{"id":5527,"date":"2016-11-27T14:50:40","date_gmt":"2016-11-27T14:50:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5527"},"modified":"2016-12-01T17:45:21","modified_gmt":"2016-12-01T17:45:21","slug":"das-georgische-kreuz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5527","title":{"rendered":"Das georgische Kreuz"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5527&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5527&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ein Medaillon um den Hals, eine Ikone vor der Brust, ein Flachmann vielleicht oder Knoblauchzehen, das Lieblingsbuch, ein Bild der Geliebten, eine Haarstr\u00e4hne oder auch nur ein metallener Mantelknopf &#8211; Geschichten \u00fcber lebensrettende Amulette gibt es viele. Meist ist es der unverbr\u00fcchliche Glaube an diese Helfer, die Segnungen und guten W\u00fcnsche von M\u00fcttern oder Geliebten, immer im Abschied unter vielen Tr\u00e4nen, die damit verbunden sind, und nicht der tats\u00e4chliche Schutz, die sie wirkungsm\u00e4chtig machen. Denn daf\u00fcr w\u00e4ren Westen oder Helme sicher besser geeignet, fr\u00fcher R\u00fcstung oder Schild.<\/p>\n<p>Ein Kreuz ist von der Natur ausersehen, dass es das unpraktischste Format unter all diesen Gegenst\u00e4nden hat. Nicht rund, nicht quadratisch, nicht fl\u00e4chendeckend, ein Nichtraum. Da kreuzt sich etwas, dazwischen ist nichts, ein Nichts von \u00fcbereinander gelegten Balken. Zwei oder vier Teile \u00fcbereinander, mehr ist ein Kreuz nicht.<br \/>\nUnd trotzdem besitze ich ein solches Kreuz, ein georgisches Kreuz.<\/p>\n<p>Geschenkt hat es mir Korneli, ein Freiwilliger der Tiflis-B\u00fcrgerbrigade, im Februar 1991, als ich f\u00fcr den ORF Moskau nach Georgien reiste, um die Volksabstimmung \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit und den sich abzeichnenden B\u00fcrgerkrieg zu beobachten. Die Demonstrationen f\u00fcr und gegen den damaligen Pr\u00e4sidenten Swiad Gamsachurdia nahmen immer gewaltt\u00e4tigere Ausma\u00dfe an, und die Fronten waren aus der Ferne nicht mehr zu \u00fcberblicken. Es war noch die Sowjetunion, in der sich Journalisten nicht frei und unbegleitet bewegen durften. Daher bekamen wir im Informationsministerium- einer Abteilung des KGB &#8211; einen Fahrer und einen Begleiter zur Seite gestellt und wurden zu einer Reise nach Gori verdonnert, an den Geburtsort des gr\u00f6\u00dften Sohnes des Landes Josif Dschugaschwili alias Stalin. Ich w\u00e4re gerne in der Stadt geblieben, die summte von Demonstranten, und h\u00e4tte am liebsten sofort ein Interview mit dem neugew\u00e4hlten Staatsoberhaupt Gamsachurdia gef\u00fchrt. Unser Gl\u00fcck dabei war, dass man uns als Begleiter den jungen, smarten Ghia, genannt Gigi, zuordnete, obwohl weder Wolodja, der Moskauer Kameramann, noch ich einen Dolmetsch brauchten. Gigi hatte Anglistik und Amerikanistik studiert, schrieb Gedichte und erz\u00e4hlte ziemlich fr\u00fch frei heraus, dass er in die Schweiz auswandern und bisnisman werden wolle.<\/p>\n<p>Wenn in der h\u00fcgeligen Ebene mit den vielen hei\u00dfen Quellen schon die ersten Anzeichen des Fr\u00fchlings zu sehen waren, herrschte in den Kaukasus-Bergen noch K\u00f6nig Winter. Der Fahrer Ivan schraubte den robusten Lada-Jeep die schmalen Stra\u00dfen immer h\u00f6her hinauf und zwischen mannshohen Schneehaufen durch, die gn\u00e4digerweise die tiefen Schluchten links und rechts verdeckten.<\/p>\n<p>Gori ist ein h\u00e4ssliches Riesendorf sowjetischer Pr\u00e4gung, in dessen Mitte der Stalin-Tempel thront, der \u00fcber der ebenfalls k\u00fcnstlich nachgebauten Geburtsh\u00fctte errichtet worden war, mitsamt all den erbarmungsw\u00fcrdigen Devotionalienl\u00e4den und and\u00e4chtigen Wallfahrern.<br \/>\nWolodja gelangen einige sch\u00f6n-bizarre Aufnahmen und mir einige Interviews, keineswegs nur alte Stalin-Nostalgiker, sondern auch Schulklassen und Hochzeitsp\u00e4rchen, die sich vor dem Tempel ablichten lie\u00dfen. Junge, gl\u00fcckliche Gesichter, Plastikgl\u00e4ser auf eine lichte Zukunft!<\/p>\n<p>Wie die durchn\u00e4ssten wei\u00dfen Kleiders\u00e4ume schlapp \u00fcber die Stiefel in den Februar-Matsch hingen, das ist das Bild, das ich mitgenommen habe.<br \/>\nNachdem wir den Gori-Ausflug pflichtschuldig hinter uns gebracht hatten und uns der Hauptstadt n\u00e4herten, peitschten pl\u00f6tzlich Gewehrsalven durch die Landschaft. Ivan reagierte blitzschnell und legte eine Vollbremsung hin. Schlitternd kam der Lada zum Stehen, Ivan riss die T\u00fcr auf und warf sich auf die Erde, Gigi und ich taten es ihm nach, und Wolodja gelang es noch geistesgegenw\u00e4rtig, die Kamera an sich zu rei\u00dfen. So lagen wir mit dem Kopf nach unten im Gatsch des Stra\u00dfenrandes, platt am Boden und versuchten zu erlauschen, woher die Sch\u00fcsse \u00fcber unseren K\u00f6pfen kamen. Ich konnte und musste den drei Sowjetm\u00e4nnern vollkommen vertrauen, hatten sie doch alle mindestens drei Jahre Armee hinter sich. Ich war seit den jugendlichen R\u00e4uber- und Gendarmspielen solche K\u00f6rperert\u00fcchtigung nicht mehr gewohnt. Als ich einmal wagte, den Kopf ein paar Zentimeter zu heben, sah ich, wie Wolodja sich salamanderartig zur Seite bewegte, die Kamera mit einer Hand hochhaltend. Er stie\u00df einen leisen Pfiff aus, es ihm nachzutun. Ivan und Gigi blieben im Schutz des Lada liegen, w\u00e4hrend Wolodja und ich tiefer in den Weingarten hineinrobbten. Wenn schon Rebst\u00f6cke mit dem vollen Sommerlaub nicht der gro\u00dfartigste Wall gewesen w\u00e4ren, so waren sie jetzt in ihrem entlaubten Zustand nicht mehr als ein Wald von Zahnstochern, zwischen die sich die Kugel leicht verirren konnten. Und weit und breit kein Haus, kein Zaun, keine Hecke, sondern sanfte Rebh\u00fcgel, soweit das Auge reichte, die ber\u00fchmte Weinlandschaft von Kachetien, die ein paar Monate sp\u00e4ter wieder die herrlichsten S\u00e4fte liefern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich dachte ich in diesem Moment nicht an den zuk\u00fcnftigen Wein. Bl\u00f6d gelaufen, klassisch, zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie schossen sicher nicht auf uns pers\u00f6nlich, sondern wir waren irgendwo dazwischen geraten. Aber die Sowjetunion zeigte sich in einem Zustand, in dem nicht einmal eine KGB-Begleitung Sicherheit garantieren konnte.<br \/>\nDazu w\u00fcrde ich Gamsachurdia im Interview befragen m\u00fcssen, wenn wir da je wieder herauskamen. So ungef\u00e4hr sah es in meinem Hirn aus, als ich am Boden liegend, die Wurzeln der Rebst\u00f6cke studierte. Ich wei\u00df nicht, wie lange, in solchen Augenblicken erstirbt das Zeitgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Da tippte mir jemand leicht auf die Schulter, und als ich herumfuhr, sah ich \u00fcber mir einen Mann mit Kalaschnikow, der mir zuzwinkerte und seinen Zeigefinger an die Lippen hielt. Pssst!<br \/>\nEr bedeutete mir, dass ich mich in die Halbhocke aufrichten und hinter ihm tiefer in den Weingarten hineinlaufen sollte. Hinter einer Holzh\u00fctte, wahrscheinlich ein Ger\u00e4teschuppen, wartete schon Wolodja und empfing mich mit einem erleichterten L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Das war Korneli, ein K\u00e4mpfer der B\u00fcrgerbrigade des Pr\u00e4sidenten Gamsachurdia. Das erfuhren wir aber erst sp\u00e4ter, nachdem er uns in ein Dorf mit festen H\u00e4usern gelotst hatte, wo seine Einheit stationiert war. Sie waren eine Freiwilligeneinheit von Paramilit\u00e4rs, die gegen die moskaugesteuerten \u201eFlederm\u00e4use\u201c k\u00e4mpften. Wir waren in ein kleines Gepl\u00e4nkel geraten, aus dem uns sp\u00e4ter Korneli und zwei seiner M\u00e4nner zur\u00fcck nach Tbilisi f\u00fchrten. Hier vereinigten wir uns gl\u00fccklich mit Ivan und Gigi, die selbst\u00e4ndig zur\u00fcckgekommen waren. Als Entsch\u00e4digung f\u00fcr den Schreck lud uns Korneli in unserem Hotel auf ein \u00fcppiges georgisches Mahl ein, bei dem ich mich auf das heilsame Borschomi-Mineralwasser beschr\u00e4nkte, weil seit dem Weingartenerlebnis meine Ged\u00e4rme rumorten. Mir wurde das ausnahmsweise gestattet, nicht ohne den Hinweis, dass auch in Jalta Stalin den magenkranken Roosevelt mit in Borschomi aufgel\u00f6stem Weinbrand traktiert h\u00e4tte. Nach ungez\u00e4hlten Gl\u00e4sern mit rotem Kindzmarauli, wei\u00dfem Zinandali, nach den nicht enden wollenden Toasts auf Heimat, Freundschaft, Liebe und die Frauen, \u00f6ffnete Korneli seine Uniformbluse und zog ein Kreuz hervor, das er mit einem Lederriemen auf der Brust trug. Er will, er muss es mir schenken, es hat seinem Vater geh\u00f6rt und schon ihn besch\u00fctzt, als er im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg gek\u00e4mpft und mit der Roten Armee meine Heimat befreit hat. Geschnitzt hat es sein Gro\u00dfvater aus einem alten Wurzelstock, als er im B\u00fcrgerkrieg 1918 f\u00fcr das unabh\u00e4ngige Georgien k\u00e4mpfte. Ich protestierte heftig, das k\u00f6nne ich nicht annehmen, aber gegen die georgische Gastfreundschaft ist kein Kraut gewachsen. Was ein Georgier anbietet, muss man annehmen, und sei es die Gro\u00dfmutter oder der eigene Sohn.<\/p>\n<p>So kam das georgische Kreuz zu mir. Es ist aus dem Holz eines Rebstockes geschnitzt, in einem St\u00fcck, etwa zwanzig Zentimeter lang, r\u00f6tlich-braun und an den Seiten abgeflacht und poliert, dass man die Maserung sehen kann. Die Querbalken zeigen leicht nach unten, sodass es eine \u00c4hnlichkeit mit einem Mann-Piktogramm hat, das die Arme sinken l\u00e4sst. An der Vorderseite verlaufen fein ziselierte Messingleisten in alle vier \u00c4ste, die sich zu kleinen Kugeln verdicken. Nicht zu \u00fcbersehen, dass die Verzierungen der m\u00e4andernden georgischen Schrift nachempfunden sind. Vielleicht haben sie sogar etwas zu bedeuten, was f\u00fcr ein Spruch? Am unteren Ende ragt an einem gebogenen Stiel ein kleiner Kerzenhalter hervor, in den eines der d\u00fcnnen Bienenwachsst\u00e4bchen der orthodoxen Kirche passt. Auch Weihrauchk\u00f6rnchen kann man darin abbrennen.<\/p>\n<p>Ich bin kein Kreuztr\u00e4ger, kein Fetischist, kein Kerzerlanz\u00fcnder oder Amuletttr\u00e4ger. Aber dieses georgische Kreuz hing seither neben jedem meiner Schreibtische, bis heute. Wenn ich nach rechts oben aufschaue, ruhe ich mich darauf aus. Es strahlt harmonische Energie aus, vielleicht entspricht es dem goldenen Schnitt. Sogar jemand, der meine Geschichte und Kornelis Geschichte dahinter nicht kennt, sieht sofort, dass das Kreuz kr\u00e4ftig und zart zugleich ist, dass es erdig und schwebend wirkt, dass es einfache Volkskunst ist, aber in einer der uralten Formen des fr\u00fchesten christlichen Volkes, die jetzt noch \u00fcberall in den Kirchen und Friedh\u00f6fen Georgiens zu finden sind.<\/p>\n<p>P.S.: Bilder von den wild tobenden Demonstrationen bekam ich in den n\u00e4chsten Tagen zur Gen\u00fcge, und durch Gigis Vermittlung auch das Interview mit Gamsachurdia. Dieses geriet allerdings zur gr\u00f6\u00dften Pleite meiner journalistischen Laufbahn.<br \/>\nDer Dichter, Dissident und Neupolitiker Gamsachurdia war so begeistert davon, dass mir Rudolf Steiners Schriften bekannt waren und ich aus dessen Heimat kam, dass er ausschlie\u00dflich \u00fcber ihn reden wollte. Er hatte nach Englisch und Franz\u00f6sisch extra Deutsch gelernt, um Steiner im Original lesen zu k\u00f6nnen. Als verurteilter Nationalist hatte er in f\u00fcnfzehn Jahren Gulag und Verbannung viel Gelegenheit dazu.<br \/>\nSchon sein Vater Konstantin, ebenfalls Dichter und Literaturprofessor, Germanist und \u00dcbersetzer, war Steinerianer und gr\u00fcndete die erste anthroposophische Gesellschaft Russlands. Sohn Swiad sprach mit Begeisterung dar\u00fcber, wie er Orthodoxie mit Anthroposophie verbinden und zur Staatsphilosophie des neuen Georgien machen wollte. Ich erkannte, dass ihm Monologe lagen. Wenn Monologe gut sind, ziehe ich sie Dialogen vor. Aber ich war nicht in der Position der genie\u00dfenden Zuh\u00f6rerin, sondern eine Journalistin, die ein brauchbares Interview, ein paar bearbeitbare Wortspenden heimbringen und eine Story darum herum basteln musste. Ein Monolog ist, als beobachte man einen Menschen, der ein Buch nur f\u00fcr einen selbst schreibt: Er schreibt es, liest es vor, spielt es, korrigiert es, genie\u00dft es, freut sich dar\u00fcber, freut sich \u00fcber seine Freude; dann zerrei\u00dft er es und wirft die Schnitzel in alle vier Winde. Es ist ein erlesenes Schauspiel, denn w\u00e4hrend er es vorf\u00fchrt, ist man ein Gott f\u00fcr ihn, falls man nicht ein gef\u00fchlloser, ungeduldiger Trottel ist.<br \/>\nGro\u00dfe und lange B\u00f6gen zog er von Kolchis, den Argonauten, dem Goldenen Vlies zu Medea, zur der legend\u00e4ren K\u00f6nigin Tamar bis zum heutigen Tag. Ich hatte keine Chance. Er war in jeder Hinsicht massiv und eine merkw\u00fcrdige Mischung: 1,90 Meter hoch, noch im Sitzen sah er aus wie ein Adlerhorst, ein gro\u00dfer Kopf, den ich f\u00fcr typisch georgisch hielt. Die H\u00e4nde waren zu klein f\u00fcr den K\u00f6rper, zu zart f\u00fcr einen Machtmenschen und die Gesten zu sanft. Er hatte etwas ausgesprochen Tragisches an sich, das seine lebhafte Mimik noch betonte. Die Augen unter buschigen Augenbrauen und schweren Lidern, gro\u00df wie Granat\u00e4pfel und dunkel wie Kaukasus-Seen, eine Adlernase, auch die dicken Lippen unter einem struppigen Schnurrbart und der dichte graue Haarschopf schienen st\u00e4ndig adlerumflattert. Er schien die ganze Zeit nur von sich zu reden und wirkte dennoch nie egozentrisch. Er sprach von sich, da er sich f\u00fcr die interessanteste Pers\u00f6nlichkeit hielt, die er kannte. Das gefiel mir, weil es mir manchmal ebenso ging. Er sprach von sich genauso wie von seinem Land. Seine Familiengeschichte f\u00fchrte er bis an Tamars Hof im 12. Jahrhundert, ins Goldene Zeitalter, zur\u00fcck, ein Adeliger der ersten Stunde. Obwohl wir russisch sprachen, musste der Ministeriums-\u00dcbersetzer Gigi an meiner Seite sitzen, der st\u00e4ndig nickte wie eine chinesische Katze, auch seine Rustaveli-Familie hat einen Stammbaum bis zu Tamar. Meine Fragen zur aktuellen Politik ignorierte der Pr\u00e4sident ebenso elegant und gewaltt\u00e4tig wie vollst\u00e4ndig. Alles, was er in seinem Monolog von sich gab, war sehr interessant f\u00fcr ein Geschichts- und Literaturseminar, aber ich bekam von ihm keine einzige f\u00fcr den aktuellen Bericht \u201everwertbare\u201c Antwort. Ebenso klar wie das Scheitern meines Interviews war, dass Gamsachurdia der falsche Mann auf diesem Posten war und sicher besser in die Argonauten-Saga passte.<br \/>\nEr lachte \u00fcber die Ironie der Geschichte, die ihn, den Stubengelehrten, Dichter und Gulag-H\u00e4ftling an die Spitze des Staates geschwemmt hatte. Er sah stets die humoristische, l\u00e4cherliche Seite der Dinge \u2013 das wahre Kennzeichen einer tragischen Gesinnung.<br \/>\nAm Platz vor den Toren des Palastes wogten die Massen hin und her, die Miliz pr\u00fcgelte sich in Hochform, ab und zu drang ein Knall durch die dicken Wolkenvorh\u00e4nge. Ich habe den Saal als ins Rosige getauchte H\u00f6lle in Erinnerung, in der der Pr\u00e4sident von Kolchis und dem Mittelalter schwafelte. M\u00f6bel und Parkett aus Rosenholz, alle Bez\u00fcge der falschen Biedermeierm\u00f6bel, alle Karaffen und Gl\u00e4ser, voll mit dem entsprechend farbenen Granatapfelsaft, funkelten diese Farben wider. Mir war schlecht. Mir war d\u00fcster. Eine solche Verzweiflung, dass ich seine f\u00fcnfzehn Sekunden Originalton im Georgien-Bericht ausnahmsweise in einer freih\u00e4ndigen \u00dcbersetzung dar\u00fcberlegte. (Ein sp\u00e4tes Gest\u00e4ndnis, f\u00fcr alle Pegidas und AfDs, aber zu meiner Rechtfertigung, meine Einsch\u00e4tzung der Lage in Georgien stimmte.)<\/p>\n<p>Zur georgischen Staatsphilosophie kam es nicht mehr. Gamsachurdia wurde Ende 1993 durch einen Milit\u00e4rputsch gest\u00fcrzt und kam unter nie gekl\u00e4rten Umst\u00e4nden ums Leben.<\/p>\n<p>Wien, 18.11.16<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 16170<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Medaillon um den Hals, eine Ikone vor der Brust, ein Flachmann vielleicht oder Knoblauchzehen, das Lieblingsbuch, ein Bild der Geliebten, eine Haarstr\u00e4hne oder auch nur ein metallener Mantelknopf &#8211; Geschichten \u00fcber lebensrettende Amulette gibt es viele. 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