{"id":5494,"date":"2016-11-23T18:54:58","date_gmt":"2016-11-23T18:54:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5494"},"modified":"2016-11-27T08:30:12","modified_gmt":"2016-11-27T08:30:12","slug":"die-kuppel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5494","title":{"rendered":"Die Kuppel"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5494&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5494&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Das Knacksen des Informationsverk\u00fcnders lenkte XX.645s Aufmerksamkeit auf die bevorstehende Meldung, als wenn eine Stimme sich r\u00e4usperte, bevor sie sich erhob. \u201eGepriesen sei der Fortschritt, Ihr neugeborenen Menschen. Heute um f\u00fcnf Uhr sechsunddrei\u00dfig erblickte Nummer 100.000 in der zentralen Geburtenanstalt erstmals das Licht der Kuppel.\u201c<\/p>\n<p>XX.645, der sich selbst \u201eGi\u201c nannte, blickte auf die Uhr an der Kunststoffwand. Er wusste, was in f\u00fcnf Minuten kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Er hing noch dem Traum nach, in dem er an der Oberfl\u00e4che gelebt hatte. Er wusste nicht, wie es dort aussah, es gab keine Aufzeichnungen dar\u00fcber. Er kannte nur Begriffe wie \u201eSonne\u201c und \u201eBerg\u201c. Im Traum hatte er sich selbst eine Landschaft zusammengestellt. An der Oberfl\u00e4che soll die Landschaft fr\u00fcher nat\u00fcrlich geformt und gewachsen gewesen sein. Hier, unter der Kuppel, war sie k\u00fcnstlich erzeugt. Jetzt r\u00fcckte der Minutenzeiger der Uhr in die vertikale Position und bildete die Verl\u00e4ngerung des Stundenzeigers. Jetzt kam es:<\/p>\n<p>Der Informationsverk\u00fcnder knackste, und die Stimme begann: \u201eGuten Morgen, Ihr neugeborenen Menschen, es ist sechs Uhr. Bitte erhebt Euch und bereitet Euch f\u00fcr den Tag vor.\u201c<\/p>\n<p>Nun wurde die Unterkunft beleuchtet. Das Licht blieb ged\u00e4mpft. Gi stand auf und setzte sich an den Kunststofftisch. Hier bestanden so gut wie alle Teile der Inneneinrichtung aus Kunststoff. Die Wissenschaftler der neugeborenen Menschen hatten erd\u00f6lproduzierende Bakterien erschaffen k\u00f6nnen, und mithilfe des Erd\u00f6ls erzeugten die Techniker Kunststoff, den sie in Formen pressten.<\/p>\n<p>Die Unterkunft bestand aus nur einem Raum und Bad und WC. Zwei W\u00e4nde des Raums waren von gr\u00fcnen Pflanzen bewachsen, die f\u00fcr ausreichen Sauerstoff sorgten. Die Bew\u00e4sserung erfolgte in einem kleinen Wassertrog. Gi ging zur K\u00fchlzelle mit der durchsichtigen Front. Er nahm sich \u201eBeerenvielfalt\u201c heraus und schenkte sich einen Beinahe-Orangensaft in ein Glas ein. Die Nahrung wurde hier unter der Kuppel erzeugt, gemeinsam mit der Entsorgung war das einer der drei gro\u00dfen Industriezweige, die beiden anderen waren Beleuchtung und Luftfilterung. Gi arbeitete als Monteur in der Luftfilterung.<\/p>\n<p>Er brauchte nur einen L\u00f6ffel, um zu essen. Die \u201eBeerenvielfalt\u201c war ein lilafarbener Brei. Gi wusste nicht, wie Beeren und Orangen in Wirklichkeit schmeckten, er hatte sie nie gegessen. Also schmeckten sie wohl so wie gerade jetzt. Er hatte noch Zeit. Er sinnierte. Was w\u00e4re das Beste, was w\u00e4re das Schlechteste? Er f\u00e4ngt mit dem Schlechtesten an. Am schlechtesten w\u00e4re das feine wei\u00dfe Pulver, das von oben kommt. Gleich nachdem es auf der Haut ist, entz\u00fcndet es sich von selbst. Das ist der Selbstzerst\u00f6rungsmechanismus, der in der Kuppel eingebaut ist. Wenn die neugeborenen Menschen sich so negativ entwickeln, dass keine Umkehr mehr m\u00f6glich ist, tritt er in Kraft. So wurde es ihnen erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Was am besten w\u00e4re? Was sehr sch\u00f6n w\u00e4re, w\u00e4re eine Partnerin, eine, mit der er sich fortpflanzen d\u00fcrfte. Daf\u00fcr m\u00fcssten beide X in seiner Bezeichnung durch Zahlen ersetzt werden. Dazu m\u00fcsste er zweimal vom Rat der Acht belobigt werden. Der Rat der Acht herrscht \u00fcber die neugeborenen Menschen unter der Kuppel. Seine Mitglieder zeigen sich nicht \u00f6ffentlich. Niemand wei\u00df, wie sie aussehen. Eine Belobigung oder ein Urteil oder etwas anderes wird dem Betroffenen \u00fcber einen Mittler \u00fcberbracht. Eine Belobigung ist schon nicht leicht, zwei Belobigungen sind sehr schwierig zu erreichen. Aber es ist ein Ziel, eine Partnerin, ein Kind, f\u00fcr das es sich zu leben lohnt.<\/p>\n<p>Das Ziel, dass der Rat der Acht ausgegeben hat, ist, dass die neugeborenen Menschen wieder die Oberfl\u00e4che besiedeln sollen. Dieses Ziel wurde schon vor langer Zeit ausgegeben, und es wird noch einige Generationen dauern, bis es so weit sein wird.<\/p>\n<p>Ich sollte jetzt damit aufh\u00f6ren, Gedanken nachzuh\u00e4ngen, sagte sich Gi, sonst bekomme ich noch seltsame Ideen. Er ging sich duschen. Danach zog er eine wei\u00dfe Unterhose und einen wei\u00dfen Overall an, die unter einer \u00d6ffnung in der Kunststoffwand lagen. Schmutzige W\u00e4sche gab man in eine \u00d6ffnung darunter, sie wurde mittels Druckluft zur W\u00e4schestelle transportiert, wo sie gewaschen wurde. Gleichzeitig wurde saubere W\u00e4sche auf dieselbe Weise zu dieser Unterkunft bef\u00f6rdert. Es gab nun nichts mehr, was Gi in seiner Unterkunft hielt. Er verlie\u00df sie, ging den Flur entlang und die Stiege hinunter. Einige andere taten dasselbe. Sie waren alle wei\u00df.<\/p>\n<p>Im Freien, was au\u00dferhalb von Geb\u00e4uden bedeutete, hatte Gi die Wahl zwischen einem F\u00f6rderband, das ihn, mit Umsteigen, zu seinem Arbeitsplatz brachte, oder dem Zufu\u00dfgehen. Ich gehe heute zu Fu\u00df, entschied er. Hier auf der Stra\u00dfe waren zwischen all den Wei\u00dfgekleideten manche wenige in Schwarz, sie traten mindestens zu zweit auf. Das waren die W\u00e4rter, sie hatten Namen mit einer hintangestellten Zahl an derselben Stelle im Brustbereich, wo die Wei\u00dfgekleideten ihre Nummern mit vorangestellten Xen hatten. Sie lebten am Rand der Kuppel, es hie\u00df, sie h\u00e4tten mehr Komfort. Sie waren die Ordnungsmacht. Sie bestraften mit dem Schockstab, an dem sie die Stromst\u00e4rke von sehr leicht bis t\u00f6dlich einstellen konnten.<\/p>\n<p>Gi hatte mit Ihnen niemals Probleme gehabt, im Gegenteil, letzte Woche hatte er ihnen eine Beobachtung gemeldet. Im alten Lagerhaus im Osten, das wie alle Geb\u00e4ude aus Stahl war, der korrodierte, dessen Farbe von blaugrau zu rostbraun gewechselt hatte, und dessen Festigkeit nachlie\u00df, hatte er einige Flugbl\u00e4tter gefunden. \u201eGlaubt nicht, was Ihr seht!\u201c und \u201eLehnt Euch gegen Euer Sklaventum auf!\u201c stand auf ihnen. Jeweils ein Flugblatt gab er als Beweisst\u00fcck ab.<\/p>\n<p>Es war hell. Drau\u00dfen war es immer hell. Dadurch sollten Verbrechen vermieden werden. Es gab keine Insekten oder V\u00f6gel oder sonstigen Tiere. Die einzigen Lebewesen waren Menschen, viele wei\u00dfe, jetzt zwei schwarze, die auf Gi zusteuerten. Unwillk\u00fcrlich bekam er Angst. Die letzten St\u00f6\u00dfe vom Schockstab, von denen ich Zeuge war, waren doch sehr heftig, dachte er. Die Wei\u00dfen krampften. Beim allerletzten Mal bewegte sich der Wei\u00dfe nicht mehr. Gi ging langsamer.<\/p>\n<p>Die W\u00e4rter gingen forsch auf ihn zu. Als sie vor ihm waren, streckte einer die Hand aus. \u201eStehenbleiben!\u201c, hie\u00df das. \u201eNeugeborener Mensch XX.645?\u201c, fragte der W\u00e4rter, auf dessen Schild \u201ePaul 72\u201c stand. \u201eJa\u201c, sagte Gi unsicher. \u201eWir begl\u00fcckw\u00fcnschen Sie zu Ihrer Beobachtung\u201c, sagte der W\u00e4rter \u201eKurt 43\u201c. Wir konnten die Schuldigen ausfindig machen. Der Rat der Acht hat daher entschieden, Sie zu belobigen, wobei ich nun als Mittler fungiere. Sie haben allen neugeborenen Menschen eine Wohltat erwiesen.\u201c An Ort und Stelle ersetzte Paul 72 das X an der Zehntausenderstelle durch 9. \u201eDanke\u201c, sagte X9.645 nur. Die W\u00e4rter entfernten sich.<\/p>\n<p>Jetzt war es doch ein bisschen sp\u00e4t geworden. Gi bestieg ein F\u00f6rderband, er war seinem gr\u00f6\u00dften Wunsch nun ein gro\u00dfes St\u00fcck n\u00e4hergekommen. Er musste nur noch die Augen offenhalten, es lag doch einiges im \u00c4rgeren, als man dachte. Er stieg auf ein querlaufendes F\u00f6rderband um. Eine solche Beobachtung noch, die zu den T\u00e4tern f\u00fchrt \u2026 Gi war auf dem Weg zur Arbeit und inmitten dieses Gedankens, da bemerkte er feines wei\u00dfes Pulver an seinen H\u00e4nden, das er zwischen den Fingern zerrieb. Es war auch auf seinen Haaren, seinen Schultern, den Schuhen. Es kam von oben und bedeckte jede Fl\u00e4che.<\/p>\n<p>Als er \u201eWarum?\u201c schrie, brannten er und alles um ihn herum bereits.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael &amp; Johannes Tosin<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> | Inventarnummer: 16166<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Knacksen des Informationsverk\u00fcnders lenkte XX.645s Aufmerksamkeit auf die bevorstehende Meldung, als wenn eine Stimme sich r\u00e4usperte, bevor sie sich erhob. \u201eGepriesen sei der Fortschritt, Ihr neugeborenen Menschen. 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