{"id":5418,"date":"2016-11-05T12:59:15","date_gmt":"2016-11-05T12:59:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5418"},"modified":"2016-11-07T13:42:12","modified_gmt":"2016-11-07T13:42:12","slug":"auf-der-fahrt-ins-gleichgewicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5418","title":{"rendered":"Auf der Fahrt ins Gleichgewicht"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5418&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5418&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>In Erinnerung an die unverwechselbare\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Silvana-Mangano-Fanpage-488149564646085\/?fref=ts\" target=\"_blank\"><em>Silvana Mangano<\/em><\/a><em>, die folgende Szene die spitzen Finger am Lenkrad mit drei Augenaufschl\u00e4gen ihres rabenschwarzen Blicks darzustellen gewusst h\u00e4tte, ohne auch nur ein einzige Silbe\u00a0ihrer an sich sch\u00f6nen Stimme in Anspruch nehmen zu m\u00fcssen \u2026<\/em><\/p>\n<p>\u201eHeimat?\u201c, hatte er damals\u00a0meiner Frage als Gegenfrage entgegengesetzt, dann war\u00a0sein\u00a0Blick abgewandert, in eine unbestimmte Ferne gerichtet, so wie es\u00a0immer schon seine Eigenheit gewesen war, wenn er sich bem\u00fc\u00dfigt gef\u00fchlt hatte, eingehender einem Gedanken nachzugehen.<br \/>\n\u201eHeimat \u2013 vielleicht ein Ort, an dem Vertrautheit und Neugier zur richtigen Balance finden; oder anders betrachtet, eine Zeitspanne, in der einen weder die Vergangenheit \u00fcbermannt noch die Sehnsucht mit sich rei\u00dft.\u201c<\/p>\n<p>Und mit dem ihm eigenen halben L\u00e4cheln hatte\u00a0er noch hinzugef\u00fcgt:<br \/>\n\u201eAlles in allem ist Heimat also ein seltener Zustand \u2013 manchmal so kurz wie das Kriechen einer Schildkr\u00f6te, manchmal so lang wie das Heulen eines Saxophons.\u201c<\/p>\n<p>Und dann hatte er sich zu mir herabgebeugt, mir einen letzten, tiefen Kuss gegeben, mich im Nacken gefasst, mit diesem festen Griff im Nacken, der mich wieder einmal\u00a0schwach in den Knien werden lie\u00df, und schon\u00a0war er im Zug entschwunden gewesen, in dem Zug, der ihn jenseits n\u00f6rdlich der\u00a0Alpen bringen sollte, zur\u00fcck in ein Land, das ich nicht kannte und beim besten Willen auch nicht\u00a0kennenlernen wollte. Und da stand ich nun, \u00fcbriggeblieben mir selbst \u00fcberlassen, allein auf diesem Bahnsteig in Mestre, der Industriekloake vor Venedig, dessen ganze Erb\u00e4rmlichkeit nun im glei\u00dfenden Licht der Morgensonne zu voller Geltung kam, inmitten aufgestaubter Windb\u00f6en, die leere Plastiks\u00e4cke \u00fcber die Gleise wehten.<\/p>\n<p>Und warum mir diese Episode, dieser Erinnerungsfetzen, so viele Jahre her, gerade jetzt in den Sinn kommt, wei\u00df ich nicht zu sagen, vielleicht, weil mir dieser Stra\u00dfenabschnitt nicht mehr so viel Konzentration abverlangt, die M\u00fchsal der vielen Kurven \u00fcber den Apennin endlich hinter mir gelassen habe und ich den Wagen mit leichtem Handgriff am Lenkrad \u00fcber das schnurgerade Stra\u00dfenband gleiten lassen kann, durch die unermessliche Weite dieses Tals vor mir. Das also ist die Toskana, und zu meiner Schande muss ich gestehen, so weit in den S\u00fcden hat es mich bislang noch nie verschlagen, mich als verw\u00f6hnt\u00a0ignorante, arrogante\u00a0Mail\u00e4nderin, oder besser gesagt, viel weiter in den S\u00fcden, die Fotosafari in S\u00fcdafrika zu Beispiel, oder auch der Flugtrip nach Miami, Florida, liegt das \u00fcberhaupt s\u00fcdlicher, gemessen an den Breitengraden?<\/p>\n<p>Wie auch immer, diese Toskana hier hat mit den Vorurteilen in meinem Kopf nicht viel gemein, mit Chianti schl\u00fcrfenden deutschen Altpolitikern und englischen Adelsspr\u00f6sslingen, die sich an einem beheizten Pool vor einer in die Neuzeit renovierten Villa r\u00e4keln und sich der Abenteuer der letzten Etappe einer Oldtimerrallye br\u00fcsten \u2013 keine von Zypressen ges\u00e4umten Auffahrten neben mir, nur dichtes Unterholz auf den B\u00f6schungen dieses Landstrichs, den ich gerade durchfahre, im Nirgendwo s\u00fcd\u00f6stlich von Livorno, hier zeigt sich urspr\u00fcngliche, ungehobelte Natur, rudiment\u00e4r die Dinge, die meiner Einsch\u00e4tzung nach dieses Land hier preiszugeben bereit ist: Holz, Wein, Marmor.<\/p>\n<p>Aufregend war es damals ja gewesen, wenn das Aufpiepsen seiner SMS mich aus meinem eint\u00f6nigen Lebensfluss gerissen hatte, alle Monate lang, in der Art, fahre \u00fcber Mestre, habe zwei, drei Tage Zeit, und nichts sonst, kein Wort, kein Gru\u00df. Und umso aufregender, geradezu erregend, mir die n\u00f6tigen Ausreden zusammenzureimen, um mich aus dem Alltag Mailands zu sch\u00e4len, immer absurder meine Ausfl\u00fcchte, bis zum Verdacht hatte ich sie ausgereizt, nur um den n\u00e4chsten Zug nach Mestre zu erhaschen, nur um\u00a0in dem immer gleichen sch\u00e4bigen Bahnhofshotel zu landen, mit ihm in diesem durchgewetzten Doppelbett, das wohl schon in den Siebzigerjahren nach Mottenkugeln gestunken hatte.<\/p>\n<p>Sieh an, habe ich doch glatt seinen Namen \u00fcber die Jahre hinweg vergessen, ihn aus dem Ged\u00e4chtnis verloren, nur sein Spitzname, mit den ich ihn im Geiste versehen hatte, ist mir noch im Sinn: der Ewig Reisende. Warum er so viel reiste, immer auf Achse war, nicht nur einmal hatte ich ihn danach gefragt, woher kommst du dieses Mal, und auf dem Weg wohin bist du dieses Mal? Und wieder einmal hatte er sich eines dieser langen, nachdenklichen Blicke in die Ferne bedient, bevor er sich endlich zu einer Antwort herablie\u00df:<\/p>\n<p>\u201eManchmal muss man sich in den hintersten Winkel Siziliens fl\u00fcchten, um Wien verstehen zu k\u00f6nnen. Und nach \u00dcberwindung all der Beschwerlichkeiten, die Reise nach Venedig, \u00fcber Rom nach Palermo, bis nach Ragusa auf seinen beiden widerspr\u00fcchlichen H\u00fcgeln, bin ich schlie\u00dflich in dieser heimeligen Bar zu sitzen gekommen, mit italienischem Jazz im R\u00fccken. Und noch heute k\u00f6nnte ich schw\u00e4rmen von dem vollmundigen Rotwein, nachgeschenkt von einer sizilianischen Kellnerin, deren Antlitz der liebe Gott pers\u00f6nlich geschnitzt haben muss. Und dort bin ich zu der Einsicht gelangt, dass man sich manchmal bis nach Wien fl\u00fcchten muss, um wieder zu einem klaren Gedanken zu kommen.\u201c<\/p>\n<p>Noch heute ist mir nach einem L\u00e4cheln zumute, ob dieser Ausf\u00fchrung, und unbewusst bin ich vom Gas gegangen, denn verhei\u00dfungsvoll das Hinweisschild, das mich in die Abzweigung zu einem nahe gelegenen Dorf lockt, nur vier l\u00e4cherliche Kilometer von hier, gegen eine dampfende Tasse Espresso h\u00e4tte ich nichts einzuwenden, und eigentlich muss ich auch pissen wie ein Pferd, aber es l\u00e4uft gerade so glatt, gut voran komme ich auf meiner Fahrt, die kein Ziel kennt, in einem Wagen, der nicht einmal mir geh\u00f6rt, deshalb ein beherzter Tritt aufs Gaspedal, weiter geht es. Hei\u00df und trocken, die toskanische Luft, die mir durch das offene Seitenfenster ins Gesicht bl\u00e4st und mir das Haar zerzaust, mir einerlei, denn warmes Wohlgef\u00fchl weht sie mir in die Seele, und eine makellose Frisur ist das Letzte, woran ich jetzt einen Gedanken zu verschwenden bereit bin, hier kennt mich keiner, dieser rustikale Abschnitt der Toskana hat so gar nichts gemein mit einer Mail\u00e4nder Flaniermeile.<\/p>\n<p>In unserer Anfangszeit musste es gewesen sein, kurz nachdem uns ein Schnellwaschgang aus Schicksal und Zufall zusammengesp\u00fclt hatte, als ich ihn zu fragen gewagt hatte, aus welchem Land er eigentlich stammte, von n\u00f6rdlich der Alpen, von jenseits dieser in ewiges Eis gehauchten Bergketten, die mir noch heute un\u00fcberwindlich wie zu Hannibals Zeiten scheinen. Und nach wie vor bin ich der \u00dcberzeugung, dass er damals einen schlechten Tag gehabt hatte, als er mir von seiner Heimat erz\u00e4hlte, in der es ein paar Jahrzehnte zuvor einem Thomas Bernhard noch verg\u00f6nnt gewesen war, sie in Grund und Boden zu schimpfen und zu hassen, aber die mittlerweile ohne ihr eigenes Zutun, nur aus einem Gl\u00fccksfall der Geschichte heraus, als Binnenland der Union, zu Wohlstand und Sattheit gelangt war, zu einer Insel der Seligen, die mit ihrem Gl\u00fcck nichts Besseres anzufangen wusste, als in ihrer eigenen Langeweile zu versinken und zu ersticken, in ihrer\u00a0Selbstgef\u00e4lligkeit, verkommen zu einem Operettenstaat, dessen einzige Erl\u00f6sung darin best\u00fcnde, dass Br\u00fcssel einen Gouverneur entsenden w\u00fcrde \u2026<\/p>\n<p>Dass ich zwar von Bernhard geh\u00f6rt hatte, aber nie etwas von ihm gelesen hatte, daran dachte ich w\u00e4hrend seiner Tirade, so bekannt war Bernhard bei uns nicht, und Skandale wussten wir Italiener uns schon selbst ins Fleisch zu schneiden. Und um seinem Wortschwall ein Ende zu setzen, hatte ich ihn mit der Frage unterbrochen: und Mailand? Was h\u00e4ltst du von Mailand, dort bist du doch sicher auch schon einmal gelandet, als Ewig Reisender, oder? Endlich hatte ich ihn zum Innehalten gebracht, aber dieses Mal verzichtete er auf den Fernblick weitschweifender \u00dcberlegungen.<\/p>\n<p>\u201eErinnert mich an M\u00fcnchen.\u201c<\/p>\n<p>Ich hatte ihm ja gleich gesagt, dass er nicht die Muscheln bestellen h\u00e4tte sollen, dass die Muscheln um diese Jahreszeit nichts wert waren, wahrscheinlich kamen sie nicht einmal aus der Lagune, sondern schockgefroren aus Fernost, eigentlich kein Wunder, dass er damals einen schlechten Tag gehabt hatte.<\/p>\n<p>Huch, alter Mann, pass doch auf, diese un\u00fcbersichtliche Kuppe ist wirklich nicht die beste Stelle, um deine Schafe \u00fcber die Stra\u00dfe zu treiben, aber zugegeben, viel zu schnell bin ich unterwegs, hinrei\u00dfen habe ich mich lassen vom Rausch der Fahrt. <em>Piano, piano<\/em>, ja doch, ich habe deine Handbewegung verstanden, und ich gebe dir Recht, beide haben wir alle Zeit der Welt, niemand wartet auf mich jenseits deiner Herde, und auch dich als einsamen Sch\u00e4fer scheint keiner zu vermissen, nur deine Schafe bl\u00f6ken voller Ungeduld, angesichts der saftigen Weide jenseits der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Ein Zigarette, brennendes Verlangen nach einer Zigarette \u00fcberkommt mich, w\u00e4hrend ich den Herdentrieb jenseits der Windschutzscheibe abwarte, ein Verlangen wie schon seit Jahren nicht mehr, das meine Gedanken abermals in das sch\u00e4bige Hotelzimmer in Mestre f\u00fchrt.<\/p>\n<p>\u201eEine gute Zigarette bringt die Zeit zum Tropfen.\u201c<\/p>\n<p>Ja, ich hatte verstanden, was er zum Ausdruck hatte bringen wollen, obwohl ich noch ganz weltentr\u00fcckt war, so kurz nach dem Rausch des Liebemachens, ich den Kopf in seine Armbeuge gebettet und er den Rauch seiner unvermeidlichen Zigarette in den Raum hauchend.\u00a0Aber meiner Erfahrung nach hatte ich selbst immer nur dann zu einer Zigarette gegriffen, wenn mich Nervosit\u00e4t oder Langeweile plagte, und deshalb hatte ich damit aufgeh\u00f6rt. Und wenn ich ihn so betrachtete, wie er eine Zigarette nach der anderen in sich hineinqualmte, um endlich an eine gute zu gelangen, schien mir der Preis doch zu hoch, vielmehr verstand ich seine Zigaretten nur als brodelnde Oberfl\u00e4che, dass er innerlich von gehetzten\u00a0Gedanken verfolgt war, und dass er mich gut an seiner Seite h\u00e4tte brauchen k\u00f6nnen, als Ausgleich. Und ernsthaft war ich versucht gewesen, mich in ihn zu verlieben, mit all dem bedingungslosen Wahnsinn einer echtem Verliebtheit, bereit, alles hinter mir liegen und stehen zu lassen und ewig mit ihm zu reisen, aber daf\u00fcr tropfte uns die Zeit nicht lange genug, keine auch noch so gute Zigarette kann von dieser L\u00e4nge sein.<\/p>\n<p>Ja, jetzt bin ich mir sicher, das war unser letzter Abend gewesen, bevor ich am Morgen danach den Bahnsteig in Mestre als so besonders erb\u00e4rmlich empfunden hatte, aber ich wei\u00df nicht mehr zu sagen, wie die Sache zum Stillstand gekommen ist, hatte ich keine SMS mehr von ihm bekommen, dem Ewig Reisenden, oder war mir die Lust vergangen gewesen, auf seine SMS eine Antwort zu geben? Zu lange ist es her, zu viele Jahre, vergessen habe ich auch das, schlichtweg verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Wie auch immer, ich schw\u00f6re dir, Tomaso, das ist der einzige Mann gewesen, mit dem ich dich jemals betrogen habe, \u00fcber all unsere Ehejahre hinweg, und dass ich mich nicht einmal mehr seines Namens entsinnen kann, zeigt, dass es nie von Bedeutung gewesen ist, jetzt schon gar keine Bedeutung besitzt, f\u00fcr den Umstand, dass ich mich fern von dir ziellos durch die Toskana treiben lasse, und das schon den zweiten, nein, den dritten Tag lang. \u00dcberhaupt, ich kann dir keine tiefgreifende Erkl\u00e4rung geben, denn nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches ist an diesem Abend geschehen, als wir beide uns zum letzten Mal gesehen haben, Tomaso, ein Abend wie so viele zuvor, an denen wir G\u00e4ste geladen hatten.<\/p>\n<p>Wie immer hatte sie sich selbst \u00fcbertroffen, Rosalinda, die gute Seele unseres Haushalts, und wie immer habe ich den Ruhm daf\u00fcr geerntet, f\u00fcr Rosalindas Braten. Wenigstens das kannst du mir nicht vorwerfen, Tomaso, bis zum dritten, dem wichtigsten Gang, dem Braten, habe ich durchgehalten. Erst beim Dessert hat mich die Kraft endg\u00fcltig verlassen, als der Diskurs zwischen dir und deinen Architektenfreunden wieder einmal so richtig in Fahrt gekommen ist, wie \u00fcblich als Einleitung eine Zeitreise von Vitruv \u00fcber Palladio bis hinauf zu Zaha Hadid, und hinter all dem intellektuellen Getue habt ihr nichts anderes zu verbergen gewusst als euer sehnlichstes Verlangen, ihnen gleich zu werden in ihrer Unsterblichkeit. Und angesichts eures Gejammers voller Weltschmerzen ist mir einzig ein Satz von Antonio Tabucchi in den Sinn gekommen, dem Schriftsteller, den du, Tomaso, immer nur als sentimental abgetan hast:<\/p>\n<p>\u201eDer Tod ist die Kurve in der Stra\u00dfe; sterben hei\u00dft nichts anderes, als nicht mehr gesehen werden.\u201c<\/p>\n<p>Alles andere als sentimental dieses Zitat, sentimental seid nur ihr im Glanz eurer vom Wein glasigen Augen und rot aufgedunsenen Gesichter gewesen, und genau in diese h\u00e4tte ich diesen Satz schleudern sollen, auf dass euch die M\u00fcnder offen stehen bleiben, dann w\u00e4re es nicht so weit gekommen, Tomaso. Aber zu nichts dergleichen habe ich mich hinrei\u00dfen lassen, nur aufgestanden bin ich mit der Entschuldigung, mich frisch machen zu wollen. Aber selbst dazu ist mir die Lust vergangen gewesen, oder besser gesagt, eine andere Art von Frische habe ich gesucht, auf der Veranda bin ich zu stehen gekommen, um tief Atem zu holen. Und auch daf\u00fcr kann ich dir keinen Grund nennen, dass es mich anschlie\u00dfend von der Veranda auf den Parkplatz vor unserer Villa getrieben hat, und schon gar nicht kann ich dir erkl\u00e4ren, warum es mich nicht zu dem spritzig witzigen Mini Cooper gezogen hat, den du mir zum letzten Geburtstag geschenkt hast, Tomaso, sondern ich mich in Rosalindas alten Fiat Tipo aus den Neunzigern gesetzt habe.<\/p>\n<p>Und wie \u00fcblich hatte Rosalinda den Schl\u00fcssel im Schloss stecken, den Motor habe ich angelassen, vielleicht, weil es mir zu still geworden ist, den ersten Gang habe ich eingelegt, vielleicht aus eingelernter Gewohnheit heraus, und losgefahren bin ich. Und gefahren und gefahren bin ich, anfangs getrieben von der Angst, dass die Telleraugen deines Porsche Cayenne in meinem R\u00fcckspiegel auftauchen k\u00f6nnten, hindurch durch Mailand, hinaus aus Mailand, immer weiter gegen S\u00fcden, und noch immer fahre ich zu, nur zum Unterschied, dass die Angst einer mir unerkl\u00e4rlichen Lust gewichen ist.<\/p>\n<p>Einzig um Arturo tut es mir leid, und die Unkenrufe \u00fcber mich als Rabenmutter kann ich von Mailand bis hierher h\u00f6ren, aber jetzt mit seinen vierzehn Jahren ist er mir schon l\u00e4ngst entwachsen, vorbei die Zeiten, als ich ihn in die Arme genommen und sein aufgeschlagenes Knie mit einem tr\u00f6stenden Pflaster versorgt habe. Jetzt sieht er mich mit pupillengeweiteten Augen an, wenn ich ihn beim Computerspielen st\u00f6re, vorwurfsvoll, ihn beim Erlegen eines Monsters unterbrochen zu haben, nur weil ich ihn zu so etwas Irdischem wie Mittagessen rufe. Und deshalb, Tomaso, deine Vaterpflichten sind jetzt gefragt, das erste Jahrzehnt war ich an der Reihe, aber das n\u00e4chste bist du dran, und ich zweifle nicht daran, dass es dir auf deine Art und Weise gelingen wird, so sehr wie Arturo nach dir geraten ist, ganz die Gene seines Vaters, ihm in der Blindheit gleich, die Grenzen seiner M\u00f6glichkeiten einzusehen.<\/p>\n<p>Wie hat der Ewig Reisende doch so blumig den Begriff Heimat beschrieben, als etwas aus Gleichgewicht von Zeit und Ort, und zu so einer Art von Heimat ist mir mittlerweile diese Kiste Blech geworden, in der ich sitze, dieser Fiat Tipo aus einem vergessenen Jahrhundert. Und ebenso die vergessene Art der Orientierung, eine aufgeschlagene Stra\u00dfenkarte auf dem Beifahrersitz, selbst die urt\u00fcmliche Form von Klimaanlage habe ich mittlerweile zu sch\u00e4tzen gelernt, nicht mehr als ein Schiebedach mit Handkurbel. Aber besonders ins Herz geschlossen habe ich das antike Autoradio, das sich mit etwas ebenfalls Vergessenem wie Audio-Kassetten speisen l\u00e4sst, und solche habe ich auch gefunden, im Handschuhfach, Paolo Conte aus den Achtzigern, ich h\u00e4tte nie gedacht, dass du solche Musik h\u00f6rst, Rosalinda, du und Jazz, ich habe dich wohl untersch\u00e4tzt, schon allein deshalb kannst du gerne meinen Mini Cooper haben.<\/p>\n<p>Und um nochmals auf Tabucchi zur\u00fcckzukommen, Tomaso, mach dir keine Hoffnungen, ich werde mich nicht um den Baum in der n\u00e4chsten Kurve wickeln. Das h\u00e4ttest du wohl gern, dann w\u00e4rest du all deiner Sorgen enthoben und dein Gesicht gewahrt, aber viel zu gut habe ich inzwischen die sperrige Lenkung und die lausigen Bremsen im Griff. Andererseits, dass du mir die Kreditkarte bislang nicht gesperrt hast, derer ich mich nach wie vor \u00fcppig bediene, beweist mir deine Zuversicht, mich doch noch zur Vernunft zu bringen. Denn ich wei\u00df, eines Tages wirst du mich aufsp\u00fcren, Tomaso, auf deine Hartn\u00e4ckigkeit ist immer schon Verlass gewesen. Aber die einzige Art und Weise, auf die du mich jemals wirst zur\u00fcckholen k\u00f6nnen, ist in einem Sarg \u2013 zur\u00fcck in <em>deine<\/em> Heimat!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 16158<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Erinnerung an die unverwechselbare\u00a0Silvana Mangano, die folgende Szene die spitzen Finger am Lenkrad mit drei Augenaufschl\u00e4gen ihres rabenschwarzen Blicks darzustellen gewusst h\u00e4tte, ohne auch nur ein einzige Silbe\u00a0ihrer an sich sch\u00f6nen Stimme in Anspruch nehmen zu m\u00fcssen \u2026 \u201eHeimat?\u201c, hatte er damals\u00a0meiner Frage als Gegenfrage entgegengesetzt, dann war\u00a0sein\u00a0Blick abgewandert, in eine unbestimmte Ferne gerichtet, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[99],"tags":[10],"class_list":["post-5418","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schoder-harald","tag-hin-weg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5418"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5418\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5424,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5418\/revisions\/5424"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}