{"id":5445,"date":"2016-11-16T16:48:56","date_gmt":"2016-11-16T16:48:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5445"},"modified":"2016-12-28T06:53:44","modified_gmt":"2016-12-28T06:53:44","slug":"2-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5445","title":{"rendered":"Beide Seiten"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5445&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5445&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Thomas und Julia wohnten seit drei Jahren zusammen, seit etwas mehr als f\u00fcnf Jahren waren sie ein Paar. Sie hatten sich auf dem Campus der Universit\u00e4t kennengelernt, bei einer dieser Feiern, die Studenten dort gerne zelebrieren, wenn es warm ist an den Abenden, wo getrunken und Gras geraucht wird und wo junge Menschen einander n\u00e4herkommen. Thomas studierte Bildhauerei und Julia, die gleich alt war wie ihr Freund, Klavier.<\/p>\n<p>Mit dem Zusammenziehen hatten sie sich Zeit gelassen, denn zum einen hatten sie Restzeiten in ihren Wohngemeinschaften absitzen m\u00fcssen, n\u00e4mlich bis zum Auslaufen ihrer Mietvertr\u00e4ge, zum anderen waren sie sich nicht sicher, ob sie wirklich gut zusammenpassen w\u00fcrden. Diese Zweifel lagen keineswegs in fehlender Zuneigung begr\u00fcndet, es lief in allen Belangen gut zwischen ihnen, sondern in der Tatsache, dass sie verfeindeten Lagern angeh\u00f6rten.<br \/>\nDiese Lager bekriegten sich zwar nicht mit Waffengewalt, doch beharkten sie einander bei jeder sich bietenden Gelegenheit, und deren gab es viele.<\/p>\n<p>Zu Beginn ihrer Beziehung hatten Thomas und Julia vereinbart, da jeder von ihnen Anh\u00e4nger eines der beiden Lager war, diesen Zwist einfach totzuschweigen, um ihre Partnerschaft nicht mit Dingen zu belasten, auf die sie als Einzelpersonen ohnehin keinen Einfluss hatten. Dieser Konflikt wurde n\u00e4mlich von oben herab gesch\u00fcrt und gef\u00fchrt, und die Menschen, die ihn auf den Stra\u00dfen mit ihren jeweiligen Gegnern austrugen, waren streng genommen f\u00fcr ihre boshaften \u00c4u\u00dferungen gegen die jeweils Anderen nicht verantwortlich zu machen, folgten sie doch blo\u00df der Doktrin ihrer jeweiligen Meinungsgenerierer.<\/p>\n<p>Obwohl sie diesen Konflikt aussparten und peinlich genau darauf achteten, der jeweils anderen Person nicht durch versehentliches Parteiergreifen auf die Zehen zu steigen, kam es gelegentlich vor, dass sie, wenn auch emotionslos und v\u00f6llig sachlich, darauf zu sprechen kamen.<br \/>\nEs war n\u00e4mlich so, dass die Medien sich des Themas angenommen hatten. Die Fernsehsender berichteten ausf\u00fchrlich, aber ausgewogen dar\u00fcber. Sie lie\u00dfen Vertreter beider Parteien zu Wort kommen, sogar Fachleute, die derartige Zwistigkeiten in anderen St\u00e4dten erfolgreich beizulegen vermocht hatten, durften ihre Sichtweisen auf das Problem darlegen und gute, oder wenigstens gut gemeinte Tipps geben, wie die Sache f\u00fcr beide Seiten befriedigend geregelt werden k\u00f6nnte.<br \/>\nThomas und Julia, die einen solchen Beitrag gemeinsam gesehen hatten, pflichteten dem Experten bei, und zwar aus ehrlicher innerer \u00dcberzeugung, und nicht blo\u00df, um einer etwaigen Diskussion aus dem Weg zu gehen.<\/p>\n<p>G\u00e4nzlich anders verhielten sich die Printmedien. Diese ergriffen Partei f\u00fcr eine der beiden verfeindeten Gruppierungen, f\u00fcr welche, das hing von der jeweiligen politischen Ausrichtung der Zeitung ab, und auch davon, wie konservativ oder gar reaktion\u00e4r ein Blatt war. Es wurde geschimpft, Verst\u00e4ndnis gezeigt, zur Vers\u00f6hnung aufgerufen und zur Toleranz, und sogar karikiert. Letzteres gar in Gestalt eines Ebers, der stellvertretend f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen einer der beiden Gruppen verstanden werden musste.<br \/>\nThomas und Julia lasen s\u00e4mtliche dieser Artikel, und es kam sogar zweimal dazu, dass sie \u00fcber dieses Thema hitzige Debatten f\u00fchrten, hart an der Grenze zum Streit, in so hohem Ma\u00dfe waren sie von den Artikeln beeinflusst worden, oder hatten sich beeinflussen lassen.<\/p>\n<p>Nach dem zweiten Beinahe-Streit beschlossen sie, die Sache nicht weiter zu diskutieren und auf Toleranz zu hoffen, also auf eine friedliche Koexistenz beider Gruppen.<br \/>\nDies ging auch lange gut.<br \/>\nEines Tages, Julia f\u00fchlte sich nicht wohl, bat sie Thomas, die Eink\u00e4ufe f\u00fcr das Wochenende zu erledigen. Sie schrieb eine lange Liste von Sachen, die er im nahe gelegenen Supermarkt besorgen sollte. Er besorgte, wie ihm aufgetragen, die Lebensmittel, und als er diese in den K\u00fchlschrank schlichtete, bemerkte er, dass er etwas zu kaufen vergessen hatte. Er berichtete Julia davon und fragte sie, ob sie dieses eine Wochenende darauf w\u00fcrde verzichten k\u00f6nnen.<br \/>\nSie er\u00f6ffnete ihm, dass ein Wochenende ohne Radieschen f\u00fcr sie nicht infrage k\u00e4me, also zog Thomas seine Schuhe wieder an und machte sich ein zweites Mal auf den Weg zum Supermarkt.<\/p>\n<p>Als er die Wohnung wieder betrat, empfing Julia ihn im Vorzimmer. Sie war erfreut, das Gem\u00fcse im durchsichtigen Plastiksack zu sehen, doch merkte sie, als sie die Miene ihres Freundes sah, dass etwas vorgefallen sein musste.<br \/>\nAuf Nachfrage teilte er ihr mit, dass ein Vertreter ihrer Gruppe ihn beinahe umgebracht h\u00e4tte. Er erz\u00e4hlte in allen Einzelheiten, was sich zugetragen hatte, und garnierte seine Ausf\u00fchrungen mit nicht eben freundlichen Ausdr\u00fccken, bezogen auf die Angeh\u00f6rigen ebendieser Gruppe. Julia geriet ob der Unfl\u00e4tigkeiten ihres Partners in Harnisch, warf ihm Verallgemeinerung vor und lief ins Schlafzimmer, dessen T\u00fcre sie hinter sich zuknallte, versperrte und erst am n\u00e4chsten Tag wieder \u00f6ffnete.<br \/>\nThomas war indigniert, weil er auf dem Sofa hatte schlafen m\u00fcssen, doch schluckte er seinen \u00c4rger hinunter und bat Julia um ein kl\u00e4rendes Gespr\u00e4ch, so bald sie aus dem Schlafzimmer gekommen war.<br \/>\nSie sprachen \u00fcber den Vorfall, Thomas entschuldigte sich f\u00fcr seine harten Worte, und sie kamen \u00fcberein, dass blo\u00df das Hineinschnuppern in die Gruppe des jeweils anderen eine L\u00f6sung des Problems w\u00fcrde herbeif\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So kam es, dass Thomas am n\u00e4chsten Tag mit Julias Fahrrad zur Universit\u00e4t fuhr, w\u00e4hrend Julia diesen Weg zu Fu\u00df zur\u00fccklegte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> |Inventarnummer: 16174<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas und Julia wohnten seit drei Jahren zusammen, seit etwas mehr als f\u00fcnf Jahren waren sie ein Paar. 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