00fcr diese Jahreszeit ungew\u00f6hnlich ist, also war die Wasseroberfl\u00e4che nicht von Eis bedeckt, und ich konnte bis auf den mit Folie ausgelegten Grund des Schwimmteiches sehen.<br \/>\nDie Teichfr\u00f6sche, die sich in den warmen Monaten durch unabl\u00e4ssiges n\u00e4chtliches Quaken bemerkbar machen, hatten sich bereits in die Winterruhe begeben, und auch die Molche zeigten sich nicht. Die Algen, die sich auf dem Boden abgelagert hatten, erweckten den Eindruck von dunklen Wolken, die das Gr\u00fcn der Folie teilweise verdeckten und ein wenig einladendes Bild boten.<\/p>\n<p>Meine Familie befand sich im Haus, aus welchem ich gegangen war, um unter freiem Himmel zu rauchen und meinen Gedanken nachzuh\u00e4ngen. Ich dachte an Martina.<br \/>\nSieben Jahre waren wir ein Paar gewesen, und im Dezember des Vorjahres war sie gegangen.<\/p>\n<p>Wir hatten uns auf der Universit\u00e4t erst kennen, dann sch\u00e4tzen und schlie\u00dflich lieben gelernt. Beide haben wir die Klasse f\u00fcr Gegenst\u00e4ndliche Malerei besucht, und unsere Atelierpl\u00e4tze lagen nebeneinander. Bald wurde aus dieser N\u00e4he im Atelier eine gro\u00dfe pers\u00f6nliche N\u00e4he. Unsere Beziehung war von Zuneigung und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den anderen Menschen gepr\u00e4gt, wie auch von gro\u00dfer Toleranz gegen\u00fcber der jeweiligen k\u00fcnstlerischen Herangehensweise, welche grundverschieden war. Martina malte bevorzugt idyllische Bilder in \u00d6l, w\u00e4hrend ich mich in meinen Werken der Kritik an der Gesellschaft widme, oft in Form drastischer Motive, wie Darstellungen von Gewalt und Krieg in Acrylfarbe.<\/p>\n<p>Sie war eine sch\u00f6ne Frau, gro\u00df und blond, mit strahlend gr\u00fcnen Augen, die sowohl G\u00fcte als auch Klugheit zum Ausdruck brachten, jedoch auch etwas, das in ihr schlummerte, wenn schon nicht erkennen, so doch erahnen lie\u00dfen. Dieses Etwas war der Grund, wie ich heute wei\u00df, aus welchem sie sch\u00f6ne Motive in ihrer Kunst darstellte. Sie hatte sich nach nichts mehr gesehnt als nach Ruhe, Sch\u00f6nheit und Freiheit.<\/p>\n<p>Wir lebten in einer h\u00fcbschen Wohnung, die so gro\u00df war, dass wir zwei Zimmer als Ateliers nutzen konnten. Das Geld f\u00fcr die Miete und unser Leben brachte ich nach Hause. Nachdem ich bereits als Student in einer bekannten Galerie ausstellen durfte und meine Bilder schon damals zu hohen Preisen gehandelt wurden, fiel es mir leicht, f\u00fcr uns beide aufzukommen.<br \/>\nWir waren ein junges K\u00fcnstlerpaar, h\u00fcbsch anzusehen, k\u00fcnstlerisch ambitioniert, einigerma\u00dfen gut situiert und unzufrieden. Dieser Unzufriedenheit machten wir in unseren Werken Luft, jedoch ohne dar\u00fcber miteinander zu sprechen. W\u00e4hrend ich meinem \u00c4rger \u00fcber die Zust\u00e4nde auf der Welt in meinen Bildern Ausdruck verlieh, malte Martina die Idyllen, die sie in sich selbst nicht finden konnte, wie ich heute wei\u00df.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte mit ihr sprechen sollen, sie fragen, wo sie der Schuh dr\u00fcckte, doch nahm ich sie so an, wie ich sie eben sah: als eine hochbegabte und sehr liebenswerte K\u00fcnstlerin, die ihre inneren N\u00f6te und Probleme brauchte, um die Kunst, die sie machte, \u00fcberhaupt auf die Leinwand bringen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nIm letzten Jahr unserer Beziehung dachte ich einige Male daran, mit ihr zu sprechen, doch jedes Mal, wenn ich innerlich dazu bereit war, fand der phlegmatische Teil meiner Pers\u00f6nlichkeit eine Ausrede, um das Gespr\u00e4ch nicht f\u00fchren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Am sechzehnten Dezember 2012 kam ich von der Er\u00f6ffnung einer Ausstellung meiner Werke nach Hause und fand Martina auf dem Sofa im Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch lag ein an mich adressierter Brief, in welchem sie sich f\u00fcr ihre Tat entschuldigte. Mir wurde abwechselnd hei\u00df und kalt und schlie\u00dflich fiel ich in Ohnmacht.<br \/>\nIm Krankenhaus wurde mir mitgeteilt, dass eine eindeutige Todesursache nicht festgestellt werden konnte, doch das war mir ohnehin bewusst. Sie h\u00e4tte sich niemals aktiv etwas angetan, dazu war sie ein viel zu sanfter Mensch gewesen.<br \/>\nSie hatte einfach aufgeh\u00f6rt zu leben. Hatte ihr letztes Bild so an den Couchtisch gelehnt, dass sie es in ihren letzten Sekunden sehen konnte, sich auf das Sofa gelegt und, wie ich vermute, ein letztes Mal tief ausgeatmet.<\/p>\n<p>Ich wohne immer noch in dieser Wohnung. Martinas Bilder habe ich an die W\u00e4nde geh\u00e4ngt. Ihr letztes Werk jedoch lehnte viele Monate vor Staub gesch\u00fctzt an der Wand ihres Ateliers, welches mir in der Zwischenzeit als Werkst\u00e4tte dient. Ich versuche mich n\u00e4mlich gelegentlich an Objekten aus Metall und Holz, allerdings mit bescheidenem Erfolg.<br \/>\nEs fiel mir zu keinem Zeitpunkt schwer, ihre Kunst zu betrachten. Der Umstand, dass sie nicht mehr am Leben war, war anfangs nur schwer zu ertragen, doch das Wissen, dass sie frei sein wollte, linderte den Schmerz. So hatte sie es in ihrem letzten Brief formuliert: \u2018Frei wie ein Vogel\u2019, steht da zu lesen, und passenderweise hatte sie auf ihrem letzten Bild einen Vogel dargestellt.<\/p>\n<p>Als ich im Dezember des letzten Jahres am Schwimmteich stand und rauchte, erblickte ich eine T\u00fcrkentaube. Sie sa\u00df auf der Kante der Dachrinne des Nachbarhauses, in welchem meine Gro\u00dfeltern wohnen. Dann flog sie einige Male knapp \u00fcber der Wasseroberfl\u00e4che \u00fcber den Teich. Sie war offensichtlich noch nie an diesem Gew\u00e4sser gewesen, denn erst nach dem vierten oder f\u00fcnften Versuch fand sie eine passende Stelle, um sich niederzulassen und zu trinken. Sie trank vom kalten Wasser, dann blickte sie auf und sah mir direkt in die Augen.<br \/>\nSicherlich hatte sie meine Anwesenheit schon vorher bemerkt, von ihrem Beobachtungsposten auf der Dachrinne aus, doch schien sie diese nicht zu st\u00f6ren. Im Gegenteil: Sie flog auf mich zu und landete auf dem Ast eines Apfelbaumes, etwa einen halben Meter von mir entfernt. Gurrend sa\u00df sie dort und machte keine Anstalten aufzufliegen, als ich mich ihr bis auf wenige Zentimeter n\u00e4herte.<\/p>\n<p>Ich sprach mit ruhiger Stimme mit dem Vogel und betrachtete ihn eingehend von allen Seiten. Er sah aus wie alle T\u00fcrkentauben, nur war er, anders als seine Artgenossen, nicht scheu.<br \/>\nIch betrachtete ihn weiter und erkannte, dass der dunkle Ring um seinen Hals unterbrochen war, und zwar an zwei Stellen auf der Vorderseite. Es waren keine gro\u00dfen Unterbrechungen, blo\u00df zwei Millimeter waren sie breit und nur aus n\u00e4chster N\u00e4he zu erkennen.<br \/>\nDiese zwei Millimeter reichten jedoch aus, um mich erstarren zu lassen. Der Vogel auf Martinas letztem Gem\u00e4lde ist ebenfalls eine T\u00fcrkentaube, und auch ihr Band ist an zwei Stellen unterbrochen, und zwar an genau denselben wie das der lebendigen Taube vor mir es war.<\/p>\n<p>Nach einigen Sekunden l\u00f6ste sich meine Starre, und ich sah dem Vogel in die Augen. \u201cMartina?\u201d, sagte ich leise und mit pochendem Herzen. Die Taube antwortete nat\u00fcrlich nicht mit Worten, doch sprang sie gurrend auf meine linke Schulter und schmiegte ihren Kopf an meinen Hals, und zwar an genau die Stelle, auf der Martina oft eingeschlafen war und ihr Kopf bis zum n\u00e4chsten Morgen gelegen hatte.<br \/>\nTr\u00e4nen liefen mir \u00fcber das Gesicht, w\u00e4hrend ich den Vogel z\u00e4rtlich streichelte. Die T\u00fcrkentaube lie\u00df mich gew\u00e4hren, selbst als ich sie auf den Kopf k\u00fcsste, was Martina geliebt hatte, hielt sie still. Ich sprach leise mit ihr, sagte ihr, was ich Martina noch h\u00e4tte sagen wollen, und wohl auch sollen. Nach etwa f\u00fcnfzehn Minuten flog die Taube wieder auf die Dachrinne meiner Gro\u00dfeltern, auf der sich in der Zwischenzeit eine zweite T\u00fcrkentaube niedergelassen und uns beobachtet hatte. Es handelte sich offensichtlich um den Partner meiner Taube. Nachdem sie geschn\u00e4belt hatten, flogen sie gemeinsam weg.<\/p>\n<p>Ich war zwar noch irritiert von dem eben Erlebten, doch \u00fcberwog die Freude, dass Martina offenbar ihr Gl\u00fcck gefunden hatte. Seit diesem Tag war ich oft im Haus meiner Familie zu Gast, doch habe ich diese bestimmte Taube nicht mehr gesehen. Das stimmt mich ein wenig traurig, doch habe ich auch Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr. Ich bin schlie\u00dflich ein Teil des fr\u00fcheren Lebens von Martina.<br \/>\nDie Taube auf ihrem letzten Werk sieht mir nun bei der Arbeit zu. Wenige Tage nach diesem Erlebnis kam ich wieder in meine Wohnung und habe das Bild ausgepackt und an die Wand meines Arbeitszimmers geh\u00e4ngt.<br \/>\nAuch wenn es mich heute noch schmerzt, dass Martina gegangen ist, so wei\u00df ich doch, dass ihr Schritt der f\u00fcr sie richtige war, denn nun ist sie frei.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> |Inventarnummer: 17013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Dezember des Jahres 2013 stand ich am Rande des Teiches meiner Familie und blickte ins Wasser. Es war ein warmer Tag, was f\u00fcr diese Jahreszeit ungew\u00f6hnlich ist, also war die Wasseroberfl\u00e4che nicht von Eis bedeckt, und ich konnte bis auf den mit Folie ausgelegten Grund des Schwimmteiches sehen. Die Teichfr\u00f6sche, die sich in den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[112],"tags":[108],"class_list":["post-5552","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-timoschek-michael","tag-fantastiques"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5552","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5552"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5552\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5755,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5552\/revisions\/5755"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5552"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5552"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5552"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}