{"id":5465,"date":"2016-11-20T15:07:36","date_gmt":"2016-11-20T15:07:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5465"},"modified":"2017-01-01T08:33:16","modified_gmt":"2017-01-01T08:33:16","slug":"2192-n-chr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5465","title":{"rendered":"2192 n. Chr."},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5465&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5465&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich hatte schon lange niemanden dort unten, deshalb fiel es mir von Anfang an leicht, die Santa Maria als mein Zuhause zu bezeichnen. Meine Besatzung tut sich damit schwerer. Wer ich bin? Ich bin der Kapit\u00e4n dieses Schiffes. Die Santa Maria fasst viertausend Menschen, ihre Begleitschiffe Ni\u00f1a und Pinta fassen je dreitausend. Mir obliegt der Oberbefehl. Wir hatten das schon einmal, vor siebenhundert Jahren. Damals reisten die Schiffe durch den Ozean, heute kreuzen sie durch das All. Wir sind die letzten zehntausend Menschen. Wir verlie\u00dfen die sterbende Erde vor siebzehn Jahren. Wir suchen einen neuen Lebensraum, einen bewohnbaren Planeten. Mein Name ist Christ\u00f3bal Col\u00f3n. Es ist mein nom de guerre. Wir k\u00e4mpfen um unser Leben.<\/p>\n<p>Alles, was wir hier auf den Schiffen verwenden, wird rezykliert, Luft, Wasser, Nahrung durch K\u00f6rperausscheidungsprodukte. Wir erreichen eine Rate von 99,9 %. Also bleibt ein kleiner Schwund, der unsere Zeit als Schiffsreisende endlich macht. L\u00e4ngst schon gibt es Sparma\u00dfnahmen, es darf h\u00f6chstens ein Mal w\u00f6chentlich geduscht werden, die Essensrationen werden laufend hinuntergesetzt, sogar atmen soll man bed\u00e4chtig. Trotzdem bleiben uns l\u00e4ngstens drei weitere Jahre, wenn man gro\u00dfz\u00fcgig rechnet, dann m\u00fcssen wir einen Platz gefunden haben.<\/p>\n<p>Ich bin einer der wenigen, der alleine lebt, die meisten leben in Partnerschaften, viele mit Kindern in Familien. Das will ich nicht, ich will mich auf keine andere Person einstellen m\u00fcssen, ich bin der Kommandant, Liebe w\u00fcrde mich blo\u00df verwirren, meinen Geist biegsam machen und meine Hand langsam, meine Funktion ist zu wichtig, um mich auf etwas einzulassen, das mich ablenken w\u00fcrde. Ich habe eine ger\u00e4umige Kaj\u00fcte, viele elektronische B\u00fccher, das reicht mir. \u00dcber eine Familie kann ich nachdenken, wenn wir am Ziel sind.<\/p>\n<p>Gerne h\u00e4tten wir auf einem der Schiffe einen Zoo eingerichtet, als eine Art moderne Arche Noah, aber wir mussten uns auf einige wenige Kleintiere beschr\u00e4nken. H\u00e4tten wir Elefanten, Nilpferde, gar Wale mitgenommen, h\u00e4tten wir viele Menschen auf der Erde zur\u00fccklassen m\u00fcssen. Beim Fliegen, beim Bewegen durch Luft oder durch ann\u00e4herndes Vakuum geht es um das zu transportierende Gewicht, immer geht es in der Fortbewegung um das Gewicht. Ohnedies blieben viele zur\u00fcck. Die zehntausend Reisenden wurden durch ein Auswahlverfahren ermittelt. Mir aber ist nicht bekannt, aufgrund welcher Parameter entschieden wurde. Ich w\u00fcrde es auch gar nicht wissen wollen. Behinderte gibt es hier keine. Krankheiten brechen nicht oft aus. Psychische Instabilit\u00e4ten sind selten. Die Entt\u00e4uschung, wenn ein Planet nicht geeignet ist und auch nicht in absehbarer Zeit urbar gemacht werden kann, ist normal, und auch die teils tiefe Hoffnungslosigkeit hinterher. Es wurde wohl nach Darwins Prinzip the survival of the fittest entschieden. Auch wenn das hart klingt: Schwache kann man auf den Schiffen nicht gebrauchen. Das aber sind nur Vermutungen meinerseits, nie sah ich ein offizielles Schreiben, nie wurde mir etwas mitgeteilt. So kann ich sagen: Ich wei\u00df es nicht. Stark Vermuten bleibt Vermuten und ist noch nicht Wissen.<\/p>\n<p>Uns allen war klar, dass es nicht leicht werden, aber nicht, dass es so schwer werden w\u00fcrde. Noch auf der Erde, als sie mehr und mehr verfiel, nachdem man dieses Projekt als einzig m\u00f6gliche Rettung der Menschheit, das klingt gro\u00df, aber das ist es auch, beschlossen hatte, legte man besonderes Augenmerk auf zwei Dinge: erstens einen m\u00f6glichst schnellen Antrieb zu entwickeln, der aber gleichzeitig auch fein justierbar zu sein hatte, zweitens nach bewohnbaren oder bewohnbar zu machenden Planeten Ausschau zu halten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Antrieb fand man nach einigen Versuchen eine elegante L\u00f6sung. Sie basiert auf dem zerst\u00f6rerischen oder besser gesagt ausl\u00f6schenden Effekt, wenn Materie und Anti-Materie zusammentreffen. Die Wissenschaftler nahmen das Licht und das Gegenteil davon, die Schw\u00e4rze des Weltalls. Ein Photon plus ein Anti-Photon m\u00fcsste eine gewaltige Explosion ergeben. Man experimentierte damit. Die Explosion war nahezu nicht zu b\u00e4ndigen, das Wort <em>nahezu<\/em> aber relativiert das Ergebnis, nach gewaltigen Sch\u00e4den an Labors bekam man die Wucht der Explosion langsam in den Griff. Der Antrieb auf den Schiffen sind also je zwei Photonen-Anti-Photonen-Triebwerke. Sie sind jeweils an den hintersten Enden der Schiffe eingebaut. Als Treibstoff dienen winzige W\u00fcrfel, in denen Licht eingeschlossen ist. Leider ist auch die Lichtgeschwindigkeit die f\u00fcr uns maximal erreichbare. F\u00fcr das Weltall ist das langsam, ein Schneckentempo geradezu.<\/p>\n<p>Bei der Suche nach einem verwendbaren Planeten gab es wenig Neues. Die Astronomie war ziemlich vernachl\u00e4ssigt worden, weil sie teuer war und das Ergebnis unbefriedigend. Man hatte sich auf diese unsere Erde konzentriert, man holte aus ihr raus, was in ihr drin war, und baute darauf, die Sch\u00e4den an ihr mithilfe der Technik sp\u00e4ter zu reparieren \u2013 was sich als nicht m\u00f6glich erwies. Als man erkannt hatte, dass es zu sp\u00e4t war und man die Erde w\u00fcrde verlassen m\u00fcssen, floss viel, viel Geld in die Sternenforschung. Mit einem passenden Antrieb funktionierte es, obwohl die Zeit schon knapp war, aber bei der Planetenerkennung und -auswertung musste man mit bereits bekannten Methoden vorliebnehmen. Die meisten Planeten wurden nicht direkt detektiert, sondern wenn sie zwischen einem Stern und dem Teleskop vorbeizogen, durch Verringerung der Strahlungsintensit\u00e4t des Sterns. Mittels Spektralanalyse untersuchte man den Planeten auf f\u00fcr menschliches Leben wichtige chemische Elemente, Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Silizium. Entscheidend waren das Vorhandensein von Wasser in fl\u00fcssiger Form, was aus der Ferne aber nicht feststellbar war, und das Vorhandensein einer Atmosph\u00e4re um der Planeten, das konnte man messen, auch seine Oberfl\u00e4chentemperatur lie\u00df sich ermitteln. Man fand viele Planeten, fast alle musste man ausschlie\u00dfen, ganz wenige blieben ein Fragezeichen. Die meisten Planeten mit f\u00fcr Menschen fraglicher Lebensm\u00f6glichkeit, die in unserer Reichweite liegen, die der Teleskope ist viel weiter als die unserer Schiffe, haben wir bereits angeflogen, mit negativem Resultat.<\/p>\n<p>Die Wissenschaftler haben auch an der M\u00f6glichkeit gearbeitet, einen Planeten bewohnbar zu machen \u2013 eine Atmosph\u00e4re zu schaffen, Elemente umzuwandeln, Sauerstoff zu \u201ez\u00fcchten\u201c, das hei\u00dft zu vervielf\u00e4ltigen, den Boden zu verfestigen und anderes mehr. Anfangen w\u00fcrde es mit einem Habitat f\u00fcr einige wenige, sobald gen\u00fcgend Ressourcen da w\u00e4ren, sollte es in eine Kolonie \u00fcbergehen, in ein Land und so weiter, tr\u00e4umen darf man. Wir haben daf\u00fcr Ger\u00e4te an Bord, aber noch kein Planet war geeignet, sie einzusetzen.<\/p>\n<p>Wir sind nicht bei null. Es ist schlimmer, wir haben siebzehn Jahre hinter uns und maximal drei vor uns. Die Zahl der Reisenden ist seit dem Start auch gestiegen, da die Rate der Geburten die der Verstorbenen \u00fcberstieg. Nur wenige von h\u00f6herem Alter verlie\u00dfen die Erde, in erster Linie waren das Menschen mit ganz besonderen F\u00e4higkeiten, Wissenschaftler, Ingenieure, Fach\u00e4rzte, ein paar K\u00fcnstler, die herausragend sind in ihrem Metier, oder waren, falls sie inzwischen tot sind. Und sie sind tot, manche von den gesch\u00e4tztesten Schriftstellern, Malern, Bildhauern, Musikern. Viel ist nicht mehr \u00fcbrig an lebenden Kunstschaffenden. Nat\u00fcrlich wurden vorzugsweise J\u00fcngere mitgenommen, bis zum mittleren Alter, kann man sagen, bis zum Alter von ungef\u00e4hr f\u00fcnfzig Jahren. Viele von ihnen sind Handwerker, einige Bauern. Es ist eine theoretisch ausgewogene Gesellschaft, in der jeder seinen Platz und seinen Wert hat und in der Lage ist, sie besser zu machen. Nur ist es so, dass durch die gestiegene Personenzahl auf jedem Schiff mehr Leute sind als vorgesehen. Das System liefert mir die Daten: Auf der Santa Maria sind es zweiundneunzig zu viel, auf der Ni\u00f1a sechsundachtzig und auf der Pinta neunzehn. Noch sind diese Zahlen nicht dramatisch, aber damit sie es auch nicht werden, haben wir vor drei Monaten eine Lebendgeburtenbeschr\u00e4nkung eingef\u00fchrt. Pro Paar sind zwei Kinder erlaubt, konstante Population also. Bringt eine Frau mehr Kinder auf die Welt, muss entweder das Kind oder jemand anstelle des Kindes aus der Welt scheiden. Das sind harte Ma\u00dfnahmen, ich wei\u00df, aber es geht um das \u00dcberleben der Menschheit, mehr ist ja gar nicht m\u00f6glich. Solche F\u00e4lle sind vorgekommen, in keinem einzigen Fall wurde dem Kind das Leben genommen, in zwei F\u00e4llen ging der Vater anstelle des Kindes, in allen anderen F\u00e4llen die Mutter, Gro\u00dfm\u00fctter oder Gro\u00dfv\u00e4ter waren nicht zugegen.<\/p>\n<p>Manche der w\u00e4hrend der Reise geborenen Kinder sind schon Teenager. Sie vermissen die Erde nicht, weil sie sie nicht kennen. Das jeweilige Schiff ist ihr sich bewegendes Haus. Wenn sie sich Aufzeichnungen von der Erde ansehen, ist ihnen v\u00f6llig fremd, was da gezeigt wird. Sie k\u00f6nnen damit nichts anfangen. Es ist ein ihnen unbekannter Lebensraum. So wie Kinder fr\u00fcher im Zirkus die Raubtiere bestaunten, lassen die Kinder auf den Schiffen die Bilder der alten Erde auf sich wirken. Sie sind fremd, sie leben ganz woanders, hier sind sie nur zu Besuch.<\/p>\n<p>Die Kinder, nat\u00fcrlich sind die Kinder die Zukunft, dieser Spruch gilt immer. Sie werden von Lehrern und Professoren unterrichtet. Wir haben auf den Schiffen das gesamte Wissen der Erde, auf Datentr\u00e4gern, um Platz zu sparen. Die Kinder k\u00f6nnen an den Systemeingabeger\u00e4ten auf jede erdenkliche Information zur\u00fcckgreifen. Sie sind unbefangen, haben keine Angst vor Neuem, sondern Interesse. Anderseits sind sie nur die Schiffe gew\u00f6hnt, sie sind nie auf Lehm gegangen, kennen keinen Himmel, Wasser schon, wir haben Pools an Bord, den Kindern wird Schwimmen beigebracht, sie kennen aber keine Sonne, die lebensspendend am Himmel steht. Wir sind uns nicht sicher, ob sie auf einem Planeten zurechtkommen w\u00fcrden, da besteht eine gewisse Unsicherheit.<\/p>\n<p>Es gibt einen Grund daf\u00fcr, dass die Zahl der Geburten auf der Pinta denen der anderen beiden Schiffen hinterherhinkt: Wir nutzen einen Teil von ihr als Gef\u00e4ngnis. Wir riegelten dort einen gro\u00dfen Trakt ab und befestigten ihn. Wir verwahren fast nur M\u00e4nner, haupts\u00e4chlich wegen Streitigkeiten um Frauen, die zu K\u00e4mpfen ausgeartet waren. Diebst\u00e4hle sind selten, Geld ist bei uns keines im Umlauf. Es gibt hier schon ein kollektives Bewusstsein, eine gemeinsame Heilssuche. Und eine mittlerweile etablierte starke Security, die bei Vergehen hart durchgreift \u2013 man darf es mit dem Idealismus nicht \u00fcbertreiben.<\/p>\n<p>Wer aufmuckt, macht einen Au\u00dfeneinsatz ohne Raumanzug. Nein, das ist nur ein Witz. Gerade wenn das menschliche Leben zahlenm\u00e4\u00dfig so beschr\u00e4nkt ist wie hier, hat man mehr Respekt vor ihm. Noch nie seit Beginn der Reise wurde ein Todesurteil ausgesprochen. Es gab f\u00fcnf Morde, zwei davon heimt\u00fcckische, woraufhin wir die T\u00e4ter auf der Pinta isolierten. F\u00fcr die Gemeinschaft w\u00e4re es sogar das Beste, sie loszuwerden, sie zu t\u00f6ten, aber das wollen wir nicht. Wir sind eine Zivilisation. Wir wollen nicht verrohen.<\/p>\n<p>Ein st\u00e4ndiger Begleiter, ein sehr ungeliebter, ist uns die Langeweile. Man k\u00e4mpft gegen sie an, man tut etwas, irgendetwas, aber doch wei\u00df jeder, dass das meiste nicht besonders sinnhaft ist. F\u00fcr viele Besatzungsmitglieder vergeht die Zeit gro\u00dfteils ungenutzt. Ich habe schon etwas zu tun, und viel Verantwortung, trotzdem ringe ich mit der dauernden Langeweile, oder sie sitzt neben mir auf dem Boden, wie auch immer.<\/p>\n<p>Es finden ja keine Schlachten mit Schiffen von Au\u00dferirdischen statt, das gibt es nur im Kino. Wir gehen nicht auf Planeten durch \u00fcppige Landschaften von Pflanzenlebewesen. Es gibt \u00fcberhaupt keine Au\u00dferirdischen, bis jetzt. Nirgendwo haben wir au\u00dferirdisches Leben gefunden. Gar nichts, nicht einmal schwammartige Lebewesen, nicht einmal Einzeller. Es muss nicht nur der Ort passen, sondern auch die Zeit. Auf manchen Planeten war m\u00f6glicherweise fr\u00fcher Leben, wenn auch nur in sehr einfacher Form. Man kommt ins Philosophieren, hier auf dem Schiff, weil man die Zeit dazu hat, und weil man keinen Ausweg sieht. Man kann nur weitermachen, und die Chancen sinken und sinken. Mit jeder Planetenmessung, jedem Besuch auf einem verringert sich unsere \u00dcberlebenswahrscheinlichkeit.<\/p>\n<p>In welchem Zustand jetzt die Erde ist? Was sich auf ihr tut? Wir wissen es nicht. Es gibt keinen Funkverkehr mit ihr, absichtlich nicht. Wir richten unsere Diagnoseinstrumente nicht nach ihr aus. Ihre Atmosph\u00e4re war bei unserer Abreise schon sehr durchl\u00e4ssig, die Temperaturen an der Oberfl\u00e4che stark gestiegen. Vielleicht sind die Meere schon kochend verdunstet. Mag sein, dass sich in H\u00f6hlen noch manche alte Menschen verstecken, besonders wahrscheinlich ist das nicht. Die letzten \u00dcberlebenden auf ihr werden wohl K\u00fcchenschaben sein, oder waren K\u00fcchenschaben. Wie gesagt, uns ist nicht bekannt, ob sie noch Leben beherbergt. Tut sie es heute noch, dann morgen nicht mehr, prosaisch gesprochen.<\/p>\n<p>Und auch unsere Zeit an Bord ist beschr\u00e4nkt, ich habe es schon angemerkt. 0,1 % Schwund mag nach nicht viel klingen, aber f\u00fcr uns ist er fatal, schicksalshaft, das kann man wirklich so sagen, er beschlie\u00dft unseren Aufenthalt auf den Schiffen. Manche der Planeten wirkten anfangs verhei\u00dfungsvoll, doch immer hat irgendetwas nicht gepasst. Sie waren zu gro\u00df, sie w\u00fcrden keine k\u00fcnstlich erzeugte Atmosph\u00e4re halten k\u00f6nnen, sie waren gasf\u00f6rmig, die Temperatur war weit zu hoch oder nahe dem absoluten Nullpunkt. Und auch die Idee, einen Planeten zu formen und vorerst nur einige wenige Menschen auf ihm auszusetzen, ist blo\u00df in der Theorie gut, und wom\u00f6glich nicht einmal das. Die Schiffe m\u00fcssten warten, damit k\u00f6nnten andere Planeten nicht untersucht werden. Sozusagen w\u00e4ren wir gezwungen, alles auf eine Karte zu setzen. Nur war es ohnedies folgenderma\u00dfen, dass in Betracht gekommene Planeten so weit davon entfernt waren, sie lebenswert machen zu k\u00f6nnen, dass es viel mehr Energie gekostet h\u00e4tte, als wir zur Verf\u00fcgung haben.<\/p>\n<p>Ja, das ist die Lage. Wir k\u00f6nnen nur hoffen, dass einer der zuk\u00fcnftigen Planeten bewohnbar\u00a0 oder in absehbarer Zeit bewohnbar zu machen ist. Nat\u00fcrlich sind viele hier an Bord nerv\u00f6s. Manche sagen, es war ein Fehler, die Erde \u00fcberhaupt verlassen zu haben. Vor ungef\u00e4hr zehn Jahren war eine Bewegung entstanden, die verlangte, dass die Schiffe zur\u00fcck zur Erde fliegen h\u00e4tten sollen. Weniger die Kapit\u00e4ne der Ni\u00f1a und Pinta und ich als die \u00e4lteren Wissenschaftler brachten es zuwege, die zahlreichen Mitglieder dieser Bewegung davon zu \u00fcberzeugen, dass es weit unsicherer war, die Erde anzusteuern als weiterzureisen. Wir sind, logischerweise, weitergereist, und haben nun nichts anzubieten. Jetzt ist eine R\u00fcckkehr unm\u00f6glich, unsere Ressourcen w\u00fcrden nicht reichen. Niemand fordert sie jetzt mehr. Doch darum geht es nicht, sondern darum, dass diese Menschen uns, der F\u00fchrungscrew, ihr Vertrauen geschenkt haben, und wir konnten es nicht einl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die Krankenversorgung ist sehr gut bei uns. Auf den zwei kleinen Schiffen ist jeweils eine Sanit\u00e4tsanstalt, und auf der Santa Maria befindet sich ein Spital. Auf der Ni\u00f1a und Pinta sind je zwei Operationss\u00e4le, auf der Santa Maria vier. Wir verf\u00fcgen \u00fcber spezialisierte \u00c4rzte, An\u00e4sthesisten, Chirurgen. Wir haben auch einige Pharmakologen an Bord. Falls uns bestimmte Medikamente ausgehen sollten, k\u00f6nnen sie neue herstellen. Wir sind auf Unw\u00e4gbarkeiten gut vorbereitet, ich denke, das kann man so sagen. Bei uns wird niemand an Skorbut leiden, wie bei der Entdeckungsfahrt meines Namensvetters vor siebenhundert Jahren.<\/p>\n<p>Was damals die Wellen waren, sind nun die Sonnenst\u00fcrme. Damals navigierte man mit den Sternen, wir fliegen heute durch die Sterne. Nur traf Se<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ni%C3%B1a\">\u00f1<\/a>or Col\u00f3n in alter Zeit auf Eingeborene. Wir sind bislang auf niemand Lebenden getroffen, aber das Buch ist ja noch nicht zu Ende geschrieben. Wir hoffen noch. Wir glauben noch an unser \u00dcberleben. Wirklich? Ja, selbstverst\u00e4ndlich. Wir m\u00fcssen daran glauben, sonst ist alles aus.<\/p>\n<p>Der Glaube, ja, das ist so eine Sache. Glaube an die eigene St\u00e4rke ist gut, ist vorteilhaft. Der Glaube als Religion wird hier auf den Schiffen nicht \u00f6ffentlich zelebriert. Es gibt keine Gottesdienste irgendwelcher Art. Wohl einige sind gl\u00e4ubig, manche glauben nicht, doch damit es keine Streitereien unter den verschiedenen Glaubensrichtungen gibt, hielten wir es f\u00fcr richtig, dass sich die Menschen nur privat mit ihrem Glauben, ihrer Religion auseinandersetzen. Wir sind vorsichtig gegen\u00fcber selbsternannten Erweckungspredigern, die aufkommen k\u00f6nnten.\u00a0 Religion kann ein Minenfeld sein. Wir haben nur noch diese eine Reise zur Verf\u00fcgung, wir d\u00fcrfen nichts riskieren, alles, was gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnte, wird ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Ich verbringe viel Zeit in meiner Kaj\u00fcte. Wohl bin ich als Kapit\u00e4n auch Pilot meines Schiffs, aber es gibt einen Co-Piloten, und \u00fcberdies fliegt das Schiff ja automatisch. Der Navigator, ein Steuerungsexperte und ich programmieren den Kurs, stets f\u00fcr mindestens eine Woche im Voraus. Klarerweise kann sich immer etwas \u00e4ndern, aber wenn das nicht zu erwarten ist, soundso vertritt mich mein Co-Pilot, ziehe ich mich gerne in meine Kaj\u00fcte zur\u00fcck und lese. Besonders gern lese ich Sachtexte, in letzter Zeit habe ich sehr viel \u00fcber das Mittelalter gelesen. Die Bauern waren die Beine des gemeinschaftlichen K\u00f6rpers, und sie wurden als Einfaltspinsel verunglimpft. Die Adeligen, der Klerus, sie w\u00e4ren verhungert ohne sie, und das war daf\u00fcr der Dank. Oder die pr\u00e4chtige K\u00f6nigin von Frankreich und England, Eleonore von Aquitanien, die alles f\u00fcr Pomp und Prunk ausgeben hat: Sah sie wirklich so gut aus wie berichtet, hatte sie blonde Haare? Inzwischen bin ich schon ein kleiner Medi\u00e4vist. Auch in anderen Themen bin ich sehr beschlagen. Ich las und lese von der untergegangenen Welt. Alles das liegt hinter mir, liegt hinter uns. Schade, schade, wirklich schade. Ich bin ein rational denkender Mensch, doch wo ich sehe, was alles war, was es alles gegeben hat, tut es mir leid, ja wirklich, es tut mir sehr leid.<\/p>\n<p>Ich bin beileibe nicht der Einzige an Bord, der sich Tagtr\u00e4umen ergibt. Viele, sehr viele tun das, vor allem die, die oft allein sind. Was bleibt ihnen denn \u00fcbrig? Die Wirklichkeit kann grausam enden. Jeder hier wei\u00df das. Aber soll man deshalb dauernd daran denken? Nein, man lenkt sich ab, man sucht Sch\u00f6nes. Auch wenn man nicht dazu neigt, k\u00f6nnte man sonst verr\u00fcckt werden, oder so hart wie Stein, unf\u00e4hig, noch etwas zu sp\u00fcren, auch wenn es n\u00f6tig w\u00e4re.<\/p>\n<p>Stopp! Ich habe jetzt einen Planeten gro\u00df auf dem Schirm, den wir begutachten werden. In K\u00fcrze werden seine Daten eintreffen. Sind die g\u00fcnstig, werden wir einen Landungsroboter zu ihm losschicken. Wir haben nun eine neue Perspektive. Ich muss jetzt aufh\u00f6ren. Ich werde mich an anderer Stelle wieder melden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin wieder hier. Es ist jetzt ungef\u00e4hr zweieinhalb Jahre sp\u00e4ter. Ich kann es auch genau beziffern. Was sagt das System? Es ist zwei Jahre, f\u00fcnf Monate und einundzwanzig Tage sp\u00e4ter. Die Situation hat sich verschlechtert, arg verschlechtert. Es war alles umsonst. \u201eDurch den Fluss meiner Augen \/ sehe ich das Salz der Tr\u00e4nen. \/ Planeten \u00fcber jeder Zahl \/ und nirgendwo ist m\u00f6glich Leben\u201c, w\u00fcrde ich schreiben, wenn ich Dichter w\u00e4re, aber ich bin kein Dichter, ich bin Kapit\u00e4n, Pilot, Techniker. Ich entscheide nach dem Kopf, und nicht nach dem Herzen. Kein Planet war auch nur im Entferntesten geeignet, auf ihm in seinem Status quo zu leben oder ihn besiedelbar zu machen. Es sind kaum noch Planeten \u00fcbrig, der Schwund hat noch zugenommen, auf derzeit 0,15 %. Wir haben nicht l\u00e4nger als h\u00f6chstens eineinhalb Monate auf den Schiffen zu leben. Einige haben freiwillig ihr Leben beendet. Es ist furchtbar.<\/p>\n<p>Doch der Schrecken muss ein Ende haben. Die F\u00fchrungscrew, die Wissenschaftler und \u00c4rzte sind zu Rate gesessen. Der n\u00e4chste Planet, den wir in acht Tagen antreffen werden, ist sehr gro\u00df, hat festen Boden, ist also massereich, statt einer Sauerstoff-Stickstoff-Atmosph\u00e4re wogt Methan, eine sch\u00fctzende atmosph\u00e4rische Schicht zu erzeugen wird nicht m\u00f6glich sein. Dieser Planet ist trotzdem noch der, der am ehesten bewohnbar ist. Einen besseren werden wir nicht mehr finden.<\/p>\n<p>Da es uns daher nicht m\u00f6glich ist, einen Planeten bewohnbar zu machen, haben wir keine andere Wahl, als uns dem Planeten anzupassen. F\u00fcr diesen Planeten, wir haben ihn Beta 19 getauft, hei\u00dft das: viel st\u00e4rkere, breitere und k\u00fcrzere Beine, vier statt zwei Lungenfl\u00fcgel, ein Metabolismus, der Methan statt Sauerstoff verarbeitet, eine panzerartige Haut als relativer Schutz vor Gamma-Strahlen, stark vergr\u00f6\u00dferte Augen, da die Sonne im Drehpunkt weit weg ist, es ist eine dunkle Welt. Unsere Chirurgen stehen bereit, um mit der Umwandlung zu beginnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> | Inventarnummer: 17001<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte schon lange niemanden dort unten, deshalb fiel es mir von Anfang an leicht, die Santa Maria als mein Zuhause zu bezeichnen. Meine Besatzung tut sich damit schwerer. Wer ich bin? Ich bin der Kapit\u00e4n dieses Schiffes. Die Santa Maria fasst viertausend Menschen, ihre Begleitschiffe Ni\u00f1a und Pinta fassen je dreitausend. Mir obliegt der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[117],"tags":[93],"class_list":["post-5465","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tosin-johannes","tag-que-sera-sera"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5465","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5465"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5465\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5744,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5465\/revisions\/5744"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5465"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5465"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5465"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}