{"id":5438,"date":"2016-11-16T16:31:52","date_gmt":"2016-11-16T16:31:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5438"},"modified":"2016-11-24T08:17:18","modified_gmt":"2016-11-24T08:17:18","slug":"entrisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5438","title":{"rendered":"Entrisch"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5438&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5438&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Wenn man von Linz aus Richtung Norden f\u00e4hrt, an Gallneukirchen vorbei, durch Neumarkt und schlie\u00dflich Freistadt links liegen l\u00e4sst, kommt man in eine Gegend, in der es nicht mehr viel gibt.<br \/>\nIrgendwo dort, noch vor der tschechischen Grenze, im absoluten Niemandsland vor, hinter oder zwischen M\u00fchlviertel und Waldviertel, gab es ein kleines Bauernhaus, versteckt hinter Tannen und in meiner Erinnerung eine stundenlange Autofahrt von jeglicher Zivilisation entfernt.<br \/>\n\u201eAb jetzt wird\u2019s entrisch\u201c, lie\u00df mein Vater verlautbaren, sobald wir Linz verlassen hatten.<br \/>\nUnd als wir endlich aus dem stickigen Auto herauskamen, hatte sich meine Mutter aufgrund der kurvigen Stra\u00dfen schon zum wiederholten Mal erbrochen und mein Vater hatte es jedes Mal sarkastisch kommentiert. Doch meine Mutter hinters Steuer zu lassen, w\u00e4re ihm nie eingefallen.<\/p>\n<p>F\u00fcr ein vertr\u00e4umtes M\u00e4dchen wie mich war dieser Ort ein gesch\u00fctztes Fleckchen Paradies, wo ich stundenlang ungest\u00f6rt durch die hochstehenden Felder wandern und \u00fcber pl\u00e4tschernde B\u00e4che h\u00fcpfen konnte. Die umgefallene Kiefer hinterm Haus barg ein faszinierendes Sammelsurium von K\u00e4fern, W\u00fcrmern und anderem Getier, das ich mit dem kalten, naturwissenschaftlichen Interesse eines Kindes beobachtete, qu\u00e4lte und schlie\u00dflich t\u00f6tete.<br \/>\nImmer wenn wir ankamen, stand meine Gro\u00dfmutter in der T\u00fcr und winkte. Sie hatte schon Kn\u00f6delsuppe zugestellt, das ganze Haus roch danach. Die alte Frau hatte ein fast zahnloses Grinsen und eine riesige Nase, sodass sie mir zun\u00e4chst m\u00e4chtig Angst einfl\u00f6\u00dfte. In meiner unbegrenzten, kindlichen Vorstellungskraft verglich ich sie beim ersten Treffen mit der b\u00f6sen Hexe aus H\u00e4nsel und Gretel.<\/p>\n<p>Meine Eltern schliefen in der \u201eguten Stube\u201c auf einem breiten Kanapee. Meine Gro\u00dfmutter schlief die Treppe hoch in einem winzigen K\u00e4mmerchen, und f\u00fcr mich war ein kleines Klappbett in der K\u00fcche beim warmen Holzofen vorgesehen.<br \/>\nV\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich lie\u00dfen mich meine Eltern bei einer mir fast Unbekannten und fuhren am n\u00e4chsten Tag selbst weiter Richtung Wien, um \u201eKultur zu tanken\u201c, wie es meine Mutter ausdr\u00fcckte. Nach etwa drei Wochen holten sie mich ab, und die qu\u00e4lend lange Autofahrt zur\u00fcck verschlief ich meist, vollgesogen mit gl\u00fccklichen Sommererinnerungen.<\/p>\n<p>Meine Gro\u00dfmutter lie\u00df mich meinen Erkundungen und Spielen drau\u00dfen vorm Haus ungest\u00f6rt nachgehen, rief mich nur zum Essen ins Haus und deckte mich am Abend mit einem hastig gemurmelten Gebet und einem klebrigen Kuss auf die Stirn zu.<br \/>\nKopfsch\u00fcttelnd wehrte meine sonst auch so wortkarge Gro\u00dfmutter fast jeden meiner Gespr\u00e4chsversuche ab und murmelte nur leise vor sich hin. Manchmal h\u00f6rte ich sie jammern, wenn ihr das Knie wehtat. Ein paar Mal nahm sie mich in den Arm, wenn ich hingefallen war oder ich weinend Sehnsucht nach meinen Eltern bekam. Dann roch sie nach Seife und Milch.<\/p>\n<p>Ich gew\u00f6hnte mich schnell an die verschrobene Alte und an meinen neu erweckten Freiheitsdrang, dem ich w\u00e4hrend der tristen Tage in der Volksschule kaum nachgehen konnte.<br \/>\nInsgesamt waren es wohl einige wenige gl\u00fcckliche Wochen in den darauffolgenden Sommern, in denen ich zwar nicht verh\u00e4tschelt wurde, an denen es mir aber auch an nichts fehlte.<br \/>\nDas Fr\u00fchst\u00fcck bestand meist aus Brot mit Marmelade und einem Glas Milch. Mittags gab es oft Wurst, K\u00e4se und Butter zum Brot und am Abend eine kr\u00e4ftige, fettige Suppe mit Kartoffelkn\u00f6deln darin. Manchmal erhaschte ich ein St\u00fcck vertrockneten Kuchen oder ged\u00f6rrtes Obst.<\/p>\n<p>Es gab einen Mann, dessen Gesicht von der Sonne genauso zerknittert war wie das meiner Gro\u00dfmutter, der kam zweimal in der Woche mit seinem knatternden Traktor vorbei und brachte Kisten voll Lebensmittel und Zeitungen und holte Pfandflaschen und selbstgemachte Marmelade ab.<br \/>\nEr hatte ein freundliches Gesicht, trotz der vielen F\u00e4ltchen, und er hatte noch alle Z\u00e4hne im Mund, was mir sehr an ihm gefiel.<\/p>\n<p>Meine Gro\u00dfmutter kochte, buk Brot, pflegte den Gem\u00fcsegarten hinterm Haus, kehrte, hackte Holz und wusch die W\u00e4sche im Trog, da sie keine Waschmaschine hatte. Generell hatte sie nur einen Stromgenerator, mit dem sie am Abend das schwache Licht in der Stube und ab und zu das Radio betrieb.<br \/>\nBei all ihren T\u00e4tigkeiten beobachtete ich sie fasziniert. \u201eKind\u201c, brachte sie dann manchmal pl\u00f6tzlich zwischen all dem Schweigen heraus. \u201eHilf mit oder geh.\u201c Manchmal half ich ihr, manchmal trollte ich mich, und beides lie\u00df sie unkommentiert.<br \/>\nWas mir an sozialen Kontakten fehlte, machte ich schnell durch meine fantastischen Abenteuer wett.<\/p>\n<p>Die Kaninchen, die meine Gro\u00dfmutter in einem kleinen Gehege z\u00fcchtete, waren schwer zu fangen, aber manchmal erwischte ich eines und dann dr\u00fcckte ich vor lauter Zuneigung die kleinen, \u00e4ngstlichen Nager fast zu Tode.<br \/>\nEin paar H\u00fchner und ein arroganter Gockel rannten frei rund ums Haus, und einige scheue Katzen schlichen manchmal beim eingefallenen Stall herum, um M\u00e4use zu fangen. Auch an zwei Ziegen kann ich mich erinnern, die schon zu alt waren, um sie zu melken.<\/p>\n<p>Irgendwann im letzten Sommer dort begann das Schlafwandeln. Ich wachte in der Nacht auf und war aus dem Bett gefallen oder stand in der Mitte des Raumes und zitterte am ganzen Leib.<br \/>\nMeine Eltern waren erst vor ein paar Tagen weiter nach Wien gefahren, und ich vermisste sie.<br \/>\nIrgendetwas schien in diesem Sommer anders zu sein. Das Haus war k\u00fchler, dunkler geworden, meine Gro\u00dfmutter jammerte noch mehr vor sich hin, und ihr sonst so akkurater Dutt war nachl\u00e4ssig nach hinten geflochten, sodass ihre grauen Haare in w\u00fcsten B\u00fcscheln abstanden.<br \/>\nAuch brachte sie vieles durcheinander. Sie verga\u00df die W\u00e4sche im Trog, versalzte die Marmelade v\u00f6llig und begann mich nach einiger Zeit des Diebstahls zu beschuldigen.<br \/>\nIch h\u00e4tte Kuchen, Eier, Milch oder sogar Geld gestohlen. Ich konnte f\u00fchlen, wie sie mich misstrauisch beobachtete, wenn ich bei ihr am Tisch sa\u00df, und ich begann sie zu meiden. Sie schimpfte mich wegen Kleinigkeiten, die ihr fr\u00fcher egal gewesen waren, oder die sie einfach in ihrer stoischen Gelassenheit zur Kenntnis genommen hatte.<\/p>\n<p>In den N\u00e4chten h\u00f6rte ich sie auf den knarzenden Holzdielen herumwandeln, fl\u00fcstern. Ich bekam G\u00e4nsehaut, als ich ihr Gemurmel verstehen konnte.<br \/>\nEs war das \u201eAve Maria\u201c, zehnfach, nein, hundertfach hintereinander gewispert. Ohne Unterlass. Ohne Luftholen.<br \/>\n<em>Gegr\u00fc\u00dfet seist du, Maria, voll der Gnade,<br \/>\nder Herr ist mit dir.<br \/>\nDu bist gebenedeit unter den Frauen<br \/>\nund gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.<br \/>\nHeilige Maria, Mutter Gottes,<br \/>\nbitte f\u00fcr uns S\u00fcnder<br \/>\njetzt und in der Stunde unsres Todes.<\/em><\/p>\n<p>Meine letzte Nacht in jenem Haus verbrachte ich unruhig. Mitten in der Nacht schreckte ich aus dem Schlaf hoch und zitterte furchtbar.<br \/>\nStill war es auf einmal; kein Knarzen, kein Fl\u00fcstern.<br \/>\nWie in Trance stand ich auf und wankte zum Treppenabsatz. Meine Gro\u00dfmutter stand oben, die elektrische Laterne in der einen Hand, den Rosenkranz in der anderen und starrte mich stumm an. Ich starrte zur\u00fcck. Auf einmal l\u00e4chelte sie mild. \u201eKomm, liebes Kind. Es tut mir leid. Bring mich ins Bett, ich will schlafen. Morgen ist ein neuer Tag.\u201c<br \/>\n\u00c4ngstlich wankte ich zu ihr hinauf. Sie streckte mir ihre Hand entgegen, und ich ergriff diese z\u00f6gernd. Im Schein der Lampe betrachtete sie mich. Ihr L\u00e4cheln gefror und verwandelte sich pl\u00f6tzlich in blankes Entsetzen.<br \/>\n\u201eDu bist nicht mein Kind!\u201c, schrie sie mich an und stie\u00df mich die dunkle Treppe hinunter. Ich stolperte kopf\u00fcber hinunter und knallte mit Kopf und Arm hart gegen den Flur. Nie werde ich diese Nacht vergessen. Ihre aufgerissenen, starren Augen, ihr wirres Haar und ihre kreischende Stimme haben mir noch jahrelang im Schlaf Angst eingejagt.<\/p>\n<p>Damals habe ich mich aufgerappelt und bin gerannt, den Flur entlang, aus dem Haus in die schwarze Nacht. Nur der Mond schien \u00fcber die Felder.<br \/>\nIch rannte \u00fcber B\u00e4che und Felder zum Heuschober am Waldrand, dort brach ich weinend zusammen und verbrachte den Rest der Nacht in ruheloser Angst. Verst\u00f6rt wachte ich im Morgengrauen auf und hatte f\u00fcrchterliche Armschmerzen. Ich kroch aus dem Heuschober und lief den Schotterweg entlang bis zum n\u00e4chsten Bauernhaus.<br \/>\nDie B\u00e4uerin hatte mich rennen sehen, sie war gerade aus dem Stall herausgekommen und musste bei meinem Anblick f\u00fcrchterlich erschrocken sein.<br \/>\nEin Arzt wurde verst\u00e4ndigt, der auch am Nachmittag kam. Ich m\u00fcsse ins Krankenhaus. Ich h\u00e4tte hohes Fieber und au\u00dferdem lauter blaue Flecken am ganzen K\u00f6rper. Darauf begann ich hysterisch zu weinen und so wurde beschlossen, damit auf meine Eltern zu warten.<br \/>\nDiese waren bereits informiert worden und hatten sich sofort auf den Weg gemacht. Einigerma\u00dfen verst\u00e4ndlich konnte ich die Verwandtschaft nennen, bei der sie in Wien untergekommen waren, und der Bauer konnte durch die Vermittlung rasch ihre Nummer erfahren.<br \/>\nSie holten mich, und meine Mutter trug mich die ganze Zeit \u00fcber bis ins Auto. Dort angekommen zw\u00e4ngte sie sich mit mir auf den R\u00fccksitz und streichelte mich die ganze Fahrt \u00fcber bis ins Krankenhaus.<\/p>\n<p>Das Haus und das Land meiner Gro\u00dfmutter wurden vermutlich verkauft &#8211; ich habe nie mehr einen Fu\u00df in diese Gegend gesetzt.<br \/>\nMeine Gro\u00dfmutter selbst wurde in ein Heim gebracht, aus dem sie bei jeder Gelegenheit ausbrach. Verwirrt und ungl\u00fccklich verbrachte sie ihre letzten Jahre auf Erden.<br \/>\nMeine Eltern besuchten sie ein paar Mal, zwangen mich aber nie mitzugehen, und so tat ich das auch nicht.<br \/>\nBis zum heutigen Tage habe ich, wenn ich die Augen schlie\u00dfe, noch ihr erstarrtes Gesicht vor Augen und ihr endlos gewispertes \u201eAve Maria\u201c in den Ohren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nene Stark<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 16159<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man von Linz aus Richtung Norden f\u00e4hrt, an Gallneukirchen vorbei, durch Neumarkt und schlie\u00dflich Freistadt links liegen l\u00e4sst, kommt man in eine Gegend, in der es nicht mehr viel gibt. 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